Montag, 22. Juli 2013

Unter Tage

Die neue Version des MIST ist bei weitem noch nicht ausgereift. Ständig zickt das blöde Ding herum, ist weitaus umständlicher als früher zu bedienen und unübersichtlich. Die Programmierer behaupten, diese neue Benutzeroberfläche sei anwenderfreundlich. Ich bin ein Anwender. Ich finde da nichts, was freundlich zu mir ist.

Nach dem gefühlten drölfundachtzigsten Versuch, eine bestimmte Eingabe vorzunehmen, ohne daß mir andere bereitgestellte Daten zerschossen werden, entfuhr mit ein aus tiefster Seele kommendes „SCHEISSE!“

„Strich!“ Karla versuchte sich als Strichmelderin.

Stammleser dieses Blogs werden sich erinnern, daß in unserem Zimmer im LASA die strenge Vorschrift herrscht, das böse Wort mit Sch nicht zu verwenden. Immer, wenn wir in unseren Räumlichkeiten dieses Wort hören, nimmt sich Mandy als unsere oberste Stricherin Strichbeauftragte ihren Block und setzt einen weiteren Strich neben den Namen des von uns identifizierten Übeltäters. Sind zehn Striche beisammen, muß unser Opfer einen Kuchen für uns backen. Wir nehmen auch Verzugszinsen in Form ergänzender Kekse.Wer gegen eine Verstrichung meckert oder sogar seine Beteiligung leugnet, bekommt eben zwei Striche. Die Strichbeauftragte ist da knallhart.

Karla wurde von Mandy wieder mal aufgeklärt. „Nein Karla, Paterfelis bekommt keine Striche. Er ist doch unser unparteiischer Beobachter.“

„Wieso?“

Es wurde Zeit für mich, die Dinge in die Hand zu nehmen.

„Weil ich eigentlich aus dem Ruhrgebiet stamme. Der dort lebende Menschenschlag ist rau aber herzlich. Und das böse Sch-Wort gehört dort zum üblichen Sprachgebrauch. Das ist quasi genetisch veranlagt. Also bin ich von der Verstrichung befreit und darf hier so oft herumfluchen, wie ich will.“

Karla ist zu jung, um die seinerzeitige Aufregung um den ersten Schimanski-Tatort noch miterlebt zu haben. Außerdem muß hier einer neutral sein. Und da ich ja nicht so der Kuchenfreund bin, ergänzt sich das ganz gut.

Karla schmollte. „Gemein.“

Hart, aber gerecht. Würde ich jedenfalls sagen.

Trudi mischte sich ein. „Ich war schon mal in einem Bergbaumuseum. Zählt das auch für die Befreiung?“

Oha, da wird jemand aufmüpfig. So ein Besuch in einem Bergbaumuseum macht einen doch nicht zum Ruhrgebietler. Und dann war das wahrscheinlich nur ein Salzbergwerk und nicht so ein schönes mit Steinkohle, in dem man sich so richtig schmutzig macht, wie sich das gehört. Ich jedenfalls habe beide Varianten von Bergwerken schon mal besucht. Jede ist durchaus interessant und sehenswert.

„Trudi, das müssen wir testen. Was ist ein Pütt?“

„Weiß ich nicht.“

„Aha. Dann weißt du also auch nicht, was ein Püttrologe ist. Und was ist eine Zeche?“

„Eine Zeche ist etwas, was man in der Kneipe prellt.“

Klar, mit Kneipen kennt sie sich aus.

"Knappen?"

"Gab es bei den Rittern."

Na ja, als Antwort nicht verkehrt, aber dennoch am Ziel vorbei.

„Schlecht. Was ist ein Mottek?“

„Keine Ahnung. Aber ich weiß jetzt, wie ein Furunkel aussieht.“

„Was willst du mit einem Furunkel?“

„Nichts. Aber Bergleute hatten oft welche am Hintern.“

„Dann wirst du ja auch wissen, was ein Arschleder ist.“

„Nein, ich stehe nicht auf Sado-Maso.“

Ich seufzte. Trudi war damit ja wohl mit Pauken und Trompeten durch meinen Test gefallen.
So einfach klappt das alles eben nicht. Ich klärte meine Damen über die Begrifflichkeiten auf. Leise begann ich, die heimliche Hymne des Ruhrgebiets vor mich hinzusingen.

Karla dreht sich entsetzt zu mir um.

„NEIN, jetzt fängt der noch mit Psychoterror an.“

Himmel, wie weit ab jeglicher Zivilisation bin ich hier eigentlich gelandet?


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