Donnerstag, 18. Juli 2013

Sohnemanns Vater

Der Bus hielt planmäßig an der Haltestelle, als der Motor verstummte. Kann man den Motor eines Fahrzeuges mit Automatikgetriebe abwürgen? Ich weiß es nicht. Einmal im Leben nur saß ich am Steuer eines Automatikfahrzeuges, einem uralten Volvo meiner Schwiegereltern, der bei mir nur unter der Bezeichnung „Wanne“ durchging. Den jedenfalls habe ich nicht abgewürgt, und mein durchaus laienhafter technischer Sachverstand gibt mir zumindest das Gefühl, daß dieses auch nicht möglich sein sollte. Wenn nun also der Motor eines Busses den Betrieb einstellt, während man sich an einer Haltestelle befindet, an der üblicherweise kein längerer Halt geplant ist, dann scheint mir das bedenklich zu sein.  

Der Verdacht bestätigte sich. Trotz wiederholter Bemühungen sprang die Maschine nicht mehr an. Der Busfahrer versuchte noch den ein oder anderen Trick, öffnete auch die am Heck des Fahrzeugs befindliche Motorhaube, fummelte ein wenig hier und ein wenig da, doch das Stück Technik blieb stur. So kapitulierte der Fahrer, meldete sein Problem der Zentrale und verwies die Passagiere auf den nächsten Wagen. Dieser erschien auch nach weiteren fünf Minuten und füllte sich dementsprechend. Es geht doch nichts über ein gemütliches Stehplätzchen.

Vorne beim Fahrer stieg eine junge Mutter ein. Sie hatte ihr noch im Säuglingsalter befindliches Kind vor sich in so einer Art Trageschlaufe hängen und benötigte folglich auf ihrer Vorderseite etwas mehr Platz. Auf der Sitzbank hinter dem Fahrer war noch ein Platz frei, der zweite Platz wurde von einer älteren Dame belegt, die ich im weiteren Verlauf dieser Geschichte der Einfachheit halber und politisch vollkommen unkorrekt als Oma titulieren werde. Bei dem Bus handelte es sich um ein älteres Modell, bei dem die Plastikwand zwischen dem Fahrer und dieser Sitzbank noch etwas weiter in den Raum rein ragt. Mit anderen Worten: Auf der Bank ist es eng, wenn man etwas mehr Platz als unterdurchschnittlich benötigt. Wenn ich auf dieser Bank sitze, habe ich auch immer das Problem, wo ich meine Beine lassen soll. Ich kann da nur schräg sitzen. Für die Oma war das kein Problem, aber für die junge Mutter mit ihrem erweiterten Vorbau würde es wohl eines werden.

Auf der rechten Seite des Busses saß auf der ersten Bank, wie meistens üblich ein etwas breiterer Einzelplatz, ein kleiner Junge, geschätzt auf frühes Grundschulalter. Die Oma sprach ihn an, er möge doch bitte der Mutter Platz machen und sich zu ihr auf die Bank setzten. Keine Reaktion. Sie wiederholte ihre Bitte. Der Junge schaute kurz zum Busfahrer rüber, danach wanderte der Blick wieder nach draußen, weg vom Geschehen.

Die Oma versuchte es ein weiteres Mal. Wieder der Blick zum Busfahrer, wieder keine weitere Reaktion. Die Oma hat den Blick des Jungen zum Busfahrer bemerkt und fragte dann laut in Richtung des Fahrers, ob der Junge denn vielleicht sein Sohn sei. Der Fahrer bestätigte dies knapp. Die Oma zeigte sich durchaus resolut und fing an, den Busfahrer zu beschimpfen, daß das ja wohl eine Unverschämtheit sei, er seinem Sohn durchaus mal Manieren beibringen könne und ihn jetzt auffordern solle, den Platz für die junge Mutter zu räumen. Der Fahrer stammelte etwas herum, zeigte aber keine Ambitionen, in welcher Form auch immer auf seinen Sohn einzuwirken. Dieser blieb sitzen. Schließlich bot ein anderer Fahrgast seinen Platz an, während die Oma ankündigte, sich über den Fahrer beschweren zu wollen, was diesen weiterhin unbeeindruckt ließ.

Coole Oma.


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