Freitag, 31. Januar 2014

Kleine Randbemerkung (11)

Es geht doch nicht über einen guten Klassiker:

"Es gibt nur zwei Dinge, die unendlich sind: Das Universum und die menschliche Dummheit.
 Wobei ich mir beim Universum nicht ganz sicher bin."

(Albert Einstein)


Muß ich aus mehreren gegebenen Anlässen auch so sehen. Leider.



Donnerstag, 30. Januar 2014

Toilettenspiele - die ultimative Grenze

Ich habe sie erreicht – die ultimative Grenze dessen, was bei meinen Toilettenspielen möglich ist.

11 Klorollen stecken nun in einer weiteren, ohne daß die äußere Rolle eingerissen ist. Natürlich wurden die inneren Rollen nur geknickt, gefaltet, gerollt und gesonstwast, aber ebenfalls nicht beschädigt, gerissen, geschnitten oder gesonstwast.




Ich bin mir sehr sicher, daß mehr nicht machbar ist.

Wer fordert mich heraus?



Dienstag, 28. Januar 2014

Nachtgedanken - jetzt auch am Tag

Man kennt das: Es gibt diese furchtbaren Lieder, welche sich still und leise in die Gedanken eines unschuldigen Opfers reinzwängen und sich dann als Ohrwurm gnadenlos in der Denkmaschinerie ausbreiten, bis sie genau so still und leise, wie sie gekommen sind, wieder verschwinden.

Ich hatte so etwas Ähnliches. Da wache ich in meiner wieder vollkommen zerwühlten Koje auf (keine Ahnung, was die Katzenbande da so alles veranstaltet, wenn ich da liege und schlafe), schon habe ich auch direkt den ersten Gedanken. Es ist kein übertrieben geistreicher Gedanke, ja noch nicht mal ein im Ansatz kluger. Und auch keine Idee, wie ich die Welt vor der scheinbar unaufhaltsam voranschreitenden Verblödung retten kann. Nein, ich denke einfach nur das Wort – Anschlussfahrkarte.

Anschlussfahrkarte

Anschlussfahrkarte

Was will ich mit einer Anschlussfahrkarte?

Für alle nur autofahrenden Nichtauskenner da draußen: Eine Anschlussfahrkarte ist eine Fahrkarte, welche der Herr Paterfelis und vermutlich jede Menge anderer Menschen nutzen, wenn sie eine regionale Fahrt mit der  schwäbschen Eisenbahn unternehmen, welche sie über den Gültigkeitsbezirk der ansonsten für den Weg zur Arbeit ausreichenden Monatskarte hinausbringt.

So eine Anschlussfahrkarte benötige ich vielleicht dreimal im Jahr, wenn ich dienstlich in Bad Husten zu tun habe, denn das liegt in einem anderen Verkehrsverbund als Neustadt. Aber aktuell steht da nichts an.

Anschlussfahrkarte

Den ganzen Tag lang schleicht sich immer wieder…

Anschlussfahrkarte

…dieses Wort, welches ich jetzt nicht nennen möchte, in meinen…

Anschlussfahrkarte

…Kopf. Ich verstehe es nicht.

Anschlussfahrkarte

Wenn ich abgrundtief gemein wäre, würde ich hier jetzt auf ein YouTube-Video verlinken und euch einen Ohrwurm verpassen, damit ihr mitleidet. Mir fällt da spontan eine…

Anschlussfahrkarte

…hervorragend geeignete Darbietung ein. Oder auch mehrere, wenn es sein muß.

Aber ich bin ja eine…

Anschlussfahrkarte

…Seele von Mensch, gütig und voller Anteilnahme. Daher verzichte ich auch auf die Umsetzung dieser perfiden…

Anschlussfahrkarte

…Idee.

Vielleicht hatte ich ja unmittelbar vor dem Aufwachen einen Traum von einer…

Anschlussfahrkarte

…Eisenbahnfahrt. Erinnern kann ich mich nicht. Aber wenn das wirklich so war, dann muß mir mal jemand erklären, wieso ich immer, wenn ich die Tür zum Waschraum der Bürotoilette von außen öffne, an eine…

Anschlussfahrkarte

…beliebige, aber nie weniger als vierstelle Zahl, die mit einer Drei beginnt, denken muß.

Dreizehnhundert, Dreiundzwanzigtausend etc. gelten in diesem Zusammenhang als mit einer Drei beginnend. So rein sprachlich betrachtet.

Der Wahnsinn nimmt seinen Lauf. Zwanghaftes Handeln. Irgendwann zähle ich noch die Löcher in den eingehängten Deckenplatten im Büro. Und die Bodenplatten auf dem Weg zum Bahnhof.

Dreimillionenvierhunderneunundachtzigtausendachthunderfünfundsiebzig Anschlussfahrkarten

WÄÄÄÄÄÄHH!!!



Montag, 27. Januar 2014

Paterfelis spielt - beinah Warhammer Fantasy Battles (3)

Um eine Übersicht des noch zu Beschaffenden zu erhalten, musste eine solche Armee erst mal ausgerechnet werden. Ich liebe diesen Aspekt des Spiels bis heute. Aus Spaß habe ich immer wieder unterschiedliche Armeen mit immer neuen Maximalpunktzahlen und anderen inhaltlichen Schwerpunkten berechnet. Wenn die Zahlenkolonnen sich zu einem Ganzen zusammenfügen und auch der letzte zu verteilende Punkt stimmig zugeordnet ist, dann strahlt das für mich immer noch eine gewisse Harmonie aus, die mir richtig Zufriedenheit bereitet. Dabei sind stets selbst gesetzte Herausforderungen zu bewältigen. Wenn meine Armee zum Beispiel mehrere Regimenter gleicher Art enthält, dann haben diese immer identisch aufgebaut zu sein. Kein Modell mehr, kein Modell weniger. Das erschwert die Berechnungen natürlich. Aber ich mag es einfach. Stundenlang kann ich mich meinem Zahlenwerk widmen. Und zwar ohne Excel-Tabellen oder ausgefeilte Programme, wie sie heute Gang und Gäbe sind. Das war und ist bei mir Handarbeit, die nur mit freundlicher Assistenz von Notizblöcken, eines Kugelschreibers sowie eines Taschenrechners ausgeübt wird.

Michael blieb seinen Zwergen treu, Herrn Graumann zog es zu den Untoten, Peter widmete sich bretonischen Rittern und ich mich den Waldelfen. Natürlich würde es viel zu teuer sein, direkt alle Modelle auf einen Schlag zu kaufen. Einen Gebrauchtmarkt gab es nicht, E-bay war auch noch kein allgemein gängiger Begriff, also war der Neupreis fällig.

Regelmäßig standen wir in dem Laden und besorgten Nachschub. Mal einen Blister, dann wieder eine Box oder etwas Farbe. Die Verkäufer in dem Laden waren schon eher seltsame Typen. Nerds. Der typische Tabletop-Nerd tritt in drei Erscheinungsformen auf. Zunächst hätten wir als Typ 1 den Heavy-Metal-Fan mit langen Haaren, Bart, schwarzem T-Shirt mit passendem Aufdruck. Diese Jungs wirken sehr martialisch, sind aber, wie ich später erfahren durfte, zumeist sehr freundliche und zugängliche Menschen. Nerd-Typ 2 finden wir in den Akademiker-Typen, wenigstens aber Studenten, zumeist entweder spindeldürr oder einen ordentlichen Bauch vor sich herschiebend. Das Idealbild verkörpert natürlich Typ 3, welcher die beiden erstgenannten Typen in sich vereint – der studierende, langhaarige BombenlegerMetal-Fan.

Eine Szene wird mir unvergesslich sein. Herr Graumann, schon damals mit dem Namen entsprechenden grauen Haaren versehen, ansonsten ein eher unauffälliger Durchschnittstyp, wurde von einem der um Umsatz besorgten Verkäufer angequatscht. Dieser aber war alles andere als ein Durchschnittstyp, sondern ein Nerd vom Typ 1. Da standen sich also die beiden gegenüber: einerseits Herr Graumann in seiner beigen, kurzen Altherrenjacke und  braungrauer Stoffhose, andererseits dieser 2-Meter-Typ mit (rotem, da Berufskleidung) Shirt, schwarzer Jeans, Heavy-Metal-Mähne und entsprechendem Bart, der unseren Vorgesetzten auch direkt – ladentypisch – duzte. Ein Bild für die Götter.

Meine ersten Erwerbungen bestanden neben einigen Zubehörartikeln direkt aus einem so genannten besonderen Charaktermodell (Skaw, dem Falkner) und neun Bogenschützen. Der Sinn dieser Zusammenstellung sei dahingestellt. Die Bogenschützen jedenfalls waren meine ersten Opfer. Waldelfen spielten sich, soviel hatte ich zwischenzeitlich herausgefunden, nicht als diszipliniertes Heer in großen Truppenblöcken, sondern eher als Guerillas, zumeist ohne starre Formation.  In meiner Vorstellung trugen sie als Konsequenz auch keine einheitliche Uniform, sondern eher individuelle Farben. Also bemalte ich jedes der neun Modelle anders. Es sah einfach furchtbar aus, zumal meine Farbauswahl auch nicht das Gelbe vom Ei war. Eines der ersten Dinge, die man beim Bemalen einer größeren Anzahl zusammengehörender Miniaturen lernt ist, daß diese ein gemeinsames Farbschema besitzen sollten. Es darf dabei durchaus Abweichungen geben, welche aber übersichtlich bleiben sollten. Es sieht auf dem Spielfeld später einfach besser aus.

