Sonntag, 2. März 2014

Der kleine Indianer

Karneval und ich, das sind zwei Dinge, die nicht zueinander passen. Heute verbinde ich mit Karneval dicht gedrängte Menschenmassen, Ausgelassenheit bis hin zur Hemmungslosigkeit, Betrunkene, Enge und Lärm. Damit kann ich nichts anfangen. Eine gute Büttenrede, sei sie eher deftig aus Köln oder doch politisch aus Mainz, höre ich mir immer wieder gerne mal an, wenn sie im Fernsehen gezeigt wird, doch das ganze Drumherum, insbesondere aber die Schreierei, die Musik und das Tanzen, sagen mir wiederum gar nichts.

Als Kind hatte ich da noch eine weitgehend andere Perspektive, die meine Mitmenschen in Kostümfragen durchaus mal an den Rand der Verzweiflung bringen konnte. Der geneigte Blogleser mag sich vielleicht an diese Geschichte (klick mich) erinnern können, und falls nicht, dann hat er jetzt was zu Lesen.

Im Kindergarten gab es natürlich auch einen Tag, an dem wir zur Karnevalszeit verkleidet erschienen. Ich hatte damals noch keine Übersicht über die verschiedenen Karnevalstage. Also musste ich mich auf die Aussage meiner Mutter verlassen, daß heute der Tag sei, an dem ich mein Indianerkostüm anziehen durfte. Natürlich hatte ich keine andere Wahl, als darauf zu vertrauen, daß meine Mutter wusste, was sie mir sagte. Aber bis heute kann ich mich auch noch an meine mehr oder wenigen heimlichen Zweifel daran erinnern. Was wäre, wenn sie sich geirrt hätte? Kann ja mal sein, oder? Dann würde ich als einziger kostümiert im Kindergarten erscheinen. Alle anderen würden mich angaffen und bestimmt auslachen. Jawohl.

Eine schreckliche Vorstellung.

So betrat ich den Kindergarten, voller Ungewissheit darüber, was mich erwarten würde. Es gab dort drei Gruppen; eine wurde von Tante Ilse, die nächste von Tante Gudrun und die letzte, in der ich untergebracht war, von Tante Marianne geleitet. Tante war damals die für uns übliche Anrede für die Erzieherinnen. Tante Gudrun hieß für mich immer Tante Lullurun. Den Namen Gudrun kannte ich nicht und hatte ihn wohl auch nie so richtig phonetisch verstanden. Allerdings war mir auch der Name Lullurun nicht ganz geheuer, und ich ahnte, daß das so ebenfalls nicht ganz korrekt sei. Deswegen vermied ich es auch, Tante Gudrun jemals mit Namen anzusprechen. Wäre ja peinlich.

Als ich über den Flur in Richtung unseres Gruppenraumes lief, sahen mich zwei Frauen. Eine war Tante Ilse, die andere kannte ich nicht; es dürfte sich um die Mutter eines anderen Kindes gehandelt haben. Sie sahen mich und lachten. Nein, sie lachten mich nicht aus, was mir meine Mutter später wieder und wieder zu erklären versuchte und was ich heute durchaus auch so sehe. Aber damals, in meiner Unsicherheit, fühlte ich mich eben ausgelacht. Und dann war ich auch noch der erste in unserer Gruppe, der da war. Ich konnte nicht sehen, ob andere Kinder sich auch verkleidet hatten, bloß weil ihre Mütter sich im Datum vertan hatten.

Ich wurde erst wieder ruhiger, als ich die anderen Kinder gesehen hatte. Da sie sich ausnahmslos alle verkleidet hatten, musste es wohl doch seine Richtigkeit mit dem Tag haben. Dennoch blieb ich der Überzeugung, ausgelacht worden zu sein. Ein Erlebnis aus früher Kindheit hatte sich damit unauslöschlich in mein Gedächtnis eingebrannt.




Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen