Mittwoch, 31. Juli 2013

Ganz schön verwegen

Auch der ungeübte Fahrgast in einem Linienbus kennt das Prozedere: Man passiert die letzte Haltestelle vor dem Zielort, drückt auf den Knopf, welcher dem Busfahrer den Haltewunsch signalisiert, welcher dies im Regelfall auch beachtet, und kann das Fahrzeug dann planmäßig verlassen.

Knöpfe des Haltewunschsignalisationbedienelementes  – tolles Wort, habe ich mir gerade selber ausgedacht, aber ich mache keine Rechte darauf geltend – finden sich überall in den Bussen und sind im Allgemeinen auch von allen Plätzen aus gut zu erreichen. Zumindest, wenn wir mal von einem durchschnittlich bis nicht übertrieben klein gewachsenen, körperlich gesunden Mitteleuropäer ausgehen.

Eine mir nicht begreifliche Ausnahme bildet der Platz in der ersten Reihe rechts. Ich habe im Laufe der Zeit, in der ich regelmäßig mit dem Linienbus unterwegs bin, fünf verschiedene Gestaltungsvarianten des Innenraums beobachtet. Und nur in einer einzigen befindet sich der Knopf des Haltewunschsignalisationbedienelementes in bequemer Reichweite der Person, die sich auf diesen Platz gesetzt hat. In allen anderen Varianten muß sich der Fahrgast entweder nach hinten verdrehen oder aufstehen, um seinen Haltewunsch unter Nutzung eines nunmehr erreichbar gewordenen Knopfes des Haltewunschsignalisationbedienelementes sachgerecht signalisieren zu können. Natürlich wäre der Busfahrer auch in Rufreichweite, aber die Signalisierung des Haltewunsches durch Zuruf und unter Außerachtlassung der Verwendung des Haltewunschsignalisationbedienelementes dürfte auch nicht der Plan sein, welcher im Sinne des Gestalters der Inneneinrichtung lag. Auf jeden Fall sind ältere oder behinderte Menschen da zuweilen auf die Hilfe anderer angewiesen. Glatte Fehlplanung.

Dieser besagte Platz in der ersten Reihe rechts zählt auch zu meinen favorisierten Sitzplätzen. Er bietet eine schöne Aussicht nach vorne und – was viel wichtiger ist – es handelt sich immer um einen Einzelplatz. Es besteht nicht das mindeste Risiko, daß sich jemand neben mir ausbreitet. Dazu gibt es auch immer noch genügend Freiraum, um Taschen oder Beutel abzulegen. Nur die Sache mit der Erreichbarkeit des  Knopfes des Haltewunschsignalisationbedienelementes stört mich, ist aber de facto kein Problem, da ich körperlich durchaus in der Lage bin, selbige mit vertretbarem Aufwand zu erreichen. Dennoch fasste ich den verwegenen Beschluss, mal etwas auszuprobieren.

Es gibt ja so Haltestellen, an denen ein Linienbus immer hält. Das sind im Regelfall die größeren Stationen, an denen sich mehrere Linien kreuzen und demzufolge immer irgend jemand draußen wartet. Da es in Deutschland im Gegensatz zu manch anderen Ländern nicht üblich ist, als potentieller Fahrgast dem sich nähernden Bus zu signalisieren, daß man genau auf ihn gewartet hat und er deshalb anhalten möge, stoppen die Busse hierzulande an jeder Haltestelle, an der jemand wartet. Es sei denn, dieser Jemand signalisiert eindeutig, nicht mitgenommen werden zu wollen, was auch immer wieder mal vorkommt. Meine Zielhaltestelle jedenfalls zählt zu den größeren. Hier treffen sich 10 Bus- und 2 Straßenbahnlinien, so daß auch in den frühen Morgenstunden immer mehrere Personen auf ihre Mitfahrgelegenheit warten.

Daraus schließt sich, daß der Bus hier auch auf jeden Fall anhält. Sei es, weil jemand wartet, oder auch nur deswegen, weil der vor ihm her fahrende Bus oder die Straßenbahn anhält und alleine schon deswegen ein Halt erforderlich wird. Ein Vorbeifahren und Überholen ist hier straßenbaulich jedenfalls nicht vorgesehen und wird auch nicht praktiziert, obwohl es im Fall des Falles möglich wäre.

An diesem Tag fuhr vor uns eine Straßenbahn. Die bereits in Sichtweite befindliche Haltestelle war von mehreren Personen bevölkert. Ich entschloss mich, einfach mal auf das Drücken des Knopfes des Haltewunschsignalisationbedienelementes zu verzichten und einfach während der Anfahrt auf die Haltestelle aufzustehen und mich an der vorderen Tür des hier weitgehend menschenleeren Busses, also in Höhe der Fahrerkanzel, hinzustellen.

Die Straßenbahn hielt an, der Bus auch. Nichts geschah. Ich nahm schon all meinen Mut zusammen, um den Fahrer zu bitten, die Tür für mich zu öffnen, da fragte er mich, ob ich hier aussteigen wolle. Ich bestätigte dies, so daß er die Tür öffnete und ich das Fahrzeug verlassen konnte. Nun frage ich mich, ob das jetzt von der Seite des Fahrers aus so schwierig gewesen wäre, die Tür einfach zu öffnen. Selbst wenn ich nicht aussteigen wollte, hätte es nicht geschadet, etwas Frischluft reinzulassen.

Mir hat der Schreck über den Ausgang dieses verwegenen Experimentes jedenfalls gereicht um zu wissen, daß ich so etwas nie wieder teste. Also künftig wieder schön Knöpfchen drücken.

Und immer daran denken: Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um.


Montag, 29. Juli 2013

Gruß aus der Küche - Gefüllte Champignons und Hähnchenbrust in Frischkäsesauce

Dr. Strebsinger scheint in letzter Zeit etwas viel von den NSA-BND-Nachrichten mitbekommen zu haben. Auf uns jedenfalls erweckt er den Eindruck, daß er verstärkt anfängt, uns zu überwachen. Haben wir unsere Bürotüren geschlossen, kann man darauf wetten, daß er nach ein paar Minuten ohne anzuklopfen hereinstürmt, kurz die Tageszeit sagt, den Blick schweifen lässt und dann wieder verschwindet.