Schnell wurden die Zeugnisse meiner ersten Malversuche in Nitroverdünnung geworfen, bis die Miniaturen wieder in ihrem ursprünglichen Silberglanz erstrahlten und bereit waren, einen neuen, gelungeneren Bemalversuch über sich ergehen zu lassen.

Doch das Bemalen der Figuren ist nichts, was ich mit genereller Leidenschaft praktiziere. Nur gelegentlich kann ich mich dazu begeistern. Meistens in Situationen, in denen ich natürlich keine Gelegenheit habe, meinem spontan entflammten Interesse nachzugehen. Zum Beispiel im Büro. Somit zog sich die Sache immer weiter hin. Als ich genügend Miniaturen für meine 2.000-Punkte-Armee (im Laufe der Jahre wurde daraus dank meines Sammeltriebes eine regeltechnisch zulässige 10.000-Punkte-Armee) beisammen hatte, war ich mit meinen Malarbeiten nicht wesentlich weitergekommen. Michael gelang es nie, eine Armee in der entsprechenden Größenordnung anzuschaffen. Herr Graumann stand vor dem Problem, diese Armeegröße (ebenfalls überwiegend unbemalt) fast erreicht zu haben, als die Regeln für die Untoten neu geschrieben wurden. Aus der Gemeinschaft der Untoten wurden nun zwei verschiedene Völker, nämlich einerseits die Vampire und ihr Gefolge, andererseits die Gruftkönige von Khemri, untote Mumien. Aus Herrn Graumanns Modellen ließ sich weder die eine noch die andere Armee regelkonform bilden. Er war auch nicht gewillt, seinen Fundus deutlich aufzustocken. Peter hingegen hatte inzwischen neben seinen Bretonen auch eine Armee des Imperiums sowie eine Söldner-Armeegekauft und zahlreiche Modelle wirklich gelungen bemalt. Später sollte noch eine Armee der Dunkelelfen hinzukommen.

Aus nicht mehr nachvollziehbaren Gründen hielten wir jedoch daran fest, nur mit vollständig bemalten 2.000-Punkte-Armeen spielen zu wollen. Davon jedoch waren wir immer noch weit entfernt. Umständehalber begruben wir somit das Projekt Warhammer vorerst.

Am Horizont aber erschien eine neue Hoffnung, über die später zu berichten sein wird.


(Ende)



Sonntag, 26. Januar 2014

Paterfelis spielt - beinah Warhammer Fantasy Battles (2)

Wir erzählten von unseren abenteuerlichen Plänen jedem Kollegen, den wir zu berufen fühlten, sich uns anzuschließen. Von unserem damaligen Fachbereichsleiter, Herrn Graumann, wussten wir, daß er sich für Fantasy interessiert, und konnten ihn davon überzeugen, sich die Sache mal anzusehen. Für ihn war es auch eine Geldfrage, denn ganz billig würde das nicht werden. Schließlich zogen wir auch noch Peter in unseren Dunstkreis, einen jungen, frisch geprüften Kollegen aus der Assistentenebene.

Guter Dinge betraten wir wenige Tage später den Laden. Das Spiel, um das es ging, hieß Warhammer Fantasy Battles. Die Vielfalt der zur Verfügung stehenden Miniaturen war überwältigend. Nahezu alle bestanden seinerzeit noch aus Zinn, mussten teilweise erst zusammengebaut und auf jeden Fall bemalt werden. Aber es gab auch einige wenige Boxen, in denen 20 Plastikmodelle enthalten waren. Bei den Preisen würden heutige Spielern die Tränen in die Augen kommen. Drei Metallmodelle im Blister kosteten 18 bis 20 DM. Wenn wir damals geahnt hätten, wie steil nach oben sich die Preise später noch entwickeln würden… hätten wir auch nicht anders gehandelt. Aber aufgrund der Masse der benötigt Miniaturen summierte sich das damals auch schon ordentlich.

Wir suchten das jeweilige Volk, welches wir spielen wollten, alleine nach dem Aussehen der Modelle oder dem erzählerischen Hintergrund aus. Von deren Stärken und Schwächen im Spiel wussten wir nichts, wir kannten ja zu dem Zeitpunkt noch nicht mal die Regeln. Heute gehen Interessierte ins Internet und finden zahlreiche Quellen der Information zum Thema. Damals aber stand das Internet für alle noch in den Kinderschuhen. Ein 56 K-Modem als Zugang war der Höhepunkt der technischen Entwicklung für den Heimanwender, während niemand von uns damals überhaupt schon einen PC besaß. So etwas hatten wir ja noch nicht mal im Büro.

Das Regelwerk wurde nur in einer Grundbox zusammen mit einigen Modellen zweier Völker verkauft. Hierzu musste man noch eine Ergänzungsbox erwerben, in denen Regeln und Ausrüstung für anzuwendende Magie enthalten war. Im Laufe der ersten Wochen kauften wir also einige Modelle, Pinsel und Farben. Peter und ich besorgten jeweils auch die Grund- und die Ergänzungsbox mit den Regelwerken. Ach ja, man benötigte zusätzlich noch das so genannte Armeebuch zumindest des Volkes, welches man zu spielen gedachte. Denn nur hier fanden sich dessen speziellen Regeln und Hintergrundinformationen. An sich hätte es ja gereicht, wenn einer von uns die Regeln besaß, denn die paar hundert Seiten hätte man auf den Kopierer werfen und an die anderen weiterverteilen können, aber ich wollte dann doch schon lieber was Eigenes haben, um etwas unabhängiger zu sein. So wechselten in kurzer Zeit hunderte DM den Besitzer, ohne daß etwas Spielfertiges vorhanden war.

Die Armeen wurden nach einem Punktesystem aufgebaut. Je spielstärker eine Miniatur war, desto mehr Punkte kostete sie. Dann gab es noch weitere Differenzierungen. Benötigt wurden Generäle, Helden, eine bestimmte Zahl an Kerntruppen (also Fußvolk), welche mit vorgegebenen Beschränkungen um Kavallerie, Kriegsmaschinen, Alliierte und Monster (Drachen, Greife und solche wunderbaren Dinge) ergänzt werden konnten. Eine normale Schlacht sollte mit Armeen ausgetragen werden, welche etwa 2.000 Punkte stark waren. Es würde aber auch mit kleineren Werten funktionieren, wobei die Spieltiefe etwas verloren ginge.

In unserer Ahnungslosigkeit beschlossen wir,  direkt den Aufbau dieser 2.000-Punkte-Armeen in Angriff zu nehmen und erst zu spielen, wenn wir die erforderlichen Miniaturen beisammen und auch bemalt hätten. Je nach gewähltem Volk bedeutet dies, ein paar Dutzend bis über hundert Modelle bereitzustellen.


(wird fortgesetzt)



Samstag, 25. Januar 2014

Paterfelis spielt - beinah Warhammer Fantasy Battles (1)

In meiner kleinen Paterfelis-spielt-Reihe beschreibe ich meine Suche nach dem für mich perfekten Spiel. Wir, das heißt Ihr, meine mir hoffentlich weiterhin gewogenen Leser, und ich, sind uns mit aller Intelligenz des vernunftbegabten Menschen vermutlich wohl darin einig, daß es tatsächliche Perfektion nicht gibt. Aber es gibt die Möglichkeit, ihr nahe zu kommen. Das mich interessierende perfekte Spiel muß mit ansprechendem, reichhaltigem Spielmaterial gespielt werden. Es muß vielseitig und herausfordernd sein, mit einem komplexen Regelwerk. Ich muß eine Geschichte erzählen können, die sich auch weiterzuentwickeln vermag.

Nach diesem Fernsehbeitrag habe ich gewusst, daß es das zumindest beinah perfekte Spiel gibt. Zumindest, soweit es um meine Ansprüche geht. Dabei reden wir hier gar nicht von einem bestimmten Spiel, sondern mehr von einer Art von Spielen. Keine Brettspiele, keine Kartenspiele, nein, Tabletop-Spielesind für mich die Verheißung.

Vor vielen Jahren verrichtete ich meinen Dienst noch in der LASA-Hauptverwaltung in Bad Husten. Eine neue Außenstelle sollte eingerichtet werden. Nein, dabei handelte es sich noch nicht um die euch wohlbekannte Außenstelle Süd-Süd-West, an welche seinerzeit wohl durchaus schon jemand dachte, die aber noch nicht gegründet worden war, sondern um die Außenstelle Nord. Das Personal rekrutierte sich aus verschiedenen Bereichen des LASA und wurde etwa ein Jahr vor der geplanten Eröffnung der Außenstelle bereits in der Hauptverwaltung so zusammengesetzt, wie es später draußen in der Wildnis arbeiten sollte.

