Dienstag, 8. Oktober 2013

Türme

Nicht immer bieten die Aktenschränke im LASA genügend Platz für all das beschriebene Papier, welches wir so zu verwalten haben. Im Normalfall hängen alle Vorgänge, die aus ermittlungstechnischen oder anderen Gründen erst wieder zu einem bestimmten, noch in der Zukunft liegenden Termin bearbeitet werden müssen, im Schrank.  Ja, Insider und Auskenner dürfen jetzt herzlich lachen – von wegen Zukunft und so. Ich will gar nicht wissen, wie viele schon seit Wochen abgelaufene Termine meiner harren.

Dann werden noch diejenigen Akten dort reingehängt, zu deren weiteren Bearbeitung man aktuell keine Zeit hat, die aber nicht aus irgendwelchen Gründen als eilig oder zumindest vorrangig angesehen werden. Ja, Insider und Auskenner dürfen jetzt wieder lachen, denn alles ist bei uns vorrangig, schlichtweg alles. Wenn auch aus unterschiedlichen und teilweise nicht mehr nachzuvollziehenden Gründen.

Nach der Definition des gesunden Menschenverstandes (ups, böses Wort, streng verbotenes Wort) wirklicheilige Akten und solche, die nicht mehr in den Schrank passen, werden hingegen sortiert auf dem Schreibtisch, dem Boden oder auf sonstigen Ablageflächen mehr oder weniger kunstvoll zu Türmen gestapelt. Also aufgetürmt.

In der Anfangszeit meiner Beschäftigung im LASA war ich einem Sachbearbeiter zugeordnet, welcher auf ein ordentliches und stabiles Stapeln größten Wert gelegt hat und der mich immer und immer wieder dazu anhielt, an meiner bisherigen Stapelmethode zu arbeiten, bis ich zu seiner Zufriedenheit stapelte. Denn beim Aktenstapeln kommt es nicht nur darauf an, einen stabilen Stapel zu bauen, sondern diesen auch so zu gestalten, daß er ohne überflüssigen Aufwand nach einer bestimmten Akte durchsucht werden kann. Der unbeteiligte Leser mag darüber müde lächeln, aber tatsächlich kann auch solch ein Kleinkram seine Bedeutung erlangen und die spätere Arbeit erleichtern. Mit Hochstapelei alleine kommt man nicht weiter.

Heute zähle ich im LASA zu den Aktenstapelmeistern. Auch Mandy zeigt sich in der hohen Kunst des Türmebauens sehr begabt. Nicht selten erreichen ihre Türme Höhen von 80 Zentimetern. Und sind dabei sogar stabil.

Mandy darf sich gelegentlich mal Urlaub gönnen. Wir sind da sehr sozial eingestellt.  Sie wurde von Nadja vertreten, welche der Kunst des Turmbaus nur wenig abgewinnen kann. Ihre Türme stehen auf dem Boden hinter ihrem Schreibtisch, sind nicht ansatzweise so hoch und darüber hinaus noch gegen die rückwärtige Wand gelehnt.  Freistehend würden die nicht halten; selbst der legendäre Turm von Pisa, der bei solch einer einschlägigen Thematik einfach erwähnt werden muß, würde sich als Ausbund an Stabilität gegenüber ihren zahlreichen mittelhohen Aktenstapeln erweisen.

Außerdem birgt das Stapeln von Akten auf Bodenniveau ein gewisses Risiko, betrachten neue Putzfrauen solche Akten nicht selten als Müll und behandeln sie auch so. Schon mehr als einmal musste jemand von uns in den großen Papierdatenmüllcontainer krabbeln und Akten suchen. Wieso man nicht endlich mal dazu übergeht, neu eingestellte Putzfrauen darauf hinzuweisen, daß sie an keiner Form von Akte oder auch nur Papier irgendetwas zu suchen haben, ist mir rätselhaft. Böse Zungen allerdings würden jetzt sagen, daß es der Sache förderlich sei, Personal mit der Aufgabe zu betrauen, welches der deutschen Sprache zumindest rudimentär mächtig wäre.

Als eine der Turmbaumeisterinnen hat Mandy ihre Türme auch auf einem Beistelltisch freistehend geparkt.  Nadja zog einige Akten aus dem Schrank, wie wir Profis die Aktenentnahme auch nennen, und legte diese in ihrer gewohnten Art mehr oder weniger achtlos auf einen der bestehenden Türme ab. Das Ergebnis schien mir vorhersehbar zu sein. Als Nadja sich gerade wieder dem Schrank zugewandt hat, kippte der von ihr soeben erhöhte Turm zur Seite um.

Was blieb ihr übrig, als die Akten wieder vom Boden aufzuheben und zu einem neuen, katastrophal geschichteten Turm aufzustapeln? Ich wollte schon gerade zu einer hämischen Bemerkung selbstverständlich nur rein sachdienlichen Kritik ansetzen, als mich ihr böser Blick traf, der mir zu verstehen geben sollte, daß es wohl besser sei, gerade jetzt die Klappe zu halten.

Noch während Nadja sich nach unten beugte um die letzten Akten zusammenzusuchen, begann Newtons beschriebenes Gesetz der Schwerkraft an dem gerade schief aufgerichteten Turm in Form einer ständigen Schwerpunktverlagerung Wirkung zu zeigen, bis besagter Schwerpunkt eine neue, finale Position auf Bodenniveau eingenommen hatte. Ein noch böserer Blick als zuvor traf mich. Bevor ich auch nur Luft zum Reden holen konnte, zischte Nadja mich an:

„Das ist nichtwitzig.“

Ich ging kurz in mich, dachte über ihre Worte nach und brachte diese mit dem von mir Beobachteten in eine Querverbindung.

Geschwind stellte ich eine durchaus abgewogene Überlegung an.

Diese Überlegung beinhaltete solche Begriffe wie Lernfähigkeit.

Und selbige wiederum wurden schon nahezu zwangsläufig in den Kontext mit einer einer großen Leere gebracht.

Schnell, sehr schnell, also schon wirklich richtig schnell erhielt ich ein für mich zweifelfreies Ergebnis.

Doch, ich fand ihre Darbietung sogar sehr witzig.



Kommentare:

  1. Hallo,
    mit viel Humor erzählt. Was man alles aus einem solchen knochentrockenen Thema wie Akten verwalten machen kann !

    Gruß Dieter

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    1. Danke. Das Thema wird auch im realen Leben ganz erträglich, sobald man aufhört zu versuchen, alles ernst zu nehmen.

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  2. Hach, was habe ich gelacht! Als ehemalige Sachbearbeiterin in einer Verwaltungsbehörde sah ich gerade einen sehr amüsanten Film ablaufen. Ich hatte mal einen Kollegen, der hat Akten, die er nicht bearbeiten wollte, in den Fahrstuhlschacht geworfen. Was haben wir die Akten gesucht. Bis der Fahrstuhl gewartet wurde, da war seine Karriere bei uns vorbei.

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    1. Bei uns hieß das Zauberwort mal "Kaffeeakten". Vor Jahren gab es in unserer Hauptverwaltung noch kleine, schließfachartige Schränke, in denen persönliche Dinge, bevorzugt aber natürlich Kaffeepackungen und entsprechendes Zubehör aufbewahrt wurden. Und in einem solchen Schrank hat man mal versteckte Akten aufgefunden. Kaffeeakten eben. Auch hier war damit eine Karriere beendet.

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