Dienstag, 14. Januar 2014

Das Ende einer Reise (2)

Freitag

Wie immer wache ich viel zu früh auf und bekomme noch mit, wie meine Angetraut in ihrem Zimmer zu Bett geht. Lilly ist bei mir; sie hat in den letzten Wochen die Gelegenheit genutzt und die beiden freien Katzenplätze in meinem Bett eingenommen, die Sally einst so hartnäckig und für ihre Verhältnisse sogar aggressiv verteidigt hat. Sie liegt nicht mehr nur neben mir, sondern auch wahlweise auf mir oder in der Kuhle, die ich mit meinem angewinkelten Bein unter der Bettdecke bilde. Das waren 16 Jahre lang Sallys Plätze. Und nur ihre. Alleine Lucy durfte in beider ersten Monate bei mir auch mal dahin.

Ich fühle mich unauffällig. Der Gedanke an das Kommende führt gerade zu keinen besonderen Gefühlsregungen. So beschließe ich, doch zur Arbeit zu gehen. Den Tag beginne ich wie üblich. Als ich anfange in der Küche die ersten Arbeiten zu verrichten, steht Sally in der Tür und macht sich kurz aber lautstark bemerkbar. Ich setze sie auf ihren Stammplatz auf der Rückenlehne unseres Monsters und biete ihr frisches Futter an, aber sie nippt nur kurz. Also stelle ich es wieder weg und nehme die Kleine auf den Arm. Sofort kuschelt sie sich an mich, was nun doch bei  mir zu einem Gefühlsausbruch führt. Ich setze mich in unseren Sessel, halte sie fest und streichle sie.


2001 - alles ist erreichbar
 
Meine Angetraute kommt nochmal aus dem Mädchenzimmer um ihre Wärmflasche neu zu füllen. Sie bleibt etwas bei uns, fragt mich wieder, ob ich zurecht käme. Ja, alles ok. Wirklich reden kann ich nicht. Sie legt mir die Fahrzeugpapiere von Balduin hin. Zum Sport würde sie wohl doch nicht fahren; die Nacht war ganz offensichtlich zu lang. Sie geht wieder zu Bett. Es ist für mich in Ordnung.

Sally hält sich hartnäckig an mir fest und döst nach einiger Zeit ein. Ich verspüre ein menschliches Rühren, verkneife es mir aber. Jetzt will ich nicht aufstehen. Ich überlege, nun doch frei zu nehmen, denke aber auch an die liegenbleibende Arbeit und die Post, die noch bei mir darauf wartet, zum Versand gegeben zu werden und die unbedingt heute auf den Weg gebracht werden sollte.  Alles keine unlösbaren Probleme, aber rationales Denken ist in diesem Moment nicht möglich.

Irgendwann ist die Zeit vorbei, zu der ich noch unter für mich vertretbaren Umständen – Stichwort überfüllte Busse und freie Parkplätze – zur Arbeit kommen würde. Also sollte ich doch besser Urlaub nehmen. Wozu habe ich noch den kompletten Jahresurlaub aus dem letzten Jahr zur Verfügung? Und Überstunden sind auch wieder reichlich vorhanden, das Jahr dauert immerhin schon eine Woche.


1999  - so ein Wäschetrockner hat auch was für sich

Schließlich kann ich dem Drang zur Toilette zu gehen nicht mehr widerstehen. Ich setze Sally wieder auf ihren Stammplatz ab und verschwinde kurz. Als ich zurückkomme steht Sally auf der Rückenlehne und schaut mich verwirrt an. Ob sie mich wirklich sehen kann ist zumindest zweifelhaft, denn ihre Sehkraft hat vermutlich auch nachgelassen. Ihre Pupillen regieren bei Lichteinfall so gut wie gar nicht mehr. Aber eindeutig nimmt sie mich wahr. Das kann ja auch über meine Geräuschentwicklung geschehen sein. Ich hole Sally zu mir und setze mich auf das Sofa. Sofort brummt sie vor sich hin und beginnt zu kuscheln.

