Montag, 19. August 2013

47 Minuten

An und für sich mag ich es, wenn gegrillt wird. Sehr gerne sogar. Das ist bei Männern einfach so genetisch festgelegt. Früher stand ich auch mit Leidenschaft selbst am Grill, in der Zwischenzeit hat sich das aber gelegt. Warum das so ist, kann ich nicht mal sagen. Möglicherweise fehlt mir einfach die Geduld. Obwohl Grillen ja schon eine Sache ist, die sich idealerweise über einen längeren Zeitraum hinziehen sollte. Und als Beisitzer werde ich nicht unruhig, wenn es länger dauert. Nein, das muß ja sogar so sein. Ein Grillabend ist eine abendfüllende Veranstaltung, die sich über einige Stunden hinzuziehen hat.

Nun habe ich mit dem Grillen auch so meine liebe Not. Richtig Grillen ist ja an sich das, was man mit Holzkohlenglut macht. Gas lasse ich auch so durchgehen, alles andere ist zwar auch machbar, aber die Atmosphäre stimmt nicht mehr. Grillen ist auf jeden Fall, wenn es riecht. Duftet. Oder auch stinkt, wie Randgruppen unserer Gesellschaft sagen würden. Unsere Nachbarn, die Knutsens, haben so etwas mal intensives Kochen genannt. War aber nicht böse gemeint.

Wenn wir auf der heimischen Terrasse grillen, stehe ich meistens wieder unter Strom und bin zum Leidwesen meiner Angetrauten durchaus auch latent aggressiv. Das hängt natürlich wieder mit der Phobie zusammen. Ich rechne jederzeit damit, daß irgendein Nachbar kommt und sich beschwert. Dummerweise ist die Rechtsprechung hierzulande in dieser ungemein wichtigen Frage des heimischen Outdoor-Grillens ausgesprochen uneinheitlich, so daß ich mich ja noch nicht mal im Recht oder im Unrecht wähnen kann, falls der Fall der Fälle mal eintreten sollte.

Am ehesten komme ich damit noch zurecht wenn ich weiß, daß die über uns wohnenden Knutsens nicht zu Hause sind. Und die in den schlauen Ratgebersendungen immer wieder aufgeführte absichernde Maßnahme, Nachbarn zum Grillen einzuladen, halte ich für ausnehmend wirklichkeitsfremd. So groß ist unsere Terrasse ja gar nicht, als daß wir alle potentiellen Kandidaten, bei denen sich eine Möglichkeit der Verärgerung wegen einer Geruchsbelästigung vermuten ließe, zu uns bitten könnten. Diese potentielle Vermutung würde sich dabei jedenfalls nur aus der räumlichen Nähe ergeben, nicht jedoch aus Erfahrungen. Gemeckert hat noch nie jemand.

Das für mich entspannteste Grillen findet daher immer dann statt, wenn wir woanders eingeladen sind. Aber auch hier gibt es eine Ausnahme: meine Schwiegereltern. Wenn das Telefon klingelt oder eine SMS eintrifft, welche das Ansinnen verbreitet, daß man uns zum Grillen einzuladen gedenkt, überlegen sowohl die zweitbeste Ehefrau von allen als auch ich, ob wir nicht am fraglichen Tag vorausschauend unpässlich sind oder anderweitige Dinge zu tun haben.

Denn Entspannung gibt es nicht, wenn mein Schwiegervater am Grill steht. Es soll früher mal anders gewesen sein, wenn ich den Bekundungen meiner Angetrauten Glauben schenken darf. Und ich habe noch keine Veranlassung gefunden, daran zu zweifeln.

Mein Schwiegervater gehört zu den Menschen, welche den Grill beladen bis zum Rand. Sobald die erste Charge Grillgut fertig ist, wandert sie auf einen Teller, von welchem aus man sich bedienen kann. Während der Plünderung des Tellers liegt bereits die zweite Charge auf dem Grillrost. Und schon fängt mein Schwiegervater an zu quengeln, daß der Teller nicht leer ist, er müsse Platz haben für die nächste Runde fertiger Fleischmassen.

Ich bin bestimmt kein langsamer Esser, aber so funktioniert das einfach nicht. Die Hektik macht keinen Spaß. Einfach weil ich es wissen wollte habe ich mal bei so einem Grillabend heimlich die Zeit genommen. Ich startete die Messung beim Anwerfen des Gasgrills und stoppte, nachdem der Tisch wieder abgeräumt war und das dreckige Geschirr in der Küche stand.

Und ich war erschüttert.

47 Minuten!


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