Freitag, 10. Januar 2014

Klassiker

Die von mir zwischen Neustadt und dem Neustädter Ländchen regelmäßig genutzte Bahnstrecke wird durch moderne Triebwagen bedient. Die Deutsche Bahn verfügt hier ja über ein breiteres Angebot unterschiedlichster Typen. Natürlich ergeben sich schon mal gewisse Randaspekte, welche die Fahrt eher unangenehm machen, aber die liegen eigentlich nicht in dem rollenden Material begründet.

Wenn die Wagen überfüllt sind, liegt es nicht unbedingt an ihnen. Wenn die Heizung im Sommer auf Vollast läuft, im Winter aber kaputt ist, ist das auch nicht grundsätzlich dem Wagen anzulasten, sondern seiner Wartung. So ist zumindest meine Theorie.

Aus technisch-organisatorischen Gründen wurden die sonst auf meiner Strecke verkehrenden Triebwagen für einige Zeit einer anderweitigen Verwendung zugeführt. Als Ersatz stellte man altes, positiv ausgedrückt klassisches Lokomotiv- und Wagenmaterial zur Verfügung.

Aus meiner Jugendzeit kenne ich noch die alten, als Silberlinge bezeichneten Nahverkehrswagen. Die Kunstledersitze waren jetzt gerade im Sommer nicht so toll, aber insgesamt schon bequem.  Später wurden diese Wagen dann von Grund auf modernisiert und auch äußerlich mit einer zeitgemäßeren, farblich ebenfalls genehmeren Außenverkleidung versehen. Und gerade diese, heute schon wieder veralteten robusten Wagen verkehren nun vorübergehend auf meiner Strecke.


Als alter Eisenbahnfan habe ich mich sehr darüber gefreut. Und dem Vernehmen nach befinde ich mich mit vielen, zumeist lebensälteren Fahrgästen auf der gleichen Wellenlänge. Die Sitzbänke haben an Bequemlichkeit noch deutlich zugelegt, seit das Kunstleder verschwunden und einem Polsterbezug gewichen ist. Es gibt Armlehnen, reichlich Platz für Fahrräder und Gepäck. Die Fenster können geöffnet werden. Und zwar richtig weit, nicht nur einen Spalt. Und es gibt wieder einen Schaffner, der die Türen schließt, denn diese besitzen noch keine entsprechende Automatik. Der Geruch des Fahrzeuginneren erinnert auch noch an früher.

Natürlich sind die modernen Triebzüge praktischer als die modernisierten Wagen. Die Türen öffnen sich heute ja auf Knopfdruck. Keine mit den Wagen unerfahrenen Fahrgäste ziehen heute noch mitleidige Blicke auf sich, weil sie mit dem Versuch, im Bahnhof die Tür von innen zu öffnen, überfordert sind, mit der Technik des Türöffnens im Handbetrieb nicht zurande kommen und den erforderlich Kraftaufwand und Schwung nicht  richtig einschätzen können. Mit dem Einsatz der alten Wagen kommen die alten Bilder aber sofort wieder auf und werden schlagartig zur Realität.   

Auch die böse Falle mit den Türsicherungen hat sich bei den modernen Triebzügen erledigt. Denn wenn man den Türgriff in den alten Wagen schon zu früh zu weit bewegt hat, also während der Zug noch eine bestimmte Geschwindigkeit nicht unterschritten hatte, dann hat das mit dem Öffnen der Tür auch im Stillstand nicht mehr funktioniert. Der Türgriff musste erst wieder zurück in die Ausgangsposition, damit die Sicherung entriegelte. Das wissen die jungen Reisenden von heute aber nicht mehr und kämpfen so vergebens mit dem Türgriff.

Da wird es mir warm ums Herz.

Klar, die Wagen hatten auch weitere Nachteile. Immer wieder gab es die elenden Diskussionen, ob und wie weit ein Fenster während der Fahrt geöffnet sein durfte. Zum Einstieg waren Stufen zu überwinden, was durchaus eine Herausforderung sein kann. Aber auch hier gab es meistens Lösungen. Man musste sie nur kennen. Gut, diese waren nicht immer so komfortabel wie heute, das räume ich ein. Und es gab eben die Zugbegleiter, mitunter sogar mehrere pro Zug, deren Anwesenheit zwingend notwendig war.

Das muß kein Nachteil gewesen sein. Denn seit diese Wagen hier wieder eingesetzt werden, bin ich wirklich jeden Tag vom Zugbegleiter kontrolliert worden. In den vielen Jahren, in denen ich mit den Triebwagen ohne Zugbegleiter unterwegs war, gab es nur ein einziges (!) Mal eine Fahrkartenkontrolle, die ich mitbekommen habe. Das kann es doch einfach nicht sein.

Nein, nicht alles von früher war wirklich schlechter. Es war nur anders.

Irgendwann werden hier wieder die Triebwagen verkehren. Eigentlich schade.






Kommentare:

  1. Ganz ehrlich: Ich wünsche mir die alten Wägen wieder zurück. In den Neuen, in denen man kein Fenster öffnen kann, bekomme ich Platzangst (genauer gesagt: Klaustrophobie). Im Nahverkehr sind die neuen Wägen so eng kontruiert, dass man in den Gepäcknetzen (die gar keine Netze mehr, sondern Metallgitter sind) gar kein Gepäck mehr unterbringen, sondern höchstens seinen Mantel verstauen kann. Zwischen den Sitzen ist auch kein Platz für Koffer, so dass die Koffer entweder mitten im Gang stehen, was das Durchgehen extrem erschwert, oder auf freie Sitzplätze gestellt werden. So bekommt man, wenn man später zugestiegen ist, gar keinen Sitzplatz mehr. Toll!!!

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    1. Für Reisegepäck sollst du ja auch andere Wege finden und den Transport extra bezahlen. Der Rest hat auf deinem Schoß Platz zu finden. Wobei ich einräume, daß ich Handgepäck, Jacken und Co niemals in Gepäcknetz legen würde, selbst wenn sie vorhanden wären. Ich hätte zuviel Angst vor Diebstahl oder noch mehr, daß ich es einfach vergesse.

      Also wirklich, Platz für Gepäck - alleine der Gedanke... ts ts ts.

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  2. Warum fällt mir nur das Wort "Verschlimmbesserung" ein? Früher war Bahnfahren ein Erlebnis. Heute ist es oft zur Qual geworden. Schade.

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    1. Ich halte es immer noch für sehr bemerkenswert, daß in manchen Nahverkehrswagen kein Unterschied mehr zwischen erster und zweiter Klasse gemacht wird - außer im Preis. Man bemerkt noch nicht mal, wann man in den anderen Bereich wechselt. Der einzige Hinweis ist ein kleines Schild an der Außenwand, welches man gerne übersieht. Dafür bezahlt man doch gerne...

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  3. Was mir auch total fehlt, sind Schrankenwärter, die, wenn der Zug noch am anderen Ende der Welt steht, zwischendurch mal die Schranke öffnen, um schon mal ein wenig Verkehr abfließen zu lassen.
    Jetzt steht man in Bonn unter Umständen 20-25 Minuten und kein Zug

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    1. Was mich an einen Blogeintrag erinnert, den ich noch schreiben wollte. :-)

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