Freitag, 3. Januar 2014

Nicht denken, nur wundern

Es war bereits dunkel, als der Bus mich in der Nähe des heimischen Kirschgartenweges ausspuckte. Noch etwa 100 Meter Fußweg bei mittlerer Steigung, eine letzte Kurve, und schon kam mir unser Carport ins Blickfeld. Etwas verdeckt von Nachbars Auto sah ich Balduin auf seinem angestammten Platz stehen. Das überraschte mich, wähnte ich meine Angetraute doch gerade zu dieser Uhrzeit bei der Wahrnehmung des letzten Tierarzttermins mit Lilly. Nur noch Routine, sie fraß ja wieder halbwegs normal.

In unserer Wohnung angekommen fand ich meine Angetraute vor. Offensichtlich waren sie und Lilly auch gerade erst eingetroffen.

„Na, was seid ihr denn wieder so früh da? War nichts los in der Praxis?“

„Aaaargh! Von wegen nichts los. Es war voll. Gerappelt voll. Aber alles Psychopathen.“

Kling interessant. Gut, daß ich nicht dabei war. Aber erzählen lasse ich mir das doch ganz gerne.

„Schon beim Reinkommen ging es los. Ein Jack Russel kläffte ohne Ende. Seine Halterin, eine Mutter mit ihren beiden Kindern, amüsierte sich bloß darüber und machte keinerlei Anstalten, das Vieh mal zur Ruhe zu bringen. Lilly hat direkt den irren Blick bekommen.

Weil es am Empfang nicht richtig weiter ging, habe ich Lillys Transportbox erst mal in der entferntesten Ecke auf einer Sitzbank geparkt und bin dann wieder zurück nach vorne gegangen. Da kam so ein olles Frettchen und hat sich neben Lilly auf die Bank gesetzt. Fand ich ja schon grenzwertig. Meinen Mach-jetzt-bloß-nichts-Falsches-Blick hat die zwar gesehen, aber vollkommen ignoriert. Dann fing die auch noch an, ihre Finger in die Box zu stecken und Lilly zu betutteln.  Die Kleine ist fast wahnsinnig geworden. Ich musste die blöde Kuh erst mal anranzen, daß sie das zu unterlassen habe. Da war die auch noch eingeschnappt. Die Frau hinter mir hat auch nur ein Echt, geht ja gar nicht. von sich gegegeben.“

Zu solchen Gelegenheit frage ich mich allerdings auch, wessen Geistes Kind manche Leute sind. Ich fasse keine fremden Tiere an. Es sei denn, die kommen mal freundlich von alleine auf mich zu. Aber beim Tierarzt? Wenn die Tiere unter Stress stehen, vermutlich krank sind und noch nicht mal der Halter mit Gewissheit sagen kann, wie die reagieren? Wie kommt ein Mensch auf so etwas?

„Die Dame an der Rezeption hat das auch gesehen. Sie meinte nur, daß Lilly sofort vorgezogen wird, die würde ja kurz vom Umkippen stehen, so wie sie aussieht. Richtig verängstigt war sie. Schade, daß sie nicht zugeschlagen hat. Das wäre es mir wert gewesen. Und wahrscheinlich hätte ich zehn Zeugen gehabt, daß Lilly es nicht gewesen ist.“

Ja, es wären die kleinen Dinge gewesen, an denen man sich auch hätte erfreuen können. Und Lillys Krallen sind ausgesprochen scharf, wie ich unlängst mal wieder erfahren durfte, als sie sich gerade auf mir befand und durch eine unbedachte Bewegung drohte abzurutschen.

„Im Behandlungsraum ging es schnell. Die Ärztin wusste ja schon, was draußen los gewesen ist. Box auf, Katze raus, schnelles Abtasten des Bauches, die letzte Spritze mit Antibiotikum setzen, Lilly zurück in die Box packen und fertig.

Das Wartezimmer war immer noch voll und laut. Ich habe erst mal kurz Bescheid gesagt, daß ich Lilly ins Auto bringe und dann zum Bezahlen zurückkomme. Besser, die wartet in der Kälte, als das Theater da drinnen nochmal mitmachen zu müssen. 20 Minuten hat es wieder gedauert, bis ich dann endlich fertig war.

Zwischendurch kam noch so ein Graf-Rotz-Typ rein, sah sich um und verschwand dann wieder. Nach einigen Minuten war er wieder da. Stilecht mit Jagdhund. Ich hielt ihm die schwere Eingangstür auf. Fand er wohl selbstverständlich, denn da kam kein Danke oder so. Also habe ich ihn beim Rausgehen mit einem Och, bitte, gern geschehen, keine Ursacheangeflötet. Die Dame am Empfang hatte das auch mitbekommen und warf mir demonstrativ ein für ihn gedachtes Danke sehrhinterher. Der Graf-Rotz-Typ hat nur verständnislos geguckt. Haben wir eigentlich Vollmond oder haben die Irren heute Ausgang?“

Tja, wenn wir das wüssten. Vollmond war jedenfalls nicht.




Katzenkind, da hast du ja ein richtiges Abenteuer hinter dir. Der Papa bringt die doofe Box wieder in den Keller-Keller, jetzt ist es erst mal überstanden.

Hoffe ich wenigstens.


EDIT 19.45 Uhr: Die arme zweitbeste Ehefrau von allen hat natürlich auch ein Abenteuer hinter sich. Das wollen wir jetzt nicht vergessen.



 




Kommentare:

  1. Manchmal kann man wirklich diesen Eindruck bekommen, dass die ganze Welt ein Irrenhaus ist und man sich selbst gerade in der Zentrale befindet. Aber Hauptsache Lilly geht es wieder gut! Lieben Gruß von einer Katzenmama an der Katzen Pater!

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    1. Manchmal? Das entwickelt sich zu einem Dauerzustand. *schreck*

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  2. Einfach irgendwelche fremden Tiere angrapschen, das habe ich schon als Kind nicht getan. Abgesehen davon, ob ein evt. anwesender Besitzer sagte, dass ich darf, habe ich immer erstmal geschaut, was das Tier, sei es Hund, Katze, Pferd etc. signalisiert. Oder sagen wir so, ich habe Bereitschaft zur Kontaktaufnahme signalisiert und es dem Tier überlassen, den nächsten Schritt zu tun. So halte ich das heute noch. Und ich stoße höchst selten auf Ablehnung tierischerseits. :)

    Fremde Tiere beim Tierarzt ohne Erlaubnis anfassen, das geht so gar nicht. In solchen Situationen wie mit dem "ollen Frettchen" war ich mit meinen Katzen beim Tierarzt leider auch schon.

    Ich freu mich, dass Lilly sich wieder ganz erholt hat. :)

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    1. Jetzt wird sie wieder aufdringlich, wenn ihr die Futterauswahl nicht gefällt.

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    2. Dann geht's ihr wirklich wieder gut. :D

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  3. Mein Beileid.
    Tierarzt-Wartezimmer.... gibt es Räume mit mehr Stresspotenzial? Wohl kaum. Deshalb: ich persönlich gehe ja mit dem Viechzeugs fast ausschließlich nur noch Sonntags oder an Feiertagen zum Tierarzt. Da ist das Wartezimmer stets leer. Balsam für die Seele und die Synapsen. Nun gut, ist ein bisschen teurer dieser Luxus, aber.... ich verdien ja gut.
    Der Tierarzt hat den Westflügel seiner Villa nach uns benannt. Nett, wie ich finde.

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    1. Da wir unsere Zusatzzahlungen - bis wir unsere jetzige Tierarztpraxis gefunden hatten - immer auf verschiedene notdienstschiebende Tier- und Fachtierärzte (ja, gibt es auch, wie wir Daisy sei Dank erfahren durften) aufteilen mussten, hat es bei denen jeweils nur für neue von uns gesponsorte Nobelkarossen gereicht.

      Allerdings könnte ich mir schon ein noch schlimmeres Wartezimmer vorstellen. Persönlich kenne ich mich da nicht aus, weil ich ein solches noch nie gesehen habe, aber mein Joker wäre das Kinderarztwartezimmer.

      Na, ist das zu toppen?

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