Als letztens das MIST mal wieder für einige Stunden ausfiel, hatte er auch nichts Besseres zu tun als einmal durch alle Büros zu geistern. Wir vermuten er wollte in Erfahrung bringen, was wir so ohne EDV anstellen. Als Beschäftigter des mittleren Dienstes kann man da schlichtweg gar nichts Sinnvolles machen. Es ist kein Handgriff mehr möglich, ohne in irgendeiner Form auf das MIST zurückzugreifen. Wir Sachbearbeiter hingegen können zumindest Akten prüfen, wenn auch mit gewissen Einschränkungen. Ich nutzte die Zeit, um mit meinem Auszubildenden das in dieser Woche ohnehin vorgesehene so genannte Fördergespräch zu führen.

Den von gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen verbreiteten aktuellen Gerüchten im LASA zufolge hat Dr. Strebsinger vor, auf der nächsten Dienstbesprechung zu verkünden, daß die Türen zu unseren Büros künftig offen zu bleiben haben. Sollte sich jemand darüber beklagen daß es dann zieht, habe er eben die Bürofenster zu schließen. Das finde ich nicht ganz so prickelnd. Es hat schon seine Gründe, warum bei uns die Großraumbüros abgeschafft wurden. Zum Beispiel, um mehr Ruhe an dem einzelnen Arbeitsplatz zu schaffen. Geöffnete Bürotüren lassen immer zusätzlichen Lärm und Unruhe rein. Und die Fenster zu schließen ist mangels anderer Belüftungsmöglichkeiten auch keine Alternative. Und jetzt komme mir keiner mit zehnminütigem Stoßlüften. In einem Raum, welcher gerade so die zulässige Mindestgröße für vier Personen erreicht, der ganztägig von der Sonne beleuchtet wird, in dem vier PCs, vier Monitore und vier einen intensiven Arbeitsgeruch verbreitende Drucker stehen, genügt das nicht.

Also Grund genug, sich auf die Veranstaltung vorzubereiten. Entgegen meiner sonstigen, von tiefem Humanismus gegenüber meinen Mitmenschen geprägten Einstellung beabsichtigte ich, am Tag der Dienstbesprechung intensiv nach Knoblauch zu riechen. Vielleicht empfindet es Dr. Strebsinger ja doch als sinnvolle Alternative, wenn meine (beiden) Bürotüren geschlossen und die Fenster geöffnet bleiben.

Ich begab mich in die Küche und bereitete im Sinne einer Resteverwertung zunächst einige überbackene Champignons zu. Den Stiel entfernte ich durch einfaches Drehen aus den Köpfen und füllte den so frei gewordenen Raum mit fein geschnittener italienischer Salami, welche eine besondere Würzung – unter anderem mit Knoblauch – enthielt. Den danach noch freien Platz füllte ich mit einem französischen Knoblauch-Kräuter-Frischkäse. Die Champignons platzierte ich in einer kleinen Auflaufform und gab sie für 15 Minuten bei 170 Grad in den Ofen.



 Danach ging es ans Hauptgericht. Man nehme:

4 Hähnchenbrustfilets, alternativ auch gerne in Scheiben geschnittene Putenbrust (400 – 500 g)
250 ml Hühner- oder Gemüsebrühe
100 g Kochschinken
300 - 400 g Frischkäse, gerne auch Kräuterfrischkäse
2 große Zwiebeln
½ Bund Frühlingszwiebeln
3 Knoblauchzehen
Pfeffer
Salz
Currypulver
Paprikapulver


Das Geflügelfleisch ist in der Pfanne anzubraten sowie mit Salz und Pfeffer zu würzen. Anschließend in einer Auflaufform den Boden damit bedecken und nach Wunsch noch mit Curry- und Paprikapulver nachwürzen.


 
In der benutzen Bratpfanne die klein geschnittenen Zwiebeln, Frühlingszwiebeln und den ebenfalls zurechtgeschnittenen Kochschinken anbraten und die in kleine Scheiben geschnittenen Knoblauchzehen hinzufügen.

Während des Anbratens die Brühe erhitzen und den Frischkäse darin schmelzen lassen.

Den Pfanneninhalt über das in der Auflaufform befindliche Fleisch geben und gleichmäßig verteilen. Nun die Brühe-Käse-Mischung darüber geben und alles für 25 Minuten bei 180 Grad (Umluft) überbacken.

Der Anteil der Brühe-Käsemischung kann auch höher sein, falls Saucen-Liebhaber mitessen. Insgesamt sind die Verhältnisse der Zutaten untereinander bei diesem Gericht ohnehin relativ flexibel, nur sollte der Frischkäse nicht zu sehr gegenüber der Brühe Überhand gewinnen, damit diese noch weitgehend flüssig bleibt.

Als Beilage empfehlen sich Kroketten oder Reis.


PS: So intensiv kann ich nicht nach Knoblauch gerochen haben, denn meine Mitmenschen zeigten nicht die sonst bei so etwas üblichen angewiderten Gesichtszüge. Funktioniert hat es scheinbar trotzdem. Die Idee Dr. Strebsingers wurde nicht weiter thematisiert. Hoffentlich bleibt es so. Gönnt mir doch meinen kleinen Traum.



Sonntag, 28. Juli 2013

Schneiden und so

Im öffentlich-rechtlichen deutschen Farbfernsehen lief ein Bericht über Brotschneidemaschinen. Die Stimme aus dem Off meinte, daß das Schneiden von Brot oftmals eine Herausforderung sei.

Wie bitte?

Ich kann dieser Aussage nur bedingt folgen. Mir gelingt es bei jedem Brot, mit einem freihändig geführten Brotmesser locker aus dem Handgelenk und ohne jeglichen Stress eine oder mehrere Scheiben entsprechend meines aktuellen Bedarfes abzuschneiden. Allerdings neigt die zweitbeste Ehefrau von allen dazu, sich über das sichtbare Ergebnis meines souveränen Treibens stets leicht bis mittelschwer belustigt zu zeigen. Entweder ist die Scheibe ihr zu dick oder zu dünn geraten, hin und wieder auch zu ungleichmäßig, zu schräg oder was auch immer.

Brotschnitt durch von des Meisters Hand geführtem Messer

Geprägt von dieser Erfahrung brüllte ich den Fernseher anmeinte ich während des laufenden Beitrages vollkommen sachgerecht einwerfen zu müssen, daß dies ja kein Wunder sei, wenn alle anderen brotschneidenden Menschen die gleichen, absolut unrealistischen Ansprüche wie meine Angetraute hätten. Ist doch egal, wie die Scheiben aussehen. Nachdem ich diese ausreichend dick belegt habe, sieht doch ohnehin kein Mensch mehr die Oberfläche. Und der Rest wird auch nur Augenblicke später ein ziemlich formfreies Gematsche. Garantiert.

Von Seiten meiner Angetrauten kam natürlich wieder nur ein spitzes „ICH schaffe es aber, alle Scheiben schön gleichmäßig abzuschneiden.“

Olle Angeberin.


Samstag, 27. Juli 2013

Och nö

Dieses Wetter bringt mich noch um. Und die Verkehrsplanungen in Neustadt. Und wenn alles zusammentrifft, dann erst recht. Und überhaupt.

Aktuell gilt aufgrund von umfangreichen Baumaßnahmen auf der von mir bevorzugten Bahnlinie weitgehend Schienenersatzverkehr. Der Takt der Züge wurde zunächst bis Ende des Jahres, wahrscheinlich aber noch viel länger andauernd reduziert. Zunächst mal auf die Hälfte. Teilweise wurden die Züge selber etwas verlängert, aber viel ist da nicht mehr möglich. Zum Auftakt der Sondermaßnahme gab es wegen technischer Probleme auf der Strecke erst mal Zugverspätungen, gefolgt von Ausfällen.

Parallel zu dieser seit langem bekannten Baumaßnahme der DB wurde in der Neustädter Innenstadt gleichzeitig zwei für den ÖPNV sehr zentrale Passagen ebenfalls für mindestens zwei Monate gesperrt. Fast alle der vom gegenüber dem Hauptbahnhof gelegenen Zentralen Busbahnhof abfahrenden Buslinien sind davon betroffen und werden nun an unserer LASA-Außenstelle vorbeigeleitet. Dies führt zu enormen innerstädtischen Staus, verbunden mit entsprechendem Lärm und Gestank.

Ich bin ja sehr lärmtolerant, wenn es darum geht, die Fenster zu Belüftungszwecken geöffnet zu lassen, aber nun war es nicht mehr auszuhalten. Also Fenster zu. Dies führte natürlich zu unerträglichen klimatischen Verhältnissen im Büro, denn die Sonne brennt ganztägig auf unsere Gebäudeseite. Da freut man sich doch schon auf die nächsten Wochen.

Dankenswerterweise war Sven mit dem Auto da und nötigte mich dazu, pünktlich Feierabend zu machen; er würde mich mitnehmen. Gut, ich ließ mich überreden, denn ich hatte weder Lust, am Bahnhof auf einen irgendwann mal erscheinenden Zug oder am Busbahnhof auf einen irgendwann mal kommenden und wahrscheinlich überfüllten und klimaanlagenbefreiten Bus zu warten, noch im Büro genannten Feuchtraumbiotop zu warten länger zu arbeiten, bis sich die Situation draußen wieder normalisiert hatte. Denn das könnte sehr spät werden.

So richtete ich meine erhofften Planungen in verbalkommunikativer Form an Mandy:

„Weißt du eigentlich, daß es bei uns zu Hause im Souterrain immer noch angenehm kühl ist?“

Ein muffiger Blick traf mich.

„Da unten steht übrigens ein großer, saubequemer Ledersessel und wartet auf mich.“

„Klar, Leder bei dem Wetter. Das klebt doch. Den kannst du behalten.“

„Oh nein, der besteht aus Wildleder. Einfach herrlich.“

„Und dann kommen deine vier Mietzis und wollen kuscheln. Dann wird es wieder lecker warm.“

Ich setzte meinen betont lässigen Blick auf.

„Das denke ich nicht. Erstens: Es sind keine Mietzis, sondern gemeingefährliche Killerkatzen. Frag mal die Fliegen in unserer Wohnung. Die lachen sich tot, wenn sie beobachten, was die Bande so anstellt, um die Fliegen zu fangen. Ziel also erreicht, wenn auch nur auf Umwegen. Und zweitens: Ich habe eine Wasserpistole. Die Bande kommt mir nicht zu nahe.“

„Oh, bist du gemein. Bei dir möchte ich keine Katze sein.“

„Ich auch nicht. Dann wäre ich kastriert.“

„…“


Killerkatze - was sonst?



























Donnerstag, 25. Juli 2013

Gage

Wir näherten uns dem Ende des Monats. Und zwar konkret dem Teil des Monats, zu dem frisches Geld zu erwarten war. Karla kam aus dem Postzimmer und zog ein langes Gesicht.

„Habt ihr eigentlich schon eure Gehaltsbriefe bekommen?“ fragte sie uns.

„Was für Gehalt? In dem Affentheater hier gibt es nur Gage, aber kein Gehalt.“

Doch auch für eine Gagenzahlung war es dann wohl noch etwas zu früh. Mandy allerdings sprang direkt darauf an: „Wieso, hast du deinen denn noch nicht?“

„Nein.“

Ich nahm den Faden auf. „Sag bloß, Du bekommst hier auch noch Geld für deine Anwesenheit. Du hast doch noch nicht mal eine eigene feste Zuständigkeit.“

„Ja, daran wird es wohl liegen, daß ich kein Geld bekomme. Voll doof.“

„Also echt. Du hast hier ein Dach über dem Kopf, bist beim letzten Starkregen also nicht nass geworden. Du hast Beschäftigung und musst dich nicht langweilen. Im Winter ist es warm, im Sommer brüllend heiß, dazu bekommst du noch fließend warmes und kaltes Wasser, darfst den Kühlschrank und die Mikrowelle kostenlos benutzen. Und auf die Toilette darfst du auch, ohne daß es von deiner Arbeitszeit abgezogen wird. Und dann willst du auch noch Geld sehen?  Du musst mal lernen, mit etwas zufrieden zu sein.“

Ts ts ts, die Jugend von heute…


Dienstag, 23. Juli 2013

Kleine Randbemerkung (1)

Warm.

Sehr warm.

Ganz viel warm.

Die ollen Butterbrote kann ich bei dieser schwülen Hitze im Büro einfach nicht essen.

Also speiste ich Früchte.

Weintrauben.

Grün.

Nur verhalten süß.

Aber nicht sauer.

Und Nektarinen.

Schon weich und saftig.

Ja, da steht schonund nicht schön.

Das ist Absicht.

Außerdem gab es selbstgemachte Smoothies.

Einer mit Apfel, Banane und Zimt.

Der andere mit Aprikosen und Trauben.

Vitaminschock!

Dazu Apfelschorle.

Und noch etwas Gouda.

Gouda ist kein Obst.

Das ist schön.

Als Krönung ein Häppchen Melone.

Von Dr. Strebsinger spendiert.

Für alle.

Ich bin übersäuert.

Der Gouda hat auch nichts gerettet.

Wo ist das sommertaugliche anständige Futter für den Herrn Paterfelis?

*grummel*



Montag, 22. Juli 2013

Unter Tage

Die neue Version des MIST ist bei weitem noch nicht ausgereift. Ständig zickt das blöde Ding herum, ist weitaus umständlicher als früher zu bedienen und unübersichtlich. Die Programmierer behaupten, diese neue Benutzeroberfläche sei anwenderfreundlich. Ich bin ein Anwender. Ich finde da nichts, was freundlich zu mir ist.

Nach dem gefühlten drölfundachtzigsten Versuch, eine bestimmte Eingabe vorzunehmen, ohne daß mir andere bereitgestellte Daten zerschossen werden, entfuhr mit ein aus tiefster Seele kommendes „SCHEISSE!“

„Strich!“ Karla versuchte sich als Strichmelderin.

Stammleser dieses Blogs werden sich erinnern, daß in unserem Zimmer im LASA die strenge Vorschrift herrscht, das böse Wort mit Sch nicht zu verwenden. Immer, wenn wir in unseren Räumlichkeiten dieses Wort hören, nimmt sich Mandy als unsere oberste Stricherin Strichbeauftragte ihren Block und setzt einen weiteren Strich neben den Namen des von uns identifizierten Übeltäters. Sind zehn Striche beisammen, muß unser Opfer einen Kuchen für uns backen. Wir nehmen auch Verzugszinsen in Form ergänzender Kekse.Wer gegen eine Verstrichung meckert oder sogar seine Beteiligung leugnet, bekommt eben zwei Striche. Die Strichbeauftragte ist da knallhart.

Karla wurde von Mandy wieder mal aufgeklärt. „Nein Karla, Paterfelis bekommt keine Striche. Er ist doch unser unparteiischer Beobachter.“

„Wieso?“

Es wurde Zeit für mich, die Dinge in die Hand zu nehmen.

„Weil ich eigentlich aus dem Ruhrgebiet stamme. Der dort lebende Menschenschlag ist rau aber herzlich. Und das böse Sch-Wort gehört dort zum üblichen Sprachgebrauch. Das ist quasi genetisch veranlagt. Also bin ich von der Verstrichung befreit und darf hier so oft herumfluchen, wie ich will.“

Karla ist zu jung, um die seinerzeitige Aufregung um den ersten Schimanski-Tatort noch miterlebt zu haben. Außerdem muß hier einer neutral sein. Und da ich ja nicht so der Kuchenfreund bin, ergänzt sich das ganz gut.

Karla schmollte. „Gemein.“

Hart, aber gerecht. Würde ich jedenfalls sagen.

Trudi mischte sich ein. „Ich war schon mal in einem Bergbaumuseum. Zählt das auch für die Befreiung?“

Oha, da wird jemand aufmüpfig. So ein Besuch in einem Bergbaumuseum macht einen doch nicht zum Ruhrgebietler. Und dann war das wahrscheinlich nur ein Salzbergwerk und nicht so ein schönes mit Steinkohle, in dem man sich so richtig schmutzig macht, wie sich das gehört. Ich jedenfalls habe beide Varianten von Bergwerken schon mal besucht. Jede ist durchaus interessant und sehenswert.

„Trudi, das müssen wir testen. Was ist ein Pütt?“

„Weiß ich nicht.“

„Aha. Dann weißt du also auch nicht, was ein Püttrologe ist. Und was ist eine Zeche?“

„Eine Zeche ist etwas, was man in der Kneipe prellt.“

Klar, mit Kneipen kennt sie sich aus.

"Knappen?"

"Gab es bei den Rittern."

Na ja, als Antwort nicht verkehrt, aber dennoch am Ziel vorbei.

„Schlecht. Was ist ein Mottek?“

„Keine Ahnung. Aber ich weiß jetzt, wie ein Furunkel aussieht.“

„Was willst du mit einem Furunkel?“

„Nichts. Aber Bergleute hatten oft welche am Hintern.“

„Dann wirst du ja auch wissen, was ein Arschleder ist.“

„Nein, ich stehe nicht auf Sado-Maso.“

Ich seufzte. Trudi war damit ja wohl mit Pauken und Trompeten durch meinen Test gefallen.
So einfach klappt das alles eben nicht. Ich klärte meine Damen über die Begrifflichkeiten auf. Leise begann ich, die heimliche Hymne des Ruhrgebiets vor mich hinzusingen.

Karla dreht sich entsetzt zu mir um.

„NEIN, jetzt fängt der noch mit Psychoterror an.“

Himmel, wie weit ab jeglicher Zivilisation bin ich hier eigentlich gelandet?


Sonntag, 21. Juli 2013

Toilettenspiele

Zart besaitete Gemüter sollten jetzt nicht weiterlesen. Der heutige Eintrag droht, für manche echt ekelig zu werden. Für die etwas Härteren unter euch kann sich aber ein wunderbares neues Feld anregender und herausfordernder Betätigungen offenbaren.

Es gibt ja solche und solche Menschen. Und dann gibt es noch die anderen Menschen, die nicht ganz so sind wie jene. Das sind nämlich diejenigen, die auf der Toilette, während sie es sich bequem gemacht haben, einfach nur ihr mehr oder weniger großes Geschäft verrichten, dabei über die Welt oder was auch immer nachdenken und möglichst zeitnah zum Abschluss der unvermeidlichen Angelegenheit kommen.