Meine Gedanken kreisen. Ist die Entscheidung richtig, sie von dem beginnenden Leid erlösen zu wollen? Jegliche Verhaltensweisen von ihr werden von mir interpretiert. Will sie wieder am Leben teilnehmen? Ist sie nur wegen der für sie schlechten Ernährungslage so relativ teilnahmslos? Sie hat sich immerhin noch nicht von uns zurückgezogen. Zeigt sie damit, daß sie noch nicht zum Sterben bereit ist? Sollen wir sie mit einer Zwangsernährung quälen? Oder retten wir sie? Leidet sie? Katzen sind Raubtiere. Wenn sie leiden, zeigen sie es nicht, um sich nicht zum auserkorenen Opfer anderer Raubtiere zu machen. Es ist sehr schwierig einzuschätzen. Ihr Bewegungsradius befindet sich zwischen Sofa und Katzenklo. Nur in Ausnahmefällen findet man sie noch woanders. Und die beginnende Demenz ist auch nicht zu verleugnen. Die Anzeichen sind zu eindeutig.


1999 - vorne Lucy, dahinter Sally, darunter Paterfelis

Als die Zeit genug fortgeschritten ist und ich vermuten kann, daß Frl. Hasenclever zwischenzeitlich im Büro aufgeschlagen ist, rufe ich an und bitte um Urlaub für heute und Montag. Als Begründung gebe ich einen Trauerfall an. Ich kann kaum sprechen. Es hat für mich etwas Obszönes, so zu reden, als sei Sally schon tot. Aber so würde es kommen. Und der Trauerfall ist bereits da, gleich ob sie noch lebt oder schon tot ist.

Es ist anstrengend, über Leben und Tod eines geliebten Wesens, welches wir als Familienmitglied betrachten, zu entscheiden. Wenn zu ahnen ist, daß es zur Einschläferung kommt, sich dies aber wie seinerzeit bei Daisy innerhalb weniger Stunden tatsächlich entscheidet und umgesetzt wird, tut es schon weh. Aber bereits Tage vorher den genauen Zeitpunkt zu kennen, an dem der Abschied kommen wird, ist einfach nur brutal.

Am fortgeschrittenen Morgen lege ich mich wieder ins Bett. Krampfhafter Tränenfluss verursacht Kopfschmerzen. Nachmittags zeigte Sally sich wieder an Dingen interessiert, die um sie herum geschahen. Zum Beispiel an dem Geräusch der Kugel, die bei richtiger Bewegung ein Leckerchen rauslässt. Nein, sie hat es nicht gefressen. An der Kugel selbst war sie auch nicht. Aber sie war neugierig genug, um sich dahin zu bewegen und zu beobachten, was Lilly und Smilla damit anstellen. Und wieder kommen Zweifel an der Entscheidung auf. Allerdings hätte sich Sally früher die Gewalt über diese Kugel nicht wegnehmen lassen. Nicht mal von Daisy und schon gar nicht von Lilly. Im Badezimmer schaue ich fast schon zwangsläufig in den Spiegel und sehe mein Gesicht. Ich kann nicht erkennen, ob die dunklen Ringe unter meinen Augen echt sind oder nur ein Schattenwurf der Brille.

Nachmittags normalisiert sich die Lage. Ich fange wieder an zu bloggen – wenn auch nur Beiträge aus der Reserve – und beantworte eingegangene Kommentare. Die Schatten sind geblieben.



Samstag

Meine Angetraute muß heute nicht zur Trainerschule. Ich habe Balduin planmäßig zur Verfügung und beabsichtige, den Wocheneinkauf zu erledigen. Dies ist für mich im Moment durchaus gewagt, denn wenn ich eine akute mentale Vorbelastung habe, könnte das zu einer Panikattacke führen. Aber ich will raus.

Seit Tagen verfolgen mich die Bilder von Miss Daisys Einschläferung. Immer und immer wieder kommen sie in mein Bewusstsein, im Bus, im Büro, im Bett, auf dem Sofa vor dem Fernseher oder dem Rechner. Ich tausche innerlich Daisy Abbild gegen Sally aus. Das macht es nicht besser, aber ich kann nicht anders.


