Dienstag, 12. November 2013

Perspektiven (1)

Das Bürofenster war weit geöffnet. Der Wind wehte leicht aus Richtung des nahgelegenen Hafens. Herr van Instincfeld mochte den Geruch frischer Seeluft, selbst wenn er sich vergegenwärtigte, daß der spezielle Seeluftgeruch eigentlich von verfaulendem Seetang herrührte. Ambra gehört auch eher zu den Dingen, deren Duft niemand in der Nase haben möchte, welches aber einst Bestandteil eines jeden guten Parfüms war.

Der alte Hauptsachbearbeiter nahm zufrieden das noch warme Blatt Papier aus dem Auffangschacht des Laserdruckers. Es war Mittag, das um diese Zeit vorherrschende Leistungstief hatte ihn voll im Griff. Zeit für ein kurzes Pläuschchen mit Herrn Schwitalla, dem Abschnittsleiter.

Leise klopfte der Hauptsachbearbeiter an den Türrahmen der stets unverschlossenen Tür zu Herrn Schwitallas Büro. Er wusste aus langen Jahren, daß Herr Schwitalla sich ziemlich zu erschrecken pflegte, wenn man anders auf seine Anwesenheit aufmerksam machen würde.

Die Sonne schien auf Herrn Schwitallas Schädel. Er hatte schon in jungen Jahren viele Haare verloren; die kahlen Flächen glänzten im Licht der einfallenden Sonnenstrahlen wie frisch poliert.

„Hallo Herr van Instincfeld, was führt sie zu mir?“

„Ich bekomme einen halben Punkt von Ihnen.“

Es ging um das alte Spiel, das die Beiden nun schon so lange betrieben. Herr Schwitalla war jünger als sein Hauptsachbearbeiter und nutzte immer wieder dessen Berufserfahrung. Umso mehr freute es ihn, wenn er Herrn van Instincfeld auch mal einen Fehler nachweisen konnte. Und Herrn van Instincfeld bereitete es eine gewisse Genugtuung, den Versuch Herrn Schwitallas, eine Akte zu beanstanden, abwehren zu können. Jeder Erfolg wurde mit einem Punkt belohnt, doch keiner der beiden führte tatsächlich eine Liste.

„Sie haben mir gestern in einer Stellungnahme gegenüber unserem Rechtsbereich ein Wort verändert."

„Das hat Sie wieder gewurmt, nicht wahr?!“ Herr Schwitalla lächelte. „Ich habe auch Herrn Müller gefragt, weil ich mir nicht sicher war. Er war es übrigens auch nicht.“

„Da hätten Sie besser den alten Duden gefragt. Beide Schreibweisen sind zulässig, aber meine ist die Empfohlene.“

„Ich habe leider keinen Duden hier.“

Herr van Instincfeld reichte seinen Ausdruck rüber.

„Hier, den Duden gibt es auch online.“

„Ja, aber es dauert immer so lange, bis sich hier das Internet öffnet. Außerdem habe ich lieber bedrucktes Papier.“

Stimmt. Unter zwei Minuten tut sich im Amt nichts, bis der Zugang zu den unendlichen Weiten des Internets steht.

„Ich nutze auch lieber Bücher. Mit E-Books kann ich nicht so viel anfangen. Aber sie können doch einfach das Internet schon morgens öffnen und dann Google oder so aufrufen. Dann läuft es bei Bedarf schneller.“

„Da haben Sie eigentlich Recht. Wo Sie gerade sinnlos hier in der Gegend herumstehen: Der Chef möchte gerne wieder etwas Teamentwicklung betreiben. Haben Sie eine Idee?“

Ja, Herr van Instincfeld hatte eine Idee.


(wird fortgesetzt)



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