Samstag, 14. September 2013

Spinne am Morgen

Zu meinen üblichen Zeiten stehe ich vor dem LASA, ziehe meinen Mitarbeiterausweis an dem Kartenleser vorbei und rette mich mit einem beherzten Sprung zur Seite, damit mich die nun automatisch aufschwingende Eingangstür nicht erwischt.

Diese Tür ist schon ein kleines Ärgernis. Man kann sie von innen wie eine gewöhnliche Tür mit der Hand öffnen und dann auch wieder ins Schloss fallen lassen. Von außen aber entriegelt sie nur unter Verwendung des Mitarbeiterausweises. Soweit kein Problem. Aber sie schwingt. Es lässt sich nicht vermeiden. Alles funktioniert automatisch. Und die Schwingrichtung ist für den Unerfahrenen etwas heikel. Aber der echte Auskenner weiß, daß er sich rechts neben den Kartenleser zu stellen hat, um dem Schwung der schweren Tür zu entkommen.

Der wirkliche Haken an der Tür ist, daß sie nach der erforderlichen Betätigung des Kartenlesers nicht nur automatisch aufschwingt, sondern sich auch erst nach einer gefühlten Ewigkeit automatisch wieder schließt. Es gibt keine Möglichkeit, diesen Schließvorgang zu beschleunigen.

Es handelt sich hierbei um einen Mitarbeitereingang. Der Kundeneingang, eine Drehtür, befindet sich unmittelbar nebenan und wird erst später geöffnet. Nun kommt es vor, daß die Kundschaft sich schon vor den offiziellen Öffnungszeiten auf unserem Vorplatz versammelt. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Insbesondere, wenn er keinen festen Termin hat. Kennt man ja.

Und darum versuchen auch immer wieder Kunden, zusammen mit Mitarbeitern vorzeitig durch den besagten Mitarbeitereingang ins Gebäude zu gelangen. Da wir auf das Schließen der Tür keinerlei Einfluss haben, bleibt immer reichlich Zeit für anregende Diskussionen, die sich schwerpunktmäßig mit dem Thema beschäftigen, warum die Kundschaft denn gerade jetzt noch nicht das Gebäude betreten darf.

Für manche Menschen ist es einfach unbegreiflich, daß sich eine halbe bis dreiviertel Stunde vor der Öffnungszeit noch niemand in unserem öffentlichen Bereich befindet, der sie beaufsichtigen könnte. Und es besteht durchaus die Möglichkeit, daß sich unbeaufsichtigte Kunden – so sie es einmal bis hierhin geschafft haben – auch trickreich Zugang zu den an sich abgesperrten Bereichen verschaffen, in denen datenschutzwürdiges Material herumliegt und -hängt. Mal abgesehen davon, daß auch in den öffentlichen Bereichen genügend Dinge lagern, welche sich mitzunehmen lohnen.

Doch dieses Problem stellte sich mir nicht. Mehr als eine Stunde vor der offiziellen Öffnung stehen nur ganz selten schon Kunden in Bereitschaft. Ich ging also zur Stechuhr, zog meinen Mitarbeiterausweis wiederum an einem Kartenleser vorbei und wartete, bis die Bestätigung kam, daß meine Arbeitszeit nun begonnen habe.

Weiter ging es in Richtung Aufzug. Knöpfchen drücken, Aufzug kommen lassen, Kabine betreten und wieder Mitarbeiterausweis mit dem Kartenleser bekannt machen, damit der Knopf für die Etage, auf welcher die Sachbearbeitung residiert, aktiviert werden kann. Ich konnte noch einen kurzen Blick nach draußen werfen, bevor die Tür sich endgültig schloss, und bemerkte, daß Trudi sich dem Mitarbeitereingang näherte. Warten musste ich  nicht, denn sie würde erst noch einen Gang durch das zentrale Postbüro machen, um sich von dort Arbeit mitzunehmen. Als freundlicher Kollege hatte ich vor, ihr den Aufzug direkt wieder runterzuschicken, sobald ich oben angekommen wäre.

Als die Kabine sich in Bewegung setzte, sah ich eine große, fette Spinne, die sich in meine Richtung in Bewegung setzte. Nun ist es die Pflicht eines jeden Mitarbeiters des Hauses dafür Sorge zu tragen, daß niemand Unbefugtes die Etage der Sachbearbeitung betritt. Und diese Spinne schien mir ganz eindeutig niemand Befugtes zu sein. Also hinderte ich sie durch einen beherzten Fußtritt daran, ihren Vormarsch weiter auszuführen. Streng genommen würde sie nun nie wieder irgendwohin marschieren. So lagen die sterblichen Überreste auf dem Boden des Aufzuges. Natürlich würde ich bei einem auf zwei Beinen stehenden und auch sonst eher humanoid wirkenden Unbefugten tendentiell anders vorgehen.

Auf meiner Etage angekommen hatte ich vor, mir etwas Toilettenpapier zu besorgen und die Spuren meiner Tat zu beseitigen. Da ich jedoch nichts in Griffweite hatte, mit dem ich den Aufzug davon abhalten konnte, sich wieder in Bewegung zu setzen, hat das nicht so ganz geklappt.

In diesem Moment kam der Ökoklaus vorbei. Es war noch Zeit genug, um ihn vor dem Bevorstehenden zu warnen, so daß auch er seine Ohren schützen konnte. Denn ich hatte registriert,  daß sich die Tür vom zentralen Postbüro wieder geschlossen hatte (ja, es besteht da eine gewisse Hellhörigkeit im Hause, insbesondere morgens vor den Aufzugsschächten), was ja nur bedeuten konnte, daß Trudi fertig war und nun den Aufzug betreten würde.

Der Ökoklaus und ich warteten, vernahmen das Schließen der Aufzugstür, genossen noch einen Moment der Stille, bevor schließlich…

„UUUÄÄÄÄÄÄÄHHHHHHHHH!“

Na ja, ich wollte es vermeiden. Ehrlich.



Kommentare:

  1. Wirklich sehr rücksichtsvoll. Ist nicht so schlimm, schließlich hat die Technik die gute Tat verhindert. Und der Anblick einer toten Spinne ist nur 99,5% so schlimm, wie der Anblick eines lebenden Exemplares. Also doch eine gute Tat...

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  2. Hahaha.....Danke für diesen Post und Danke, dass du kein Foto von der Spinne eingestellt hast!

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  3. @ chat noir: Ja, das hast du sehr gut bemerkt.

    @ Alex: Ich bin ja nicht so cool wie du mit deinem Smartphone. Ich habe nur ein olles Uralt-Handy, mit dem ich zwar etwas herumknipsen könnte, aber noch nicht mal wüsste, wie ich die Bilder auf den Rechner rüberziehen soll. Blue Tooth ist da noch noch nicht dran. Ich bin halt noch so einen Primitiven.

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  4. Selbst wenn dein Mini-Opi Bluetooth hätte - dein Laptop hat keines... (Bevor du fragst - nein meiner auch nicht!) ;-)
    Aber es gibt da sowas das nennt sich Kabel... *duck und weg*

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