Auf meinen Wunsch hin wurde ich ebenfalls dieser Außenstelle zugewiesen. Genau wie später in der Neustädter Außenstelle war ich auch hier schon der Dienstälteste, zumindest was meinen Fachbereich angeht. Da wir uns deutlich weiter in der Vergangenheit befinden könnt ihr erahnen, wie jung die anderen Kollegen waren. Nicht wenige kamen direkt von ihrer Ausbildung zu uns, und ich kann mit Fug und Recht behaupten, im Laufe der nächsten zwei Jahre, bis die Mannschaft endlich komplettiert war, wirklich jeden Kollegen meines Fachbereiches eingearbeitet bzw. betreut zu haben. Wie später üblich, wurden zu diesem Zweck zahlreiche Überstunden gemacht und schließlich  entschädigungslos über Bord geworden. Es hat seinerzeit niemanden im LASA interessiert. Aber damals habe ich meinen Beruf noch mit Freude ausgeübt, so daß es mir nichts ausmachte, Stunde um Stunde zu verschenken.

Nachdem ich meine eigene Arbeit erledigt hatte (ja, so etwas konnten wir damals noch) ging ich zu Michael, einem unserer jungen Kollegen. Gut, so richtig jung war er auch nicht mehr. Michael hatte schon eine andere Ausbildung absolviert und einige Zeit in seinem damaligen Beruf gearbeitet, bevor er zu uns wechselte und nochmal ganz von vorne begann.  Doch auch er gehörte zu denjenigen, welche direkt nach ihrer Prüfung als Sachbearbeiter eingesetzt wurden. Dazu benötigte er ein führendes Händchen, und das war meines. 

Er erzählte von seinem Hobby. Dabei ging es um Zinnfiguren, die er bemalte. Vorwiegend Zwerge. Nicht solche Zwerge, wie wir sie von Schneewittchen oder aus Omas Garten kennen, sondern Zwerge aus einer Fantasy-Welt. So wie dem Herrn der Ringe. Ich erinnerte mich an den bereits erwähnten Fernsehbeitrag. Und bevor ich fragen konnte, erklärte mir Michael, daß diese Zwergenmodelle beigentlich zu einem Spiel gehören würden. Man musste aus den vielen einzelnen Miniaturen nach einem recht umfangreichen Regelwerk Armeen zusammenstellen, die dann auf einer großen Platte mit einer Fläche von etwa 180 x 120 cm und darauf platziertem, individuell gestalteten dreidimensionalem Gelände gegeneinander antreten würden.

Diese Schlachten finden zu auf beiden Seiten gleichen Bedingungen oder aber beeinflusst von gewählten Szenarien statt, bei der zum Beispiel die eine Seite etwas verteidigen muß oder in ihrer Aufstellung eingeschränkt wird, da der Gegner sie überrascht hat. Die Möglichkeiten sind nahezu unendlich und nur von der eigenen Fantasie begrenzt. Nach sechs bis acht Zügen ist das Spiel vorbei. Bis dahin sind zumeist mehrere Stunden reiner Spielzeit vergangen.

Die Ergebnisse der einzelnen Kämpfe zwischen den Truppenteilen werden unter Berücksichtigung zahlreicher Modifikationen mit ein paar Händen voller sechsseitiger Würfel ermittelt. Ich erwähne hier bewusst sechsseitige Würfel, denn dies ist nicht unbedingt selbstverständlich. Es gibt in den verschiedenen Spielsystemen wie auch Rollenspielen zahlreiche Würfel mit abweichenden Seitenzahlen. In meinem Fundus findet sich sogar ein echter hundertseitiger Würfel, welcher eher einem Golfball ähnelt als einem klassischen geometrischen Gegenstand mit Ecken und Kanten. Aber er funktioniert.

Ja! Das war es! Michael wusste zu berichten, daß es die Regeln zu diesem Spiel zwischenzeitlich auch auf Deutsch gebe, zahlreiche verschiedene Völker zur Verfügung stehen würden und – daß ein Laden, in welchem man die ganzen benötigten Dinge erstehen könnte, nur wenige hundert Meter von der Hauptverwaltung entfernt zu finden sei. Mittagspausenentfernung sozusagen. Er selber habe das Spiel noch nicht gespielt, weil es ihm primär um das Sammeln und Bemalen der Figuren ginge, aber er könne sich dies durchaus vorstellen.

(wird fortgesetzt)



Freitag, 24. Januar 2014

Mit Juri auf großer Fahrt

Als ich morgens das LASA tatsächlich in einem Zustand erreicht habe, den ausgewiesene Fachleute noch als halbwegs lebend beschreiben würden, zeigte ich wohl eine gewisse Blässe. Sven sah mich, erklärte mir, daß ich beschissen aussehen würde und erkundigte sich mitfühlend, ob er mir einen Eimer holen solle, dem ich mein Innerstes preisgeben könne.

Ja, so ist unser Sven. Immer gut drauf und hilfsbereit. Den Eimer habe ich dann doch nicht gebraucht. Aber wie kam es zu meiner Unpässlichkeit?

Wir bewegen uns nun gemeinsam in dem ewigen Strom der Zeit zurück, so ungefähr eine Stunde, und verschieben auch den Ort, so etwa um neun Kilometer. Wie wir bemerken, befinden wir uns nun an der Bushaltestelle in der Nähe des Kirschgartenweges im Neustädter Ländchen. Dort stehe ich, harre der Dinge und warte auf den Bus.

Ich höre sich nähernde Schritte auf dem Fußgängerweg. Eine Frau hastet auf die Haltestelle zu. Sie scheint etwas knapp in der Zeit zu sein. An sich ist sie jeden Morgen knapp in der Zeit, denn sie rennt eigentlich immer mehr zur Haltestelle als daß sie geht. Und stets schafft sie es auf den letzten Drücker. Heute aber könnte es eng werden.

Es ist noch sehr früh, wir haben Winter. Aus der Dunkelheit schälen sich zwei Scheinwerfer, welche durch verschiedene weitere Leuchtelemente in ihrem unermüdlichen Werk unterstützt werden und die letzten Reste der Nacht durchdringen. Die Scheinwerfer kommen in durchaus schwungvoller Bewegung näher, verlangsamen schlagartig an einer Verkehrsinsel, um dann wieder an Geschwindigkeit zuzunehmen.

Juri!

Ihr kennt doch noch Juri?! Juri, den Busfahrer aus dem ehemaligen Zarenreich.

Auf Höhe der fast rennenden Frau bremst Juri in seiner für ihn typischen Art wohl mit einem beherzten Tritt auf das passende Pedal. Als regelmäßiger Nutzer bestimmter Linien kennt man die Fahrer, und die Fahrer wissen auch, wer Stammgast bei ihnen ist. Der Bus steht gute hundert Meter vor der Haltestelle, Juri öffnet die Tür, lässt im Wohngebiet um fünf Uhr irgendwas kurz die Hupe des Busses erschallen und nimmt die Dame abseits der Haltestelle auf. Nun folgt der obligatorische Tritt auf das Gaspedal, gefolgt von einem eben solchen ordentlichen Tritt auf die Bremse. Der Bus hat die Haltestelle erreicht, ich kann zusteigen.

Die wilde Fahrt führt uns nun zum Haltepunkt Neustädter Ländchen. Hier treffen Bus und Bahn aufeinander, um diese Uhrzeit sogar gleichzeitig, wenn alle Beteiligten pünktlich sind. Die Türen der Regionalbahn öffnen sich, einige Passagiere strömen dem Busbahnhof entgegen. Kein Grund für Juri, weiter abzuwarten. Er schließt die Türen und fährt los, obwohl augenscheinliches Interesse der zu uns Eilenden besteht, mitgenommen zu werden. Damit jedenfalls ist die gute Tat von kurz zuvor wieder ausgeglichen.

Die weitere Fahrt gestaltet sich wie gewohnt. Wer die Achterbahn Wilde Maus kennt, wird so eine Ahnung haben, wovon ich spreche. Einige meiner Kollegen behaupten ja immer wieder, daß unsere Busfahrer ihre Fahrzeuge bewegen wie ostanatolische Kameltreiber. Nun kenne ich keine ostanatolischen Kameltreiber; mir ist ja noch nicht mal bekannt, ob es in Ostanatolien überhaupt und tatsächlich Kameltreiber gibt. Aber wenn es sie gibt, dann würde ihnen Unrecht geschehen, denn ich glaube nicht, daß die ostanatolischen Kameltreiber ihre Tiere so behandeln wie einige unserer Busfahrer ihre Busse. Sollte sich jemand unter meinen Lesern zufällig mit ostanatolischen Kameltreiber auskennen, bin ich für eine Rückmeldung dankbar. So eine Bildungslücke bedarf des Schließens.

Wie üblich reduziert Juri die Geschwindigkeit an allen möglichen Engstellen derart, daß wir schon fast mit Standgas fahren. Über eine längere Strecke schleichen wir hinter einem Radfahrer her, den er nicht überholen will, nur um an geeigneter Stelle erneut Gas zu geben, in verschiedenen Kurven die Breite der beiden Fahrspuren voll ausnutzend - Kurven sind ihrer Definition nach keine Engstelle -  und ist schließlich bemüht, den Frevel zu unterbinden, den ein PKW-Fahrer vorhat: nämlich uns zu überholen. Einen Juri überholt man nicht. Niemals. Außer er legt einen Boxenstopp einen Halt an einer dafür vorgesehenen Haltestelle ein. Aber niemals auf offener Strecke. Denn seiner ist größer als der des anderen.

An einer Haltestelle steigt ein Passagier ein. Kein Stammkunde, denn der hätte wohl eine Monatskarte gehabt. Man einigt sich auf den zu entrichtenden Fahrpreis, Juri nimmt das Geld in Empfang, steckt es in den dafür vorgesehenen Behälter und will das Wechselgeld rausgeben, als er stockt.

