Sonntag, 11. August 2013

Das liebe Alter

Damals, als meine Mutter mich noch ausgesprochen gerne in eine dieser furchtbaren Seppl-Hosen gesteckt hat und ich machtlos dagegen war, wurde mein Geburtstag auch noch gefeiert. Heute bin ich ja ganz weit weg von derartigem Unfug. Also von dem Feiern meines Geburtstages. Und auch von den Seppl-Hosen. Quasi von beiden dieser schrecklichen Dinge. Hat schon mal jemand versucht, mit einer Seppl-Hose eine Rutsche zu benutzen? Na, Erkenntnisgewinn? Und so ist das mit Geburtstagen auch. Zumindest für mich. Geht so überhaupt nicht. Dabei habe ich kein Problem damit, älter zu werden. Zumindest nicht, so lange ich im Sporttempel nicht mit dem Trainingsprogramm für Senioren versorgt werde. Ist aber ein anderes Thema. Eigentlich kokettiere ich auch ganz gerne damit, so steinalt zu sein. Aber ich habe ja auch kein Problem mit meinen grauen Haaren. Himmel, was bin ich untypisch für unsere Gesellschaft…

Sei es drum, wir bewegen uns wieder zurück in die Seppl-Hosen-Zeit. Im Kindergarten wurden Geburtstage natürlich auch gefeiert. Das Geburtstagskind setzte sich auf einen Stuhl, die anderen Kinder bauten sich ihrerseits auf Stühlen in einem Halbkreis gegenüber auf. Danach schlugen die Nachwuchsmusiker irgendwie vollkommen disharmonisch  auf vorhandene LärmMusikinstrumente ein, zupften wahlweise an denselben oder anderen herum, bliesen auch mal in dafür vermutlich vorgesehene Öffnungen und krähten währenddessen – zumindest so lange sie nicht in irgendwelche Gerätschaften gepustet haben - ein Geburtstagslied. Hatte das Geburtstagskind diesen frühkindlichen Akt menschlicher Grausamkeit weitgehend schadlos und vermutlich doch mit einer gewissen Begeisterung überstanden, wurde es gefragt, wie alt es denn geworden sei und verteilte nach brav verkündeter und zumeist zutreffender Antwort mitgebrachte Süßigkeiten. Traditionell handelte es sich dabei um Kirsch-Lutscher. Die hatten einen zartgrünen Stiel und einen roten, kirschgroßen Kopf. Heute sehe ich die auch noch ganz selten mal in irgendwelchen Geschäften. Wie es danach im Kindergarten weiterging, weiß ich nicht mehr.  Zu Hause wurde natürlich auch noch mal gefeiert.

Was mich immer etwas gestört hat war der Umstand, daß mein damaliger Kindergartenfreund Holger älter war als ich. Da er in dem Jahr vor mir zur Welt gekommen ist, war er wohl sogar schon bemerkenswert alt. Damals war es ja noch ein erstrebenswertes Ziel, älter zu sein. Nun, dieses einstige Ziel habe ich zwischenzeitlich auch erreicht, wenn ich mir mein betriebliches und überwiegend auch persönliches, außerfamiliäres Umfeld so ansehe. Abgesehen von Herrn Graumann natürlich, denn der ist ja mal richtig alt… Er geht schon auf die Sechzig zu. Was jetzt aber mein Problem mit Holger nicht löste, denn Herrn Graumann kannte ich seinerzeit noch nicht. Und selbst wenn, dann hätte das wohl auch nichts geändert.

Irgendwann warteten Holger und ich auf der kleinen Plattform vor dem Eingang zum Kindergarten darauf, daß man die Tür aufschließen würde. Da hatte ich die Eingebung, deren Umsetzung mein Problem lösen sollte. Ich erklärte Holger, daß ich zwischenzeitlich älter sei als er! Genau! Einfach so! Meinen ausrufungszeichenvollen Blick erwiderte Holger mit einem fragezeichenüberströmten Gesichtsausdruck. Er überlegte und kam schließlich zu der Erkenntnis, daß dies ja gar nicht sein könne. Natürlich wollte ich wissen, warum.

