Montag, 13. Januar 2014

Das Ende einer Reise (1)

Dieser Eintrag ist lang. Im Gegensatz zu meiner sonstigen Art wollte ich keinen Mehrteiler daraus machen, bloß weil das sonst von mir veranschlagte Maß von gut einer DIN A4-Seite Text als Höchstgrenze für einen Einzeleintrag allzu deutlich überschritten wurde. Aber es war dann doch zu viel des Guten.

Der Monat Januar scheint kein guter Monat für die Angehörigen unserer Katzenbande zu sein. Am 30. Januar 2000 starb Sallys Schwester Lucy. Am 13. Januar 2012 begann der letzte Kampf um Miss Daisys Leben, den sie nach vier Wochen verloren hat. Und nun geht es um Sally. Eine Chronik der letzten Tage:


1998 - ein Katzenwelpe erobert die Welt

Herbst 2013 und die erste Januar-Woche

Sally wird nun schon seit Monaten mit einem Spezialfutter ernährt, da sie an das normale Katzenfutter nicht mehr heranging. Selbst Leckerchen nimmt sie nur alle paar Tage zu sich. Es gelang uns seinerzeit, ihr verloren gegangenes Gewicht wieder etwas in die Höhe zu treiben. Natürlich gab es seitdem immer wieder Phasen, in denen sie auch dieses Futter nicht mehr zu sich nehmen wollte. Für eine eng begrenzte Zeit war das auch in Ordnung, aber es durfte nicht zu lange andauern. Trat solch eine Situation auf, gaben wir ihr die Flüssignahrung mit sanftem Druck und unter Zuhilfenahme einer Spritze direkt in die Schnauze. Danach lief meistens alles wieder ganz normal.

Da wir das Futter aufgrund dessen Wärmeempfindlichkeit und dem möglichen Zugriff unserer anderen Katzen nicht offen stehen lassen können, müssen wir es ihr in gewissen Abständen immer wieder anbieten und danach stets sicher lagern. Sally ist aber immer schon eine schlechte Frühstückerin gewesen; sie frisst in der Hauptsache nachmittags und nachts. Also muß einer von uns regelmäßig Nachtschichten einlegen, um die Versorgung zu gewährleisten. An Werktagen übernimmt das die zweitbeste Ehefrau von allen, vor arbeitsfreien Tagen erledige ich dies in jüngerer Zeit oft. Dies ging nun schon seit einigen Monaten so.

Dennoch bemerken wir, daß Sally nicht so viel frisst, wie sie es tun sollte. Sie nimmt wieder ab. Wir beginnen im Januar wieder, ihr die fehlenden Rationen mit der Spritze einzuflößen.

Seit Wochen schon schläft Sally nicht mehr in meinem Bett. Dies liegt vermutlich daran, daß sie nicht mehr schnell genug auf meine nächtlichen Bewegungen reagieren kann. Auch beschäftigt sie sich nicht mehr mit Marty, dem sie noch vor wenigen Monaten hingebungsvoll das Fell geleckt hatte. Die Entwicklung bereitet uns Sorge. Schon seit Tagen mache ich mir Gedanken, ob nun der Zeitpunkt naht, dem sich abzeichnenden Elend ein Ende setzen zu lassen.


1998 - eine handvoll Katze

Donnerstag

Als ich von der Arbeit nach Hause komme, finde ich die große Küchenwaage aufgebaut auf der Arbeitsplatte vor. Meine Vermutung, daß meine Angetraute Sally mal wieder gewogen hat, bestätigt sich. Und auch die Befürchtung, daß unsere Seniorin gerade stark an Gewicht verliert. Sie wiegt nur noch knapp über drei Kilogramm.

Die endgültige Entscheidung über Sallys weiteres Schicksal liegt bei mir, denn sie ist einvernehmlich meineKatze. In unserer Ehe ist fast alles unser, doch gilt dies nicht für Sally. Sie lebt schon länger mit mir zusammen als meine Angetraute und ich uns überhaupt kennen. In Anbetracht der Entwicklung, Sallys zunehmender körperlichen Schwäche und beginnenden Interessenlosigkeit sowie der sich abzeichnenden Gebrechen, ringe ich mich zu der Entscheidung durch, die Einschläferung in Betracht zu ziehen. Ich sage es immer wieder: Es ist ein Fluch, solch eine Entscheidung treffen zu müssen, aber es ist ein Segen, sie treffen zu können.


1999 - muß ja bequem sein

Die Gedanken, welche mir durch den Kopf ziehen, sind teilweise abstrus. Ich erwäge, Sally so lange bei uns zu lassen, bis ihr Futtervorrat aufgebraucht ist. Der würde bei üblicher Verwendung vielleicht noch anderthalb Wochen reichen. Doch wo bleibt dann der Sinn der Erkenntnis, daß man das Tier erlösen will? Schließlich habe ich vor, es noch am gleichen Tag hinter uns zu bringen. Aber es ist schon Vorabend, keine gute Zeit für einen spontanen längeren Besuch in einer Tierarztpraxis, ohne daß ein echter Notfall vorliegt.