„Sie bekommän noch Geld zurück, wieviel habään Sie mir denn gegäbenn?“

Ah ja.

Wir nähern uns nach einer gefühlten Ewigkeit dem Neustädter Hauptbahnhof. Ein Blick auf das Multifunktionsgerät an Juris Arbeitsplatz verrät mir zu meinem Erstaunen, daß wir tatsächlich einige Minuten vor der Zeit liegen. Was durchaus Rückschlüsse auf unsere bisherige Fahrt zulässt.

Juri nimmt die letzte 180 Grad-Kurve zu den Bussteigen mit einem gewissen Schwung und – tja, Ziel verfehlt. Falscher Bussteig. Eine Passagierin macht ihn noch im Rollen darauf aufmerksam. Juri bestätigt das Wissen der Passagierin, gibt nochmal Gas, und mit zwei neuen schwungvollen Kurven erreichen wir den tatsächlich vorgesehenen Haltepunkt. Und zwar immer noch vor der Zeit.

Wie üblich verlässt Juri den Bus, um sich einen Kaffee aus Togo zu holen, plaudert mit anwesenden Kollegen, um dann mit satten fünf Minuten Verspätung wieder abzufahren.

Er wird die Zeit wieder reinholen. Da bin ich sehr sicher.




Donnerstag, 23. Januar 2014

Die natürlichen Dinge

Es war noch ruhig und friedlich in unserem Büro. Das war insoweit nicht verwunderlich, denn ich saß noch alleine in unserem Raum. Da schlich sich Sven etwas unerwartet rein, grinste bis hinter beide Ohren, legte etwas auf Mandys Tisch und verschwand wieder. Ich dachte nicht weiter drüber nach und arbeitete weiter.

Als Mandy erschien, bemerkte sie sofort die Veränderungen auf der Arbeitsplatte, nahm eine Tüte hoch, fing an zu grinsen und sagte etwas, was sich so wie „Der Sack!“ anhörte. Sie öffnete die Tüte und steckte sich etwas von dem Inhalt in den Mund. Auf die Entfernung gesehen hatte es Ähnlichkeit mit Fruchtgummi. Nichts was auch nur im Ansatz meine Begeisterung erzeugen könnte.

Im Laufe des Morgens kam noch die eine oder andere Besucherin. Stets zeige man sich von dem Fruchtgummi sehr angetan und steckte es mit auffälligem Grinsen in den Mund.

Just in dem Moment, als sich mal wieder ein kleines Rudel um Mandy versammelt hatte, erschien auch Karla endlich auf der Bildfläche. Natürlich war sie neugierig und mischte sich unter das Rudel, bis plötzlich…

„IHHH, das kann man doch nicht in den Mund stecken. BAAAHHH!“

Es wurde Zeit für mich als Stubenältester, der Sache dann doch mal auf den Grund zu gehen.

„Mädels, was habt ihr denn da?“

Mandy grinste mich an. „Hier, schau selbst.“

 


„Sven hatte mir immer schon angekündigt, mir mal einen Gummipimmel mitzubringen. Jetzt habe ich sogar ganz viele bekommen.“

Also echt jetzt, wenn meine Mutter wüsste, wo ich fast jeden Tag hingehe, würde die mich nie wieder vor die Tür lassen.



Mittwoch, 22. Januar 2014

Generationenwechsel

Heute möchte ich Sallys letztes Kapitel im großen Buch der Katzenbande auch für mich zum Abschluss bringen. Was nicht bedeutet, daß sich nicht noch später ein paar Anekdötchen finden, die sich zu erzählen lohnen.

Es ging mit Sally nun doch schneller zu Ende als zunächst erwartet. Schon vor einiger Zeit bemerkten wir, daß sich in der Kniebeuge eines ihrer Hinterbeine eine Verkrustung gebildet hatte, an der sie immer wieder leckte. Die Vermutung, daß ein schmerzendes Gelenk Ursache ihres Leckens war, welches letztendlich zu dieser wunden Stelle führte, lag nah. Wer jemals von einer rauhen Katzenzunge gestreift wurde, wird von der Reibewirkung nicht unbeeindruckt bleiben. Die so entstandene Verletzung war natürlich auch Thema im Rahmen dieses Tierarztbesuches. Die Tierärztin wollte die Verkrustung entfernen, unterließ es jedoch, als sie bemerkte, daß dieses für Sally mit großen Schmerzen verbunden war. Also entschieden wir uns, die Verletzung mit einer Salbe zu behandeln und zu verbinden, damit die Kruste aufweichen könnte und Sally der Zugang verwehrt wäre.

Samstags waren wir in der Lage, die Kruste etwas anzuheben – mit dem Ergebnis, diese tunlichst dort zu lassen, wo sie war, denn das, was meine Angetraute darunter fand, war kein schöner Anblick. Wir vermuteten, daß es Sallys Wohlbefinden nicht zuträglich wäre, die Wunde blank zu legen. Der nächste Tierarzttermin würde am Montag sein; er war bereits im Vorfeld vereinbart. Zu diesem Zeitpunkt hegten die zweitbeste Ehefrau von allen und ich schon die Vermutung, daß Sallys Ende jetzt unabwendbar gekommen sei.

Bei der Untersuchung stellte die Tierärztin fest, daß das, was meine Angetraute gesehen hat, eine blank liegende Sehne war. Die Wunde würde nicht mehr verheilen können und barg ein hohes Risiko, sich zu entzünden. Das wollten wir Sally nicht antun, so daß ich die Entscheidung traf, nunmehr zum Ende zu kommen. Wie seinerzeit schon bei Daisy fand die Tötung – nennen wir wenigstens einmal beim Namen - sehr würdevoll statt. Ich war gefasster als noch in der Woche zuvor, auch wenn es nicht ohne Tränen abging. Sally hat ihre letzten bewussten Minuten in diesem Leben in meinen Armen verbracht.



Und nun?

Von Lilly wird Sally wohl nicht vermisst werden. Schon als Lilly vor fast sechs Jahren zu uns gekommen ist, hat Sally eindeutig gezeigt, daß sie mit dem kleinen Wirbelwind nichts zu tun haben möchte. Keine gute Voraussetzung für ein herzliches Verhältnis. Außerdem neigt Lilly zu Eifersüchteleien. Und Grund dazu hatte sie in den letzten Monaten aus naheliegenden Gründen reichlich. Daher dürfte für Lilly die Welt jetzt wieder in Ordnung sein. Allerdings zeigte sie aufgrund der erkennbaren Veränderung in der Familie am nächsten Tag doch eine gewisse Nervosität. Außerdem ist sie deutlich stärker auf Körperkontakt zu uns fixiert.

Smilla und Sally hatten ebenfalls nicht viel miteinander zu tun. Man beschnüffelte sich gelegentlich, aber mehr Kontakt fand nicht statt. Doch wurde Smilla von der spürbaren Unruhe am ersten Tag nach Sallys Einschläferung angesteckt. Für sie beginnt nun aber wieder der Einzug lieber Gewohnheiten. Denn Smilla schläft am liebsten auf dem Bett meiner Angetrauten im Mädchenzimmer. Besonders gerne natürlich, wenn diese auch mit vor Ort ist. Da Sally in den letzten Monaten jedoch damit begann, während der ersten Stunden meiner Abwesenheitszeiten von zu Hause herumzuschreien und in ihren letzten Tagen auch wieder das beabsichtigte oder unbeabsichtigte Pinkeln außerhalb des Katzenklos angefangen hat, blieb die Tür zum Mädchenzimmer sehr zu Smillas offenkundigem Missvergnügen regelmäßig geschlossen. Nun steht sie wieder offen und Smilla ist zufrieden.

Marty aber ist es gelungen, Sallys Herz zu öffnen. Regelmäßige Zeiten gegenseitiger Fellpflege waren üblich, und auch Nickerchen wurden bis vor einigen Wochen zuweilen aneinandergekuschelt abgehalten. Während Sally wegen ihrer Verletzung ein neuer Verband angelegt wurde, zeigte sie aufgrund der Schmerzen deutliches Unbehagen. Natürlich war die Katzenbande neugierig. Katzen können ja so schaulustig sein. Sensationsgierige Bande. Marty allerdings war drauf und dran, zu Sallys Verteidigung gegen die vermeintliche Misshandlung - insbesondere durch meine Angetraute - einzugreifen. Das Unterfangen war zwar sehr ehrenhaft und hat in der Nachbetrachtung für mich auch irgendwie was Rührendes, konnte aber natürlich keinesfalls geduldet werden. Ein gewonnenes Blickduell zwischen ihm und meiner Angetrauten schaffte schnell Klarheit darüber, daß es ihm nicht gut bekommen würde, dazwischen zu gehen.

Am Tag nach Sallys Tod merkte Marty auch, daß er Sally nun ungewöhnlich lange nicht gesehen hatte. Er fing damit an sie zu rufen und suchte die ganze Wohnung nach ihr ab, bis er nach anderthalb Stunden schließlich aufgab.

