Sonntag, 14. Juli 2013

Die Sache mit der Schreibmaschine

Was ist der untrügliche Beweis dafür, daß man langsam aber sicher alt wird? Richtig, man fängt an, von der guten alten Zeit zu reden. Und das kann ich so langsam auch ganz ausgiebig.

Unlängst kamen wir im Büro etwas ins Plaudern. Trudi fragte, ob wir noch irgendwo im Hause eine Schreibmaschine herumstehen hätten. Ich überlegte kurz und meinte mich zu erinnern, mal so ein Gerät in unserem Gästezimmer gesehen zu haben. Das Gästezimmer ist der Raum in Indien, also der berühmt-berüchtigten anderen Seite des Ganges, in der unser zuständiges Personalratsmitglied aus der Hauptverwaltung früher residierte, wenn wir mal wieder an der Reihe waren, im Rahmen der monatlichen Rundreise von ihm begutachtetbesucht zu werden.

Im Rahmen einer Umräumaktion war die Maschine dann in Frl. Hasenclevers Büro gelandet und wurde dort im Laufe der Zeit von einer Flut losen Papiers überschüttet, ohne jemals noch benutzt worden zu sein. Allerdings weiß ich auch, daß Frl. Hasenclever diesen Papierberg in Vorbereitung der damals noch anstehenden Renovierung unserer Büroräume ausgemistet hat. Seit dem habe ich weder die Papierberge noch die Schreibmaschine wieder gesehen. So blieb mir nichts anderes übrig, als Trudi an Frl. Hasenclever zu verweisen und sich dort nach dem Verbleib der Maschine zu erkundigen. Damit ist das Thema für mich – und auch für dieses Blog – erledigt.

Doch hatte ich einen Aufhänger gefunden, mich an die wilden Jahre zu erinnern. Damals, als ich noch Auszubildender war und allen Ortes im LASA Schreibmaschinen herumstanden. EDV fand nur über Datensichtstationen statt, von denen jeweils eine auf etwa 12 bis 15 zugangsbedürftige Mitarbeiter kam. Zur Erklärung: Eine Datensichtstation bestand aus einem Monitor, einer Tastatur und einem Drucker. Es bestand mehr oder weniger eine Direktverbindung zum Hauptrechner im vierten Untergeschoss des Hauptgebäudes. Die Monitore hatten imposante 12 Zoll Bildschirmdiagonale, der Bildschirmhintergrund war schwarz, die Schrift leuchtete grün. Angezeigt wurden nur Großbuchstaben und keine Umlaute. Die zugehörigen Drucker hatten immerhin schon 12 Nadeln und verarbeiteten Endlospapier. Die Ausdrucke waren also nur für den internen Gebrauch verwendbar. Wollten wir uns Informationen aus der EDV holen, haben wir die Daten ausgeleuchtet. Ja, da wird es einem warm ums Herz.

Ich erzählte von der guten alten Zeit, als unsere Formulare je nach Fachbereich noch unterschiedliche Farben hatten, was die Bereinigung von Tippfehlern auf der Schreibmaschine dramatisch erschwerte. Denn tipp-ex-Korrekturstreifen, die alten Bürohengste unter der geneigten Leserschaft werden sich noch erinnern, gab es für uns nur in Weiß. Und es sieht schon ziemlich unglücklich aus, auf einem rosa, hellbraunen oder blauen Formular einen Tippfehler mit weißer Farbe abzudecken. Wir hatten auch tipp-ex-Korrekturflüssigkeit, welche es durchaus in brauchbaren Farbvariationen gab, aber die Korrektur mit diesem Zeug war so eine Sache. Auf jeden Fall aber war das unpraktisch und sah im Ergebnis ausgesprochen unhübsch aus.

Ganz besonders schrecklich wurde es für uns arme Schreibmaschinenbesatzung, wenn wir Formularbescheide in vierfacher Ausfertigung, also mit drei Durchschlägen anfertigen mussten. Wer jetzt einen Durchschlag nur mit physischer Gewaltanwendung in Verbindung bringt, ist entweder zu jung für meine Welt und / oder fanatischer Zuschauer der RTL-Senderfamilie. Im letzteren Fall möchte ich schon mal mein aufrichtiges Mitleid aussprechen. Jedenfalls war es bei Nutzung derartiger Vordrucke noch aufwendiger, Tippfehler zu korrigieren. Und sobald es darum ging, in den knapp bemessenen freien Platz medizinische Fachbegriffe einzutragen, war das schon fast unvermeidlich.

