Sonntag, 16. Februar 2014

Winterfelgen

Die Zeiten, zu denen ich noch Wert darauf gelegt habe, daß (m)ein Auto nach was aussieht, sind lange vorbei. Unser Balduin ist ein eher praktisches Familienauto, welches mich optisch nicht besonders anspricht. Es ist mir egal, ob der Wagen sauber oder dreckig ist und ob sich irgendwo Kratzer oder Dellen befinden, so lange sie nicht derart gestaltet sind, daß sie die Rostbildung unterstützen könnten.

In meiner wilden Jugend war das noch etwas anders. Mein zweites Auto war ein alter Escort, der dringend einer Verschönerung bedurfte. Und so ließ ich ihn in einer Werkstatt etwas aufmöbeln. Nicht dergestalt, wie ich es gerne gehabt hätte, das war einfach eine Geldfrage. Abstriche waren schon vonnöten. Und zum Selbermachen fehlt mir einfach das nötige Händchen. Selbst der einfachste gesicherte linksdrehende und titanverstärkte Kreuzvorwarndreher in Nenngröße 4b wird in meinen Händen ja schon entweder zur tödlichen Waffe, soweit es mein Umfeld betrifft. Oder er sorgt zumindest schon alleine dadurch, daß ich ihn halte, für eine blutende Verletzung bei mir selbst. Da werde ich mit Sicherheit erst recht keinen Schraubenzieherdreher, keine Klemme oder ähnliches gefährliches Werkzeug anfassen und es gegen mein Auto richten. Nix, das könnt ihr aber mal ganz schnell wieder vergessen. Der Werkstattbesuch ist da billiger als der Erwerb eines neuen alten Autos.

Die Aufwertung meines Escorts zu einem angemessenen Fortbewegungsmittel bestand darin, ihm allerlei zusätzliche und überwiegend höchst unnötige Teile angedeihen zu lassen:

  • Nebelscheinwerfer vorne, montiert unter der Stoßstange
  • zusätzliche Fernlichter, montiert auf der Stoßstange
  • in Wagenfarbe lackierte Frontschürze
  • Heckspoiler
  • breitere Seitenaufprallschutzleisten
  • Rallyelenkrad mit Schafsfellbezug
  • Mittelkonsole (jaaaa, ist heute Standard, damals aber nicht)
  • Andruckverstärker für Scheibenwischer
  • Schmutzfänger mit Rückstrahlern
  • tiefergelegtes Kennzeichen am Heck
  • besondere Verblendung an der Stelle, an der das Kennzeichen eigentlich hingehörte
  • Auspuffblende
  • eine per Saugnapf an eines der hinteren Seitenfenster befestigte Garfield-Figur
  • Radkappen (damals ebenfalls noch kostenpflichtiges Extra)
  • Golfball als Knopf auf dem Schaltknüppel
  • und als optischer Höhepunkt: ein fettes Adlermotiv auf der Motorhaube (geklebt, nicht gesprüht)

Für seine satten knapp über 50 PS war der Wagen viel zu lahm, sah aber wenigstens nach was aus. Dafür war es im Innenraum bei Erreichen der Spitzengeschwindigkeit im vierten Gang (Fünfgangetriebe gab es vielleicht bei einem Sportwagen, aber nicht bei Alltagsautos) dermaßen laut, daß Fahrer und Beifahrer sich nicht mal schreiend verständigen konnten. Gut, heute würde ich den Wagen auch eher als Asi-Mobil ansehen, aber hey, ich war auch mal jung. Blöderweise gibt es keine Beweisfotos mehr. Weder von dem Auto noch von mir. Also kann meine Angetraute weiterhin standhaft behaupten, daß ich schon alt auf die Welt gekommen sei, weil ich den ganzen jugendlichen Unfug nie mitgemacht hätte. Habe ich auch nicht – bis auf die Sache mit diesem Auto.

Doch darum geht es mir hier eigentlich nicht. Ich wollte es bei der Gelegenheit nur mal wieder so erwähnt haben.

In jedem Sommer fallen mir die ganzen Autos auf, die mit diesen wunderbaren, auf Leichtmetallfelgen aufgezogenen Breitreifen durch die Gegend fahren. Leichtmetallfelgen konnte und wollte ich mir nie leisten, aber ich verhehle nicht, daß die oft wirklich ansprechend aussehen. Doch dann kommt der Winter. Meistens. Zumindest auf dem Kalender. Früher oder später. Je nach Wohngegend. Aber er kommt. Und mit dem Winter beginnt man, Winterreifen aufzuziehen, welche sich zumeist auf einfachen, hässlichen Stahlfelgen befinden. Wenn ich schon dermaßen Wert auf die Optik meines Autos legen würde, dann sollte ich doch in der Zeit, in der ich die Stahlfelgen aufgezogen habe, Radkappen verwenden, damit es nicht so total daneben aussieht, oder?! Aber nein. Dafür hat es wohl nicht gereicht. Denn wie kommt es sonst, daß die meisten aufgemotzten oder aus sonstigen Gründen höherwertigen Autos zur kalten Jahreszeit die hässlichen Stahlfelgen zeigen? Darf ein Auto im Winter nicht aufgehübscht aussehen?

Und wieder haben wir eines der großen Rätsel der Menschheit gefunden, dessen Antwort sich mir bis heute verschlossen hat.



Kommentare:

  1. Darum hat der Chef für unser stinknormales, meist ungewaschenes, voller Hagelkörnerdellen bedecktes Auto auch für die Winterreifen Radkappen. Weil es sonst aussieht wie gewollt und nicht gekonnt, sagt er. Übrigens ist das Fahrzeug farblich auf seine Socken abgestimmt.

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  2. ich finds gut, dass du auch vor den wirklich wichtigen Problemen nicht halt machst, sondern hier alles schonungslos ansprichst! Etwas beschämt muss ich feststellen, dem bisher keinen Gedanken gewidmet zu haben. Asche auf mein Haupt.

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    1. Ich nähere mich quasi fast schonungslos dem investigativem Journalismus.

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  3. Dumm nur, dass ab einer gewissen Leistungsstufe Alufelgen vorgeschrieben sind. Die kommen aber auch schon mit welchen ab Werk. Die werden eben im Winter verkauft. Sind in der Regel quietschehässlich und teurer als Nachrüstfelgen. Und die Neuen gibt es im Sommer. Tja, ab einer gewissen Ausbaustufe werden auch solche profanen Dinge des Alltages abgenommen. Schöne geregelte Paragraphenwelt ;-)

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    1. Das sind dann wohl die Gefilde, in die ich beim Kauf eines neuen Automobils nie vordringen werden.

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  4. Ich hatte mal den Escort Turnier in weiß. Da hat der Kinderwagen super reingepasst. Keine Ahnung, welche Felgen der hatte...;-).

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