Sonntag, 6. Oktober 2013

Radau

Zu einer Uhrzeit, welche die meisten mir bekannten Menschen insbesondere an Sonn- und Feiertagen als nachtschlafendpräzisieren würden, lümmelte ich mich schon auf dem Monster herum und arbeitete an einem Blogeintrag. Sally lag wie immer neben mir auf den monstereigenen Rückenkissen, der Rest der Katzenbande trieb sich irgendwo in der Wohnung herum.

Plötzlich hörte ich durchdrehende Reifen beschleunigende Pfoten auf den Fliesen des Wohnzimmerbodens. Marty bekam seine mehrfach täglichen wilden fünf Minuten. Er spurtete aus Richtung unserer Essecke los, an der Treppe zum Souterrain vorbei, nahm die Kurve in Richtung Schlafzimmer. Wie man das als erfahrener Autofahrer so kennt, neigen bewegliche Gegenstände auf einer glatten Oberfläche dazu, in Kurven schon mal auszubrechen. Das ist bei Katzen auch nicht anders.

Jedenfalls bekam Marty die Kurve nicht richtig und donnerte heckwärts in die an dieser Stelle kurz zwischengeparkten, zusammengeklappten Sägeböcke. Deren Stand-Stabilität wurde auf dem Fliesenboden durch die katerliche Schwungmasse zutiefst beeinträchtig, wie der nachfolgende Lärm eindrucksvoll bewiesen hat.

Die zweitbeste Ehefrau von allen ließ sich mit noch ausgesprochen kleinen Augen vor der Tür des Mädchenzimmers blicken und erwartete eine Form der Aufklärung. Ich konnte ihr versichern, daß nichts besorgniserregendes geschehen sei, der Kater die Sägeböcke gerammt habe, sich aber höchstselbst und auf schnellstmöglichem Wege eine Etage tiefer in Sicherheit bringen konnte, noch bevor die Oberseite auch nur eines der Böcke den Boden berührt hatte. Ich stellte die Arbeitshilfsgerätschaften wieder hin und verzog mich anschließend in Richtung Monster, während meine Angetraute den unterbrochenen Schlaf wieder aufnahm.

Etwas später hatte sich die Lage allgemein auch in der Katzenbande wieder normalisiert; alles ging seinen gewohnten Gang. Lilly sprang hinter Sally auf das Kissen, um von dort im Direktflug die Plattform des deckenhohen Kratzbaums zu erreichen. Es kommt täglich immer und immer wieder vor, so daß ich es gar nicht mehr richtig registrierte. Doch nun gab es schon wieder einen ordentlichen Rumms, und erneut zeugten durchdrehende Katzenpfoten von der Beschaffenheit unseres Fußbodens.

Der gut 2 ½ Meter hohe Kratzbaum war umgekippt, hatte die Wand neben der Terrassentür gestreift, dort aufgehängte Wetteranzeigetechnik heruntergerissen, das in der Gegend vorübergehend und noch nicht im endgültigen Einsatz befindliche Objekt der letzten Basteltätigkeit meiner Angetrauten, unseren neuen Wohnzimmertisch, noch gestreift und war schließlich in Ruhelage verblieben. Lilly war natürlich – genau wie Sally – richtig erschreckt und floh wie zuvor Marty in Richtung Souterrain.  Auch sie unterlag dem unbarmherzigen Gesetz der Physik in Form der Zentrifugalkraft (scheiß Newton), legte in der Kurve einen Powerslidehin und riss bei dieser Gelegenheit die von mir kurz zuvor wieder hingestellten Böcke um.

„Wer weint hier?“

Die zweitbeste Ehefrau von allen war wieder an dem Ort des Geschehens erschienen. Niemand weint, Sally hatte nur kurz vor Schreck aufgeschrien. Ich hatte sie schon auf dem Arm. Nun galt es, vor allen Dingen Lilly zu finden und zu beruhigen. Gutes Zureden und ein leckerer Schluck Beruhigungsmilch seitens der Katzenmama halfen nach einiger Zeit, so daß sie sich wieder blicken ließ. Die zweitbeste Ehefrau von allen zog sich schließlich erneut in ihr Zimmer zurück und hoffte noch auf etwas Schlaf.

Mit Sally auf dem linken Arm begann ich, das Chaos wieder aufzuräumen, lief dabei Lilly über den Weg und streichelte sie kurz, denn sie sah mich schon noch etwas verängstigt an und schien eine Standpauke zu erwarten. Nicht so schlimm, meine Kleine, du kannst nichts dafür.

Schade um den Kratzbaum. Wir werden ihn wohl nicht wieder aufbauen und die Teile in unsere Reserve legen.  Die verbliebenen Kratzbäume werden der Katzenbande wohl ausreichen müssen.


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