Wieder andere nutzen die Zeit, mehr oder weniger anspruchsvolle Literatur zu lesen. In früheren Zeiten, als ich noch in der LASA-Hauptverwaltung tätig war, wusste man, wo einer der Vorgänger Dr. Strebsingers hinzugehen pflegte, wenn man ihn mit einem der bekannten Qualitätserzeugnisse aus dem Hause Springer in der Hand auf dem Gang antraf. Kam aus der Nachbarkabine hingegen der laue Duft nach Friedhof und Zigarettenqualm herübergeweht, dann war klar, daß das gelegentliche Papierrascheln nicht mit dem Erzeugnis der Springerpresse in Zusammenhang stand, sondern ein allseits bekannter Kollege aus dem mittleren Dienst auf eine größere Zigarettenlänge ein Konkurrenzprodukt während der Verrichtung studierte. Und ein Onkel von mir pflegte zu Jugendzeiten dem Vernehmen nach auf der Toilette die Bibel zu lesen. Ich halte es da mit dem Alten Fritz, nach dem bekanntlich ein jeder nach seiner Faҫon selig werden möge. Bis auf die Sache mit den Zigaretten auf dem Klo; das geht gar nicht.

Selbstverständlich gehe ich solchen Unsitten nicht nach. Da meine Angetraute mir das Aufstellen eines kleinen Bücherschrankes oder auch nur eines Zeitungsständers auf meinem persönlichen Klo – wir haben in unserer Wohnung drei WCs – strengstens untersagt hat, zähle ich wohl eher zu den Nutzern, bei denen kein unerwartetes Papierrascheln zu hören sein wird. Aber mit irgendetwas Geistreichem muß man sich doch beschäftigen; es wäre doch sonst schade um die Zeit.

Eines Tages ist mir beim Aufräumen eine dort noch abgestellte leere Toilettenpapierrolle aufgefallen. Also die Papprolle, welche ansonsten den Kern einer noch vollen Toilettenpapierrolle bildet. Ich hatte gerade eine weitere leere Rolle zu Hand und wollte diese nun wegwerfen. Schließlich fragte ich mich, wie viele leere Rollen ich mit einigen Formkorrekturen aber dennoch unbeschädigt ineinander schieben könne. Das hätte ja unwahrscheinliche Vorteile bei der Lagerung und der späteren Entsorgung im Papiermüll, denn so eine Masse leerer Rollen nimmt ja doch sehr viel Platz in Anspruch. Auch wenn man versucht, diese zusammenzuknüllen.

 


So nahm mein Spieltrieb wieder Überhand. Werte mitlesende Damen, Männer sind einfach so. Meine bisherigen Bemühungen kommen zu dem Ergebnis, daß in einer einzelnen dieser Papprollen weitere sieben Rollen verstaut werden können, ohne daß die äußere Rolle einreißt.

Na, wer kann es besser? Wie sind eure Techniken? Bei einem neuen Höchstwert werde ich euch informieren. Versprochen.



Samstag, 20. Juli 2013

Widerspruch

Es ist das gute und sinnvolle Recht eines jeden Bürgers, gegen eine ihn betreffende amtliche Verfügung, also einen erteilten Bescheid, Widerspruch einzulegen. Die erste Prüfinstanz im LASA sind dabei wir von der Sachbearbeitung. Erkennen wir, daß wir einen Fehler begangen haben, helfen wir dem Widerspruch ab, indem wir einen neuen Bescheid erlassen und fragen, ob der Widerspruch damit als erledigt angesehen werden kann.

In den seltensten Fällen reagiert unsere Kundschaft auf diese Frage. Also geschieht mit dem Vorgang genau das, was auch mit einem Widerspruch geschehen würde, dem nicht abgeholfen werden konnte: Er wandert in unseren Rechtsbereich. Dort prüft man erneut und setzt sich gegebenenfalls nochmals mit dem Kunden in Verbindung. Reagiert er wieder nicht, weil er es nicht für nötig hält, nochmal einen Zweizeiler zu schreiben und eine Briefmarke zu opfern, wird der Vorgang dem Widerspruchsausschuss vorgelegt. Diese Einrichtung besteht aus mehreren Personen, die darüber befindet, ob dem Widerspruch abzuhelfen ist oder nicht. Danach wird durch unseren Rechtsbereich ein entsprechender Bescheid erteilt.

Es ist immer sehr ärgerlich, wenn nach einer erfolgreichen Abhilfe noch diese ganze zeit- und auch kostenaufwendige Prozedur durchgeführt werden muß, aber die Rechtslage sieht dies nun mal für uns vor. Ich würde dabei der Kundschaft noch nicht mal Böswilligkeit unterstellen. Man macht sich als Laie ja keine Vorstellungen von rechtlich zwingenden internen Verwaltungsabläufen und wundert sich nur, wenn auch bei uns alle Kosten nach oben gehen.

Noch ärgerlicher aber wird es, wenn die Kundschaft es auch noch bewusst auf so einen Mist anlegt.

Herr Lehmann hatte einen Antrag gestellt, den wir ablehnen mussten. Die Entscheidung war eindeutig, die Voraussetzungen zur Bewilligung waren aus mehreren, voneinander unabhängigen Gründen nicht erfüllt. Da gab es nichts zu drehen und zu deuten. Prompt legte Herr Lehmann Widerspruch ein. Er tat dies in der vorgeschriebenen Schriftform mit den wohlüberlegten Worten: „Hiermit lege ich gegen Ihren Bescheid vom… Widerspruch ein.“

Fertig, aus, das war es. Es wäre natürlich für uns hilfreich zu erfahren, was an unserem Bescheid aus der Sicht Herrn Lehmanns nun falsch sein soll. Es ist uns schon klar, daß er gerne eine positive Entscheidung gesehen hätte, aber wir haben ihm ja nun bereits erklärt, warum seinem Antrag nicht stattgegeben werden konnte und unsere Sicht der Dinge damit klargestellt. Also haben wir Herrn Lehmann angeschrieben und darum gebeten, daß er seinen Widerspruch bitte noch begründen möge.

Es klingelte das Telefon, am Apparat war Herr Lehmann.

