Samstag, 5. Oktober 2013

Kleine Freuden

Diese Geschichte beginnt, wie viele andere Geschichten in diesem Blog auch: Wir sitzen an unseren Schreibtischen und arbeiten vor uns hin. Das Radio verbreitet dezente Hintergrundmusik, welche ich durchaus zu überhören vermag. Die Fenster sind geschlossen. Der Sommer hat sich verabschiedet, die Temperaturen der Außenwelt haben sich dauerhaft unter die 30 Grad-Marke zurückgezogen, die Damen beginnen folglich zu frieren. Während ich noch kurzärmelig gekleidet bin und mir ernsthaft überlege, zumindest während der Mittagszeit, wenn die Sonne unser Büro für meine Begriffe immer noch sehr stark aufheizt, meinen kleinen R2D2 genannten Towerventilator anzuwerfen, tauchen zumindest Mandy und Trudi schon regelmäßig mit Kleidungsstücken auf, welche auf das minütlich zu erwartende Eintreten der nächsten Eiszeit schließen lassen.  Nur Karla ist da noch etwas anders drauf; in ihr scheint das ungebremste Feuer der Jugend zu brennen und sie entsprechend aufzuheizen.

Aber nicht, daß mir jetzt jemand unterstellt, ich hätte behauptet, sie sei heiß. Würde ich nie machen, sie ist so überhaupt nicht mein Typ.

Der Boden beginnt zu zittern. Neue Kollegen in unserer Außenstelle bekommen in diesen Momenten einen leicht verstörten Blick. Empfindlichere Gemüter hingegen stehen kurz vor dem Ausbruch einer Panikattacke, aber die können wir alten Hasen schnell beruhigen. Da unsere Fenster zumindest im geschlossenen Zustand hervorragend schallisolierend wirken, hört man den schweren Güterzug nicht, der gerade den Neustädter Hauptbahnhof passiert. Aufgrund verschiedener vermuteter Baufehler des uns aufnehmenden Gebäudes hat dies den Effekt, daß Schwingungen in deutlichem Ausmaß weitergeleitet werden. Man gewöhnt sich an diese kleinen Vorbeben.

Nachdem die Lage sich wieder beruhigt hat, erscheint Nadja in unseren heiligen Hallen.

„Püppiiiieeee, das Leben ist grausam.“

So beginnen meistens ihre an Mandy gerichteten Jammereien über die Ungerechtigkeiten dieser Welt im Allgemeinen und ihr gegenüber im Besonderen.

„Die Wissen immer noch nicht, wann das Vorstellungsgespräch stattfinden soll. Der Strebsinger meint, irgendwann Ende des Monats oder im nächsten Monat.“

Nadja hat sich intern auf eine andere Stelle beworben. Zu deren Vergabe findet bei uns routinemäßig neudeutsch Interviews statt, an denen neben den Bewerbern mehr als ein halbes Dutzend weitere Personen beteiligt sind. Deren Anwesenheit zu koordinieren scheint dieses Mal eine Herausforderung zu sein. Kann passieren.

„Ich habe keine Lust mehr und wollte daher spontan Urlaub buchen. So kann ich das aber vergessen.“

Kind, du wirst es überstehen, es wäre deine dritte Reise in diesem Jahr. Zieh wieder bei Mutti aus, dann hast du kein Geld mehr für so etwas übrig und ein Problem weniger, denn du mußt nicht mehr überlegen, was du damit anstellen sollst.

Der fiktive Zeiger der fiktiven Uhr in unserem höchst realistischen Büro näherte sich der Mittagspausenzeit. Mit deren unvermeidlichen Anbruch verlassen unsere Raucher stets fluchtartig das Gebäude, um die Luft der Außenbereiche, insbesondere aber unserer offiziellen Raucherecke zu aromatisieren.

„Hach, es ist ja schon halb Zwölf. Endlich wieder eine Fluppe anzünden. Ich freu mich so.“

Und an mich gewandt: „Freust du dich auch?“

„Oh ja, endlich wieder Ruhe hier.“

Wenn sie schon so fragt…



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen