Freitag, 24. Januar 2014

Mit Juri auf großer Fahrt

Als ich morgens das LASA tatsächlich in einem Zustand erreicht habe, den ausgewiesene Fachleute noch als halbwegs lebend beschreiben würden, zeigte ich wohl eine gewisse Blässe. Sven sah mich, erklärte mir, daß ich beschissen aussehen würde und erkundigte sich mitfühlend, ob er mir einen Eimer holen solle, dem ich mein Innerstes preisgeben könne.

Ja, so ist unser Sven. Immer gut drauf und hilfsbereit. Den Eimer habe ich dann doch nicht gebraucht. Aber wie kam es zu meiner Unpässlichkeit?

Wir bewegen uns nun gemeinsam in dem ewigen Strom der Zeit zurück, so ungefähr eine Stunde, und verschieben auch den Ort, so etwa um neun Kilometer. Wie wir bemerken, befinden wir uns nun an der Bushaltestelle in der Nähe des Kirschgartenweges im Neustädter Ländchen. Dort stehe ich, harre der Dinge und warte auf den Bus.

Ich höre sich nähernde Schritte auf dem Fußgängerweg. Eine Frau hastet auf die Haltestelle zu. Sie scheint etwas knapp in der Zeit zu sein. An sich ist sie jeden Morgen knapp in der Zeit, denn sie rennt eigentlich immer mehr zur Haltestelle als daß sie geht. Und stets schafft sie es auf den letzten Drücker. Heute aber könnte es eng werden.

Es ist noch sehr früh, wir haben Winter. Aus der Dunkelheit schälen sich zwei Scheinwerfer, welche durch verschiedene weitere Leuchtelemente in ihrem unermüdlichen Werk unterstützt werden und die letzten Reste der Nacht durchdringen. Die Scheinwerfer kommen in durchaus schwungvoller Bewegung näher, verlangsamen schlagartig an einer Verkehrsinsel, um dann wieder an Geschwindigkeit zuzunehmen.

Juri!

Ihr kennt doch noch Juri?! Juri, den Busfahrer aus dem ehemaligen Zarenreich.

Auf Höhe der fast rennenden Frau bremst Juri in seiner für ihn typischen Art wohl mit einem beherzten Tritt auf das passende Pedal. Als regelmäßiger Nutzer bestimmter Linien kennt man die Fahrer, und die Fahrer wissen auch, wer Stammgast bei ihnen ist. Der Bus steht gute hundert Meter vor der Haltestelle, Juri öffnet die Tür, lässt im Wohngebiet um fünf Uhr irgendwas kurz die Hupe des Busses erschallen und nimmt die Dame abseits der Haltestelle auf. Nun folgt der obligatorische Tritt auf das Gaspedal, gefolgt von einem eben solchen ordentlichen Tritt auf die Bremse. Der Bus hat die Haltestelle erreicht, ich kann zusteigen.

Die wilde Fahrt führt uns nun zum Haltepunkt Neustädter Ländchen. Hier treffen Bus und Bahn aufeinander, um diese Uhrzeit sogar gleichzeitig, wenn alle Beteiligten pünktlich sind. Die Türen der Regionalbahn öffnen sich, einige Passagiere strömen dem Busbahnhof entgegen. Kein Grund für Juri, weiter abzuwarten. Er schließt die Türen und fährt los, obwohl augenscheinliches Interesse der zu uns Eilenden besteht, mitgenommen zu werden. Damit jedenfalls ist die gute Tat von kurz zuvor wieder ausgeglichen.

Die weitere Fahrt gestaltet sich wie gewohnt. Wer die Achterbahn Wilde Maus kennt, wird so eine Ahnung haben, wovon ich spreche. Einige meiner Kollegen behaupten ja immer wieder, daß unsere Busfahrer ihre Fahrzeuge bewegen wie ostanatolische Kameltreiber. Nun kenne ich keine ostanatolischen Kameltreiber; mir ist ja noch nicht mal bekannt, ob es in Ostanatolien überhaupt und tatsächlich Kameltreiber gibt. Aber wenn es sie gibt, dann würde ihnen Unrecht geschehen, denn ich glaube nicht, daß die ostanatolischen Kameltreiber ihre Tiere so behandeln wie einige unserer Busfahrer ihre Busse. Sollte sich jemand unter meinen Lesern zufällig mit ostanatolischen Kameltreiber auskennen, bin ich für eine Rückmeldung dankbar. So eine Bildungslücke bedarf des Schließens.

Wie üblich reduziert Juri die Geschwindigkeit an allen möglichen Engstellen derart, daß wir schon fast mit Standgas fahren. Über eine längere Strecke schleichen wir hinter einem Radfahrer her, den er nicht überholen will, nur um an geeigneter Stelle erneut Gas zu geben, in verschiedenen Kurven die Breite der beiden Fahrspuren voll ausnutzend - Kurven sind ihrer Definition nach keine Engstelle -  und ist schließlich bemüht, den Frevel zu unterbinden, den ein PKW-Fahrer vorhat: nämlich uns zu überholen. Einen Juri überholt man nicht. Niemals. Außer er legt einen Boxenstopp einen Halt an einer dafür vorgesehenen Haltestelle ein. Aber niemals auf offener Strecke. Denn seiner ist größer als der des anderen.

An einer Haltestelle steigt ein Passagier ein. Kein Stammkunde, denn der hätte wohl eine Monatskarte gehabt. Man einigt sich auf den zu entrichtenden Fahrpreis, Juri nimmt das Geld in Empfang, steckt es in den dafür vorgesehenen Behälter und will das Wechselgeld rausgeben, als er stockt.

„Sie bekommän noch Geld zurück, wieviel habään Sie mir denn gegäbenn?“

Ah ja.

Wir nähern uns nach einer gefühlten Ewigkeit dem Neustädter Hauptbahnhof. Ein Blick auf das Multifunktionsgerät an Juris Arbeitsplatz verrät mir zu meinem Erstaunen, daß wir tatsächlich einige Minuten vor der Zeit liegen. Was durchaus Rückschlüsse auf unsere bisherige Fahrt zulässt.

Juri nimmt die letzte 180 Grad-Kurve zu den Bussteigen mit einem gewissen Schwung und – tja, Ziel verfehlt. Falscher Bussteig. Eine Passagierin macht ihn noch im Rollen darauf aufmerksam. Juri bestätigt das Wissen der Passagierin, gibt nochmal Gas, und mit zwei neuen schwungvollen Kurven erreichen wir den tatsächlich vorgesehenen Haltepunkt. Und zwar immer noch vor der Zeit.

Wie üblich verlässt Juri den Bus, um sich einen Kaffee aus Togo zu holen, plaudert mit anwesenden Kollegen, um dann mit satten fünf Minuten Verspätung wieder abzufahren.

Er wird die Zeit wieder reinholen. Da bin ich sehr sicher.




Kommentare:

  1. Jaaa, Bus bin ich auch schon lang nicht mehr gefahren. Mach ich mal am Wochenende, denn da steht ein Kinobesuch im Stadtzentrum an, da fährt man nicht mit dem Auto hin. Und Busfahren kann ja sooo lustig sein. Hach, das wird ein schönes Wochenende.
    Schön zu wissen, das in anderen Städten das gleiche Freizeitangebot zur Verfügung steht. :o))

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  2. Gott sei Dank, fährst du nicht bei mir mit.
    Obwohl, dass hätte auch mal was. Möglich das wir beide über das gleiche Erlebnis unterschiedlich berichten würden.
    Wir haben übrigens auch einen Juri aus dem Zarenreich (irgendwo aus Sibirien) und die angesprochene Fahrweise könnte auch auf ihn zutreffen.

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    1. Ein Grund, warum ich Berufeblogs so gerne lese, ist eben die unterschiedliche Betrachtungsweise. Leider kann ich nicht so ins Detail meines eigenen beruflichen Alltags gehen und muß selbst die wenigen, eher harmlosen Dinge, über die ich mich hier auslasse, stark abstrahieren.

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