Sonntag, 7. Juli 2013

Ein schön anstrengender Tag (2)

Es ging direkt zurück ins Neustädter Ländchen. Über Rajivs Mutter hatte Alexandra schon vor einiger Zeit Kontakt zu einem kirchlichen Familienzentrum gewonnen. Seitdem treten Alexandra und das Ensemble regelmäßig vor den zumeist alten und behinderten Leuten auf. Es ist immer eine sehr herzliche Angelegenheit. Die Leiterin der Veranstaltung begrüßte die Mädels mit einer Umarmung, hat aber bemerkenswerter Weise vorher jeweils gefragt, ob dies gestattet sei. Ich persönlich bin ja nicht so sehr der Freund von Umarmungen oder sonstigem Körperkontakt mit mir nicht so nahestehenden Menschen. Obwohl: Auch bei mir nahe stehenden Menschen sehe ich das nur mit Einschränkungen positiv. Heute wenigstens bin ich davon gekommen. Auch ohne daß ich gefragt wurde. Man hatte mir durchaus charmant gesagt, daß man in meinem Fall auf eine Umarmung verzichten würde. Gut, wer weiß denn auch, ob meine Frau nicht rasend eifersüchtig geworden wäre, wenn man sich mir als vollkommen fremde Frau an den Hals wirft…

Die Mädels zogen sich um, während ich meinen Teil an dem Auftritt vorbereitete. Ich war hier ab jetzt der Musikbeauftragte und mußte Alexandras überschweren Ghettoblaster bedienen. Der Auftritt fand auf dem Vorplatz der Kirche statt, welche dem Begegnungszentrum angeschlossen ist. Das war mir nicht so ganz geheuer und ließ wieder Angstgefühle in mir hochkommen. Denn der Platz lag in einer Wohngegend, die ich jetzt mit beschallen würde. Gut, ich war jetzt nur das ausführende Organ, nicht der Verantwortliche. Dennoch war mir dabei mehr als unwohl, denn es drohte, daß ich plötzlich im Mittelpunkt eines mir nicht genehmen Interesses stehen könnte. Die wiederum vollkommen überflüssigen was-wäre-wenn-Gedanken begannen zu kreisen, ließen sich aber von mir noch ganz gut im Griff halten.

Der Auftritt selbst wurde nicht nur von den Besuchern der Begegnungsstätte, sondern auch von nicht wenigen Passanten sehr gut aufgenommen. Ich hatte aufgrund der Musikauswahl im Vorfeld schon so meine Bedenken. Es war aber eine wirklich schöne Stimmung, und alleine dies und die Freude in den Gesichtern insbesondere der Besucher zu sehen sorgen dafür, daß wir hier immer wieder gerne vorbeikommen werden.

Nach dem Auftritt sprach mich ein Herr etwa in meinem Alter an. Ist ja nicht so mein Ding, aber ich war gut genug drauf, um mich im Zaum zu behalten. Wir plauderten über das Ensemble, den Verein, Orientalischen Tanz für Männer und darüber, daß er früher selbst in der Stadthalle Gesellschaftstanz mitgemacht habe. Seine damals schon erkrankte Mutter habe er immer mitgenommen. Es genügte ihr, wenn sie einfach nur in der Menge tanzenden Menge stand und ihr Sohn sich ein wenig zur Musik bewegt habe. Mittlerweile ist sie weit dementer als früher und sitzt im Rollstuhl. Ich konnte sie schon während des Auftritts beobachten und sah, wie sie sich an der Darbietung erfreute. Doch immer wieder suchte sie auch den Blickkontakt zu ihrem Sohn, welcher ihre Aufmerksamkeit stets auf das Geschehen zurücklenken musste.

Dann erzählte er mir, daß die Veranstaltungen in der Stadthalle immer von einem Herrn Öztürk geleitet wurden. Tja, die Welt ist klein. So konnte ich ihm sagen, daß ich diesen Herrn Öztürk durchaus kenne und er schon seit Jahren die entsprechenden Tanzkurse in der Sportvereinigung leiten würde. Man freute sich und ich solle Herrn Öztürk einen schönen Gruß von seinem wilden Pfadfinder ausrichten, er würde dann schon wissen, wer gemeint sei. Gut, mache ich gerne – ähm, ich werde den Auftgrag dann wohl doch an meine Angetraute oder Alexandra weitergeben, die sehen Herrn Öztürk eher - aber vorsorglich sollte wohl die Geschichte mit der dementen Mutter bei ihm nicht unerwähnt bleiben.

Nach dem Auftritt wurden wir noch zu Kaffee, Kuchen und wirklich hervorragenden selbstgemachten Waffeln eingeladen. Wie bereits erwähnt, ging es hier insgesamt sehr herzlich zu. Es war laut meiner Angetrauten schön anstrengend. Aber schön. Und anstrengend. Und richtig schön. Nicht nur die sommerliche, sondern auch die menschliche Wärme war allseits spürbar. 

Und das ist gut so.


(Ende)



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