Und wir? Natürlich spüren wir den Schmerz des Verlustes. Aber es ist nicht zu leugnen, daß auch eine gewisse Erleichterung Einzug gehalten hat. Denn gerade jetzt, nachdem alles vorbei ist, wird uns wirklich bewusst, welchen Einschränkungen wir, vor allen Dingen aber meine Angetraute, in den letzten Monaten unterlegen haben. Menschen, die Angehörige pflegen, werden dies nachvollziehen können. Wobei ich die Versorgung und besondere Rücksichtnahme auf Sallys Bedürfnisse ausdrücklich nicht mit der Pflege eines Menschen gleichsetzen möchte.

Selbst wenn die Versuchung da ist, wieder einer vierten Katze ein neues Zuhause zu bieten, werden wir dies nicht tun. Es war vor sechzehn Jahren nur vorgesehen, zwei Katzen bei mir bzw. später uns aufzunehmen. Lilly kam seinerzeit im Rahmen einer Notvermittlungsehr spontan hinzu. Und die Folgen von Daisys Tod machten es Marty und Smilla möglich, in unsere Familie aufgenommen zu werden. Aber der längerfristige Unterhalt von vier Katzen ist letztendlich auch eine finanzielle Frage. Die Kosten eines Katzenlebens sind nicht zu unterschätzen und unser Dukatenscheißer im Keller hat Verstopfung.

Nach Lucys, Daisys und nun Sallys Tod ist die erste Generation der Katzenbande abgetreten. Mit Lilly, Marty und Smilla ist die nächste Generation angetreten, die weiteren Kapitel im Buch der Katzenbande alleine zu schreiben.

Nun warten wir darauf, die Urne mit Sallys Asche ausgehändigt zu bekommen.

Die zweitbeste Ehefrau von allen und ich bedanken uns nochmals für eure in den Kommentaren geäußerte Anteilnahme.






Sonntag, 19. Januar 2014

Mal wieder einer dieser Tage

Es gibt ja diese Tage. Diese ganz speziellen Tage. Nein, nicht die Tage. Tage, die auch Männer haben. Die Tage eben, an denen schon vor dem Aufstehen klar ist, daß man sich von dem Gedanken, das friedliche Bett verlassen zu wollen, tunlichst und mit aller Konsequenz wieder verabschieden sollte.

Heute ist einer dieser Tage, an denen nichts richtig rund läuft. Und nachdem meine wiederholten Versuche, einen unterhaltsamen Blogeintrag zum heutigen Vormittag zu verfassen, folgerichtig  in die Hose gingen, habe ich auch dieses Unterfangen aufgegeben.

Nein, ich gehe nicht wieder ins Bett.

Mist, schon wieder etwas, was nicht funktioniert.


Samstag, 18. Januar 2014

12

Feierabend. Die Uhrzeit war etwas unglücklich gewählt, denn mein Anschlußbus vom Haltepunkt Neustädter Ländchen aus war gut mit schulpflichtigen Kindern gefüllt. Wie stets zu diesen Gelegenheiten saßen die lieben Kleinen auf ihren Plätzen, während die ältere Generation, insbesondere die über Vierzigjährigen, ihre bereits vom Leben gezeichneten gestählten Muskeln in den Beinen dazu verwendete, die weitere Reise stehend hinter sich zu bringen.

Wir sind nicht so verweichlicht, sondern haben das harte Leben noch kennengelernt und profitieren heute davon, daß wir schon als wir noch selber Kinder waren in den überfüllten Bussen immer stehen mussten. Was so rein beiläufig bemerkt auch für ärztliche Wartezimmer gilt. Und in den Sitzecken der Friseure war das auch nicht anders. Ja, wir können es noch. Wir haben es halt drauf. Nur kein Neid, ihr jungen Hüpfer.

Der Haltepunkt Neustädter Ländchen ist schon ein kleines Drehkreuz öffentlicher Verkehrsmittel. Hier hält zwar nur eine Regionalbahn und keine weitere Eisenbahnlinie, dafür aber findet sich Anschluß an deutlich mehr als zehn Buslinien.

Unser Bus fuhr ab und fädelte sich in den eher ruhigen Verkehr ein. Aus einer anderen Richtung war in deutlichem Abstand der Bus einer anderen Linie zu erkennen.

„BOAAAHHH, 12!!!“ tönte es laut aus Richtung des kleinen Jungen.

Ja, da fuhr ein Bus der Linie 12. Fahrzeug in Standardausführung. Andere Straße, andere Strecke, ganz andere Richtung. Ich habe beim besten Willen nicht den Ansatz einer Erklärung gefunden, was daran jetzt so beeindruckend war.




Freitag, 17. Januar 2014

Ist doch fast nebenan

Rebecca kam strahlend zur Tür rein. Noch bevor sie die Tageszeit verkünden konnte ließ sie uns wissen, daß sie wahrscheinlich eine Location (ich mag das Wort immer noch nicht) für das Event (dieses Wort auch nicht)gefunden habe.

Gut, die Suche ist nicht ganz ohne Aufwand verbunden. Die Betreiber der in Frage kommenden Veranstaltungsorte (na also, geht auch mit ohne Englisch)  erwarten bei uns in der Gegend eine Voranmeldung über einen Zeitraum von 1 ½ Jahren. Darunter könnte es eng werden. Die Standesämter hingegen vergeben Termine für maximal vier Monate im Voraus. Eine unglückliche Kombination.

„Wo hast du denn was gefunden?“ fragte ich.  Ja, ich weiß. Und Rebecca wusste es auch.

„Du wolltest doch nichts mehr fragen.“ grinste sie mich an. „Es ist das Augustinum. Ich habe einen Prospekt von denen gefunden. Da ist ein ganz toller Saal für solche Anlässe. Am Telefon hat man mir versichert, in der für uns interessanten Zeit wären noch Termine frei.“

„Haben die denn ausreichend eigene Parkplätze?“

„Davon stand nichts im Prospekt. Aber die werden schon was haben.“

„Kann es sein, daß du keine Ahnung hast, wo das Augustinum ist?“

„Nein, weiß ich nicht. Wir wollten demnächst mal dort vorbeifahren.“

„Das kannst du dir sparen. 100 Meter die Straße runter, zweimal links und einmal rechts. Von hier aus gesehen 50 Meter Luftlinie.“

„Ach, das ist ja toll, dann finde ich das schon.“

„Na dann viel Glück. Ich weiß, daß da ein Innenhof ist, auf den zehn Autos passen. Das war es dann aber auch. Wir sind hier in der Innenstadt, und du brauchst Parkplätze für mindestens 88 Gäste.“

„Oh…“

Mir tat es ja auch Leid, ihr die gute Laune wieder zu vermasseln. Ehrlich.



Donnerstag, 16. Januar 2014

Rückruf

Seit einigen Tagen ruft uns ein Mann aus der Nachbarstadt regelmäßig zu Hause an. Die Uhrzeiten sind in Ordnung, aber für uns aktuell etwas unpassend, so daß keiner von uns – ich schon mal gar nicht, meine Angetraute war stets verhindert – ans Telefon geht. Da wir den Anrufbeantworter zur Abwehr lästiger Callcenter-Anrufe vorgeschaltet haben, schafft er es nicht, uns zu erreichen. Also bittet er um Rückruf. Haben wir bislang aber nicht gemacht.

Es ist durchaus eine ungewöhnliche Situation, denn unsere Festnetznummer ist kaum jemandem bekannt und steht auch nicht im Telefonbuch. Irgendwann muß sie ein Anrufroboter als aktive Nummer herausgefunden haben, worauf hin sie vermutlich von Adresshändlern an Callcenter weiterverkauft wurde, denn wir werden mit derartigen Cold Calls ziemlich eingedeckt. Und komme mir keiner mit Gewinnspielen oder so einem Blödsinn, bei dem wir unser Einverständnis für so etwas gegeben haben. Unsere Festnetznummer ist nicht öffentlich und wir nehmen auch nicht an solchen Spielen teil.

Der seiner Stimme nach zu urteilen schon ältere Mann spricht uns mit breitem hier heimischem Dialekt auf seiner Ansage namentlich an, aber das hat nichts zu sagen. Bis vor einigen Wochen war auch unsere Bandansage anonym, aber aus Gründen der beginnenden Selbständigkeit der zweitbesten Ehefrau von allen konnte dies – zumindest vorübergehend – nicht so bleiben. Potentielle Kundschaft meiner Angetrauten kann es aber eigentlich noch nicht sein.

Es stellt sich die Frage, woher er unsere Nummer hat? Und was er will, denn das sagt er nicht. Das aber wäre die Voraussetzung dafür, ihn auch tatsächlich mal zurückzurufen und darüber hinaus schon ein Akt der Höflichkeit.

Tante Google kann auch nur bestätigen, daß seine Telefonnummer mit dem angegeben Namen übereinstimmt. Dazu kennen wir jetzt auch seine Adresse, mehr ist aber nicht herauszufinden.

Nö. Solange er nicht sagt, um was es geht, hat er Pech gehabt.




