Mittwoch, 15. Januar 2014

Das Ende einer Reise (3)

Sonntag

Das Bett hält mich lange fest. Ich lasse das Radio laufen, meine Gedanken sind aber ganz woanders. Ich bin hin- und hergerissen von den Überlegungen, wie es morgen mit Sally weitergeht. Die Entscheidung treffe ich alleine. Aber die Tierärztin wird meine Entscheidung sicher beeinflussen. Vielleicht genügt es, Sally Tabletten gegen Schmerzen und Übelkeit zu geben. Aber genauso gut könnte sie erklären, daß es für Sally zu spät ist. Ich möchte mich nicht von einem Übermaß an Hoffnung einfangen lassen.


ca. 2005 - wo sie ist, da ist die Sonne

Immer wieder schweifen meine Gedanken ab. Wenn es in den zwei freien Tagen im Büro so läuft, wie ich befürchte, kann ich da ab Dienstag übernachten. Wir fahren seit November eine Verzweiflungs-Sonderaktion. Diese beinhaltet, die Kollegen unter anderem von den Vorgängen mit Bezug auf die Selbständigen und der Erteilung der Abgabenbescheide zu befreien. Diese Fälle lagern jetzt nahezu komplett bei mir. Und das zu einer Zeit mit erhöhtem Antragsaufkommen. Der Jahreswechsel eben. Alle Jahre wieder. Dafür kann ich andere Vorgänge verteilen.

Unser Fachbereich IT hat die Umstellung auf das SEPA-Verfahren auf das Gründlichste vermasselt. Ich stoße seit drei Wochen immer wieder auf Fehlverarbeitungen, die bereinigt werden müssen, auf knappe Zeitfenster, in denen zahlreiche Dinge zwingend zu erledigen sind, und viele kleinere Katastrophen mehr. Diese Arbeit macht mir dem Grunde nach sogar Spaß, aber die Masse und der Druck, der dahinter steht, ist zu viel. Ich komme nicht dazu, die schon brennenden, aufgrund ihrer Komplexität von den Kollegen bislang nicht angegangenen Altfälle auch nur anzufassen, weil das Tagesgeschäft meine volle Aufmerksamkeit erfordert. Zwingend. Und dieses Mal ist wirklichalles eilig.


2010 - schön warm

Außerdem muß ich mich um meinen Auszubildenden kümmern. Und der soll gerade die Aktenthematiken, mit denen ich mich jetzt zu befassen habe, ausdrücklich nicht bearbeiten. Die mir zur Seite gestellte Assistentin, welche diese Vorgänge wirklich genau so gerne bearbeitet wie ich, hat die Grenzen ihrer Belastbarkeit erreicht. Sie ist unheilbar krank, MS. Übermäßiger Stress ist Gift für sie und begünstigt den Ausbruch eines neuen Schubes. Also fange ich Akten von ihr ab, ohne daß sie es merkt, und erledige diese selber. Zusätzliche spanne ich unplanmäßig den Ökoklaus und Frl. Hasenclever für meine Bedürfnisse ein, bevor alles zusammenbricht.

Gegen 7.15 Uhr stehe ich auf. Sehr spät für mich, nicht allzu spät für Sallys Versorgung. Sie frisst wieder wie ein Scheunendrescher. Draußen ist es kalt. Ein Tag für die Sauna. Diese könnte ich gleich im Sporttempel benutzen. Morgens habe ich da auch meine Ruhe, wäre nahezu ungestört. Aber ich will Sally nicht so lange alleine lassen, während meine Angetraute nach absolvierter Nachtschicht noch schläft. Also nur die übliche Sportrunde.

Gerne würde ich Sally nochmal wiegen, aber ich habe Angst vor dem Ergebnis. Wenn sie weiter abgenommen hätte, würde ich innerlich zusammenbrechen. Ich lasse es sein.

Wieder zu Hause gebe ich Sally ihr Futter. Das Bereitstehende ist ihr zu alt, sie lehnt es ab. Also hole ich eine frische Ladung. Diese nimmt sie an. Im Kühlschrank stehen nur noch eine Flasche der Basisflüssigkeit und der Rest der bereitgestellten Mischung. Alles zusammen reicht für eine Woche. Sollte Sally den morgigen Tag überleben, muß zügig nachbestellt werden. Wenn nicht, ist es egal. Ich habe keine Lust, irgendetwas zu machen und verziehe mich wieder ins Bett. Vielleicht kann ich ja etwas lesen.

Nach dem Aufstehen – natürlich hatte ich das Buch nur kurz angefasst, um es auf dem Nachttisch zu verschieben - spüre ich den beginnenden Muskelkater. Um mich zu betäuben hatte ich die Gewichte beim Sport nochmals deutlich raufgesetzt. Macht nichts. Wenn Muskelkater da ist, hat es was gebracht.


2013 - Halswirbel lockern

Sally leert die Schüssel aus. Später geht sie zum Trockenfutter, mag aber das Angebot nicht. Genau wie der Rest der Katzenbande, welche aber dennoch davon frisst. Wir geben Sally eine andere Auswahl. Sie nimmt ein wenig zu sich. Es ist nur Knabberei.

Meine Angetraute möchte Sally später nochmal wiegen. Meine Stimmung sinkt wieder. Es kommt die Vermutung auf, daß Sally sich bei Lilly angesteckt hatte und deswegen in der ersten Januar-Woche so wenig gefressen hat. Wir vergessen, daß Sally nochmal gewogen werden sollte.



