Mittwoch, 10. Juli 2013

Vortragstag

Zwischenzeitlich war der Tag, an dem ich meinen Vortrag gehalten habe. Zur Erinnerung: Meine Angetraute befindet sich bei Rajiv in der Ausbildung zur Fitnesstrainerin. Ich hatte Rajiv angeboten, seinen Schützlingen durch einen Vortrag etwas Licht in das Dunkel des Behördendschungels zu bringen. Es würde noch so manches auf die Nachwuchstrainer zukommen, von dem sie nicht mal ansatzweise eine Ahnung haben, daß es so etwas überhaupt geben könne.

Da Rajiv nicht über eigene Räumlichkeiten verfügt, nutzt er für seine Seminartage freie Raumkapazitäten in den verschiedenen Fitnessstudios der Umgebung. Dieses Mal sollte es in das „gesund und entspannt“ gehen. Die zweitbeste Ehefrau von allen und ich fuhren frühzeitig los, da wir unterwegs noch jemanden mitnehmen würden und anschließend noch genügend Zeit haben wollten, um den Raum für meine geplante Präsentation vorzubereiten.

Unterwegs klingelte das Handy das Smartphoneder drahtlose bewegungsvariable Fernsprechapparat mit Sonderfunktionen meiner Angetrauten. Rajiv meldete sich und verkündete, daß in seiner Planung wohl etwas schief gelaufen sei, der Raum stünde morgens nicht zur Verfügung. Er habe aber einen Ausweichraum im Sporttempel organisiert. Jetzt wollte Rajiv eine Telefonkette starten und bat uns, vor dem „gesund und entspannt“ zu warten und alle abzufangen, die nicht mehr rechtzeitig erreicht werden konnten. Nun ja, tschüß Vorbereitungszeit.

Immerhin konnten wir bei angenehmen Temperaturen in der Sonne auf die armen Fehlgeleiteten warten. Ein grobes Überschlagen ergab, daß die Telefonkette – nun sagen wir mal – tendentiell eher weniger perfekt bis gar nicht funktioniert hat. Egal, alle waren nun auf dem richtigen Weg. Auch wir würden jetzt, immerhin eine Viertelstunde nach dem eigentlich angedachten Seminarbeginn, in Richtung Sporttempel aufbrechen.

Vor Ort angekommen stellten wir fest, daß alles wenigstens schon so weit vorbereitet war. Jetzt nur noch den Laptop mit dem Beamer verbinden, leicht genervt feststellen, daß die Bildwiedergabe an der Wand sich eher suboptimal darstellte, ein paar einleitende Worte, dann ging es in die Vollen. Entgegen der düsteren Vorhersage meiner Angetrauten benötige ich keine „mindestens drei Stunden“ für meinen Vortrag, sondern war inklusive der Klärung von Nachfragen der Seminarteilnehmer in weniger als 90 Minuten fertig. Angesetzt hatte ich zwei Stunden, so daß ein Teil der durch den Umzug verlorenen Zeit wieder reingeholt werden konnte. Der Vortrag selber war für mich unspektakulär. Ich bin da ja meistens sehr entspannt und habe auch keine Probleme damit, vor Menschengruppen zu reden, wenn ich denn auch weiß, über was ich reden soll und vorbereitet bin. Meine Angetraute sagte später, daß sie meint anhand meiner Körpersprache etwas anderes erkannt zu haben, aber dem vermochte ich mich wirklich nicht anzuschließen.

Ich blieb noch bei der Gruppe, bis Rajiv mit seinem Vortrag, in dem es unter anderem um solche Dinge wie GEMA-Gebühren, das Erstellen einer Rechnung etc. ging, fertig war. So was höre ich mir auch immer wieder mal gerne an. Mittags wurde die Gruppe dann getrennt. Der Teil, zu dem meine Angetraute gehörte, musste sich wieder zurück auf den Weg ins „gesund und entspannt“ machen. Ich schloss mich an, zumal ich keine Gelegenheit hatte, mit öffentlichen Verkehrsmitteln vom Sporttempel aus mit vertretbarem Aufwand zu verschwinden. Geplant war, daß ich mit meiner Angetrauten zusammen bis zum Ende der Veranstaltung bleiben würde, aber der Gedanke, daß ich mich als eigentlich Unbeteiligter nun in einer neuen, mir unbekannten Gruppe ohne eine ablenkende Aufgabe verweilen müsste, bereitete mir dann doch ein immer stärkeres Unbehagen. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt nicht, daß sich die nun zu bildende Gruppe mit Ausnahme der Referentin ausschließlich aus Teilnehmern zusammensetzen würde, die bereits bei meinem Vortrag anwesend waren. Das hätte es mir durchaus erleichtert, vor Ort zu bleiben. Aber selbst dann stand wieder die Herausforderung im Raum, der Referentin zu erklären, warum ich denn nun anwesend sei.