2000 - auch gemütlich
 
Das Tagesgeschäft beginnt normal. Zuerst versorge ich Sally; sie frisst für diese Uhrzeit gut. Ich überlege, ihr an ihrem letzten Tag nochmal Thunfischwasser zu geben. Als Henkersmahlzeit. Dann befinde den Gedanken als ekelhaft und verwerfe ihn. In mir fährt eine Achterbahn auf und ab. Auf dem Sofa verrenke ich mir durch eine unglückliche Bewegung den Rücken. Nicht dramatisch, aber es reicht, um mich in meinen Bewegungsabläufen einzuschränken. Das wird wieder von alleine. Einfach ignorieren und so viel und so normal wie möglich bewegen. Die Tränen sind noch nicht versiegt. Das Gesicht im Spiegel sieht immer noch nicht besser aus. Das Weiße in den Augen ist gerötet. Vielleicht gibt sich das in der nun endlich fast winterlich kalten Morgenluft.

Lilly und Smilla toben durch die Gegend. Marty hat seinen Lieblingsplatz auf dem Kratzbaum im Gartenzimmer besetzt und lässt sich von nichts und niemanden bei seinem Morgennickerchen stören. Sally tut es ihm nach ihrem Frühstück auf dem Monster gleich. Ich ziehe mich an, packe das Leergut ein und fahre zum Einkaufen. Alles geht gut, und auch die Schmerzen im Rücken lassen nach. Die Luft ist angenehm.

Wieder zu Hause bürste ich Sally. Ihr gefällt es. Lilly fordert ihr Recht auf Streicheleinheiten ein, ebenso Smilla. Marty schaut nur kurz vorbei und verschwindet dann wieder. Für ihn ist die Welt in Ordnung.

Die Wolken brechen auf, Sonnenstrahlen fallen durchs Wohnzimmerfenster ein und treffen Sally. Wenn man der Wettervorhersage Glauben schenken darf, könnten dies die letzten Sonnenstrahlen in ihrem Leben sein, die sie wärmen werden. Mir geht es schlecht. Die Weihnachtsdekoration an der Wohnungstür könnte jetzt auch so langsam mal verschwinden.


2000 - immer ein gutes Buch zur Hand Pfote

Abends überrascht Sally mit einem Kontrollgang über die Etage, einem wiederholt angemeldeten Kuschelbedürfnis und einem Magen, in dem Unmengen ihres Futters verschwinden. Außerdem bewegt sie sich zielgerichtet aus zwei Meter Abstand auf ein auf dem Boden liegendes Leckerchen zu, allerdings ohne es zu fressen. Dunkelbraunes Leckerchen auf schwarzen Fliesen. Sie muß es jetzt gesehen haben, denn es lag schon länger dort. Und komme mir keiner mit Vorsehung und daß sie uns zeigen will, daß es für sie noch nicht zu spät ist. An so etwas glaube ich nicht. Ich bekomme so etwas wie Hoffnung. Oder handelt es sich bei ihr nur um ein letztes Aufbäumen?

(wird fortgesetzt)



Kommentare:

  1. Fūhle dich umarmt. Ganz arg.

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  2. Auch ich schicke eine dicke Umarmung!

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  3. Ich muss an Max denken, den ich vor drei Jahren einschläfern lassen musste. Ich habe die ganze Nacht davor bei ihm gesessen, ihn gestreichelt und Abschied genommen. Er war 15 Jahre bei uns und hielt sich für einen Menschen. Gerade laufen wieder die Tränen, es tut noch immer weh. Und Moritz wird im März 17 Jahre alt, er wird immer dünner, sein Fell glänzt nicht mehr so wie früher, er putzt sich nicht mehr richtig und er schafft es oft nicht mehr bis zur Toilette. Dabei steht schon in jeder Etage eine. Ich werde wohl auch von ihm bald Abschied nehmen müssen. Ich kann Deine Trauer so gut nachvollziehen.

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