Mittwoch, 15. Januar 2014

Das Ende einer Reise (3)

Sonntag

Das Bett hält mich lange fest. Ich lasse das Radio laufen, meine Gedanken sind aber ganz woanders. Ich bin hin- und hergerissen von den Überlegungen, wie es morgen mit Sally weitergeht. Die Entscheidung treffe ich alleine. Aber die Tierärztin wird meine Entscheidung sicher beeinflussen. Vielleicht genügt es, Sally Tabletten gegen Schmerzen und Übelkeit zu geben. Aber genauso gut könnte sie erklären, daß es für Sally zu spät ist. Ich möchte mich nicht von einem Übermaß an Hoffnung einfangen lassen.


ca. 2005 - wo sie ist, da ist die Sonne

Immer wieder schweifen meine Gedanken ab. Wenn es in den zwei freien Tagen im Büro so läuft, wie ich befürchte, kann ich da ab Dienstag übernachten. Wir fahren seit November eine Verzweiflungs-Sonderaktion. Diese beinhaltet, die Kollegen unter anderem von den Vorgängen mit Bezug auf die Selbständigen und der Erteilung der Abgabenbescheide zu befreien. Diese Fälle lagern jetzt nahezu komplett bei mir. Und das zu einer Zeit mit erhöhtem Antragsaufkommen. Der Jahreswechsel eben. Alle Jahre wieder. Dafür kann ich andere Vorgänge verteilen.

Unser Fachbereich IT hat die Umstellung auf das SEPA-Verfahren auf das Gründlichste vermasselt. Ich stoße seit drei Wochen immer wieder auf Fehlverarbeitungen, die bereinigt werden müssen, auf knappe Zeitfenster, in denen zahlreiche Dinge zwingend zu erledigen sind, und viele kleinere Katastrophen mehr. Diese Arbeit macht mir dem Grunde nach sogar Spaß, aber die Masse und der Druck, der dahinter steht, ist zu viel. Ich komme nicht dazu, die schon brennenden, aufgrund ihrer Komplexität von den Kollegen bislang nicht angegangenen Altfälle auch nur anzufassen, weil das Tagesgeschäft meine volle Aufmerksamkeit erfordert. Zwingend. Und dieses Mal ist wirklichalles eilig.


2010 - schön warm

Außerdem muß ich mich um meinen Auszubildenden kümmern. Und der soll gerade die Aktenthematiken, mit denen ich mich jetzt zu befassen habe, ausdrücklich nicht bearbeiten. Die mir zur Seite gestellte Assistentin, welche diese Vorgänge wirklich genau so gerne bearbeitet wie ich, hat die Grenzen ihrer Belastbarkeit erreicht. Sie ist unheilbar krank, MS. Übermäßiger Stress ist Gift für sie und begünstigt den Ausbruch eines neuen Schubes. Also fange ich Akten von ihr ab, ohne daß sie es merkt, und erledige diese selber. Zusätzliche spanne ich unplanmäßig den Ökoklaus und Frl. Hasenclever für meine Bedürfnisse ein, bevor alles zusammenbricht.

Gegen 7.15 Uhr stehe ich auf. Sehr spät für mich, nicht allzu spät für Sallys Versorgung. Sie frisst wieder wie ein Scheunendrescher. Draußen ist es kalt. Ein Tag für die Sauna. Diese könnte ich gleich im Sporttempel benutzen. Morgens habe ich da auch meine Ruhe, wäre nahezu ungestört. Aber ich will Sally nicht so lange alleine lassen, während meine Angetraute nach absolvierter Nachtschicht noch schläft. Also nur die übliche Sportrunde.

Gerne würde ich Sally nochmal wiegen, aber ich habe Angst vor dem Ergebnis. Wenn sie weiter abgenommen hätte, würde ich innerlich zusammenbrechen. Ich lasse es sein.

Wieder zu Hause gebe ich Sally ihr Futter. Das Bereitstehende ist ihr zu alt, sie lehnt es ab. Also hole ich eine frische Ladung. Diese nimmt sie an. Im Kühlschrank stehen nur noch eine Flasche der Basisflüssigkeit und der Rest der bereitgestellten Mischung. Alles zusammen reicht für eine Woche. Sollte Sally den morgigen Tag überleben, muß zügig nachbestellt werden. Wenn nicht, ist es egal. Ich habe keine Lust, irgendetwas zu machen und verziehe mich wieder ins Bett. Vielleicht kann ich ja etwas lesen.

Nach dem Aufstehen – natürlich hatte ich das Buch nur kurz angefasst, um es auf dem Nachttisch zu verschieben - spüre ich den beginnenden Muskelkater. Um mich zu betäuben hatte ich die Gewichte beim Sport nochmals deutlich raufgesetzt. Macht nichts. Wenn Muskelkater da ist, hat es was gebracht.


2013 - Halswirbel lockern

Sally leert die Schüssel aus. Später geht sie zum Trockenfutter, mag aber das Angebot nicht. Genau wie der Rest der Katzenbande, welche aber dennoch davon frisst. Wir geben Sally eine andere Auswahl. Sie nimmt ein wenig zu sich. Es ist nur Knabberei.

Meine Angetraute möchte Sally später nochmal wiegen. Meine Stimmung sinkt wieder. Es kommt die Vermutung auf, daß Sally sich bei Lilly angesteckt hatte und deswegen in der ersten Januar-Woche so wenig gefressen hat. Wir vergessen, daß Sally nochmal gewogen werden sollte.



Montag

Morgens ist die elektrische Küchenwage schnell aufgebaut. Ich schnappe Sally und setze sie auf die Grundplatte. Es ist nicht ganz einfach, denn die Fläche ist glatt, aber schließlich ist alles so, wie es sein soll. Sally hat ihr Gewicht seit Donnerstag in etwa gehalten. Immerhin etwas. Aber trotz der Fresserei hat sie nicht zugenommen.  Zwar bin ich nicht mehr am Boden zerstört, aber immer noch ausgesprochen unruhig und kuschle mit Sally. Die Zeit vergeht unaufhaltsam. Ich schaue mir mal wieder alte Katzenfotos an.

In der Tierarztpraxis kommen wir nach eingehender Untersuchung dahingehend überein, Sally eventuelle Schmerzen zu nehmen und zu beobachten, wie sie sich entwickelt. Ich bin kaum in der Lage zu reden. Die Tierärztin gibt Sally noch eine Lebenserwartung, die sich eher in Wochen als in Monaten bemisst. Wieso ist es so hart, so etwas aus berufenem Mund zu hören? Diese Erkenntnis hatte ich doch selbst auch schon. Ich habe ja nicht mal damit gerechnet, daß Sally ihren 16. Geburtstag noch erlebt und war schließlich auch bereit, sie heute einschläfern zu lassen. Nun besteht immerhin die Wahrscheinlichkeit, daß sie noch ein paar schöne Wochen erleben kann, bevor das Unvermeidliche eintreten wird.


Silvester 2013 - das neue Mäuerchen hält

Das Ende von Sallys lebenslanger Reise hat begonnen. Der Zielbahnhof ist in Sicht. Es gab auf der Fahrt wider Erwarten nur eine Verspätung. Sally wird die wärmende Frühjahrssonne wohl nicht mehr erleben.

Draußen, auf der Fensterbank des schönen Backsteingebäudes, in welchem sich die Tierarztpraxis befindet, präsentieren Stiefmütterchen eine blaue Blütenpracht.

Es ist Winter. Wir haben den 13. Januar 2014.


(Ende – vorerst)


Nachtrag:

Die drei Blogeinträge entstanden abschnittweise nahezu unmittelbar nach dem jeweils beschriebenen Ereignis in der Zeit vom  9. bis 13. Januar, nachdem die Entscheidung gefallen war, Sally einschläfern zu lassen. Mein Ansinnen lag darin, die Situation und meine Gedanken in Sallys letzten Tagen für mich festzuhalten. Wie das Finale aussehen würde, konnte niemand absehen. Es war nicht beabsichtigt, einen Cliffhanger mit überraschendem Ausgang zu erstellen. 

Ein glückliches Ende sieht mit Sicherheit anders aus. Es ist noch nicht ausgestanden; eine Wendung zum Schlechteren ist nicht unwahrscheinlich. 

In der Nachbehandlung habe ich meine Formulierungen lediglich einer sprachlichen Fehlerbereinigung unterzogen, ohne die Inhalte zu verändern.



PS: Meinen Dank für die Anteilnahme in den lieben Kommentaren sowie der direkten Kontaktaufnahme - auch zu den vorherigen Teilen.




Dienstag, 14. Januar 2014

Das Ende einer Reise (2)

Freitag

Wie immer wache ich viel zu früh auf und bekomme noch mit, wie meine Angetraut in ihrem Zimmer zu Bett geht. Lilly ist bei mir; sie hat in den letzten Wochen die Gelegenheit genutzt und die beiden freien Katzenplätze in meinem Bett eingenommen, die Sally einst so hartnäckig und für ihre Verhältnisse sogar aggressiv verteidigt hat. Sie liegt nicht mehr nur neben mir, sondern auch wahlweise auf mir oder in der Kuhle, die ich mit meinem angewinkelten Bein unter der Bettdecke bilde. Das waren 16 Jahre lang Sallys Plätze. Und nur ihre. Alleine Lucy durfte in beider ersten Monate bei mir auch mal dahin.

Ich fühle mich unauffällig. Der Gedanke an das Kommende führt gerade zu keinen besonderen Gefühlsregungen. So beschließe ich, doch zur Arbeit zu gehen. Den Tag beginne ich wie üblich. Als ich anfange in der Küche die ersten Arbeiten zu verrichten, steht Sally in der Tür und macht sich kurz aber lautstark bemerkbar. Ich setze sie auf ihren Stammplatz auf der Rückenlehne unseres Monsters und biete ihr frisches Futter an, aber sie nippt nur kurz. Also stelle ich es wieder weg und nehme die Kleine auf den Arm. Sofort kuschelt sie sich an mich, was nun doch bei  mir zu einem Gefühlsausbruch führt. Ich setze mich in unseren Sessel, halte sie fest und streichle sie.


