Sonntag, 8. Dezember 2013

Wahre Leidensfähigkeit

Entgegen dessen, was der Titel dieses Eintrages dem unbedarften Leser suggerieren mag, geht es dieses Mal nicht um Weihnachten oder ähnliche gesellschaftlich aus dem Ruder gelaufene Veranstaltungen. Ebenfalls geht es nicht um die pikante Asiasuppe, welche an diesem Abend auf dem Speiseplan stehen sollte. Aber der Reihe nach.

Samstag war die zweitbeste Ehefrau von allen wieder aushäusig. Wie üblich, forderte die Trainerschule ihre Zeit, am späten Nachmittag würde sie sich noch einen Vortrag von Rajiv anhören. Ich verbrachte den Tag damit, etwas im Haushalt zu werkeln, die im Laufe der Woche liegengebliebene Wäsche wieder einem nutzbaren Zustand zuzuführen und ähnliche Dinge zu tun, welche zweifellos ein steter Quell der Freude sind.

Nachmittags wollte ich gerade beginnen, die ersten Vorbereitungen für das Abendessen auf den Weg zu bringen, als das Telefon klingelte. Meine Angetraute wünschte mich zu sprechen, also ließ ich das Herstellen der Verbindung per Tastendruck zu.

„Haaaallo, wenn ich gleich ankomme, dann gib mir bitte die Kabeltrommel raus. Und wenn du mit zum Vortrag kommen willst, wäre jetzt die Gelegenheit.“

Die Sache mit der Kabeltrommel war nicht so ungewöhnlich. Rajiv ist, wie er selber immer wieder einräumt und weswegen meine Angetraute für ihn auch zahlreiche Assistenzarbeiten erledigt, etwas verpeilt. Zu seinem Vortrag musste er sicherlich wieder seinen Beamer aufbauen und hat dabei vollkommen die Tatsache ignoriert, daß das Ding Strom benötigt. Wir haben ihm nicht zum ersten Mal dahingehend ausgeholfen und kurzfristig eine Kabeltrommel aus unserem Fundus besorgt.

Aber sollte ich nochmal zum Vortrag? Einerseits waren meine sämtlichen Hosen noch nass vom Waschen. Andererseits hatte Rajiv eben diesen Vortrag seinerseits in der örtlichen katholischen Jugendbücherei gehalten. Damals ärgerte ich mich über verschiedene religiöse Bezüge, welche ich von ihm so nicht erwartet habe. Mich würde schon interessieren, ob er diese nun auch wieder bringen würde oder ob dies damals der gastgebenden Institution geschuldet war. Und da der Vortrag im Sporttempel stattfinden würde, sollte es auch nicht unangenehm auffallen, wenn ich in entsprechend angepasster Kleidung vor Ort wäre. Also begleitete ich meine Angetraute.

Da wir nicht gänzlich unerwartet zu früh vor Ort waren, begannen wir schon mal, den Raum vorzubereiten. In so einem Kursraum finden sich tendentiell wenig Stühle, so daß wir auf die überall herumstehenden Steps zurückgriffen. Für alle Sportmuffel da draußen: Ein Step ist so etwas Ähnliches wie eine breitere Fußbank. Folge dem Link und finde die schwarz-graue Variante. Diese wird auch im Sporttempel genutzt. Man kann die Höhe mittels der unten befindlichen hellgrauen Teile ändern, indem diese herausgezogen und auf andere Weise wieder eingebaut werden. Zwei oder drei gestapelte Steps geben eine für begrenzte Zeit ausreichend bequeme Sitzfläche ab.

Dabei geschah es: Ich versuchte, einen der hellgrauen Einsätze zu lösen, als dieser sich sehr entgegenkommend zeigte, meine Brille knapp verfehlte und mich oberhalb der rechten Augenbraue erwischte. Wie der erfahrene Leser dieses Blogs bereits in Erfahrung bringen konnte, bin ich durchaus in der Lage, aus jedem erdenklichen Gegenstand eine todbringende Waffe zu machen und mich an ihr zu verletzen. Unbeabsichtigte Selbsttötung nicht ausgeschlossen. Deswegen darf ich mir ja auch keine benzinbetriebene Kettensäge kaufen. Oder die Heidesense vom Ökoklaus benutzen.

