Sonntag, 29. September 2013

Die Tätowierung

Der geneigte Leser wird sich zu erinnern wissen, daß ich Frl. Hasenclever unlängst mit der Offenbarung schockierte, daß ich eine Tätowierung habe. Mir hat sich immer noch nicht erschlossen, warum sie das so erschreckt hat.

Es war für  mich schon Jahre früher eine feststehende Tatsache, daß ich mir mal eine Tätowierung stechen lassen würde. Schwierig war es allerdings, dieses Unterfangen auch umzusetzen. Mir war kein Studio bekannt, welches so eine Arbeit ausführen würde. Mehr als allgemeine Informationen hatte ich nicht zu dem Thema. Es war ungefähr in der Jungsteinzeit, noch vor Verbreitung des Internets für den Normalbürger, als sich eine frühere platonische Freundin von mir eine Tätowierung stechen ließ.

Ich hakte nach, fragte sie aus und sah endlich die Gelegenheit, meine langjährigen Wünsche in die Tat umzusetzen. Ich wusste schon, in welche Richtung das Bild gehen sollte. Also besuchten wir gemeinsam das besagte Studio. Ich wollte mich erst unverbindlich umschauen, Eindrücke sammeln und auch noch die eine oder andere Anregung mitnehmen. Wie gesagt, gab es das Internet noch nicht in der heutigen Form für jedermann. Einfach mal Google anwerfen und sich Bilder anzeigen lassen war noch Zukunftsvision.

In den vielen Katalogbildern fand ich auch das, was ich gesucht habe: das Bild eines Einhorns. Allerdings in der Version mit Bart. Aber das würde sich ja ändern lassen. Es war eine eher einfache Arbeit, die auch nicht besonders kostenintensiv sein würde. Ich trug mein Ansinnen dem Menschen hinter dem Tresen vor. Er selbst war kein Angestellter des Ladens, sondern ein freier Tätowierer, der durch die Gegend tingelte und immer wieder für eine bestimmte Zeit in den verschiedenen Lokalitäten als Gast-Künstler arbeitete. Die Studios gab es früher noch nicht wie Sand am Meer, und er schien in der noch übersichtlichen Branche einen guten Ruf zu haben.

Dieser Tätowierer zeigte mir ein anderes Bild eines Einhorns aus seinem persönlichen Katalog. Es war das Foto einer fertigen Arbeit, nicht nur eine Zeichnung auf Papier. Ja, das war es! So und nicht anders sollte meine Tätowierung sein. Das Bild zeigte eine eher plastische Darstellung, nicht nur eine einfache Zeichnung. Dementsprechend würde es auch um ein Vielfaches teurer werden als ursprünglich gedacht. Aber hier zu sparen hieß, an der falschen Stelle zu sparen. Ich vereinbarte einen Termin und leistete eine Anzahlung.

Zu diesem Termin ging ich alleine; meine Freundin, die mich begleiten sollte, musste kurzfristig absagen. Das war ja schon wieder was für mich, aber die Umstände, daß ich eine Anzahlung geleistet hatte und endlich die Möglichkeit sah, meinen Wunschtraum zu realisieren, sorgten dafür, daß ich den Weg in das Studio auch alleine hinter mich brachte.

Ich setzte mich auf den Stuhl und harrte der Dinge. Nach meinen vorherigen Informationen würde das Bild rudimentär mit einer Schablone auf meinem Oberarm angezeichnet werden, danach sollte die Umsetzung mit der Nadel erfolgen.

Mein Oberarm wurde nochmal rasiert und desinfiziert. Anschließend füllte der Tätowierer seine Farben ab. Um den plastischen Effekt zu erzielen, würde er mit neun verschiedenen Schwarz- und Grautönen arbeiten. Handschuhe und Nadel lagen in sterilen Beuteln bereit. Nun gelangten wir an den Punkt, an dem es mir doch etwas seltsam zumute wurde. Der Bursche hatte nämlich keine Schablone, sondern zeigte mir das Foto eines Pferdes, welches ihm als Vorlage dienen würde. Er markierte einige wenige Stellen an meinem Oberarm mit einem Stift, dann erfolgte die letzte Frage:

Bleibt es dabei?

Ja, es bleibt dabei.

Und los ging es. Die Arbeit wurde routiniert und zügig ausgeführt. Ich hätte nie gedacht, daß das so schnell erledigt sein könnte. Nicht mal eine Stunde nach Betreten des Studios stand ich schon wieder vor der Tür.

Die Haut rund um die Tätowierung zeigte sich in den ersten Tagen feuerrot. Es wirkte so, als ob das Einhorn durch eine wabernde Glutwand gehen würde. Auch eine interessante Idee, aber mit bunten Tätowierungen habe ich es nicht so. Das Rot verblasste nach einigen Tagen, dann kam auch der erste Schreck: Die Tätowierung wurde langsam etwas blasser. Farbreste lagerten sich wie Schorf auf dem Bild ab. Jetzt nur nicht daran herumfummeln. Ich war darauf vorbereitet, aber dennoch gab es dieses Gefühl der Unsicherheit. Doch schließlich hat sich alles eingependelt. In den letzten Jahrzehnten gab es keine Veränderung mehr.

Sehr schnell spürte ich den Drang, von dem alle berichten, die mit ihrer Tätowierung im Reinen sind. Man will mehr. Noch eines. Und vielleicht ein weiteres. Tätowieren macht süchtig! Man sieht es ja auch an den Herr- und Damenschaften, die über und über mit Tätowierungen bedeckt sind. Das gefällt mir dann auch nicht mehr. Aber ja, auch ich möchte gerne noch eine weitere Tätowierung haben. Einen Drachenkopf. Dieser müsste genau so plastisch dargestellt sein wie das Einhorn, sonst sieht das nicht gut aus. Doch so etwas kann nicht jeder. Und es kostet richtig Geld.

Also wird es bei dem Einhorn verbleiben.

Schade.


Kommentare:

  1. Ich hab mir mein erstes Tattoo vor ein paar Wochen stechen lassen, den Wunsch nach einem hatte ich schon etliche Jahre, eigentlich schon als Teenie. Und ja, auch ich will mehr! Ich hab da ein paar Wunschmotive, eines davon ist auch ein Drache (mein Krafttier), Vorlage wird ziemlich sicher ein selbstgezeichneter, muss meinem Drachen nur noch einen Körper verpassen und eine tattootaugliche Vorlage hinbekommen.

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  2. Nachtrag: Ich glaube, ich habe es gefunden. Kann das sein? ;-)

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  3. Ja, da sehe ich eine gewisse Möglichkeit...

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  4. Bei mir hat es mit einem angefangen, dann kamen noch drei Köpfe drüber :-). Ein ungewöhnliches Motiv, was es so nicht noch einmal auf der Welt gibt, und der Tätowierer muß das wissen, denn er ist schon über 40 Jahre dabei :-). Sehr schönes Motiv, das Einhorn. Und wirklich gute Farben, kein Verwischen oder Gestümper. Das Geld hat sich gelohnt, der Typ kann was!
    Beste Grüße (über Felis auf Dich gestoßen) - Heike

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  5. Ja, da habe ich echt Glück gehabt.

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