2001 - alles ist erreichbar
 
Meine Angetraute kommt nochmal aus dem Mädchenzimmer um ihre Wärmflasche neu zu füllen. Sie bleibt etwas bei uns, fragt mich wieder, ob ich zurecht käme. Ja, alles ok. Wirklich reden kann ich nicht. Sie legt mir die Fahrzeugpapiere von Balduin hin. Zum Sport würde sie wohl doch nicht fahren; die Nacht war ganz offensichtlich zu lang. Sie geht wieder zu Bett. Es ist für mich in Ordnung.

Sally hält sich hartnäckig an mir fest und döst nach einiger Zeit ein. Ich verspüre ein menschliches Rühren, verkneife es mir aber. Jetzt will ich nicht aufstehen. Ich überlege, nun doch frei zu nehmen, denke aber auch an die liegenbleibende Arbeit und die Post, die noch bei mir darauf wartet, zum Versand gegeben zu werden und die unbedingt heute auf den Weg gebracht werden sollte.  Alles keine unlösbaren Probleme, aber rationales Denken ist in diesem Moment nicht möglich.

Irgendwann ist die Zeit vorbei, zu der ich noch unter für mich vertretbaren Umständen – Stichwort überfüllte Busse und freie Parkplätze – zur Arbeit kommen würde. Also sollte ich doch besser Urlaub nehmen. Wozu habe ich noch den kompletten Jahresurlaub aus dem letzten Jahr zur Verfügung? Und Überstunden sind auch wieder reichlich vorhanden, das Jahr dauert immerhin schon eine Woche.


1999  - so ein Wäschetrockner hat auch was für sich

Schließlich kann ich dem Drang zur Toilette zu gehen nicht mehr widerstehen. Ich setze Sally wieder auf ihren Stammplatz ab und verschwinde kurz. Als ich zurückkomme steht Sally auf der Rückenlehne und schaut mich verwirrt an. Ob sie mich wirklich sehen kann ist zumindest zweifelhaft, denn ihre Sehkraft hat vermutlich auch nachgelassen. Ihre Pupillen regieren bei Lichteinfall so gut wie gar nicht mehr. Aber eindeutig nimmt sie mich wahr. Das kann ja auch über meine Geräuschentwicklung geschehen sein. Ich hole Sally zu mir und setze mich auf das Sofa. Sofort brummt sie vor sich hin und beginnt zu kuscheln.

Meine Gedanken kreisen. Ist die Entscheidung richtig, sie von dem beginnenden Leid erlösen zu wollen? Jegliche Verhaltensweisen von ihr werden von mir interpretiert. Will sie wieder am Leben teilnehmen? Ist sie nur wegen der für sie schlechten Ernährungslage so relativ teilnahmslos? Sie hat sich immerhin noch nicht von uns zurückgezogen. Zeigt sie damit, daß sie noch nicht zum Sterben bereit ist? Sollen wir sie mit einer Zwangsernährung quälen? Oder retten wir sie? Leidet sie? Katzen sind Raubtiere. Wenn sie leiden, zeigen sie es nicht, um sich nicht zum auserkorenen Opfer anderer Raubtiere zu machen. Es ist sehr schwierig einzuschätzen. Ihr Bewegungsradius befindet sich zwischen Sofa und Katzenklo. Nur in Ausnahmefällen findet man sie noch woanders. Und die beginnende Demenz ist auch nicht zu verleugnen. Die Anzeichen sind zu eindeutig.


1999 - vorne Lucy, dahinter Sally, darunter Paterfelis

Als die Zeit genug fortgeschritten ist und ich vermuten kann, daß Frl. Hasenclever zwischenzeitlich im Büro aufgeschlagen ist, rufe ich an und bitte um Urlaub für heute und Montag. Als Begründung gebe ich einen Trauerfall an. Ich kann kaum sprechen. Es hat für mich etwas Obszönes, so zu reden, als sei Sally schon tot. Aber so würde es kommen. Und der Trauerfall ist bereits da, gleich ob sie noch lebt oder schon tot ist.

Es ist anstrengend, über Leben und Tod eines geliebten Wesens, welches wir als Familienmitglied betrachten, zu entscheiden. Wenn zu ahnen ist, daß es zur Einschläferung kommt, sich dies aber wie seinerzeit bei Daisy innerhalb weniger Stunden tatsächlich entscheidet und umgesetzt wird, tut es schon weh. Aber bereits Tage vorher den genauen Zeitpunkt zu kennen, an dem der Abschied kommen wird, ist einfach nur brutal.

Am fortgeschrittenen Morgen lege ich mich wieder ins Bett. Krampfhafter Tränenfluss verursacht Kopfschmerzen. Nachmittags zeigte Sally sich wieder an Dingen interessiert, die um sie herum geschahen. Zum Beispiel an dem Geräusch der Kugel, die bei richtiger Bewegung ein Leckerchen rauslässt. Nein, sie hat es nicht gefressen. An der Kugel selbst war sie auch nicht. Aber sie war neugierig genug, um sich dahin zu bewegen und zu beobachten, was Lilly und Smilla damit anstellen. Und wieder kommen Zweifel an der Entscheidung auf. Allerdings hätte sich Sally früher die Gewalt über diese Kugel nicht wegnehmen lassen. Nicht mal von Daisy und schon gar nicht von Lilly. Im Badezimmer schaue ich fast schon zwangsläufig in den Spiegel und sehe mein Gesicht. Ich kann nicht erkennen, ob die dunklen Ringe unter meinen Augen echt sind oder nur ein Schattenwurf der Brille.

Nachmittags normalisiert sich die Lage. Ich fange wieder an zu bloggen – wenn auch nur Beiträge aus der Reserve – und beantworte eingegangene Kommentare. Die Schatten sind geblieben.



Samstag

Meine Angetraute muß heute nicht zur Trainerschule. Ich habe Balduin planmäßig zur Verfügung und beabsichtige, den Wocheneinkauf zu erledigen. Dies ist für mich im Moment durchaus gewagt, denn wenn ich eine akute mentale Vorbelastung habe, könnte das zu einer Panikattacke führen. Aber ich will raus.

Seit Tagen verfolgen mich die Bilder von Miss Daisys Einschläferung. Immer und immer wieder kommen sie in mein Bewusstsein, im Bus, im Büro, im Bett, auf dem Sofa vor dem Fernseher oder dem Rechner. Ich tausche innerlich Daisy Abbild gegen Sally aus. Das macht es nicht besser, aber ich kann nicht anders.


2000 - auch gemütlich
 
Das Tagesgeschäft beginnt normal. Zuerst versorge ich Sally; sie frisst für diese Uhrzeit gut. Ich überlege, ihr an ihrem letzten Tag nochmal Thunfischwasser zu geben. Als Henkersmahlzeit. Dann befinde den Gedanken als ekelhaft und verwerfe ihn. In mir fährt eine Achterbahn auf und ab. Auf dem Sofa verrenke ich mir durch eine unglückliche Bewegung den Rücken. Nicht dramatisch, aber es reicht, um mich in meinen Bewegungsabläufen einzuschränken. Das wird wieder von alleine. Einfach ignorieren und so viel und so normal wie möglich bewegen. Die Tränen sind noch nicht versiegt. Das Gesicht im Spiegel sieht immer noch nicht besser aus. Das Weiße in den Augen ist gerötet. Vielleicht gibt sich das in der nun endlich fast winterlich kalten Morgenluft.

Lilly und Smilla toben durch die Gegend. Marty hat seinen Lieblingsplatz auf dem Kratzbaum im Gartenzimmer besetzt und lässt sich von nichts und niemanden bei seinem Morgennickerchen stören. Sally tut es ihm nach ihrem Frühstück auf dem Monster gleich. Ich ziehe mich an, packe das Leergut ein und fahre zum Einkaufen. Alles geht gut, und auch die Schmerzen im Rücken lassen nach. Die Luft ist angenehm.

Wieder zu Hause bürste ich Sally. Ihr gefällt es. Lilly fordert ihr Recht auf Streicheleinheiten ein, ebenso Smilla. Marty schaut nur kurz vorbei und verschwindet dann wieder. Für ihn ist die Welt in Ordnung.

Die Wolken brechen auf, Sonnenstrahlen fallen durchs Wohnzimmerfenster ein und treffen Sally. Wenn man der Wettervorhersage Glauben schenken darf, könnten dies die letzten Sonnenstrahlen in ihrem Leben sein, die sie wärmen werden. Mir geht es schlecht. Die Weihnachtsdekoration an der Wohnungstür könnte jetzt auch so langsam mal verschwinden.


2000 - immer ein gutes Buch zur Hand Pfote

Abends überrascht Sally mit einem Kontrollgang über die Etage, einem wiederholt angemeldeten Kuschelbedürfnis und einem Magen, in dem Unmengen ihres Futters verschwinden. Außerdem bewegt sie sich zielgerichtet aus zwei Meter Abstand auf ein auf dem Boden liegendes Leckerchen zu, allerdings ohne es zu fressen. Dunkelbraunes Leckerchen auf schwarzen Fliesen. Sie muß es jetzt gesehen haben, denn es lag schon länger dort. Und komme mir keiner mit Vorsehung und daß sie uns zeigen will, daß es für sie noch nicht zu spät ist. An so etwas glaube ich nicht. Ich bekomme so etwas wie Hoffnung. Oder handelt es sich bei ihr nur um ein letztes Aufbäumen?

