Mittwoch, 22. Januar 2014

Generationenwechsel

Heute möchte ich Sallys letztes Kapitel im großen Buch der Katzenbande auch für mich zum Abschluss bringen. Was nicht bedeutet, daß sich nicht noch später ein paar Anekdötchen finden, die sich zu erzählen lohnen.

Es ging mit Sally nun doch schneller zu Ende als zunächst erwartet. Schon vor einiger Zeit bemerkten wir, daß sich in der Kniebeuge eines ihrer Hinterbeine eine Verkrustung gebildet hatte, an der sie immer wieder leckte. Die Vermutung, daß ein schmerzendes Gelenk Ursache ihres Leckens war, welches letztendlich zu dieser wunden Stelle führte, lag nah. Wer jemals von einer rauhen Katzenzunge gestreift wurde, wird von der Reibewirkung nicht unbeeindruckt bleiben. Die so entstandene Verletzung war natürlich auch Thema im Rahmen dieses Tierarztbesuches. Die Tierärztin wollte die Verkrustung entfernen, unterließ es jedoch, als sie bemerkte, daß dieses für Sally mit großen Schmerzen verbunden war. Also entschieden wir uns, die Verletzung mit einer Salbe zu behandeln und zu verbinden, damit die Kruste aufweichen könnte und Sally der Zugang verwehrt wäre.

Samstags waren wir in der Lage, die Kruste etwas anzuheben – mit dem Ergebnis, diese tunlichst dort zu lassen, wo sie war, denn das, was meine Angetraute darunter fand, war kein schöner Anblick. Wir vermuteten, daß es Sallys Wohlbefinden nicht zuträglich wäre, die Wunde blank zu legen. Der nächste Tierarzttermin würde am Montag sein; er war bereits im Vorfeld vereinbart. Zu diesem Zeitpunkt hegten die zweitbeste Ehefrau von allen und ich schon die Vermutung, daß Sallys Ende jetzt unabwendbar gekommen sei.

Bei der Untersuchung stellte die Tierärztin fest, daß das, was meine Angetraute gesehen hat, eine blank liegende Sehne war. Die Wunde würde nicht mehr verheilen können und barg ein hohes Risiko, sich zu entzünden. Das wollten wir Sally nicht antun, so daß ich die Entscheidung traf, nunmehr zum Ende zu kommen. Wie seinerzeit schon bei Daisy fand die Tötung – nennen wir wenigstens einmal beim Namen - sehr würdevoll statt. Ich war gefasster als noch in der Woche zuvor, auch wenn es nicht ohne Tränen abging. Sally hat ihre letzten bewussten Minuten in diesem Leben in meinen Armen verbracht.



Und nun?

Von Lilly wird Sally wohl nicht vermisst werden. Schon als Lilly vor fast sechs Jahren zu uns gekommen ist, hat Sally eindeutig gezeigt, daß sie mit dem kleinen Wirbelwind nichts zu tun haben möchte. Keine gute Voraussetzung für ein herzliches Verhältnis. Außerdem neigt Lilly zu Eifersüchteleien. Und Grund dazu hatte sie in den letzten Monaten aus naheliegenden Gründen reichlich. Daher dürfte für Lilly die Welt jetzt wieder in Ordnung sein. Allerdings zeigte sie aufgrund der erkennbaren Veränderung in der Familie am nächsten Tag doch eine gewisse Nervosität. Außerdem ist sie deutlich stärker auf Körperkontakt zu uns fixiert.

Smilla und Sally hatten ebenfalls nicht viel miteinander zu tun. Man beschnüffelte sich gelegentlich, aber mehr Kontakt fand nicht statt. Doch wurde Smilla von der spürbaren Unruhe am ersten Tag nach Sallys Einschläferung angesteckt. Für sie beginnt nun aber wieder der Einzug lieber Gewohnheiten. Denn Smilla schläft am liebsten auf dem Bett meiner Angetrauten im Mädchenzimmer. Besonders gerne natürlich, wenn diese auch mit vor Ort ist. Da Sally in den letzten Monaten jedoch damit begann, während der ersten Stunden meiner Abwesenheitszeiten von zu Hause herumzuschreien und in ihren letzten Tagen auch wieder das beabsichtigte oder unbeabsichtigte Pinkeln außerhalb des Katzenklos angefangen hat, blieb die Tür zum Mädchenzimmer sehr zu Smillas offenkundigem Missvergnügen regelmäßig geschlossen. Nun steht sie wieder offen und Smilla ist zufrieden.