Das Blut floss jedenfalls in Strömen, doch ich war mannhaft genug, jegliche in Erwägung zu ziehenden Angebote, mich mindestens per Notarzt - wenn nicht sogar unter Einsatz eines Hubschraubers - auf die Intensivstation des örtlichen Krankenhauses zu bringen, rundweg abzulehnen. Etwas saugfähiges Papier, welches sich überall im Sporttempel in ausreichender Menge findet, würde seinen Dienst tun. Die Kopfschmerzen sollten nach einiger Zeit von alleine verschwinden können.

Ja, liebe Leser und insbesondere Leserinnen, das ist wahres Heldentum. Wir Männer sind nicht so verweichlicht, wie die Frauen dieser Welt es immer wieder behaupten. Trotz einer in höchstem Maße schmerzenden Verletzung, verbunden mit dem immensen Blutverlust, hielt ich mich aufrecht und hörte mir den Vortrag an.

Nachdem alles vorbei war, hatten Rajiv und ich beim Aufräumen die Gelegenheit, ein paar Worte zu wechseln. Da er mich zuletzt vor einigen Monaten gesehen hatte, als ich etwas durch den Wind war, meinte er, daß ich jetzt doch besser aussehen würde als seinerzeit. Klar, es gibt ja auch zwei gute Gründe dafür.

Einerseits war ich jetzt seit fast einem halben Jahr nicht mehr beim Friseur, was mir endlich wieder eine angemessene Haarlänge und damit einhergehend eine gewisse optische Wildheit verleiht. Und dieser Eindruck wird andererseits durch die jetzt gut sichtbare, dramatische Verletzung unterstützt. Anders kann ich mir das nicht erklären.

Doch seht selbst.

Gezeichnet vom Leben fürs Leben



Kommentare:

  1. Heldenhaft, eines Königs würdig. Huldigt Paterfelis, dem Eisenbereiften! Hurra! Hurra!! Hurra!!!

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    1. Ahhh, endlich jemand, der das Geschehen wahrlich zu würdigen weiß.

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  2. Wie sagte schon Tyler Durden in "Fight Club"? "Ich will nicht ohne Narben sterben...” :D

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    1. Na, DAS Ziel habe ich schon erreicht. Abgesehen von den unzähligen kleinen Vernarbungen nach den üblichen Bagatellen, die nie ein Arzt zu sehen bekommen hat, finden sich auch zwei an meinem Schädel sowie eine unterhalb der rechten Schulter.

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  3. "Gezeichnet vom Leben fürs Leben!" Ein Mann muß was erzählen können........wenn die Enkel Vorbilder suchen.^^

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    1. Ok, zu diesem Zweck suche ich mir dann ein paar Leihkinder. ;-)

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  4. Antworten
    1. Danke sehr. :-)

      Ich glaube, ein leckerer Lumumba wird mich von meinem schweren Los ablenken können.

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  5. Ein sehr geschicktes Kerlchen bist Du ;-) - von mir auch gute Besserung!

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    1. Danke. Ich bin schon wieder bereit zu neuen Untaten.

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  6. Aua, aber dafür siehst du bestimmt sehr verwegen aus.
    Natürlich auch ein paar Mitleidsbekundungen von mir.
    LG

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    1. Du würdest mir nicht auf der Straße um Mitternacht begegnen wollen, so wild und verwegen wie ich aussehe. So als alter Sandkastenrocker von der Förmchenbande weiß ich, wie ich mich geben muß.

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  7. "ein leckerer Lumumba " ? Was ist das ? Nie gehört.

    VhG

    Andrea

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    1. Ein Lumumba ist zu dieser Jahreszeit die perfekte Alternative zum Glühwein.

      Man nehme eine nicht allzukleine Tasse und gebe in diese einen kräftigen Schluck Rum. Dann fülle man die Tasse mit heißem, kräftigen Kakao auf. Ich bevorzuge an dieser Stelle den echten Kakao, nicht den aromatisierten Zucker von Kaba, Nesquik & Co. Oben auf gehört eine Häubchen aus Schlagsahne bzw. Schlagobers, wie man bei euch wohl sagt. Dieses Häubchen garniere man mit ein paar Schokostreuseln. Fertig.

      Das funktioniert auch mit Weinbrand, Amaretto oder Whiskey/Whisky, aber im Original muß es Rum sein.

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  8. Du bist ein harter Hund, echt wahr ;-)

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    1. Rambo mit seiner selbst vernähten Wunde ist nichts dagegen.

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