Sonntag, 9. Februar 2014

Interludium

Seit Wochen schon stammen meine Blogeinträge – mit Ausnahme der Erzählungen rund um Sally - aus dem Archiv. Ich verspüre den Drang zu schreiben, formuliere in Gedanken Texte, horte eine Unzahl an Notizen von Ereignissen, die mir bloggenswert erscheinen, doch nichts davon setze ich um. Dateien füllen sich mit Stichwörtern, damit die Gedanken nicht verloren gehen, aber sobald ich zu Hause bin und mich den Schreiben widmen könnte, ist jeglicher Elan verschwunden. Die Ereignisse im Büro hatten einen neuerlichen Höhepunkt erreicht; die Stimmung dort ist gereizt. Tage ziehen sinnlos an mir vorbei.

An diesem Samstag findet der Unterricht der zweitbesten Ehefrau von allen ganztägig im Sporttempel statt. Sie meint, das sei doch eine gute Gelegenheit für mich mitzukommen, meinen sonntäglichen Sportplan vorzuziehen und anschließend den weiteren Tag im Saunabereich zu verbringen, bis sie fertig ist. Ich lehne ab. Der Tag würde mir dort zu lang werden. Außerdem schaffe ich es im Moment auch nicht mehr, im Saunabereich zur Ruhe zu kommen. Drei Saunagänge, dann muß ich raus. Die weiteren Stunden totschlagen, bis meine Angetraute fertig ist und wir gemeinsam mit dem Wagen nach Hause fahren können, liegt mir im Moment nicht. Die Busverbindungen zum und vom Sporttempel sind am Wochenende noch schlechter als sonst; die Wartezeiten beim Umsteigen sind unmöglich. Ich habe keine Lust, bei dem Wetter bis zu einer halben Stunde unter freiem Himmel im Stehen zu warten, bis es mit dem Anschluss weitergeht.

Also bleibe ich zu Hause, stehe noch vor fünf Uhr auf und beginne zu schreiben. Das ist meine Uhrzeit. Es fließt förmlich. Innerhalb weniger Stunden, noch deutlich bevor die Mittagszeit erreicht ist, habe ich 14 Blogeinträge fertig. Sie bedürfen natürlich noch der Korrektur, aber im Wesentlichen passt es. Danach ist die Luft raus, ich lasse den Nachmittag vergehen, erledige ein paar Hausarbeiten. Meine Angetraute kommt nach Hause, Abendessen, fertig. Gegen 22 Uhr verziehe ich mich ins Bett.

Gegen zwei Uhr wache ich sonntags auf, verspüre ein leichtes Ziehen im Rücken. Sport wäre nicht schlecht, aber der Sporttempel macht erst um 9 Uhr auf.  Also bleibe ich liegen und warte. Ich hasse es, sinnlos warten zu müssen, bis andere mit ihrer Sache soweit sind. Vielleicht schlafe ich ja nochmal ein. Natürlich nicht. Zumindest nicht so, daß ich es merken würde. Um drei Uhr stehe ich kurz auf, lege mich aber wieder hin. Gegen vier Uhr schließlich mache ich das Radio an. Die Gedanken kreisen wieder. Die Wohnung sieht aus wie Sau, ich ärgere mich, doch ist es mir im Moment – rein organisatorisch – nicht möglich, etwas dagegen zu unternehmen. Trotzdem…

Ich könnte aufstehen und irgend etwas anderes machen. Schreiben, lesen, endlich mal wieder einen Film ansehen. Mache ich nicht. Wenn ich weiß, daß ich zu einer bestimmten Uhrzeit zwingend abbrechen muß, verliere ich die Lust, mich mit den Dingen zu beschäftigen. Ich will nicht aus meinem Schwung oder der Stimmung rausgerissen werden. Andererseits will ich auch nicht das weitere geplante Tagesgeschäft aufschieben. So wie den Besuch des Sporttempels. Es kommt mir irrational vor, was aber nichts an der Sache ändert.

