Samstag, 22. März 2014

Der Aufwand, den man betreibt

Die Fenster der Wohnung sind einen Spalt weit geöffnet. Ich sitze im Wohnzimmer, die Katzenbande ist außer Sicht. Manche Menschen definieren die Zeit noch als frühen Morgen; die zweitbeste Ehefrau von allen ist noch nicht richtig aktiv. Es ist für sie am Vortag wieder spät geworden. Die übliche Routine eben. Ich hingegen bin schon seit Stunden auf den Beinen. Trotz Urlaub. Wie immer war vor vier Uhr die Nacht für mich vorbei. Fünf Stunden Schlaf habe ich bekommen. Nicht am Stück, aber immerhin.

Von draußen dringt das Geräusch eines arbeitenden Kleinbaggers zu mir. In der Nachbarschaft wird ein Garten komplett ausgeräumt. Der Kleinbagger gehört zu dem beauftragten Gartenbauunternehmen. Ich war gerade draußen und wollte mit dem Wagen zum Knaller-Markt fahren, um einige größere Plastikboxen zu besorgen. Meine Angetraute und ich werkeln aktuell im Gartenzimmer und im Keller herum, sortieren - nachdem wir in unserem letzten Anlauf nicht fertig geworden sind - weiter aus und bringen Struktur in das Chaos. Im Moment komme ich gut alleine weiter, die Hilfe meiner Angetrauten wird erst später wieder benötigt. Dinge sauber einräumen und Ordnung schaffen mache ich ganz gerne. Zumindest, sobald ich die Übersicht habe, was ich mit den Sachen meiner Angetrauten anstellen soll. Und wenn es sich nicht um Textilien handelt. Kleidung wegräumen hasse ich wie die Pest. Das wimmel ich meistens auf die zweitbeste Ehefrau von allen ab. Jetzt aber benötige ich diese Boxen, unser Vorrat ist ausgeschöpft.

Zu dem Kleinbagger gehört ein Anhänger, mit dessen Unterstützung er sich in der freien Welt außerhalb des Gartens bewegen darf. Und der Anhänger ist mit einem großen Wagen verbunden. Dieser wiederum steht gerade sinnlos in der Gegend herum. Zusammen mit dem Anhänger. Vor unserem Carport. Scheiße! Es geht nicht anders, also kein Vorwurf. Aber ich habe keine Chance, mit unserem Wagen Balduin dem Paterfelis-Mobil rauszukommen. Natürlich könnte ich eben Bescheid geben und darum bitten, ein Stück zur Seite zu fahren. Ich habe keinen Zweifel daran, daß es für den Fahrer kein Problem darstellen würde. Aber ebenso natürlich frage ich nicht. Hätte hier jemand mit etwas anderem gerechnet? Also verschwinde ich wieder ins Haus und beschäftige mich, bis ich alleine nichts mehr tun kann.

Und nun sitze ich Wohnzimmer. Hatte ich eingangs schon erwähnt. Es hat sich ja seit dem auch nichts geändert. Und es wird sich nichts ändern. Zumindest bis ich mitbekomme, daß die Gartenbauer verschwunden sind.

Wieder frage ich mich, was so schwierig daran ist, die Sache draußen zu regeln.

Mir fallen noch bescheuertere Dinge ein, die ich mache. Oder nicht mache, je nach Betrachtungsweise. Auch das Überqueren einer Straße ist mitunter ein Problem. Heh, nicht lachen. Die Sache mit dem erst links, dann rechts, dann nochmal links und schließlich gehen habe ich schon vor über vierzig Jahren begriffen und verinnerlicht. Bereits als Kind durfte ich den Weg zum Kindergarten alleine laufen. Das waren schon ein paar Kilometer mit einigen ampellosen Wegquerungen.