Mit tränenfeuchten Augen nehme ich Sally zu mir und streichle sie. Meine Angetraute ruft derweil  bei der Tierarztpraxis an. Dort arbeiten mehrere Ärzte. Wir wollen unbedingt, daß wir zu unserer Stammtierärztin gehen können, welche bereits die Einschläferung von Daisy vorgenommen hatte. Der Termin würde am Montagvormittag sein, wenn es in der Praxis ruhig sei und sie genügend Zeit habe. Schon seit Monaten kommt in mir immer wieder das Gefühl auf, daß ich es schön finde, wenn Sally anstatt in einer Tierarztpraxis einfach während des Kuschelns auf meinem Arm friedlich einschlafen und sterben würde. Doch das lässt nicht beeinflussen. Ich rufe die Dateien mit den Katzenfotos auf und lasse sie durchlaufen.

Meine Gedanken sind bereits weiter. Wie Daisy würden wir auch Sally einzeln kremieren lassen und dann ihre Asche in einer Schmuckurne wieder zu uns holen. Ich suche eine Urne via Internet aus. Es gibt viel zu viel Kitsch in der Auswahl, aber auch einige wenige schöne Sachen. Wie so oft bedaure ich, daß Sallys schon längst verstorbene Schwester Lucy nicht ebenfalls so bei uns sein kann. Aber sie liegt in ihrem Grab, weit weg von hier. Wahrscheinlich ist von ihr schon nichts mehr übrig.


1999 - Sally links, Lucy rechts

Es geht mir und meiner Angetrauten schlecht. Doch das Leben findet weiterhin statt. Was nützt es, in stumpfsinnige Grübelei zu versinken? Meine Angetraute fragt mich, ob sie zu Hause bleiben soll oder zum Tanztraining gehen könne. Sie habe immer Schwierigkeiten bei mir einzuschätzen, ob ich aktuell ihre Gesellschaft brauche oder lieber alleine sei. Nun, ich bin da eher der Typ einsamer Wolf. Wenn es mir dreckig geht, will ich alleine sein. Ich würde den Abend bis zu ihrer Rückkehr so verbringen, wie ich es meistens mache: einen Film ansehen, Essen kochen, mich um die Wäsche und die Spülmaschine kümmern – was man halt so tut. Die Welt bleibt nicht stehen und man lenkt sich ab. Ich erwäge jedoch, von Freitag bis Dienstag Urlaub zu nehmen.

Einen Film sehe ich mir dann doch nicht an, sondern lasse einfach den Fernseher laufen. Phasen der Trauer wechseln mit nüchterner Sachlichkeit. Ich kümmere mich im Souterrain um die Wäsche, als ich bemerke, daß Sally die Treppe hinunter nachgekommen ist. Trotz ihrer von uns vermuteten Arthrose bedingten Gelenkschmerzen. Wieder oben auf dem Sofa nehme ich sie erneut auf den Arm und kuschle mit ihr.

Am Abend fresse ich reichlich, und zwar schon vor dem eigentlichen Abendessen, an dem ich mich später auch noch gütlich zu tun beabsichtige, wenn meine Angetraute wieder zugegen sein wird. Seelentrost. Ein vor Tagen vorbereiteter Blogeintrag über Sally wird von mir gelöscht. Ich empfinde es als unpassend, ihn jetzt noch zu veröffentlichen. Für meine Verhältnisse bleibe ich noch lange auf und kuschle mit Sally, bis sie keine Lust mehr hat und wieder zurück auf ihren Stammplatz will. Irgendwann schleppe ich mich ins Bett. Auf dem Weg fragt die zweitbeste Ehefrau von allen noch, ob ich, falls ich morgen frei nehme, morgens mit zum Sport will. Ich weiß es nicht, ich weiß ja nicht mal, ob ich überhaupt frei nehme. Im Moment fühle ich mich relativ gut und rechne damit, daß ich morgen zur Arbeit fahre. Ich lege mich hin und schlafe sofort ein.

(wird fortgesetzt)



Kommentare:

  1. oh, wie traurig. Tut mir sehr leid!

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  2. Ja, da weiß man nicht wirklich was man jetzt sagen soll. Der Monat Januar scheint Euer Katzenbande wirklich kein Glück zu bringen.
    Auch ich habe mein ersten Kater 15 Jahre begleiten dürfen und ihn dann auch im Arm halten dürfen, als´s soweit war.

    Liebe Grüße,
    Rotzlöffel

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  3. Die Asche unseres Hundes haben wir in eine Dose gefüllt, in der sich seine Lieblings-Hundekekse befanden. Er war ziemlich verfressen. Wir hielten es für passend. Steht im Esszimmer auf dem Sideboard. Ich muss oft lächeln, wenn ich an dem Ding vorbeigehe. Weil er so ein liebenswerter Kerl war. Nicht einfach.... fühle dich umarmt. Schon wieder? Mir ist grad so danach.

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