Donnerstag, 26. September 2013

Der Armleuchter und die Sache mit der unmoralischen Schadenfreude

Es gibt ja verschiedene Dinge, gegen die ich nicht ankomme. Dazu gehören Kinderwagen sowie Fahrräder in öffentlichen Verkehrsmitteln während des Berufsverkehrs. Man beachte freundlicherweise die einschränkenden letzten drei Worte des vorherigen Satzes. Danke. Mich regt es auch genauso auf, wenn ich Menschen mit Kinderwagen, geschobenen Fahrrädern sowie mitgeführten Hunden im dichtesten Gedränge eines Weihnachts- oder auch eines Trödelmarktes sehe. Den Kindern und auch den Hunden wird die Sache genau so wenig Freude bereiten wie den Mitmenschen. Wie allerdings das Fahrrad empfinden mag, entzieht sich auch nur dem Ansatz jeglicher Vermutung meinerseits.

Natürlich billige ich jederman auch einen Platz in Bussen und Bahnen zu, habe aber meine Zweifel daran, ob die wirklich alle zwingend während der Hauptverkehrszeiten mit ihren sperrigen Gerätschaften (ja, ich weiß, Hunde sind keine Geräte) unterwegs sein müssen. Ebenso wie ich bezweifle, daß man mit großen – oder noch schlimmer – kleinen Hunden an der Leine über Kirmesse Kirmesine Kirmessenen Jahrmärkte schlendern muß. Ja, ihr dürft mich jetzt einmal Ar…mleuchter nennen. Ich stehe dazu.

Ich stand, flankiert von weiteren Feierabendlern in relativ übersichtlicher Anzahl, bei ausreichend warmem Wetter am Bahnsteig des Neustädter Hauptbahnhofs. Ein Bursche im Alter von 16 bis 20 Jahren und zugehörigem Fahrrad wartete ebenfalls. Plötzlich kam eine etwa gleichaltrige und somit junge Frau auf ihn zu. Man kannte sich wohl, schien aber den gegenseitigen Reaktionen nach zu urteilen nicht verabredet gewesen zu sein.

Der Zug fuhr ein, eine Tür hielt direkt vor unserer Nase. Beide stiegen vor mir ein. Die junge Frau wandte sich nach links, um die dort etwas höher gelegenen Sitze in Anspruch zu nehmen. Der Bursche konnte sein Fahrrad dorthin nicht mitschleppen und merkte an, daß das Fahrradabteil sich ja den Gang rechts hinunter befinden würde. Ein Umstand, den man durchaus aufgrund entsprechender unübersehbarer Beschilderung vor Betreten des Zuges hätte erkennen können. Er vermeldete aber, daß er gerade keine Lust dazu habe, das Fahrrad dort abzustellen. Dies zu tun wäre allerdings kein Problem gewesen, doch fünf Meter sind fünf Meter. Und auch dort hätte er nicht stehen müssen; die dort freien Sitzplätze hätten für ihn und seine Begleiterin locker ausgereicht. Stattdessen stellte er sein Gefährt mangels ausreichenden Platzes quer vor die gegenüberliegende Tür und setzte sich zu seiner Bekannten. Ich verblieb alleine mit dem Fahrrad im Vorraum.

Kurz vor dem nächsten Halt, an dem ich auf eben dieser durch das Fahrrad blockierten Seite aussteigen musste und mich schon anschickte, den kurzen Weg zur nächsten Tür zu nehmen, füllte sich der Vorraum mit anderen Aussteigewilligen. Der Bursche, zu dem das Fahrrad gehörte, war nicht darunter. Ein Herr, welcher bemerkt hatte, daß ich mich hier die ganze Zeit stehend und alleine mit dem Fahrrad aufgehalten hatte, obwohl Sitzplätze frei waren – er konnte ja nicht wissen, aus welchen Gründenich deren Benutzung nicht in Erwägung gezogen hatte – fragte mich, ob das mein Fahrrad sei. Ich weiß jetzt nicht, ob ich mich ob dieser Frage geschmeichelt fühlen sollte, denn mein Eindruck war eher,  daß dieser Drahtesel unter meinem Gewicht zusammenbrechen würde als mich auch nur mehr als zehn Meter auf die dafür vorgesehene Weise zu transportieren. Ich sah die Sache einfach positiv, vermochte seine Frage aber selbstverständlich nur zu verneinen. Da ich, wie bereits erwähnt, ein Ar…mleuchter bin, wies ich ihn nicht darauf hin, wo der Besitzer zu finden sei.

Der Herr fragte einmal laut in die Runde, ob einer der Anwesenden zu diesem Fahrrad gehöre. Auch der Bursche hätte diesen Ruf durchaus verstehen können, aber er war eher damit beschäftigt, seine Begleiterin zu unterhalten. Der Zug hielt an. Es wäre kein Aufwand gewesen, durch die nächste Tür auszusteigen, aber der fragende Herr zog es vor, die Tür zu öffnen, anzumerken, daß das Fahrrad, wenn es doch niemandem gehöre, auch nicht hier herumstehen müsse, es dann nach draußen zu tragen und dort ordentlich an der den Gleisen abgewandten Bahnsteigseite abzustellen. Der Bursche im Zug bemerkte dies nicht; seine Begleiterin zeigte ebenfalls keinerlei Reaktion, auch wenn sie die Sache aufgrund ihrer Sitzposition durchaus hätte beobachten können.

Niemand der anderen Fahrgäste regte sich darüber auf, und ich verhehle nicht, daß sich auch mir eine gewisse Schadenfreude aufdrängte. Während ich in Richtung Bahnsteigtreppe ging, fuhr der Zug wieder an.

Das Fahrrad jedoch blieb zurück.



Kommentare:

  1. Hallo,
    danke für den Eintrag auf meiner Leseliste. Mit den Fahrrädern musst Du differenzieren: in S-Bahnen, REs und RBs gibt es eigene Stellplätze für Fahrräder, die auch während des Berufsverkehrs genutzt werden können. Ich beziehe mich auf den Verkehrsverbund Rhein-Sieg, das dürfte aber in anderen Verkehrsverbünden genauso sein. In Bussen und Straßenbahnen sind Fahrräder während des Berufsverkehrs tabu (aus den Gründen, die Du beschreibst). In S-Bahnen, REs und RBs wird es bisweilen eng mit den Fahrrädern. Deine Geschichte mit dem unbemerkt weggestellten Fahrrad hört sich in der Tat toll an !

    Gruß Dieter

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  2. Es war eine Regionalbahn. Etwas Gewissensbisse habe ich schon dabei gehabt, es nur zu beobachten. Andererseits war das Verhalten des Jungen schon dreist, denn Platz wäre vorhanden gewesen, der vorgesehene Stellplatz war ja frei. Nur in dem Vorraum und dann noch unmittelbar vor den Türen war es eben schlecht. Gerne hätte ich seine Reaktion mitbekommen, als er bemerkt hat, daß sein Rad nicht mehr mitfährt.

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