(wird fortgesetzt)



Montag, 13. Januar 2014

Das Ende einer Reise (1)

Dieser Eintrag ist lang. Im Gegensatz zu meiner sonstigen Art wollte ich keinen Mehrteiler daraus machen, bloß weil das sonst von mir veranschlagte Maß von gut einer DIN A4-Seite Text als Höchstgrenze für einen Einzeleintrag allzu deutlich überschritten wurde. Aber es war dann doch zu viel des Guten.

Der Monat Januar scheint kein guter Monat für die Angehörigen unserer Katzenbande zu sein. Am 30. Januar 2000 starb Sallys Schwester Lucy. Am 13. Januar 2012 begann der letzte Kampf um Miss Daisys Leben, den sie nach vier Wochen verloren hat. Und nun geht es um Sally. Eine Chronik der letzten Tage:


1998 - ein Katzenwelpe erobert die Welt

Herbst 2013 und die erste Januar-Woche

Sally wird nun schon seit Monaten mit einem Spezialfutter ernährt, da sie an das normale Katzenfutter nicht mehr heranging. Selbst Leckerchen nimmt sie nur alle paar Tage zu sich. Es gelang uns seinerzeit, ihr verloren gegangenes Gewicht wieder etwas in die Höhe zu treiben. Natürlich gab es seitdem immer wieder Phasen, in denen sie auch dieses Futter nicht mehr zu sich nehmen wollte. Für eine eng begrenzte Zeit war das auch in Ordnung, aber es durfte nicht zu lange andauern. Trat solch eine Situation auf, gaben wir ihr die Flüssignahrung mit sanftem Druck und unter Zuhilfenahme einer Spritze direkt in die Schnauze. Danach lief meistens alles wieder ganz normal.

Da wir das Futter aufgrund dessen Wärmeempfindlichkeit und dem möglichen Zugriff unserer anderen Katzen nicht offen stehen lassen können, müssen wir es ihr in gewissen Abständen immer wieder anbieten und danach stets sicher lagern. Sally ist aber immer schon eine schlechte Frühstückerin gewesen; sie frisst in der Hauptsache nachmittags und nachts. Also muß einer von uns regelmäßig Nachtschichten einlegen, um die Versorgung zu gewährleisten. An Werktagen übernimmt das die zweitbeste Ehefrau von allen, vor arbeitsfreien Tagen erledige ich dies in jüngerer Zeit oft. Dies ging nun schon seit einigen Monaten so.

Dennoch bemerken wir, daß Sally nicht so viel frisst, wie sie es tun sollte. Sie nimmt wieder ab. Wir beginnen im Januar wieder, ihr die fehlenden Rationen mit der Spritze einzuflößen.

Seit Wochen schon schläft Sally nicht mehr in meinem Bett. Dies liegt vermutlich daran, daß sie nicht mehr schnell genug auf meine nächtlichen Bewegungen reagieren kann. Auch beschäftigt sie sich nicht mehr mit Marty, dem sie noch vor wenigen Monaten hingebungsvoll das Fell geleckt hatte. Die Entwicklung bereitet uns Sorge. Schon seit Tagen mache ich mir Gedanken, ob nun der Zeitpunkt naht, dem sich abzeichnenden Elend ein Ende setzen zu lassen.


1998 - eine handvoll Katze

Donnerstag

Als ich von der Arbeit nach Hause komme, finde ich die große Küchenwaage aufgebaut auf der Arbeitsplatte vor. Meine Vermutung, daß meine Angetraute Sally mal wieder gewogen hat, bestätigt sich. Und auch die Befürchtung, daß unsere Seniorin gerade stark an Gewicht verliert. Sie wiegt nur noch knapp über drei Kilogramm.

Die endgültige Entscheidung über Sallys weiteres Schicksal liegt bei mir, denn sie ist einvernehmlich meineKatze. In unserer Ehe ist fast alles unser, doch gilt dies nicht für Sally. Sie lebt schon länger mit mir zusammen als meine Angetraute und ich uns überhaupt kennen. In Anbetracht der Entwicklung, Sallys zunehmender körperlichen Schwäche und beginnenden Interessenlosigkeit sowie der sich abzeichnenden Gebrechen, ringe ich mich zu der Entscheidung durch, die Einschläferung in Betracht zu ziehen. Ich sage es immer wieder: Es ist ein Fluch, solch eine Entscheidung treffen zu müssen, aber es ist ein Segen, sie treffen zu können.


1999 - muß ja bequem sein

Die Gedanken, welche mir durch den Kopf ziehen, sind teilweise abstrus. Ich erwäge, Sally so lange bei uns zu lassen, bis ihr Futtervorrat aufgebraucht ist. Der würde bei üblicher Verwendung vielleicht noch anderthalb Wochen reichen. Doch wo bleibt dann der Sinn der Erkenntnis, daß man das Tier erlösen will? Schließlich habe ich vor, es noch am gleichen Tag hinter uns zu bringen. Aber es ist schon Vorabend, keine gute Zeit für einen spontanen längeren Besuch in einer Tierarztpraxis, ohne daß ein echter Notfall vorliegt.

Mit tränenfeuchten Augen nehme ich Sally zu mir und streichle sie. Meine Angetraute ruft derweil  bei der Tierarztpraxis an. Dort arbeiten mehrere Ärzte. Wir wollen unbedingt, daß wir zu unserer Stammtierärztin gehen können, welche bereits die Einschläferung von Daisy vorgenommen hatte. Der Termin würde am Montagvormittag sein, wenn es in der Praxis ruhig sei und sie genügend Zeit habe. Schon seit Monaten kommt in mir immer wieder das Gefühl auf, daß ich es schön finde, wenn Sally anstatt in einer Tierarztpraxis einfach während des Kuschelns auf meinem Arm friedlich einschlafen und sterben würde. Doch das lässt nicht beeinflussen. Ich rufe die Dateien mit den Katzenfotos auf und lasse sie durchlaufen.

Meine Gedanken sind bereits weiter. Wie Daisy würden wir auch Sally einzeln kremieren lassen und dann ihre Asche in einer Schmuckurne wieder zu uns holen. Ich suche eine Urne via Internet aus. Es gibt viel zu viel Kitsch in der Auswahl, aber auch einige wenige schöne Sachen. Wie so oft bedaure ich, daß Sallys schon längst verstorbene Schwester Lucy nicht ebenfalls so bei uns sein kann. Aber sie liegt in ihrem Grab, weit weg von hier. Wahrscheinlich ist von ihr schon nichts mehr übrig.


1999 - Sally links, Lucy rechts

Es geht mir und meiner Angetrauten schlecht. Doch das Leben findet weiterhin statt. Was nützt es, in stumpfsinnige Grübelei zu versinken? Meine Angetraute fragt mich, ob sie zu Hause bleiben soll oder zum Tanztraining gehen könne. Sie habe immer Schwierigkeiten bei mir einzuschätzen, ob ich aktuell ihre Gesellschaft brauche oder lieber alleine sei. Nun, ich bin da eher der Typ einsamer Wolf. Wenn es mir dreckig geht, will ich alleine sein. Ich würde den Abend bis zu ihrer Rückkehr so verbringen, wie ich es meistens mache: einen Film ansehen, Essen kochen, mich um die Wäsche und die Spülmaschine kümmern – was man halt so tut. Die Welt bleibt nicht stehen und man lenkt sich ab. Ich erwäge jedoch, von Freitag bis Dienstag Urlaub zu nehmen.

Einen Film sehe ich mir dann doch nicht an, sondern lasse einfach den Fernseher laufen. Phasen der Trauer wechseln mit nüchterner Sachlichkeit. Ich kümmere mich im Souterrain um die Wäsche, als ich bemerke, daß Sally die Treppe hinunter nachgekommen ist. Trotz ihrer von uns vermuteten Arthrose bedingten Gelenkschmerzen. Wieder oben auf dem Sofa nehme ich sie erneut auf den Arm und kuschle mit ihr.

Am Abend fresse ich reichlich, und zwar schon vor dem eigentlichen Abendessen, an dem ich mich später auch noch gütlich zu tun beabsichtige, wenn meine Angetraute wieder zugegen sein wird. Seelentrost. Ein vor Tagen vorbereiteter Blogeintrag über Sally wird von mir gelöscht. Ich empfinde es als unpassend, ihn jetzt noch zu veröffentlichen. Für meine Verhältnisse bleibe ich noch lange auf und kuschle mit Sally, bis sie keine Lust mehr hat und wieder zurück auf ihren Stammplatz will. Irgendwann schleppe ich mich ins Bett. Auf dem Weg fragt die zweitbeste Ehefrau von allen noch, ob ich, falls ich morgen frei nehme, morgens mit zum Sport will. Ich weiß es nicht, ich weiß ja nicht mal, ob ich überhaupt frei nehme. Im Moment fühle ich mich relativ gut und rechne damit, daß ich morgen zur Arbeit fahre. Ich lege mich hin und schlafe sofort ein.

(wird fortgesetzt)