Donnerstag, 21. November 2013

Spätschicht

Im LASA haben wir – wie das heute in vielen Büros üblich ist – die leidende gleitende Arbeitszeit. Es gibt die verschiedensten Modelle, wie man so etwas handhaben kann. Grundsätzlich läuft es aber immer darauf hinaus, daß man während der Arbeitstage kommen und gehen kann, wie man will. Wichtig ist, daß innerhalb eines bestimmten Zeitraums die vereinbarten Arbeitsstunden erreicht wird. Je nach Arbeitgeber oder Funktion kann es da noch Einschränkungen geben, so zum Beispiel bestimmte Uhrzeiten, zu denen man auf jeden Fall an seinem Arbeitsplatz zu sein hat.

Unser Sven ist an sich jemand, der regelmäßig mit mir zusammen - bildlich gesprochen - eher die Bürotür auf- als abschließt und dementsprechend auch eher früh nach Hause fährt. Er wohnt ziemlich abseits vom prickelnden Leben der Großstadt von Neustadt, in Zieben, fast schon in der tiefsten Provinz, und braucht seine Zeit, um zu Hause anzukommen.

In letzter Zeit habe ich bemerkt, daß Sven regelmäßig auffallend spät erscheint und auch erst spät wieder nach Hause fährt. Sehr ungewöhnlich. Mein natürlicher Wissensdurst ließ mir wenig Ruhe, und so fragte ich ihn, was es denn damit auf sich habe.

„Ach weißt du, wenn ich nach Feierabend vom Bahnhof aus nach Hause laufe, dann muß ich ja durch unsere kleine Einkaufsstraße.“

Wie? Die haben in Zieben tatsächlich eine Einkaufsstraße? Ich bin minderschwer beeindruckt. Der Fortschritt ist eben doch unaufhaltsam.

„Da gibt es neben Ernas Wurstbude doch das Modehaus Feinstich.“

Und wieder eine Bildungslücke geschlossen.

„Jeden Tag muß ich daran vorbei und gucke mir auf dem Weg das Schaufenster an.“

Oh, sehr modebewusst, unser Sven. Merkt man ihm gar nicht an, wenn er hier jeden Tag in seinen alten T-Shirts und Bermudas auftaucht. Gut, er wechselt auch mal. Im Winter werden aus den Bermudas normal lange Hosen. Und aus dem obligatorischen Käppi wird auch schon mal eine Wollmütze, wegen der schütteren Haare.

„Die haben im Moment zwei Jacken ausgestellt.“

Was ist das denn für ein Schaufenster? Zwei Jacken, sonst nichts?

„Die sind an sich gleich, nur eine ist länger geschnitten und die andere kürzer. Aber beide in meiner Größe.“

*gähn* Hatte ich eigentlich schon das Kettchen mit dem Goldelefanten erwähnt, welche er immer über dem T-Shirt trägt?

„Und die sind runtergesetzt.“

Hatte ich das etwa nicht erzählt? Sven sammelt Elefanten.

„Und ich will die längere von den Jacken haben.“

Natürlich sammelt er keine echten Elefanten. Nur so kleine, total kitschige. Furchtbare Dinger.

„Ich habe aber gerade kein Geld.“

Normalzustand, er arbeitet als mittlerer Angestellter im öffentlichen Dienst. Das ist in etwa so wie die Sache mit dem Gelübde von der ewigen Armut.

„Ja, und deswegen bleibe ich abends länger im Büro. Wenn ich dann Feierabend mache und durch die Einkaufsstraße zurücklaufe, hat der Laden schon zu. Und morgens hat er noch nicht auf. So komme ich nicht in Versuchung, die Jacke doch zu kaufen.“

Aha. Gar nicht mal so dumm.

„Und ich mache das jetzt so lange, bis die Jacke verkauft ist.“

Ich wünsche viel Ausdauer.

„Oder bis sie noch weiter runtergesetzt wurde.“

Mein Held!



Kommentare:

  1. Und ich denke auch, er hat in seinem Beruf auch seine wahre Bestimmung gefunden :-)

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  2. Echt schau! Mit Deinem Kollegen könnte man glatt die "Shoping-Queen" verkehrt herum drehen!

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  3. Tja, wünsche viel Ausdauer ... könnte mir so nicht passieren ... Bekleidung gehe ich vollkommen achtlos vorbei ...

    Gruß Dieter

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