Sonntag, 10. November 2013

Ich habe sie nie gesehen

Wir stecken mitten drin in der Zeit der St. Martins-Umzüge. Hier in der Gegend ist das eine schulische Pflichtveranstaltung bis in die höheren Klassen. Die jüngeren Schüler müssen mit ihrer Laterne auftauchen, möglichst einer selbst gebastelten. Und die älteren sind so was wie Zugbegleiter. Man versammelt sich klassenweise, und dann geht es irgendwann los.

Ich weiß überhaupt nicht mehr, ob das in meiner Kindheit auch so war. Also das mit der Pflichtveranstaltung. In den höheren Klassen jedenfalls mit Sicherheit nicht mehr. Den einzigen Bezug zur Schule, an den ich mich erinnern kann, ist der Umstand, daß wir dort die Gutscheine für die Stutenkerle kaufen konnten, die sich dann zum Abschluss des Zuges einlösen ließen. Daß es den Stutenkerl schon zu St Martin gab, ist typisch für Ruhrgebiet und Niederrhein, wo ich meine Wurzeln habe.

Ich hatte keine selbstgebastelte Laterne, sondern eine gekaufte. Bastelarbeiten waren ja nie so mein Ding. Wo es auf handwerkliche Präzisionsarbeit ankommt, bin ich fehl am Platze. Obwohl: Während ich dieses schreibe, beginne ich zu erahnen, daß entgegen anderslautender Äußerungen gegenüber der zweitbestehen Ehefrau von allen doch in der Schule mal eine Laterne gebastelt wurde. Ja, da war was. Wir beklebten einen aufgeblasenen Ballon mit buntem Transparentpapier, ließen dann den Ballon platzen und hatten so die Basis für die Laterne.

Aber die sah bestimmt doof aus. Und ob sie wirklich mal in den Einsatz gekommen ist, wage ich zu bezweifeln.

Es amüsiert mich immer wieder zu sehen, wie die heute zu kaufenden Laternen aussehen. Denn die meisten von denen haben sich in den letzten vierzig Jahren keinen Deut verändert. Noch immer finden sich in den Regalen des Einzelhandels und in den Umzügen auch jene Laternen, welche ich seinerzeit besessen hatte. Echte Klassiker also.

Schon als Kind war ich von offenem Feuer besessenangezogen. Ich habe mich zwar erst sehr spät getraut, selbst ein Streichholz anzuzünden, aber Feuer hatte eben etwas an sich, was ich sehr mochte. Umso mehr ärgerte ich mich, daß in meiner Laterne zumeist keine kleine Kerze, sondern ein batteriebetriebenes Licht die Nacht erhellte. Immer habe ich die großen Jungs beneidet, die mit ihren Pechfackeln nebenher liefen. So eine wollte ich auch haben und nicht so eine blöde Laterne für Kinder. Bei dem Wunsch ist es natürlich geblieben.

Während des Zuges habe ich selbstverständlich nicht mitgesungen. Nur ein einziges Mal gab es eine Ausnahme, als mich irgendeine Mutter, die vermutlich nicht meine eigene war, mit den Worten „Los, du musst auch mitsingen!“ von hinten anstieß. Zu mehr als einem Lied hat es nicht gereicht. Nein, ein munterer Sangesbursche war ich nie.

Verschiedentlich üblich ist es wohl, nach Ende des Umzuges auch noch die heimische Umgebung aufzusuchen und die Nachbarn mit einem Liedchen zu erfreuen in der Hoffnung, Süßigkeiten zu bekommen. Das war bei uns im Ort so nicht. Dort wanderte man zu Rosenmontag von Tür zu Tür und bettelte. Zu St. Martin gab es das nicht. Ich war immer wieder verwundert, daß die Kinder dies in der Nachbarstadt, in der meine Oma lebte, so machten. Dafür aber nicht am Rosenmontag.

Im Zug selbst liefen wir meistens eher im hinteren Bereich, in dem die Menschen sich nicht mehr so drängelten. Jetzt könnte man meinen, daß der kleine Paterfelis sich ganz nach vorne durchkämpfte, sobald das Martinsfeuer erreicht war. Schließlich war da ein Feuer. Ein richtig, großes Feuer sogar. Und der beste Ausblick auf die stets nachgespielte Szene des Mantelteilens. Nein, das hat der kleine Paterfelis nie gemacht. Er stand immer abseits vom Geschehen, nicht aber in der Menschenmasse. Es wurde vielmehr die Gelegenheit genutzt, den Gutschein für den Stutenkerl einzulösen, bevor die erwähnten Menschenmassen an dem Verkaufswagen auftauchten und sich riesige Schlangen bildeten. Ganz pragmatisch. Und dann ab nach Hause.

Ich habe St. Martin und den Bettler nie gesehen.



Kommentare:

  1. Bei uns zählt der Weihnachtsbasar zu den schulischen Pflichtveranstaltungen. Sicher damit überhaupt irgend jemand die hässlichen selbstgebastelten Sachen kauft... Am liebsten würde ich mein Geld dort einfach abgeben, ohne verschrumpelte Strohsterne oder ausgeschnittene Nikolausfiguren mitnehmen zu müssen ;-)
    Um die selbstgebastelten Laternen ist mittlerweile ein unausgesprochener Wettkampf (unter den MÜTTERN) entbrannt, und die Dinger sehen längst nicht mehr wie Laternen aus, sondern eher wie Spongebob, Kühlschränke oder Schokoriegel.
    Wie auch immer, der eigentliche Zweck ging verloren, ähnlich wie bei deinem Stutenmartin.

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    1. Wir mussten auch gelegentlich Dinge in der Schule basteln, welche dann als Muttertagsgeschenk herhalten durften.

      Grau-sam.

      Und Muttern musste sich pflichtschuldigst freuen.

      Gibt es da eigentlich irgendwelche Gene oder Hormone, die so eine Freude begünstigen, oder ist das eine gute Show? Ich kenne mich da nicht so aus.

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    2. najaaaa, es ist ja nicht so, dass wir NICHT sehen würden, wie misslungen der getöpferte Stifteköcher des Sohnes ist, aber vermutlich stört es uns (Mütter) weniger.
      Insgeheim haben wir auch schon Tränen gelacht über die zu Herzen gehenden plumpen Bastelversuche von dicken Kinderfingerchen - aber man liebt die Sachen eben trotzdem heiß und innig!
      Man sagt ja auch, das eigene Kind ist grundsätzlich das hübscheste auf der Neugeborenenstation, und das ist auch gut so, sonst würden manche vermutlich nie wieder von dort abgeholt werden...

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  2. Oh, selber kein wirkliches Genie, was das Basteln anging, kann ich mich noch viel zu gut an die klasseninternen Wettbewerbe um die schönste Laterne erinnern. Aber kein Kühlschrank, Schokoriegel o.ä., sondern Nachbildungen unserer Kirche, Kreuze o.ä. waren zu sehen und natürlich super gut bewertet. Mein gebasteltes "Etwas" reichte meistens noch nicht mal, um damit im Martinszug zu gehen und so musste eine gekaufte Laterne her. Doch an das Singen der Martinslieder, die Mantelteilung, die Weckmänner (Stutenkerle) und natürlich hinterher das Gribschen (wie das Betteln um Süßes in Düsseldorf genannt wurde) erinnere ich mich noch sehr gerne.

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