„Ja, hier Lehmann, ich denke gar nicht daran, meinen Widerspruch zu begründen. Sie sollen gefälligst Ihren ganzen Dreck prüfen und die Akte ordentlich lesen. Das haben Sie nämlich nicht gemacht.“

Aha, dann wissen wir ja nun Bescheid. Versuchen wir erst mal, das Aktenzeichen aus Herrn Lehmann herauszubekommen, damit wir wissen, was überhaupt los ist. Er zeigte sich kooperativ.

„Ich bin zwar kein Aktenzeichen sondern habe einen Namen, aber ich werde es Ihnen trotzdem verraten.“

Oh, danke, sehr freundlich. Wenn man für alle Nachnamen zuständig ist, die mit dem Buchstaben L anfangen, dann genügt die Ansage des Namens alleine recht selten zur Identifikation. Und ganz besonders mit so einem Allerweltsnamen wie Müller, Meier, Lehmann, Lemann, Leman, Lehman oder Schulz. Die Einzigartigkeit eines Menschen hat da gewisse Grenzen.

Der Blick in die Akte klärt auf.

„Herr Lehmann, wir haben die Sache nach Eingang Ihres Schreibens bereits nochmal geprüft und nichts gefunden, was verkehrt gelaufen sein soll. Es wäre daher schon hilfreich, wenn Sie konkret den Punkt benennen, den wir falsch gemacht haben sollen.“

„Nein, das mache ich nicht! Dann würde ich ja IHRE Arbeit machen, und das sehe ich überhaupt nicht ein.“

„Nun, dann wird sich an der Entscheidung aber wohl nichts ändern, denn wir sehen keinen Fehler.“

„Dann schauen Sie halt mal intensiver nach. Sachbearbeiter lesen ihre Akten nie richtig. Das habe ich bei ***andere Behörde*** auch schon gemerkt. Außerdem habe ich vor drei Tagen ein Schreiben an Sie geschickt, in dem ich Akteneinsicht beantrage. Bis heute liegt mir der Vorgang noch nicht vor, das ist auch so eine Unverschämtheit von Ihnen.“

Klar, Akteneinsicht kann er haben. Aber ob er schon mal was von Postwegen und der damit verbundenen Zeitverzögerung gehört hat?

„Können wir denn damit rechnen, nach der Akteneinsicht noch eine Begründung für Ihren Widerspruch zu erhalten?“

„Nein, auf keinen Fall. Ich werde Sie verklagen, und da wäre ich doch schön blöd, wenn ich bereits jetzt meinen größten Trumpf offenbare.“

Na, auf den bin ich ja schon gespannt, aber mal ehrlich: Das kann man auch anders haben.



Donnerstag, 18. Juli 2013

Sohnemanns Vater

Der Bus hielt planmäßig an der Haltestelle, als der Motor verstummte. Kann man den Motor eines Fahrzeuges mit Automatikgetriebe abwürgen? Ich weiß es nicht. Einmal im Leben nur saß ich am Steuer eines Automatikfahrzeuges, einem uralten Volvo meiner Schwiegereltern, der bei mir nur unter der Bezeichnung „Wanne“ durchging. Den jedenfalls habe ich nicht abgewürgt, und mein durchaus laienhafter technischer Sachverstand gibt mir zumindest das Gefühl, daß dieses auch nicht möglich sein sollte. Wenn nun also der Motor eines Busses den Betrieb einstellt, während man sich an einer Haltestelle befindet, an der üblicherweise kein längerer Halt geplant ist, dann scheint mir das bedenklich zu sein.  

Der Verdacht bestätigte sich. Trotz wiederholter Bemühungen sprang die Maschine nicht mehr an. Der Busfahrer versuchte noch den ein oder anderen Trick, öffnete auch die am Heck des Fahrzeugs befindliche Motorhaube, fummelte ein wenig hier und ein wenig da, doch das Stück Technik blieb stur. So kapitulierte der Fahrer, meldete sein Problem der Zentrale und verwies die Passagiere auf den nächsten Wagen. Dieser erschien auch nach weiteren fünf Minuten und füllte sich dementsprechend. Es geht doch nichts über ein gemütliches Stehplätzchen.

Vorne beim Fahrer stieg eine junge Mutter ein. Sie hatte ihr noch im Säuglingsalter befindliches Kind vor sich in so einer Art Trageschlaufe hängen und benötigte folglich auf ihrer Vorderseite etwas mehr Platz. Auf der Sitzbank hinter dem Fahrer war noch ein Platz frei, der zweite Platz wurde von einer älteren Dame belegt, die ich im weiteren Verlauf dieser Geschichte der Einfachheit halber und politisch vollkommen unkorrekt als Oma titulieren werde. Bei dem Bus handelte es sich um ein älteres Modell, bei dem die Plastikwand zwischen dem Fahrer und dieser Sitzbank noch etwas weiter in den Raum rein ragt. Mit anderen Worten: Auf der Bank ist es eng, wenn man etwas mehr Platz als unterdurchschnittlich benötigt. Wenn ich auf dieser Bank sitze, habe ich auch immer das Problem, wo ich meine Beine lassen soll. Ich kann da nur schräg sitzen. Für die Oma war das kein Problem, aber für die junge Mutter mit ihrem erweiterten Vorbau würde es wohl eines werden.

Auf der rechten Seite des Busses saß auf der ersten Bank, wie meistens üblich ein etwas breiterer Einzelplatz, ein kleiner Junge, geschätzt auf frühes Grundschulalter. Die Oma sprach ihn an, er möge doch bitte der Mutter Platz machen und sich zu ihr auf die Bank setzten. Keine Reaktion. Sie wiederholte ihre Bitte. Der Junge schaute kurz zum Busfahrer rüber, danach wanderte der Blick wieder nach draußen, weg vom Geschehen.

Die Oma versuchte es ein weiteres Mal. Wieder der Blick zum Busfahrer, wieder keine weitere Reaktion. Die Oma hat den Blick des Jungen zum Busfahrer bemerkt und fragte dann laut in Richtung des Fahrers, ob der Junge denn vielleicht sein Sohn sei. Der Fahrer bestätigte dies knapp. Die Oma zeigte sich durchaus resolut und fing an, den Busfahrer zu beschimpfen, daß das ja wohl eine Unverschämtheit sei, er seinem Sohn durchaus mal Manieren beibringen könne und ihn jetzt auffordern solle, den Platz für die junge Mutter zu räumen. Der Fahrer stammelte etwas herum, zeigte aber keine Ambitionen, in welcher Form auch immer auf seinen Sohn einzuwirken. Dieser blieb sitzen. Schließlich bot ein anderer Fahrgast seinen Platz an, während die Oma ankündigte, sich über den Fahrer beschweren zu wollen, was diesen weiterhin unbeeindruckt ließ.

