Samstag, 6. Juli 2013

Ein schön anstrengender Tag (1)

Alljährlich veranstaltet der Ortsteil Gutterdorf ein Sommerfest im örtlichen Stadtpark. Die Gutterdorfer Sportvereinigung sowie weitere örtliche Institutionen stellen sich vor, bieten Mitmachaktionen, sorgen für das leibliche Wohl und führen Auszüge aus ihren Programmen auf einer Bühne auf. Da Alexandra und das Ensemble unter der Schirmherrschaft der Sportvereinigung trainieren, Alexandra ist Leiterin der Tanzabteilung, die zweitbeste Ehefrau von allen Kassen- und Pressewart, war es auch an ihnen, einen entsprechenden Auftritt zu präsentieren.

Die Sonne brannte, die 30 Grad-Marke auf dem Thermometer wurde deutlich überschritten, es war schwül. Das Sommerfest zeigte sich gut besucht, doch das Publikum vor der Bühne stand recht uneinheitlich verteilt. Aus bestimmten Gründen erwiesen sich die schattigen Plätze doch als irgendwie beliebter, während die Freifläche unmittelbar vor der Bühne... Aber egal, auch von den schattigen Plätzen aus verbreitete das Publikum Stimmung.

Ich war mit vor Ort, allerdings nicht als Kameramann. Mein Einsatz würde später noch erfolgen. Also stand ich als normaler Zuschauer etwas abseits in dem Schatten einer wirklich mächtigen Eiche. Hier konnte ich es aushalten. Die Mädels taten mir schon Leid, denn ein Kostüm für den orientalischen Tanz zu tragen bedeutet nicht automatisch, nur eine Art Bikini mit etwas Dekoration und ein paar Tüchern am Leib zu haben. Es ist unglaublich, wieviel Stoff an einem klassischen Kostüm vorhanden ist. Und die Mädels legen Wert darauf, daß sie nicht wie die klischeebehafteten Animateurinnen in türkischen Etablissements in Erscheinung treten, sondern seriös auftreten.

Wir waren etwas in Zeitdruck, denn der relativ knappe Termin für einen geplanten Folgeauftritt anderen Ortes ließ nicht viel Raum für unabwägbare Ereignisse. Also gab es für die vorher auftretenden Gruppen die klare Ansage, ihr Zeitfenster von 15 Minuten nicht zu überziehen. Wie in jedem Jahr traten die Angehörigen einer örtlichen Tanzschule unmittelbar vorher auf. Und ebenfalls wie in jedem Jahr zeigte sich schon früh, daß diese das ihr zugewiesene Zeitfenster keinesfalls würden einhalten können.

Alexandra wies also nochmals darauf hin, daß die Tanzschule ihr Programm gerne etwas kürzer gestalten dürfe, was zum Ausfall einer Nummer und einem launigen Kommentar des Moderators führte. Und dennoch wurde die Zeitvorgabe für diesen Auftritt deutlich überschritten. Das Programm der Tanzschule war auch weitgehend  uninteressant. Jugendliche führten einige Hip-Hop-Nummern auf, die allerdings immer nur wenige Sekunden andauerten, bis die Musik wieder wechselte. Das war nichts für den Zuschauer und wohl auch nichts für die Tänzer, welche sich so gar nicht auf ihre Sache einstellen konnten. Die abschließende Nummer hingegen gefiel mir sehr gut. Irische Folklore, kombiniert mit Stepptanz. Das lasse ich mir gerne gefallen. Wie sagte die zweitbeste Ehefrau von allen später? Die Jugendlichen tanzen Hip-Hop, weil er cool ist und es alle machen. Wer sich aber dem irischen Stepptanz verschrieben hat, der macht das aus Leidenschaft. Man sieht die Unterschiede.

Zum Auftritt der Mädels wurde es mir unter meiner Eiche etwas zu voll. Ich bemerkte schon wieder die in mir aufsteigende Unruhe, als mir die Menschen so langsam etwas zu dicht auf die Pelle rückten. Also suchte ich mir ein einsames Plätzchen am Rande der Freifläche. Pralle Sonne pur. Habe ich schon mal erwähnt, daß ich ein Herbst-Mensch bin und Nebel mag? Bestimmt habe ich das erwähnt. Und für alle, die es noch nicht wussten, sei es hier nochmal gesagt: Herbst! Nebel! Keine Hitze und kein grelles Licht! Wäre zwar blöd für ein Sommerfest, aber gut für mich.

Während des Auftritts hörte ich neben mir einen älteren Herrn vor sich hin schimpfen. Wie können sich deutsche Frauen nur für so etwas hingeben? Und die Musik erst. Wo sind denn nur der schöne deutsche Tanz und die heimische Folklore geblieben? Ich ließ mich zu der Äußerung hinreißen, daß die Sportvereinigung auch Gesellschaftstanz und Folklore anbieten würde. Der Herr zeigte sich erfreut, daß es das schöne deutsche Kulturgut noch gebe und ob Alexandra als Leiterin der Tanzabteilung diese Kurse durchführen würde. Nein, das tut sie nicht. Aber ich konnte dem Herrn den in der Nähe der Bühne stehenden Kursleiter zeigen. Da hinten, der Herr mit dem schon angegrauten langen Haar. Ja, genau, die hat er zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Der ist es. Ob ich denn wisse, wie er heißt. Natürlich konnte ich da weiterhelfen. Sein Name ist Öztürk…

So, nachdem diese Sache zur sichtbaren Irritation eines der beiden an dem Gespräch beteiligten Herrschaften geklärt werden konnte, war der Auftritt auch vorbei. Alexandra musste noch ein paar Ansagen machen, dann konnten wir – die Mädels in vollem Ornat, ich dem Wetter angemessen aber nicht weniger verschwitzt in Jeans, Turnschuhen und T-Shirt – zu Fuß den Weg zurück zum Vereinshaus antreten. So waren wir eine durchaus illustre Truppe, wenn ich da wohl auch eher optisch unterging.


(wird fortgesetzt)


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