Aber es gibt diese Situationen, in denen es geschehen könnte, daß Autofahrer extra anhalten, damit ich über die Straße komme. Zum Beispiel an der Bushaltestelle. Diese befindet sich direkt an einer Verkehrsinsel. Soweit nichts Ungewöhnliches. Aber ich wäre nicht ich, wenn ich mich nicht so aufführen würde wie ich. Ich steige also aus und gehe hinter dem Bus vorbei zu dieser Verkehrsinsel. Dann kommt die Gegenfahrbahn an die Reihe. Bin ich mit anderen Personen unterwegs, geht es weiter, sofern es die Verkehrslage gestattet. Bemerke ich allerdings ein herannahendes Auto während ich alleine auf der Verkehrsinsel stehe, möchte ich unbedingt vermeiden, daß der Fahrer wegen mir anhält. Ähm, nur damit wir uns richtig verstehen: Ich befinde es durchaus für sinnvoll, wenn der Fahrer bremst und würde ein solches Handeln in jedem Fall begrüßen, falls ich schon auf der Straße sein sollte. Hier halte ich ein Weiterfahren eindeutig für irgendwie - ungut.

Aber zurück zur Ausgangslage. Ich befinde ich mich also noch nicht auf der Fahrbahn und möchte die Situation mit dem Autofahrer umgehen. Ich weiß nicht, warum dies so ist, aber es ist wie ein innerer Zwang. Meistens. Also wende ich mich von Fahrer ab, vermeide jeden Blickkontakt und tue so, als ob ich meine Schlüssel suche oder auf einem Zettel oder dem Handy irgendwas lese. Auf jeden Fall signalisiere ich durch mein Verhalten, daß ich gerade keineswegs beabsichtige, die Straße weiter zu überqueren. Sobald der Wagen vorbeigefahren ist, gehe ich indes weiter.

Gleiches auf dem Kundenparkplatz des örtlichen Nahrungsmittelgroßversorgers: Ich parke üblicherweise etwas abseits. Der Fußweg führt mich auf dem Parkplatzgelände über einen Zebrastreifen. Auch hier findet stets das gleiche Spiel statt: Ich sorge dafür, daß ich den Eindruck erwecke, gerade nicht über diesen Zebrastreifen gehen zu wollen und mit anderen Dingen beschäftigt zu sein, wenn sich ein Fahrzeug nähert. Sobald jemand bei mir ist, käme mir das nie in den Sinn.

Wie irre kann man sein?

Ich höre den Bagger nicht mehr. Macht man nur Pause oder ist man zur Abfahrt bereit?

Harren wir der Dinge...



Kommentare:

  1. Würdest du als Knirps auf einer Querungshilfe (so heißen diese Dinger) stehen. Und mit mir , der mit einem Fahrzeug gleich welcher Art ankommt, nicht den Blickkontakt suchen, bliebe ich stehen. Anders herum eher nicht. Nicht das sich bei den Knirpsen noch einprägt, er habe den Vortritt.

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    1. Bei Kindern wäre ich als Fahrer auch entsprechend vorsichtig. Ich kann nicht fassen, was selbst Teenager an unserem gut befahrenen Busbahnhof so alles anstellen.

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  2. Antworten
    1. Zumindest bin ich kein Allerweltstyp. Hat ja auch was Tröstliches.

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  3. Tja. Muss ich mir jetzt Sorgen machen? Ich mache es mit dem Zebrastreifen nämlich genauso. Mir ist es unangenehm, wenn jemand extra für mich anhält. Ich schaue auch nie die Fahrer fremder Wagen an. Bin ich also nicht alleine damit. Gut.

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    1. Willkommen im Club. Wenn wir noch genügend andere Betroffene finden, gründen wir einen Verein, ja?!

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    2. Gerne. Heute bin ich dem Mann zuliebe mit in eine Versammlung gegangen. Ein ganzer Saal voller Menschen. Fast ausschließlich mir unbekannte Menschen meist männlichen Geschlechts. Ich habe mich so unwohl gefühlt wie lange nicht mehr, dabei waren die Leute nett. Ich habe mich so nach Mörchen, meinem Sofa und meinem leeren Wohnzimmer gesehnt. Aber die drei Stunden waren dann irgendwann auch rum. Örks!

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