Coole Oma.


Mittwoch, 17. Juli 2013

Der Stuhl und der Emil (2)

Nun begab es sich jüngst, daß mein Stuhl, besser gesagt die Sitzfläche desselben, in eine unverrückbare Schräglage nach vorne rechts verfiel. Ich verlagere mein Gewicht sehr häufig in diese Richtung, was sich bedingt durch die räumliche Strukturierung meines Arbeitsplatzes kaum vermeiden lässt. Alleine der regelmäßige Griff zum Drucker macht dies erforderlich. Aufgrund des neu verlegten Teppichs ist es deutlich schwieriger geworden, den Stuhl zu rollen, so daß dieser zusätzlich belastet wird. Wozu hat man einen Hausmeister vor Ort? Ich meldete ihm den Schaden und besorgte mir einen anderen Stuhl in Standardausführung, von denen wir noch einige herumstehen haben. Kaum vergingen ein paar Tage, schon erschien unser Hausmeister, nahm den kaputten Stuhl mit und versprach, die Sache in Augenschein nehmen zu wollen.

Ein paar weitere Tage später kam unser Hausmeister zu mir und erklärte, daß er an dem Stuhl keine Möglichkeit finde, zu der beschädigten Stelle durchzudringen. Er fragte mich, wann ich den Stuhl bekommen habe und vermutete frei heraus, daß da eventuell noch Garantieansprüche drauf sein könnten, weswegen er nicht weiter an dem Stuhl herumbasteln wolle. Gut, ich hatte keine Idee, wie lange ich schon stolzer Besitzer dieses Stuhls sei, so daß unser Hausmeister zusagte, sich mit unserer Beschaffungsstelle in Bad Husten in Verbindung zu setzen, damit man sich des Problems annehmen könne. Nach weiteren vergangenen Tagen meldete man sich bei mir. Ich war gerade nicht an meinem Platz, aber Trudi ging ans Telefon und hinterließ mir die Nachricht, daß ein Herr Huber von der Beschaffungsstelle angerufen habe und mich sprechen wollte. Jetzt sei er aber in der Pause, doch ich könne ihn in zwei (!) Stunden wieder erreichen. Nö, das glaube ich nicht, denn in zwei Stunden werde ich mich schon im Feierabend befinden. Ihr kennt mein Problem mit der Keine-Minute-länger-sonst-gibt-es-Ärger-Grenze ja schon. Ich würde ihn am nächsten Tag anrufen.

Am nächsten Morgen fand ich einen Emil eine intern versandte E-Mail von Herrn Huber vor, ich solle mich selbst mit der Herstellerfirma in Verbindung setzen und mich um die Veranlassung der Reparatur kümmern. Ein Name und eine Mailadresse waren angegeben. Dort anrufen fiel für mich unter den Oberbegriff indiskutabel. Man kenntdas ja. Also schrieb ich eine kurze E-Mail und wartete einige Tage auf eine Reaktion. Nichts geschah.

In der Zwischenzeit habe ich versucht, mir Unterlagen für einen Vortrag, den ich zu halten gedachte, vom Büro aus per E-Mail nach Hause zu schicken. Die Mail kam nie an, ich bekam aber auch keinen Hinweis, daß sie nicht zustellbar gewesen sei. Nach einigen Experimenten in beide Richtungen stellte ich fest, daß meine Berechtigung für externes Mailing nicht mehr freigeschaltet war. Na toll. Also wandte ich mich an Dr. Strebsinger, damit er diese wieder einrichten lassen könne. Um meine entsprechende Berechtigung zu prüfen und zu bestätigen bedarf es schon der geballten Sachkompetenz eines Oberlandesdirektors. Nein, so etwas darf nicht jeder Hinz und Kunz. Wegen meiner auch nicht jeder Günter und Karl, ich will ja niemandem zu Nahe treten, der jetzt zufällig Hinz oder Kunz heißt. Natürlich klappt so eine Freischaltung nicht von heute auf morgen, da muß erst bei allen Kollegen nachgefragt werden, ob sie ähnliche Probleme hätten, Betroffene mögen sich in eine bereitgestellte Liste eintragen, die man dann im Sinne eines effizienten Arbeitsablaufs nach Verstreichen der gesetzten Frist in Richtung Bad Husten schicken würde. Boah, schnell ist jetzt aber ganz anders.

Ich wusste von Sven, daß er weiterhin E-Mails nach draußen in die weite Welt schicken konnte, also habe ich ihn gebeten, sich um den Versand meiner dringlichen Stuhl-E-Mail zu kümmern, da meine erste Nachricht ja wohl kaum ihren vorgesehenen Empfänger erreicht haben dürfte. Wie ich zwischenzeitlich erfahren hatte, wollte der Hersteller des Stuhls ein Foto von einem auf der Unterseite der Sitzfläche angebrachten Aufkleber haben. Na super, wie soll das denn bitte bei uns gehen? Unsere Rechner verfügen über keinen Anschluss mehr als für die Erledigung unserer Arbeit nötig ist. Das bedeutet im Klartext: kein Diskettenlaufwerk, kein CD/DVD-Laufwerk und erst recht keinen Kartenleser. Und wenn ich einen eigenen Kartenleser an einem eventuell freizumachenden USB-Anschluss klemmen würde, dann heulen in Bad Husten die Alarmglocken, ein Überfallkommando würde ausrücken und mich ob dieses schwerwiegenden Vergehens sofort in den tiefsten Keller der Hauptverwaltung einsperren und dort günstigstenfalls verschimmeln lassen. Diese Option wollte ich daher nicht in Erwägung ziehen. Ich beschrieb also in der von Sven zu versendenden E-Mail nochmals mein Problem in wohlfeilen Worten und gab alles an, was sich auf dem Aufkleber so an Buchstaben- und Ziffernkombinationen finden ließ. Ich habe nämlich in der Schule noch lesen und schreiben gelernt und beherrsche die Kunst, sowohl Wörter als auch einzelne Buchstaben und Ziffern aus dem in Mitteleuropa gebräuchlichen Zeichensatz weitestgehend unverfälscht zu übertragen. Das scheint auch immer weniger selbstverständlich zu sein. Tanzen kann ich die Buchstaben aber nicht.