Nun, die Sache war ganz einfach: Dann hätte ich ja zwischenzeitlich häufiger Geburtstag feiern müssen. Das aber hätte ich nicht getan, also könne ich gar nicht älter geworden sein. Selbstverständlich hatte ich die passende Antwort parat. Meine Geburtstage habe ich eben heimlich gefeiert. Auch damit konnte Holger sich  nicht anfreunden, denn man könne seine Geburtstage gar nicht heimlich feiern. Das sei eben so. Und weil man das nicht kann, wäre ich eben auch nicht älter als er. Gegen diese Argumentation kam ich dann auch nicht mehr an und gab auf.

Doofer Holger.



Kommentare:

  1. Zitat: .... denn der ist ja mal richtig alt… Er geht schon auf die Sechzig zu. (Zitat Ende) Nein, ich möchte gar nicht wissen, wo die Ü 60 dann bei Ihnen angesiedelt werden..... :-(

    Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag.

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  2. Werte muhge,

    ich möchte Ihnen keinesfalls zu Nahe getreten sein, doch gewisse kleine Bösartigkeiten zwischen mir und Herrn Graumann gehören zu einer lang gepflegten Tradition.

    Geben Sie mir also die Gelegenheit, meine persönliche Einteilung der menschlichen Lebensabschnitte nachstehend kurz zu erläutern.

    Es gibt drei Alterskategorien:

    Zunächst hätten wir die jungen Hüpfer. Junge Hüpfer sind all jene, die mindestens einen Tag jünger sind als ich. Diese sind selbstverständlich noch grün hinter den Ohren, unabhängig davon, welches Alter das Kalenderblatt tatsächlich angibt. Diese Zeit habe ich hinter mir gelassen.

    Dann gibt es den kleineren Teil an Menschen, welche sich exakt in meinem jeweiligen Alter befinden. Lebenserfahrene, gestandene Menschen in den besten Jahren.

    Und abschließend alle, die mindestens einen Tag älter sind als ich. Das sind die Menschen, welche über die Weisheit des Alters verfügen, welche mir noch fehlt, aber die ich noch zu erreichen gedenke.

    So mag ich aus Ihrer Sicht - sollten Sie meine Einteilung übernehmen wollen - als junger, unreifer und frecher Schnösel daherkommen. Ich trage es mit Fassung und vermag noch nicht mal zu widersprechen.

    Die Grenzen sind fließend. Oder haben Sie schon mal gehört, was ein noch nicht im schulfähigen Alter befindliches Kind über einen Zwanzigjährigen sagt, wenn es um die Einschätzung geht, in welchem Lebensabschnitt dieser nun gerade steht? Das wollen Sie gar nicht hören.

    Herzlichst
    Ihr Paterfelis :-)

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  3. Na, das war doch eine sehr erschöpfende Antwort, vielen Dank lieber (das unreifer und frecher Schnösel lassen wir mal weg) junger Mann.*lach
    Doch, doch, ich kenne die Einschätzung ganz junger Menschlein - in diesem Fall meine Enkel - bezüglich der Alten knapp über 20 oder gar 30. Da haben wir jenseits der 60 eh schon fast "den Löffel abgegeben". Somit kann man mit der Einstufung in richtig alt ja noch zufrieden sein.

    In diesem Sinne viele Grüße
    Ihre schon ganz schön alte muhge

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  4. Glückwunsch! Glückwunsch? Ja sicher: Glückwunsch, alter Mann ;-)

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  5. Hach, Kind, ich könnte dir Geschichten erzählen... :-)

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  6. Eh, Du junger Hüpfer, haste mal wieder fein geschrieben! An die Kirsch-Lutscher kann ich mich auch noch erinnern. Und an Muscheln, die man ausschlecken musste. Da war so ein honigfarbenes Zuckerzeug drin. Klebrige Angelegenheit das alles. Sogar ich hatte eine Lederhose, die den ganzen Sommer getragen wurde. Ich konnte damit nur schaukeln, es gab bei uns zu Hause keine Rutsche und ein Spielplatz war zu weit weg.

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  7. Danke für das Lob. :-)

    Ja, die Muscheln kenne ich auch noch, aber so richtig warm bin ich mit denen nie geworden.

    Es gibt da eine Facebook-Gruppe, die sich nur mit den schönen alten Dingen aus den 70er- und 80er-Jahren beschäftigt. Da wird es einem immer wieder warm ums Herz, wenn man das alte Zeug wiedersieht, an das man schon seit Urzeiten nicht mehr gedacht hat. Und natürlich waren auch die Muscheln dabei.

    Und so viele tolle andere Dinge.

    *schwärm*

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