Freitag, 8. November 2013

Geiselnahme

Haltet euch fest, ich war Opfer einer Geiselnahme. Ja, kaum zu glauben. Schreckliche Sache. Aber keine Panik, es ist gut ausgegangen.

Alles begann zuhause, als die zweitbeste Ehefrau von allen und ich auf dem Monster saßen und gearbeitet haben. Schuld an diesem misslichen Umstand war Rajiv. Der kam nämlich zurück von einer Vortragstour. Er bietet im Rahmen seiner Vorträge an, die zugehörende Präsentation an die Vortragsteilnehmer zu senden. Dazu benötigt er natürlich Kontaktdaten, also legt er entsprechende Listen aus, in denen sich die Interessenten eintragen können.

Da meine Angetraute für ihn einige Verwaltungsarbeit erledigt, hatte sie nun diese Listen erhalten und wollte deren Inhalt in eine Datei übernehmen. Ich wurde dienstverpflichtet war als netter und fürsorglicher Ehemann natürlich sofort bereit, ihr die Listen vorzulesen, damit die Übertragung schneller erledigt werden konnte.

Bei der Gelegenheit möchte ich mal eines anmerken:

Liebe Leute, wenn ihr euren Namen, Mailadresse und eventuell auch die Telefonnummer zwecks Kontaktaufnahme hinterlasst und nicht gerade Erna Müller heißt, dann schreibt doch freundlicherweise le-ser-lich. Es ist unglaublich, wie oft wir Namen online recherchieren mussten, um deren hoffentlich richtige Schreibweise herauszufinden. Auch bei den Mail-Adressen war teilweise munteres Raten angesagt, wenn diese sich nicht aus dem Namen ableiten ließen.

Ach ja, und solche Adressen wie Alte-Hexe@  oder Schneller-Hirsch@ (trage nachfolgend einen beliebigen Anbieter ein) sind einfach nur peinlich.

Jedenfalls werkelten wir so vor uns hin, als Sally, die sich natürlich wieder in meiner Nähe auf dem Rückenkissen des Monsters befand, damit begann, mit den Zähnen zu knirschen. Sie hat immer wieder solche Phasen, in denen sie das länger durchhalten kann. Mit den Zähnen ist alles in Ordnung, sie ist schon häufiger und von unterschiedlichen Tierärzten daraufhin untersucht worden. Die Phasen enden dann auch mal wieder, nur um Monate später wieder zu beginnen.

Ich kann dieses Geräusch ganz gut ausblenden, aber meiner Angetrauten geht es durch Mark und Bein. Aus erzieherischen Gründen schnappte sie sich dann eine unserer Phaser-Wasserpistolen, ein echter Star-Trek-Fan wird diese sofort als dem Handphaser Typ 2 aus den 2260er Jahren nachempfunden identifizieren, und gab einen Warnschuss ab. So auch dieses Mal.




Der Strahl schoß knapp an meiner Nase vorbei und traf Sally in der Flanke.

Doch Sally gab nicht auf.

*knirsch*

*zisch*

Ein weiterer Strahl traf sie. Das Tier wurde unruhig, zeigte sich jedoch stur.

*knirsch*

*zisch*

Auch meine Angetaute neigt hin und wieder, also wirklich ganz selten und nur in absoluten Ausnahmefällen dazu, eine gewisse , kaum wahrnehmbare Sturheit an den Tag zu legen. Sally bewegte sich aufgeregt auf dem Rückenkissen hin und her und wollte aus der Schusslinie entkommen.

*knirsch*

„AUS DEM WEG MIT DEN LISTEN!“

Ich tat, wie mir geheißen, als

*zisch*

einer neuer Strahl abgefeuert wurde.

Mein Oberkörper war nach hinten geneigt, um das Schussfeld zu erweitern. Da sah Sally, dieses durchtriebene kleine Miststück, ihre große Chance, überbrückte die riesige Distanz zwischen dem Außenrand des Rückenkissens und meinem Oberbauch mit einem gewaltigen Sprung großen Schritt und richtete sich hier ein in der Hoffnung, daß meine Angetraute es nicht wagen würde, weiter zu schießen und mich dabei noch mehr zu gefährden. Ich bin nun ein lebender Schutzschild!

*knirsch*

Von wegen.

*zisch*

Nichts und niemand konnte meine Angetraute von ihrer Mission abhalten. KEINE GEFANGEGEN!

*knirsch*

*zisch*

Ich hielt die Listen weiter auf Abstand, als der nächste Strahl traf. Nicht mich, sondern Sally. Diese begann nun, sich zu schütteln, die Listen wurden von den herumfliegenden Wassertropfen getroffen, und was viel schlimmer ist – meine Brille auch.

Ich hatte einen Tropfen genau in meinem Sichtfeld! Dagegen komme ich ja nun so gar nicht an. Und ich hatte nichts in Reichweite, womit ich diesen Tropfen entfernen konnte. So begann ein psychologischer Effekt, bekannt als Stockholm-Syndrom. Meine Solidarisierung mit der Geiselnehmerin nahm Züge an. Ich legte meinen rechten Arm etwas angewinkelt auf meinen Bauch. Sally machte es sich dahinter gemütlich, stützte den Kopf auf meinen Unterarm und begann, vor sich hinzubrummen.

Nur noch gelegentlich war der Ansatz eines leisen Knirschens zu hören. Ruhe trat ein. Die Belagererin Meine Angetraute beendete den Beschuss. Ich holte die Listen mit der linken Hand wieder vor, so daß wir die Arbeit fortführen konnten. Sally blieb friedlich vor sich hin dösend auf mir liegen.

Eleminator@ (trage Anbieter ein) ist übrigens auch eine doofe Mailadresse.

Wollte ich noch gesagt haben.



Kommentare:

  1. Nicht schlecht, was Du im trauten Heim so alles erlebst bzw. überlebst. Den Handphaser finde ich sehr stylisch, wir benützen für diese Zwecke zu Hause eine langweilige ausgediente Fensterputzmittel-Sprühflasche mit Wasser gefüllt. So ein Phaser würde mir natürlich viel besser gefallen...

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    1. Ja, da sind schon edle Teile. Und sehr treffsicher.

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