Sonntag, 24. November 2013

Die Verlobung

Meine Tätigkeit als Seniorsachbearbeiter im LASA bringt es mit sich, daß an dem mir gegenüber stehenden Schreibtisch immer wieder andere Kollegen vorübergehend Platz nehmen, um von mir eingearbeitet zu werden. Trudis Zeit war vorbei, sie hatte ihren festen Arbeitsplatz ein paar Zimmer weiter den Gang hinunter eingenommen. Damit bei mir keine Form von Langeweile aufkommt, ließ man es sich nicht nehmen, mir Rebecca zur Seite zu stellen setzen, welche förmlich darauf brannte, von mir in die Geheimnisse der Betreuung unserer der Selbständigkeit nachgehenden Kunden und der damit verbundenen Abgabenerhebung eingewiesen zu werden.

Vor einigen Tagen kam Rebecca zum Dienstbeginn in unser Büro und bat auch Sven, Nadja, Trudi und den Ökoklaus, mal bei uns zu erscheinen. Sie habe uns was mitzuteilen.

„Also, wenn ich in Zukunft noch aufgedrehter bin als sonst, dann könnte es daran liegen, daß Heiner mir am Wochenende einen Heiratsantrag gemacht hat.“

Wir nahmen die Nachricht auf, wie es sich gehörte. Der Ökoklaus und ich mit der gebotenen männlichen Ruhe und Gelassenheit, die anwesenden Damen und Sven mit diesem typischen, trommelfellzerfetzenden Gequieke, welches nur Frauen – und Sven – von sich geben können. Warum müssen Frauen – und Sven – das eigentlich immer machen? Ich finde einfach keine Erklärung.

Natürlich wollte man die ganzen schmutzigen Details in Erfahrung bringen, und ich erkannte sofort, daß dies kein ruhiger Arbeitstag werden würde. Rebecca erzählte die Geschichte, die ich mangels Interesse natürlich sofort wieder verdrängt habe und deswegen auch nicht widergeben kann. Es hatte irgendwas mit einem Foto, einigen Bastelarbeiten und einem Wochenendausflug zu tun.

„Ja, und das Beste war, daß Heiner sich unter Druck gesetzt fühlte. Ich habe ihm aus meinem Amerika-Urlaub ein Bild von Hochzeitsringen geschickt, die ich da bei einem Juwelier gesehen habe und total schön fand. Da meinte er wohl, daß ich jetzt drängen würde. Lustig.“

Ja, ungemein lustig. Der arme Kerl tut mir jetzt schon Leid.

„Dann bin ich jetzt ja eine Verlobte.“

Den Faden musste ich aufgreifen.

„Ja, aber den Dreizehnhundert gibt es nicht mehr. Kein Kranzgeld. Lohnt sich also nicht.“

Karla kam ins Grübeln.

„Welcher Dreizehnhundert? Was ist das?“

„Kind, das war vor deiner Zeit. § 1300 BGB.  Hat eine unbescholtene Verlobte ihrem Verlobten die Beiwohnung gestattet, so kann sie bei Auflösung der Verlobung  durch den Verlobten auch wegen des Schadens, der nicht Vermögensschaden ist, eine billige Entschädigung in Geld verlangen.“

„Verstehe ich nicht. Was ist denn nicht Vermögensschaden?“

„Macht nichts. Das hat was mit Bienen und Blüten zu tun. Dafür bist du noch zu jung. Und unbescholtene Verlobte gibt es heute ja auch kaum noch.“

„Ach Menno, du bist doof.“

„Ja, Kind, ich weiß. Aber wenn ich dir das erkläre, bekommst du rote Ohren. Und ich Ärger mit der Amtsemanze  FrauenbeauftragtenGleichstellungsbeauftragten.“

Rebecca mischte sich wieder ein.

„Unbescholtene Verlobte. Ist ja witzig. Ach, übrigens: Nadja wird meine Trauzeugin. Ich habe sie vor der Kaffeebude gefragt. Henning habe ich auch schon erklärt, daß er mit dem Kauf seines Anzugs warten muß, bis ich das Kleid habe. Das soll ja passen. Und er darf nicht so aussehen wie ein gewöhnlicher Gast.  Und Nadjas Klamotten müssen natürlich auch abgestimmt werden. Weiß jemand, wo man hier stilvoll heiraten kann? Hach, ich bin schon wieder so aufgeregt.“

Oh shit, da stehen mir ja unruhige Zeiten bevor.



Kommentare:

  1. Man, man, Du bist ja ein Romantiker! Hätte ich nicht gedacht. Aber wer sich schon so auf die Geschichten um die Hochzeitsvorbereitungen freut, der muss ein Romantiker sein. Breche gerade in quietschende Begeisterung aus!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Oh ja, die zweitbeste Ehefrau von allen ist auch immer wieder sehr bewegt von der Herzenswärme, die ich bei solchen Angelegenheiten verbreite.

      Löschen
  2. Oooch... Der Arme hat doch jetzt schon verloren. Nur weil da ein Bild von Trau(er)ringen kam? Hätte sich meine nicht getraut, weil diese ansonsten wohl ein Foto von meinen Augen oder einem Satz Handschellen bekommen hätte. Ja, wir hatten eine blumige Sprache.

    Und warum kann ich mir das Gequietsche und Sven (wie ein Flummi auf und ab springend?) so bildlich vorstellen?

    Na, viel Spaß mit den Stimmungsschwankungen zwischen Super (klappt, die Vorbereitung) und Todesdrohne (klappt nicht mit der Vorbereitun :-)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ja, ich bin schon gestraft. Dabei habe ich doch so rein gar nichts mit der Angelegenheit zu tun. Wie sagt man so schön? Zur falschen Zeit am falschen Ort.

      Löschen
  3. Bei "die Beiwohnung gestattet" kam mir der Kaffee aus der Nase :D

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hoffentlich war er nicht zu heiß für das empfindliche Organ.

      Löschen
    2. Und bei uns ist die "Amtsemanze" gleich mal "Genderbeauftrage" in Personalunion... kriegen immer nette Mails . Es hieße nicht "Arzt" sondern "medizinische Fachkraft".
      Ja, Unterdrückungsmuster, die sich in der Alltagssprache manifestieren, werden häufig übersehen.
      Ist aber gut, dass uns das mitgeteilt wurde - uns gingen gerade die wichtigen Probleme aus. Unterhaltsam.

      Löschen
  4. Respekt, lieber Paterfelis... Den Dreizehnhunderter kennt heute kaum noch jemand. Aber wusstest Du auch, das darauf der Begriff "Freier" (Verlobter) für die Gäste (Kunden) einer Prostituierten zurückzuführen ist? Weil diese nämlich gleich nach Verursachung des Schadens sowohl die "Verlobung" gelöst, als auch die billige Entschädigung entrichtet haben. Wobei "billige" damals soviel bedeutete wie "zu billigende", also annehmbare Entschädigung.
    Liebe Grüße von Felina, die viele Jahre von solchen Entschädigungen recht gut gelebt hat ;-)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Wenn man als Pubertierender im Rechtskundeunterricht der weiterführenden Schule erstmals davon gehört hat, vergisst man den nie wieder. *kichertuschel*

      Darüber hinaus: Sehr interessante Ausführung. Damit wäre dem heimlichen Bildungsauftrag dieses Blogs wieder Genüge getan. Danke. :-)

      Löschen
  5. In diesem Sinne: "Ach wie hat er sich gewundert, als sie geklagt nach Dreizehnhundert."

    AntwortenLöschen