Dienstag, 29. Oktober 2013

Morgenstund

Ich liebe die morgendliche Ruhe. Nur ich und das Radio. Seriöses Radio mit ansprechender Musik und mit ohne Gute-Laune-Moderatoren. So kann jeder Tag beginnen.

Das übliche zu absolvierende Morgenprogramm wird von mir souverän abgewickelt. Hektik findet nicht so oft statt, meine Arbeitsabläufe sind sehr ausgeklügelt und mit ausreichenden Zeitreserven versehen. Sally wünscht heute etwas länger im Bett zu bleiben. Sie kommt da ganz nach meiner Angetrauten. Heute lasse ich mal Gnade vor Recht ergehen. Ich schließe die Tür zum Mädchenzimmer, um die zweitbeste Ehefrau von allen nicht zu stören.

Nachdem ich meine Frühmittagsstückessenbrote fertig gemacht habe werfe ich den Laptop an. Ein kurzer Blick in die Runde; mal sehen, was Klein-Bloggersdorf zu bieten hat. Oder doch ein längerer Blick, denn ich habe ja wegen Sally etwas Luft gewonnen. Aber irgendwann wird es doch Zeit, ich muß heute etwas früher raus, will den Müll mitnehmen. Also stehe ich auf und beginne, mir was Bürotaugliches anzuziehen. Gerade stecke ich mit einem Bein in der Hose, als Sally auf der Bildfläche erscheint und mich anbrüllt. Na toll, ausgerechnet jetzt will sie doch ihren Spezialkakao. Hose zu, ab in die Küche, Napf auffüllen und kurz ab damit in die Mikrowelle. Zehn Sekunden genügen um die Atome und Moleküle derart zum Schwingen anzuregen, daß der Spezialkakao von kühlschrankkalt auf angenehm warm hochtemperiert wurde.

Sally schlabbert vor sich hin, ich ziehe mich weiter an und versuche dabei, den Rest der Katzenbande im Auge zu behalten. Niemand soll Sally beim Fressen stören. Das ist wichtig.

Das Telefon klingelt – Moooment, das Telefon klingelt? Um Fünf Uhr irgendwas? Schon hört es auf. Ich schaue auf die Anzeige. Aha, die zweitbeste Ehefrau von allen machte sich per Smartphone aus dem Mädchenzimmer bemerkbar. Ich gehe hin, öffne die Tür. Ein leicht unartikuliertes Gebrabbel meiner noch schlaftrunkenen Angetrauten macht mir klar, daß ich Smilla aus dem Bett entfernen und die Tür dann wieder schließen soll. Möglichst ohne eingesperrte Katze.

Gut, meine Zeit wird langsam knapp. Ich könnte Smilla etwas schubsen. Sie würde das Bett wohl zügig verlassen, sich aber unter Umständen irgendwo im Mädchenzimmer verstecken. So viel Zeit, sie dann zu suchen, eventuell unter dem Bett zu finden und da wieder hervorzuholen habe ich nicht. Also beschließe ich, unsere kleine Rumkugel rauszutragen. Eine gewagte Sache.

Wie der geneigte Leser vielleicht noch in Erinnerung hat, haben wir Smilla und Marty im Alter von zwei Jahren aus dem Tierheim geholt. Sie wurden dort geboren und hatten nur eingeschränkten Umgang mit Menschen. Und waren nicht darauf trainiert, sich hochheben zu lassen. Wir haben ihnen schon einiges beigebracht, aber das Hochgehobenwerden gehört weiterhin nicht zu den Dingen, die sie sich gerne gefallen lassen. Aber was sein muß, das muß eben sein. Ich diskutierte dies dann auch mit Smilla aus.

Mein Hemd hat es überstanden, die Hände hörten nach einiger Zeit auch auf zu bluten und die Kratzer auf meiner Brust werden wieder verheilen, da bin ich sicher. Wie gut, daß ich die oberen beiden Hemdknöpfe immer offen lasse und so gut wie nie Langärmeliges trage, sonst wäre die Textilie jetzt in einem Zustand, der dem jenes T-Shirts gleicht, welches ich einst getragen habe, als ich mit Marty geübt habe, für die Dauer von mehr als drei Sekunden angehoben zu werden. Es hatte vorher auch schon Löcher, aber so zerfetzt passt es gut zu Halloween…

Immerhin habe ich meinen Bus trotz erforderlicher lebensrettender Sofortmaßnahmen noch knapp erreicht. Und die zweitbeste Ehefrau von allen konnte ihren Schlaf ungestört fortsetzen. Nur die Sache mit dem Müll hat nicht mehr ganz so funktioniert.



Kommentare:

  1. Was man nicht alles tut für diese anbetungswürdigen Geschöpfe... In meinem nächsten Leben möchte auch eine Katze von dir werden!

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    1. Ich auch, werte Sturmtaenzerin, ich auch.

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  2. Hach, das könnte aber kompliziert werden. Wir beide als Katzen bei Dir? Jetzt bin ich verwirrt...

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  3. Das hätte was von einer gespaltenen Persönlichkeit. Egal.

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  4. Sie lässt sich immer noch nicht hochnehmen, obwohl sie euch vertraut und längst angekommen ist? Hätte ich nicht vermutet, dass Katzen, wenn sie denn mal geprägt sind, sich nicht umgewöhnen. Katzenviecher.....echte Sturköpfe.

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    1. Smilla und Marty sind sich da einig. Sie lassen sich innigst betuteln und gerne auch über die Kehle streicheln. Sie machen sich nachts im Bett so breit, daß du nur noch auf der Bettkante liegen kannst. Sie geben Köpfchen und tasten dein Gesicht mit den Barthaaren ab. Und sie werfen sich mitunter auf den Rücken, wenn du dich ihrem Körbchen näherst. Aber hochheben? Nix.

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