Praktisch wäre das überhaupt kein Problem geworden, denn den Part hätte wohl meine Angetraute als Ansprechpartnerin übernommen. Außerdem war mir die anwesende Referentin persönlich durchaus bekannt, auch wenn ich für sie wahrscheinlich bislang nur jemand aus der Masse Mensch war und sie mein Bild wohl nicht hätte zuordnen können. Was für mich die Lage wieder erschwerte, obwohl mir klar war, daß sie über meinen Vortrag informiert gewesen ist. Ja, es kreisen die Gedanken, da hilft auch das Abwägen von rationalen und irrationalen Erkenntnissen nichts. Gar nichts. So nutzte ich dann die erste Gelegenheit und ließ mich von meiner Angetrauten an einer Straßenbahnhaltestelle absetzen.

Ich hatte Glück, die Bahn kam zeitig und brachte mich zu einem größeren Knotenpunkt im Neustädter Personennahverkehr, an dem ich meinen Anschlussbus erreichen konnte. Er war voll genug, aber immerhin nicht so voll, wie unter der Woche zur Feierabendzeit. Als erfahrener Busnutzer weiß ich, wo ich mich wie hinstellen muß, um baldmöglichst eine Chance auf einen freien Sitzplatz zu erhalten. Und zwar einen Sitzplatz, der auch noch in mein Beuteschema passt. Ich bin da ja phobiebedingt durchaus auch noch wählerisch. Mein Plan jedenfalls ging auf, nach wenigen Stationen hatte ich den Platz hinter dem Fahrer erobert. Allerdings setzte sich noch jemand neben mich. Ich warf einen kurzen Blick zur Seite, die mir entgegenwabernde Alkoholfahne hatte ich schon vorher bemerkt, und sah eine Flasche Bier in der Hand des jungen Mannes. Mit durchaus noch klarem Tonfall versuchte er mich – völlig unnötigerweise – zu beruhigen, wies darauf hin, daß die Flasche noch verschlossen sei und er ja sonst nie Alkohol trinke. Außer eben seinem Feierabend-Bier. Und da die Flasche in seiner Hand tatsächlich noch verschlossen war, musste er vorher auch schon was getrunken haben. Ich sagte ihm, daß es ihm gegönnt sei, aber ganz ehrlich: Muß das sein? Kann man nicht so lange mit dem Feierabend-Bier warten, bis man zu Hause ist? Ich bin da durchaus etwas empfindlich und uncool in meinen Ansichten.

Zu Hause erreichte mich der fernmündliche Hilferuf meiner Angetrauten. Durch den erforderlichen Wechsel des Studios zur Mittagszeit hatte sie keine Gelegenheit gehabt, noch etwas zu essen. Ich sollte also möglichst zeitnah was vorbereiten. Nein, es wird dafür keine besondere Eintragung in der Rubrik Gruß aus der Küche geben, Stabfische und Kartoffeln geben da nicht so viel her. Obwohl... ich habe da doch mal einen Stabfischauflauf gemacht. Hmmmm. Egal, weiter im Text. Während ich so hin- und herwerkelte gelang es mir tatsächlich noch, einen Anruf von Herrn Graumann entgegenzunehmen, den ich allerdings nach Eintreffen meiner Angetrauten wieder abwürgen musste. Hunger und das unerwartete Ansteigen der Temperaturen hatten ihr sichtbar zugesetzt.

Abends empfingen wir noch eine E-Mail von Rajiv:

„…riesen lieben dank auch nochmal an Paterfelis! das war auch für mich schön, ihn mal in aktion zu erleben. super referent, sehr einfühlsam, klar, strukturiert und auf den punkt. das können nur wenige!“

Schön, das zu lesen. Aber ich wäre ja nicht ich, wenn ich nicht so reagieren würde wie ich. Leider bin ich so gestrickt, an dem Wahrheitsgehalt derartiger Aussagen zu zweifeln. Rajiv ist ein sehr positiv eingestellter Mensch, von dem ich – ob es tatsächlich so ist, weiß ich nicht – immer annehme, daß er schon das Bemühen eines Menschen um eine Sache entsprechend würdigen würde. Sozusagen zur Motivation. Im Büro ist es an sich genauso. Die Kunst der Motivation durch Lob ist mir durchaus nicht unbekannt. So etwas wird in jedem Führungskräfte-Seminar hinlänglich erläutert. Und von denen habe ich schon einige genießen können. Von daher traue ich entsprechenden Aussagen von Führungskräften einfach nicht mehr, es sei denn, daß ich selber und aus eigener Erkenntnis von der Qualität meiner getanen Arbeit überzeugt bin. Ansonsten vermute ich immer Berechnung hinter solchen Aussagen. Führungspersonen müssen es schließlich tun.

Vielleicht stehe ich meinen Mitmenschen und ihren Absichten einfach zu misstrauisch gegenüber.


1 Kommentar:

  1. Wenn einem die eigene Skepsis im Wege steht....kenne ich. Ja, kenne ich.

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