Sonntag, 22. Dezember 2013

Voller Tank und alter Uhu (3)

Die Polizei kam nach wenigen Minuten in Form eines gemischten Paares. Zunächst wandte man sich an mich, doch bat ich die Polizistin, sich zunächst um den Hysteriker zu kümmern, der immer noch nicht wieder zu sich gefunden hatte. Der Herr des gemischten Doppels widmete sich den weiter vorne stehenden weiteren und insgesamt unauffälligen Unfallbeteiligten, während das Hutzelmännchen und ich weiter schweigend warteten. In solchen Situationen bleibe ich zumeist erstaunlich gelassen und sachlich, behalte einen klaren Gedanken und werde nicht unruhig. Darüber bin ich immer wieder selbst erstaunt, aber es ist tatsächlich so und ich bin froh darum, daß ich die Phobie in diesen Momenten zur Seite drängen kann. Muß an einer Hormonausschüttung liegen.

Schließlich wollte man meine Aussage haben. Ich schilderte die Ereignisse, wie ich sie erlebt hatte: Wir stehen schon längere Zeit an der roten Ampel, ich achte nicht auf den rückwärtigen Verkehr und auf einmal rumst es. Kurz, schlicht und ergreifend.

Daraufhin wurde das Hutzelmännchen zum Sachverhalt befragt. Es ergab sich folgender Dialog:

Polizei: „Was haben Sie zum Sachverhalt zu sagen?“

Hutzelmännchen: „Da haben wir wohl alle nicht aufgepasst!“

Polizei: „Wie? Die Herrschaften haben sehr wohl aufgepasst, nur Sie nicht.“

Hutzelmännchen: „Ich habe nicht aufgepasst?“

Polizei: „Ja. Sie sind den anderen hinten drauf gefahren.“

Hutzelmännchen: „Ich bin da draufgefahren?“

Polizei: „Ja. Die anderen standen schon lange, als sie hier aufgeschlagen sind.“

Hutzelmännchen: „Die standen schon?“

Polizei: „Ja. Sie sind hier der Schuldige.“

Hutzelmännchen: „Ich habe Schuld?“

Polizei: „Ja!“, dabei den Versuch des Hysterikers abwehrend, dem Hutzelmännchen an die Gurgel zu springen.

Dem Vorschlag des Hysterikers, dem Hutzelmännchen sofort an Ort und Stelle den Führerschein aufgrund offensichtlicher Fahruntauglichkeit abzunehmen, vermochten die anwesenden Polizisten aufgrund geltender Rechtslage indes nicht zu folgen.

Während die Polizisten sich wieder dem Hysteriker zuwandten fragte mich das Hutzelmännchen, ob ich mit dem Wagen denn jetzt nach Hause fahren würde.

Wie ich bereits erwähnte, bin ich in einer Situation wie der geschilderten Gesamtlage eher ruhig und besonnen. Bis zum Erreichen einer bestimmten Grenze. Ich antwortete dem aufgrund seines leicht erhöhten Alters bestimmt etwas schwerhörigen Hutzelmännchen mit wohldosiertem Einsatz der mir zur Verfügung stehenden Stimmbänder und unter Einsatz aller in Bereitschaft befindlichen Resonanzkörper, daß die Fahrbereitschaft meiner ehedem so prachtvollen, frisch betankten und auch aufgrund des anstehenden Weihnachtsfestes gewaschen und polierten, quasi gerade erst eingefahrenen Limousine aufgrund bestimmter vorhandener aktueller Umstände, an denen ich gegen meinen Wunsch gezwungen bin teilzuhaben, wohl zur Zeit nicht übertrieben optimal ausgeprägt zu sein scheint. An den genauen Wortlaut erinnere ich mich nicht mehr, aber ich dürfte wohl etwas in der Art von „Mit dem Wagen fahre ich keinen Meter mehr du vertrottelter Uhu!“ gebrüllt haben. Mehr brachte ich nicht raus, als die Polizistin mich und meine mit dem - im Ansatz noch nicht sichtbaren - Willen zum Zudrücken seines vertrockneten Halses versehenen Hände sanft aber bestimmt in eine Position brachte, in der ich das Hutzelmännchen nicht mehr würde erreichen können.

(wird fortgesetzt)



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