Die Hölle aber war das Ausfüllen der Urkunden für besondere Verdienste. Das LASA hat seinerzeit noch anlässlich besonderer Verdienste der Bürger und Kunden neben einer kleinen monetären Aufmerksamkeit sowie einem Blumenstrauß – im Sommer in Wert von 30,00 DM, im Winter durften es auch 40,00 DM sein – eine besonders gestaltete Urkunde erstellt. Diese war auf einer Art sehr festem, fast schon kartonartigem Papier gedruckt, welches farblich wie altes Pergament gestaltet war. Dementsprechend teuer war eine solche Urkunde auch. Die Blanko-Ausgaben fanden sich nicht für jedermann zugänglich im Formularschrank, sondern mussten von der Bereichssekretärin einzeln herausgegeben werden. Auf diesen Urkunden waren einige Eintragungen individuell per Schreibmaschine zu ergänzen. Ich fand ja nicht, daß das besonders toll aussah, denn die Standard-Schreibmaschinenlettern passten so gar nicht zu den großen, gotischen Schriftzeichen der Urkunde. Aber wer fragt schon mich? Jedenfalls war das ein Auftrag, um den sich nie jemand gerissen hatte, denn die Urkunden entsprachen keinem Standardmaß und waren mit der Schreibmaschine extrem schwierig zu handhaben, weil sie noch nicht mal fest auf der Walze lagen. Und selbstverständlich gab es hier kein Korrigieren. Alles musste sitzen. Und wehe, man hatte sich doch mal vertippt und musste eine neue Urkunde erbetteln. Das ging nie, ohne einen Anpfiff zu kassieren.

Während ich so erzählte, fing Karla an, leise aber für meine Ohren laut genug vor sich hinzulachen. Ich hörte außerdem ein kicherndes „Schreibmaschine“. Missratendes Kind! Ich könnte dein Vater… na, lassen wir das. Scheinbar sollte ich noch froh darum sein. Also wegen der theoretischen Möglichkeit der Vaterschaft. Wegen des Alters, nicht wegen der Mutter. Ihr wisst schon. Hoffe ich. Irgendwie. Denn wenn unser zukünftiger hoffnungsvoller Nachwuchs jedenfalls noch nicht mal mehr mit dem Begriff Schreibmaschine oder der Bezeichnung anderer früher alltäglicher Arbeitsmittel wie zum BeispielMatrize, Bleistift oder Radiergummi etwas anfangen kann, dann werde ich wohl auf „ich könnte dein Opasein“ umstellen müssen. Und bevor jemand was sagt: Aus der Rechenschieber-Generation bin ich raus. Wir hatten elektrisch betriebene Rechenmaschinen mit Bon-Ausdruck auf den Schreibtischen. Natürlich nicht in allen Fachbereichen, sondern nur in den rechenintensiven, in denen es um Auszahlungen ging. In allen anderen Bereichen wurde noch mit der Hand gerechnet. Trotz Großrechenanlage im Keller. Na, bildet sich da der Angstschweiß auf der Stirn der ab 1970 Geborenen? Recht so. Zu meiner Zeit konnte man sogar noch im Kopf rechnen, lasst euch das gesagt sein.

Ich habe hinsichtlich der möglichen Titulierung als Opa aber eine Hoffnung. Trudi hat deutlich später als ich angefangen, in einem großen Büro zu arbeiten. Im Rahmen einer Nostalgiestunde, als ich von früher erzählte, so aus der Zeit, bevor jeder Handgriff mit dem PC erledigt wurde, erwähnte ich die Begriffe Lochbelege und Ablocherinnen. Damit wusste sie nichts anzufangen. Also erklärte ich kurz, was ein Lochstreifen ist und wie man früher damit EDV-Anlagen programmierte und Daten eingab. Sie lachte mich aus an und war der festen Überzeugung, daß ich sie auf den Arm nehmen würde.

Aber mal so ganz ehrlich: Ihr Vater könnte ich echt nicht sein. Sie ist so alt wie ich.


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