Samstag, 21. Dezember 2013

Voller Tank und alter Uhu (2)

Der Abend war noch jung, eine klare, trockene Witterung herrschte vor, als ich auf meinem Weg entlang der örtlichen Bundesstraße fuhr und mich einer Kreuzung näherte. Die zur Regelung bestimmter verkehrstechnischer Angelegenheiten eigens dort montierte Lichtzeichenanlage änderte ihr strahlendes grünes Leuchten in ein kurzes aber prägnantes gelbes Strahlen, welches Augenblicke später von einem warmen satten roten Schein verdrängt wurde. Ordnungsgemäß hielt die kleine Kolonne, die sich gebildet hatte und deren Schlußfahrzeug mein Wagen bildete, an den dafür vorgesehenen Positionen.

Während wir dort so standen und warteten begann ich, etwas am Autoradio herumzufummeln, als ich plötzlich in den Sicherheitsgurt gepresst wurde. Ich stehe üblicherweise mit eingelegtem Gang und getretener Kupplung an einer roten Ampel – was mein alter Fahrlehrer hoffentlich nie erfahren wird – und vermutete leicht desorientiert, daß ich mit dem Fuß vielleicht etwas von der Kupplung gerutscht sei und der Wagen deswegen eine kurze Bewegung nach vorne gemacht hatte, bis der Motor abgewürgt wurde. Mein Vordermann war ausgestiegen und kam auf mich zu. Sollte ich den etwa touchiert haben? Also mal besser aussteigen und nachsehen.

Als ich den Wagen verlassen hatte bemerkte ich sofort, daß zwischenzeitlich ein weiteres Fahrzeug hinter meinem Wagen stand. Dicht hinter meinem Wagen. Sehr dicht hinter meinem Wagen. Man könnte sagen: ein Stück weit in meinem Wagen. Ich ging also zuerst nach hinten, während ich schon ein  Gekreische von meinem Vordermann hörte, welches in den Worten „Warum denn immer ich?“ mündete. Egal, jetzt wollte ich erst mal sehen, was hinter mir los war, bevor ich mich dem Hysteriker zuwenden würde. Aus dem Benz, der sich in meinen Kofferraum gebohrt hatte, stieg ein dem Anschein nach mindestens achtzigjähriges Hutzelmännchen aus und registrierte zunächst, daß er seine Nobelkarosse wohl nicht ganz so sauber abgestellt hatte, wie es die StVO auch heute noch vorsieht.

Die weitere Inaugenscheinnahme der Situation zeigte, daß der Benz wohl ungebremst auf meinen Wagen geprallt war, diesen auf den Vordermann geschoben hatte und somit eine Kettenreaktion auslöste, die sich bis zum ersten in Schlange, die immerhin aus vier (!) Autos und dem Benz bestand, fortsetzte. Meine Motorhaube zeigte eine deutliche Tendenz, ihr künftiges Dasein als Formvorlage eines Satteldaches bestreiten zu wollen, und in meinen ansonsten recht großen Kofferraum würde ich auf absehbare Zeit noch nicht mal mehr einen Wasserkasten stellen können.

Das Hutzelmännchen wies als einzige Idee in dieser Situation auf, daß man sich ja mal gegenseitig die Papiere zeigen könne, währen mein Vordermann von einer Hysterie in die nächste verfiel. Das Hutzelmännchen indes wusste noch nicht mal zu sagen, welches Kennzeichen der von ihm gefahrene Wagen hatte, was den Hysteriker wieder auf Hochtouren brachte. Der Reihenerste fuhr einen dicken Geländewagen, dessen Stoßstange den Aufprall klaglos weggesteckt hatte. Er zeigte kein weiteres Interesse an dem Geschehen und fuhr weiter. Da niemand sonst sinnvolles Handeln an den Tag legte und mir die Sache mit dem Hutzelmännchen und dem Hysteriker viel zu riskant wurde, meldete ich mich für einige Minuten aus dem Geschehen ab, um ein in der Nähe befindliches Wohnhaus aufzusuchen und dessen Bewohner zu bitten, die Polizei zu rufen. Mit den Mobiltelefonen war es damals ja noch nicht so weit, daß jedes kindergartentaugliche Kind über ein solches Gerät verfügte.

(wird fortgesetzt)



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