Marty aber ist es gelungen, Sallys Herz zu öffnen. Regelmäßige Zeiten gegenseitiger Fellpflege waren üblich, und auch Nickerchen wurden bis vor einigen Wochen zuweilen aneinandergekuschelt abgehalten. Während Sally wegen ihrer Verletzung ein neuer Verband angelegt wurde, zeigte sie aufgrund der Schmerzen deutliches Unbehagen. Natürlich war die Katzenbande neugierig. Katzen können ja so schaulustig sein. Sensationsgierige Bande. Marty allerdings war drauf und dran, zu Sallys Verteidigung gegen die vermeintliche Misshandlung - insbesondere durch meine Angetraute - einzugreifen. Das Unterfangen war zwar sehr ehrenhaft und hat in der Nachbetrachtung für mich auch irgendwie was Rührendes, konnte aber natürlich keinesfalls geduldet werden. Ein gewonnenes Blickduell zwischen ihm und meiner Angetrauten schaffte schnell Klarheit darüber, daß es ihm nicht gut bekommen würde, dazwischen zu gehen.

Am Tag nach Sallys Tod merkte Marty auch, daß er Sally nun ungewöhnlich lange nicht gesehen hatte. Er fing damit an sie zu rufen und suchte die ganze Wohnung nach ihr ab, bis er nach anderthalb Stunden schließlich aufgab.

Und wir? Natürlich spüren wir den Schmerz des Verlustes. Aber es ist nicht zu leugnen, daß auch eine gewisse Erleichterung Einzug gehalten hat. Denn gerade jetzt, nachdem alles vorbei ist, wird uns wirklich bewusst, welchen Einschränkungen wir, vor allen Dingen aber meine Angetraute, in den letzten Monaten unterlegen haben. Menschen, die Angehörige pflegen, werden dies nachvollziehen können. Wobei ich die Versorgung und besondere Rücksichtnahme auf Sallys Bedürfnisse ausdrücklich nicht mit der Pflege eines Menschen gleichsetzen möchte.

Selbst wenn die Versuchung da ist, wieder einer vierten Katze ein neues Zuhause zu bieten, werden wir dies nicht tun. Es war vor sechzehn Jahren nur vorgesehen, zwei Katzen bei mir bzw. später uns aufzunehmen. Lilly kam seinerzeit im Rahmen einer Notvermittlungsehr spontan hinzu. Und die Folgen von Daisys Tod machten es Marty und Smilla möglich, in unsere Familie aufgenommen zu werden. Aber der längerfristige Unterhalt von vier Katzen ist letztendlich auch eine finanzielle Frage. Die Kosten eines Katzenlebens sind nicht zu unterschätzen und unser Dukatenscheißer im Keller hat Verstopfung.

Nach Lucys, Daisys und nun Sallys Tod ist die erste Generation der Katzenbande abgetreten. Mit Lilly, Marty und Smilla ist die nächste Generation angetreten, die weiteren Kapitel im Buch der Katzenbande alleine zu schreiben.

Nun warten wir darauf, die Urne mit Sallys Asche ausgehändigt zu bekommen.

Die zweitbeste Ehefrau von allen und ich bedanken uns nochmals für eure in den Kommentaren geäußerte Anteilnahme.






Kommentare:

  1. Alles Liebe nochmals an Euch! Ist doch klar, dass man als Katzenmutter/Vater mit Euch fühlt!

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  2. "Das ganze Leben besteht in einem ständigen Neubeginn."
    (H.v.Hofmannsthal)
    LG Sadie

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  3. Lieber Paterfelis, ich habe erstmals in Deinen Blog reingelesen und möchte nur sagen, dass ich mit Euch fühle. Und weine.

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