Montag

Morgens ist die elektrische Küchenwage schnell aufgebaut. Ich schnappe Sally und setze sie auf die Grundplatte. Es ist nicht ganz einfach, denn die Fläche ist glatt, aber schließlich ist alles so, wie es sein soll. Sally hat ihr Gewicht seit Donnerstag in etwa gehalten. Immerhin etwas. Aber trotz der Fresserei hat sie nicht zugenommen.  Zwar bin ich nicht mehr am Boden zerstört, aber immer noch ausgesprochen unruhig und kuschle mit Sally. Die Zeit vergeht unaufhaltsam. Ich schaue mir mal wieder alte Katzenfotos an.

In der Tierarztpraxis kommen wir nach eingehender Untersuchung dahingehend überein, Sally eventuelle Schmerzen zu nehmen und zu beobachten, wie sie sich entwickelt. Ich bin kaum in der Lage zu reden. Die Tierärztin gibt Sally noch eine Lebenserwartung, die sich eher in Wochen als in Monaten bemisst. Wieso ist es so hart, so etwas aus berufenem Mund zu hören? Diese Erkenntnis hatte ich doch selbst auch schon. Ich habe ja nicht mal damit gerechnet, daß Sally ihren 16. Geburtstag noch erlebt und war schließlich auch bereit, sie heute einschläfern zu lassen. Nun besteht immerhin die Wahrscheinlichkeit, daß sie noch ein paar schöne Wochen erleben kann, bevor das Unvermeidliche eintreten wird.


Silvester 2013 - das neue Mäuerchen hält

Das Ende von Sallys lebenslanger Reise hat begonnen. Der Zielbahnhof ist in Sicht. Es gab auf der Fahrt wider Erwarten nur eine Verspätung. Sally wird die wärmende Frühjahrssonne wohl nicht mehr erleben.

Draußen, auf der Fensterbank des schönen Backsteingebäudes, in welchem sich die Tierarztpraxis befindet, präsentieren Stiefmütterchen eine blaue Blütenpracht.

Es ist Winter. Wir haben den 13. Januar 2014.


(Ende – vorerst)


Nachtrag:

Die drei Blogeinträge entstanden abschnittweise nahezu unmittelbar nach dem jeweils beschriebenen Ereignis in der Zeit vom  9. bis 13. Januar, nachdem die Entscheidung gefallen war, Sally einschläfern zu lassen. Mein Ansinnen lag darin, die Situation und meine Gedanken in Sallys letzten Tagen für mich festzuhalten. Wie das Finale aussehen würde, konnte niemand absehen. Es war nicht beabsichtigt, einen Cliffhanger mit überraschendem Ausgang zu erstellen. 

Ein glückliches Ende sieht mit Sicherheit anders aus. Es ist noch nicht ausgestanden; eine Wendung zum Schlechteren ist nicht unwahrscheinlich. 

In der Nachbehandlung habe ich meine Formulierungen lediglich einer sprachlichen Fehlerbereinigung unterzogen, ohne die Inhalte zu verändern.



PS: Meinen Dank für die Anteilnahme in den lieben Kommentaren sowie der direkten Kontaktaufnahme - auch zu den vorherigen Teilen.




Kommentare:

  1. Einerseits bin ich wirklich froh, dass Ihr nun noch ein paar schöne und intensive Wochen zusammen verbringen könnt. Zu oft mussten wir schon den letzten Gang antreten. Und jetzt, fast acht Jahre nach dem letzten Weg zum TA bekomme ich manchmal noch Tränen. Und muss gleichzeitig lächeln, wenn ich mich an den Blödsinn erinnere und die vielen schönen Stunden, die wir zusammen hatten.

    Andererseits bin ich auch ein wenig traurig - denn ich weiß nur zu gut, dass diese Entscheidung nur aufgeschoben, nicht aufgehoben ist. Schön ist aber, dass Ihr Euren kleinen Familienmitgliedern bietet, was sie brauchen und nicht einfach einen kalten Schlussstrich zieht.
    Gruß
    Holger

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  2. Tja, mir tut es weh zu wissen wie ihr leiden müsst, aber man muss auch mal loslassen müssen, wenn es nicht mehr geht. Die Zeiten der schönen Zeit geniessen und sich daran festhalten. Ist bei Menschen auch nicht anders.
    Das Schöne in Erinnerung halten und die Mundwinkel dabei hochziehen. Das wollen Die, die von uns gehen. So wie Du oder Ich.
    An schöne Zeiten denken eben.

    Es ist nicht nicht einfach, aber es geht..

    Die, die in Indien wohnt (an anderen Ende des Ganges) und allein unter R...lebt

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  3. Lieber Paterfelis! Ich kann dir nachfühlen wie es dir geht. Mir stehen Tränen in den Augen. Deine Sally sieht aus wie mein Lucky, den ich im Alter von 13 Jahren einschläfern lassen musste, da er an Zungenkrebs litt. Ich wünsche Euch für die nächste Zeit viel Kraft! Hoffentlich hilft dir der Aufschub ein wenig, dich mit der Situation abzufinden. Sei dir gewiss, dass Sally deine Liebe und Aufmerksamkeit jetzt gerade ganz besonders spürt. Ganz lieben Gruß - H.

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