Mittwoch, 17. Juli 2013

Der Stuhl und der Emil (2)

Nun begab es sich jüngst, daß mein Stuhl, besser gesagt die Sitzfläche desselben, in eine unverrückbare Schräglage nach vorne rechts verfiel. Ich verlagere mein Gewicht sehr häufig in diese Richtung, was sich bedingt durch die räumliche Strukturierung meines Arbeitsplatzes kaum vermeiden lässt. Alleine der regelmäßige Griff zum Drucker macht dies erforderlich. Aufgrund des neu verlegten Teppichs ist es deutlich schwieriger geworden, den Stuhl zu rollen, so daß dieser zusätzlich belastet wird. Wozu hat man einen Hausmeister vor Ort? Ich meldete ihm den Schaden und besorgte mir einen anderen Stuhl in Standardausführung, von denen wir noch einige herumstehen haben. Kaum vergingen ein paar Tage, schon erschien unser Hausmeister, nahm den kaputten Stuhl mit und versprach, die Sache in Augenschein nehmen zu wollen.

Ein paar weitere Tage später kam unser Hausmeister zu mir und erklärte, daß er an dem Stuhl keine Möglichkeit finde, zu der beschädigten Stelle durchzudringen. Er fragte mich, wann ich den Stuhl bekommen habe und vermutete frei heraus, daß da eventuell noch Garantieansprüche drauf sein könnten, weswegen er nicht weiter an dem Stuhl herumbasteln wolle. Gut, ich hatte keine Idee, wie lange ich schon stolzer Besitzer dieses Stuhls sei, so daß unser Hausmeister zusagte, sich mit unserer Beschaffungsstelle in Bad Husten in Verbindung zu setzen, damit man sich des Problems annehmen könne. Nach weiteren vergangenen Tagen meldete man sich bei mir. Ich war gerade nicht an meinem Platz, aber Trudi ging ans Telefon und hinterließ mir die Nachricht, daß ein Herr Huber von der Beschaffungsstelle angerufen habe und mich sprechen wollte. Jetzt sei er aber in der Pause, doch ich könne ihn in zwei (!) Stunden wieder erreichen. Nö, das glaube ich nicht, denn in zwei Stunden werde ich mich schon im Feierabend befinden. Ihr kennt mein Problem mit der Keine-Minute-länger-sonst-gibt-es-Ärger-Grenze ja schon. Ich würde ihn am nächsten Tag anrufen.

Am nächsten Morgen fand ich einen Emil eine intern versandte E-Mail von Herrn Huber vor, ich solle mich selbst mit der Herstellerfirma in Verbindung setzen und mich um die Veranlassung der Reparatur kümmern. Ein Name und eine Mailadresse waren angegeben. Dort anrufen fiel für mich unter den Oberbegriff indiskutabel. Man kenntdas ja. Also schrieb ich eine kurze E-Mail und wartete einige Tage auf eine Reaktion. Nichts geschah.

In der Zwischenzeit habe ich versucht, mir Unterlagen für einen Vortrag, den ich zu halten gedachte, vom Büro aus per E-Mail nach Hause zu schicken. Die Mail kam nie an, ich bekam aber auch keinen Hinweis, daß sie nicht zustellbar gewesen sei. Nach einigen Experimenten in beide Richtungen stellte ich fest, daß meine Berechtigung für externes Mailing nicht mehr freigeschaltet war. Na toll. Also wandte ich mich an Dr. Strebsinger, damit er diese wieder einrichten lassen könne. Um meine entsprechende Berechtigung zu prüfen und zu bestätigen bedarf es schon der geballten Sachkompetenz eines Oberlandesdirektors. Nein, so etwas darf nicht jeder Hinz und Kunz. Wegen meiner auch nicht jeder Günter und Karl, ich will ja niemandem zu Nahe treten, der jetzt zufällig Hinz oder Kunz heißt. Natürlich klappt so eine Freischaltung nicht von heute auf morgen, da muß erst bei allen Kollegen nachgefragt werden, ob sie ähnliche Probleme hätten, Betroffene mögen sich in eine bereitgestellte Liste eintragen, die man dann im Sinne eines effizienten Arbeitsablaufs nach Verstreichen der gesetzten Frist in Richtung Bad Husten schicken würde. Boah, schnell ist jetzt aber ganz anders.

Ich wusste von Sven, daß er weiterhin E-Mails nach draußen in die weite Welt schicken konnte, also habe ich ihn gebeten, sich um den Versand meiner dringlichen Stuhl-E-Mail zu kümmern, da meine erste Nachricht ja wohl kaum ihren vorgesehenen Empfänger erreicht haben dürfte. Wie ich zwischenzeitlich erfahren hatte, wollte der Hersteller des Stuhls ein Foto von einem auf der Unterseite der Sitzfläche angebrachten Aufkleber haben. Na super, wie soll das denn bitte bei uns gehen? Unsere Rechner verfügen über keinen Anschluss mehr als für die Erledigung unserer Arbeit nötig ist. Das bedeutet im Klartext: kein Diskettenlaufwerk, kein CD/DVD-Laufwerk und erst recht keinen Kartenleser. Und wenn ich einen eigenen Kartenleser an einem eventuell freizumachenden USB-Anschluss klemmen würde, dann heulen in Bad Husten die Alarmglocken, ein Überfallkommando würde ausrücken und mich ob dieses schwerwiegenden Vergehens sofort in den tiefsten Keller der Hauptverwaltung einsperren und dort günstigstenfalls verschimmeln lassen. Diese Option wollte ich daher nicht in Erwägung ziehen. Ich beschrieb also in der von Sven zu versendenden E-Mail nochmals mein Problem in wohlfeilen Worten und gab alles an, was sich auf dem Aufkleber so an Buchstaben- und Ziffernkombinationen finden ließ. Ich habe nämlich in der Schule noch lesen und schreiben gelernt und beherrsche die Kunst, sowohl Wörter als auch einzelne Buchstaben und Ziffern aus dem in Mitteleuropa gebräuchlichen Zeichensatz weitestgehend unverfälscht zu übertragen. Das scheint auch immer weniger selbstverständlich zu sein. Tanzen kann ich die Buchstaben aber nicht.

Bevor jemand fragt: Natürlich hätte ich mit meiner privaten Kamera Bilder machen können und diese von meinem privaten Rechner aus unter Nutzung meines privaten Kartenlesers über meine private E-Mail-Adresse aus versenden können. Ich sehe es aber nicht ein. Nicht unter den Bedingungen, wie mit den Mitarbeitern des Hauses umgegangen wird.

Eine Woche später rief mich ein Mensch der Stuhlfirma an. Er habe meine E-Mail nun bekommen und wollte wissen, ob ich ihm nicht ein Foto des Aufklebers schicken könnte… Nun, während ich mich fragte, ob er meine E-Mail, wenn er diese schon bekommen habe, nicht einfach mal lesen könne, erklärte ich ihm nochmals, daß es mir absolut unmöglich sei, ihm ein Foto zukommen zu lassen. Dann fragte er mich, was denn mit dem Stuhl überhaupt sei… Hallo? Wer lesen kann ist klar im Vorteil, ich hatte es in meiner Mail genau beschrieben. Ich blieb ruhig und gelassen und schilderte nochmals mein Problem. Man versicherte mir, sich darum zu kümmern und einen Techniker vorbeizuschicken.

Die Wochen vergingen. Mein Rücken fing an, sich in gewisser Regelmäßigkeit schmerzhaft zu melden und nach dem schönen Stuhl zu fragen. Ich fragte mich immer mehr, wieso ich eigentlich in einem Haus, in dem es eine eigene Abteilung für Beschaffungsfragen und Materialverwaltung in der Hauptverwaltung sowie einen absolut nicht ausgelasteten Hausmeister vor Ort gibt, selbst wissen muß, wann dieser Stuhl von meinem Arbeitgeber beschafft wurde und auch noch in höchsteigener Person während meiner knapp bemessenen Arbeitszeit neben dem reichhaltig bemessenen Arbeitsvolumen darum kümmern darf, daß der von meinem Arbeitgeber zur Verfügung gestellte und in dessen Eigentum befindliche Stuhl endlich repariert oder ausgetauscht wird? 

Zwischenzeitlich ist das Problem erledigt. Der Techniker war da und hat sein Bestes gegeben. Mal sehen, wie lange es hält.



PS: Seitdem ich diese Geschichte erlebt und geschrieben habe, sind zahlreiche Wochen vergangen, die sich zu wenigen Monaten aufsummiert haben. Bei dem im Text erwähnten Vortrag, den ich noch vorzubereiten gedachte, handelte es sich um diese Veranstaltung (klick mich, ich bin ein Link). Eine externe E-Mail versenden oder empfangen kann ich im Büro immer noch nicht. Jetzt will ich auch nicht mehr. Die können mich mal heckwärts. Es lebe die Bummelpost. Und morgen motte ich das Telefon endlich ein und gebe wieder Rauchzeichen. Streng biologisch-dynamisch und mit ohne Atomstrom-Antrieb.

(Ende)






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