Um 7.30 Uhr stehe ich auf und bin bereits ziemlich angefressen. Ich kümmere mich um eine Ladung Wäsche, stutze den Bart, dusche, begebe mich auf das Sofa. Eine Runde am Morgen durch das Neuland der Kanzlerin. Mir fällt ein, daß ich draußen den kaputten Metallzaun unseres Gartens entfernen wollte. Keine große Sache, es handelt sich um einen kleinen Steckzaun. Potthässlich, aber er ist notwendig. Ohne den Zaun erlaubt sich jeder Idiot, Wege durch unseren Garten abzukürzen. 20 cm hohes Metall auf dem Boden ändern das schlagartig, obwohl das doch kein ernstzunehmendes Hindernis darstellt. Der Zaun wurde im letzten Jahr durch ein Auto beschädigt und soll weg. Eine Sache von fünf Minuten. Ich erledige es nicht. Es ist Arbeit, die draußen erledigt werden müsste. Unter möglicher Beobachtung der Nachbarn. Ich kann mich nicht dazu überwinden.

Lilly kommt und will schmusen. Hat sie auch schon länger nicht mehr so intensiv gemacht. Zumindest, soweit es mich betrifft. Ich streichle ihren Bauch, das Köpfchen, wandere mit dem Finger über ihren Nasenrücken; sie präsentiert mir ihre Kehle. Vorsichtig bewege ich dort zwei Finger über das weiche Fell. Lilly schnurrt. Ich spüre das Vibrieren des ihres Kehlkopfes unter der dünnen Haut. Lilly verändert ihre Lage, berührt mit der nasskalten Nase meine Hand. Ich erhalte einen Liebesbiss.

Die Zeit vergeht, ich muß mich fertig machen. Der Sporttempel öffnet bald seine Pforten. Es tut mir ja in der Seele weh, aber da muß Lilly einfach durch. Sie spürt die sich anbahnende Veränderung meiner Position, die beginnende Muskelanspannung und steht auf. Nein, sie ist kein doofes Tier.

Minuten später erreiche ich die Straße, in der sich der Sporttempel befindet. Gemeinsam mit mir fahren drei weitere Wagen den gleichen Weg. Den örtlichen Gegebenheiten nach können sie kein anderes Ziel haben. Ich bemerke meine steigende Unruhe. Die Wagen parken ein. Vor der Tür des Sporttempels stehen einige Menschen und warten auf Einlass. In mir setzt es aus. Ich kann nicht. Die Attacke ist da. Mit tränenfeuchten Augen fahre ich weiter. An sich müsste ich wenden, um nach Hause zu kommen, doch das will ich unter Beobachtung der wartenden Menschen nicht. Es ist albern, aber ich kann es nicht. Ich folge der Straße und fahre einen Umweg.

An einer Kreuzung erwartet mich eine rote Ampel. Hier sind die Wartezeiten immer ausgesprochen lang. Ich bin alleine vor Ort, doch der blöde Deutsche in mir gebietet es, alleine in der Pampa vor der Ampel zu warten, bis sie auf grün schaltet. In mir wächst die Aggression. Die Ampel zeigt grün, ich fahre los. Die Motordrehzahlen nähern sich dem roten Bereich. Nach ein paar Sekunden habe ich mich wieder im Griff. Ich erreiche die heimische Wohnung, meine Stimmung ist am Boden.

In der Küche finde ich einen Leib Ciabatta und eine Flasche Cola light. Ich nehme mir beides als Frühstück. Der Geschmack ähnelt – wen würde es wundern – an Weizenbrötchen und  Coca Cola. Eine positive Kindheitserinnerung. Die Stichworte zum dazugehörigen geplanten Blogeintrag sind schon vor Monaten geschrieben worden.

Der Kreis hat sich geschlossen.


Die Geschichte vom Kleinen Chinamann wird morgen früh fortgesetzt. Ich musste das jetzt loswerden.



Kommentare:

  1. Ich kann es durchaus nachvollziehen, dass Du umgedreht bist. Es hat Zeiten gegeben, in denen ich genauso reagiert hätte. Zum Glück habe ich sie überwunden. Lieben Gruß an Dich!

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    1. Dummerweise kann ich nicht festmachen, was der Auslöser war. Es war alles wie immer und ich war noch nicht mal unmotiviert, zum Sport zu gehen. Im Gegenteil.

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    2. Das ist genau das Problem: Es kommt und man weiß nicht warum. Es gibt eigentlich keinen Grund, aber heftige Reaktionen, die Dich übermannen. Menschen, die noch nie in so einer Situation waren, können das nicht verstehen.

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