Samstag, 31. August 2013

Schreck in der Morgenstunde

Mitten in der Nacht werde ich wach. Ich spüre, daß Lilly sich der Länge nach an meinem Bein gemütlich eingerichtet hat. Sally ist nicht an ihrem Platz. Das ist nicht ungewöhnlich, denn in den warmen Sommernächten hat sie es noch nie durchgehalten, bei mir zu bleiben. Lilly bemerkt, daß ich wach bin, steht auf und wandert bis auf meine Brusthöhe. Sie gibt Köpfchen, möchte sich ankuscheln. Also drehe ich mich auf die Seite, streichle sie kurz. Das ist für sie das Zeichen, das alles ok ist. Also legt sie sich in Höhe meines Zwerchfells hin und presst sich an mich. Ich beginne ihren Bauch zu kraulen, aber wie erwartet drückt sie ihre Hinterpfoten in meine Streichelhand. Kein Bedarf, der Papa soll sie einfach nur halten. Mache ich. Meine Hand umschließt beide Pfoten gleichzeitig. So schlafen wir wieder ein. Lilly ist dabei schneller als ich, wie ich an ihrem leisen Schnarchen feststelle.

Etwas später. Ich bin in einem geräumigen, grün gekachelten Badezimmer. Die Sonne strahlt durch das Fenster. Es steht auf Klappe und ist im unteren Bereich mit ein paar Schmutzweben versehen. Nicht übertrieben dramatisch, aber auch nicht schön. Da muß ich dringend mal ran. Ich verspüre ein menschliches Rühren. Da bin ich ja genau zur rechten Zeit… aufgewacht. Draußen ist es noch stockfinster. Das Badezimmer war ein Traum, das Rühren ist echt. Lilly liegt wieder an meinem Bein. Vorsichtig ziehe ich es zur Seite und wuchte es über sie, um aufzustehen. Lilly bemerkt, was die Stunde geschlagen und hat springt aus dem Bett. Auch gut. Ich gehe zur Keramikabteilung und lasse der Natur ihren Lauf.

Ein nörgelnder Katzenruf dringt durch die Wohnung. Sally! Sie wird Hunger haben. Das ist die Zeit, zu der sie meistens ihr Frühstück bekommt oder – falls ich arbeiten muß – schon bekommen hat. Sie war nie eine starke Frühstückerin, aber ein wenig an ihrer Spezialverköstigung lecken, das muss schon sein. Plötzlich wird der Laut kehliger. Ein sehr markantes Geräusch; ich warte auf das übliche Folgegeräusch. Mit diesem Laut kündigt Sally normalerweise an, daß sie sich gleich übergeben wird. Ja, wir können unsere Katzen auch an den Würgegeräuschen bzw. den zugehörigen Vorwarnungen unterscheiden. Sie sind halt sehr individuell.

Alle anderen unserer Katzen schaffen es in diesen Momenten, rechtzeitig eines der drei in der Wohnung verteilten Katzenklos zu erreichen und die Sache dort diskret zu erledigen. Meistens. Aber nicht immer. Sally schafft das nie. Doch die Folgegeräusche bleiben aus. Kann vorkommen, aber ich will dennoch mal nachsehen. Also erledige ich, was erledigt werden muß und begebe mich danach in Richtung Wohnzimmer. Hier liegt Sally halb auf dem Boden, stützt sich nur mit den Vorderbeinen. Sie hat ihre Hinterbeine nicht richtig unter Kontrolle. Lilly und Marty sind bei ihr. Ich kann nicht erkennen, ob es sich um neugieriges Gaffen oder eher um Anteilnahme und Fürsorge handelt. Smilla ist nirgendwo zu sehen. Entweder schläft sie im Gartenzimmer oder ich habe sie beim Schließen der Tür im Zimmer meiner Angetrauten eingesperrt. Kommt vor, ist aber unwahrscheinlich. Seit dort ein Ventilator seinen Dienst verrichtet, meidet Smilla dieses Zimmer.

Ich gehe zu Sally, nehme sie auf den Arm. Schon wieder denke ich daran, ob es das jetzt mit ihr gewesen war. Sally beginnt ihr Ersatzschnurren. Es hört sich schrecklich an, aber was soll sie machen, wenn es nicht mehr anders geht? Es hat lange genug gedauert, bis sie wenigstens wieder diese Krächzlaute von sich geben konnte. Die alte Dame richtet es sich auf meinem Arm gemütlich ein, sie wirkt zufrieden. Ich beruhige mich wieder.

Nach einiger Zeit will Sally runter. Ich setze sie vorsichtig auf den Boden ab. Sally will etwas laufen, aber das klappt noch nicht so richtig. Ihr linkes Hinterbein bricht ständig nach außen weg. Ich nehme sie wieder auf den Arm. Sie lässt es sich gefallen. Mir ist zwischenzeitlich der Gedanke gekommen, daß sie wieder einen ihrer Anfälle bekommen haben könnte. In ihrer Jugendzeit ist dies das erste Mal aufgetreten. Es erinnert ein wenig an einen epileptischen Anfall und wird anscheinend durch Stress ausgelöst. Nach ein paar Minuten sind diese Anfälle wieder vorbei. Sally bekommt sie nur noch sehr selten.

Ich starte einen zweiten Versuch und setzte Sally wieder runter. Ja, das sieht schon besser aus. Sie schwankt noch ein wenig. Vor der Küchentür bleibt sie stehen. Ja, Sally, Papa macht dir dein Frühstück. Und füllt auch gleich den Napf für den Rest der Bande auf. Alles geht seinen gewohnten Gang. Ich gebe Sally ihren Napf auf dem Sofa. Lilly kommt hinzu. Sie interessiert sich in letzter Zeit wieder stärker für Sallys Spezialkakao. Sei froh, daß du den noch nicht brauchst. Ich spreche ein leises  Lilly, nein aus. Das muß noch nicht mal besonders streng sein. Ein beiläufiger, entspannter Klang genügt meistens völlig. Lilly versteht sofort. Sie zieht sich wieder zurück.

Sally ist fertig und springt auf ihren Kratzbaum. Alles ist wieder wie immer.

Ein neuer Tag hat begonnen.



Kommentare:

  1. Ohh, diesen "Ruf" vor dem Kötzeln kenne ich. Dieses tief-kehlige "Ooouuhh-ooouuhh", dass mit dem normalen Miauen nichts gemein hat. Die ersten Male habe ich mich fürchterlich erschreckt.

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  2. Ja, so unvorbereitet geht das durch Mark Bein.

    Aber mal ehrlich: Du kennst Katzen, die tatsächlich miauen?

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  3. Moritz schiebt mir auch immer seine Hinterpfoten in die Hand, wenn er nur nah bei mir sein, aber nicht gestreichelt werden will. Und "Miau" kommt nur in höchster Not. Sonst spricht er ein klares Kätzisch. Gut zu verstehen, ohne Dialekt.

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  4. Es gibt tatsächlich Katzen, die miauen? Ich bin erschüttert.

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