Bevor jemand fragt: Natürlich hätte ich mit meiner privaten Kamera Bilder machen können und diese von meinem privaten Rechner aus unter Nutzung meines privaten Kartenlesers über meine private E-Mail-Adresse aus versenden können. Ich sehe es aber nicht ein. Nicht unter den Bedingungen, wie mit den Mitarbeitern des Hauses umgegangen wird.

Eine Woche später rief mich ein Mensch der Stuhlfirma an. Er habe meine E-Mail nun bekommen und wollte wissen, ob ich ihm nicht ein Foto des Aufklebers schicken könnte… Nun, während ich mich fragte, ob er meine E-Mail, wenn er diese schon bekommen habe, nicht einfach mal lesen könne, erklärte ich ihm nochmals, daß es mir absolut unmöglich sei, ihm ein Foto zukommen zu lassen. Dann fragte er mich, was denn mit dem Stuhl überhaupt sei… Hallo? Wer lesen kann ist klar im Vorteil, ich hatte es in meiner Mail genau beschrieben. Ich blieb ruhig und gelassen und schilderte nochmals mein Problem. Man versicherte mir, sich darum zu kümmern und einen Techniker vorbeizuschicken.

Die Wochen vergingen. Mein Rücken fing an, sich in gewisser Regelmäßigkeit schmerzhaft zu melden und nach dem schönen Stuhl zu fragen. Ich fragte mich immer mehr, wieso ich eigentlich in einem Haus, in dem es eine eigene Abteilung für Beschaffungsfragen und Materialverwaltung in der Hauptverwaltung sowie einen absolut nicht ausgelasteten Hausmeister vor Ort gibt, selbst wissen muß, wann dieser Stuhl von meinem Arbeitgeber beschafft wurde und auch noch in höchsteigener Person während meiner knapp bemessenen Arbeitszeit neben dem reichhaltig bemessenen Arbeitsvolumen darum kümmern darf, daß der von meinem Arbeitgeber zur Verfügung gestellte und in dessen Eigentum befindliche Stuhl endlich repariert oder ausgetauscht wird? 

Zwischenzeitlich ist das Problem erledigt. Der Techniker war da und hat sein Bestes gegeben. Mal sehen, wie lange es hält.



PS: Seitdem ich diese Geschichte erlebt und geschrieben habe, sind zahlreiche Wochen vergangen, die sich zu wenigen Monaten aufsummiert haben. Bei dem im Text erwähnten Vortrag, den ich noch vorzubereiten gedachte, handelte es sich um diese Veranstaltung (klick mich, ich bin ein Link). Eine externe E-Mail versenden oder empfangen kann ich im Büro immer noch nicht. Jetzt will ich auch nicht mehr. Die können mich mal heckwärts. Es lebe die Bummelpost. Und morgen motte ich das Telefon endlich ein und gebe wieder Rauchzeichen. Streng biologisch-dynamisch und mit ohne Atomstrom-Antrieb.

(Ende)






Dienstag, 16. Juli 2013

Der Stuhl und der Emil (1)

Ich bin mal wieder sauer. Richtig sauer. An und für sich nur wegen einer Kleinigkeit. Aber wenn die Nerven ohnehin bis zum Zerreißen gespannt sind, dann fehlt halt nicht mehr viel. Meine Gedanken kreisen wieder verdächtig oft um benzinbetriebene Kettensägen und Eishockeymasken.

Beginnen wir in grauer Vorzeit. Die Geschichte der uns im LASA zur Verfügung gestellten Bürostühle begann für mich vor grob 30 Jahren. Der Standardstuhl hatte eine zu kurze Sitzfläche und eine zu kurze Rückenlehne, die man ein kleines Stück weit nach oben verschieben konnte. Die Sitzfläche selbst ruhte auf einem höhenverstellbaren Sockel und ließ sich rollen. Für Personen mit einer Körpergröße von mehr als 180 cm waren die Dinger viel zu klein.  Mit anderen Worten: Die Stühle waren für Zwergwüchsige. Ich bin allerdings eher in die andere Richtung orientiert.

Wenn man Pech hatte, bekam man einen Stuhl, der auf zwei Kufen gelagert war, also nicht gerollt werden konnte. Dafür hatte man aber Armlehnen. Mir haben die nie etwas gebracht. Die Gleichung lautet: ich = deutlich 180+ cm führt zu Abstand Unterarme zu Armlehnen = zuviel entspricht unpraktisch. Normal angewinkelt haben meine Unterarme die dafür bestimmten Lehnen noch nicht mal erreicht.

Befand man sich im gehobenen Dienst, war also einer derjenigen, der als Jurist oder so was von der Unisilität kam, erhielt man als Statussymbol einen Stuhl vom Typ 1 (rollfähig) mit den Armlehnen eines Stuhls vom Typ 2 (kufengelagert). Ein paar Jahre später erhielten besonders verdiente Studierte wie z. B. Abteilungsleiter auch noch Kopfstützen, während das gemeine Fußvolk weiter mit den Billigmodellen Vorlieb nehmen musste.

In der nächsten Evolutionsstufe – das bisherige Mobiliar war käuflich nicht mehr zu erwerben, da es seine Ursprünge sowohl farblich als auch technisch in den wilden 70ern hatte – beschaffte man Stühle, die alle über verstellbare Armlehnen verfügten und auch sonst deutlich mehr Einstellmöglichkeiten boten. Natürlich ohne Kopfstütze. Nach wie vor waren diese Modelle für Personen mit 180+ cm Körpergröße absolut ungeeignet, denn die Sitzfläche blieb zu kurz, die Rückenlehne immer noch zu niedrig und die verstellbaren Armlehnen in unerreichbarer Tiefe.

Also musste gejammert werden, bis man sich auf Druck des betriebsärztlichen Dienstes entschloss, einige wenige geeignetere Stühle für großgewachsene Mitarbeiter anzuschaffen. Idealerweise jedoch besorgte man sich ein richtig gutes Sitzmöbel als berufsfördernde Leistung, gesponsert von einem Sozialversicherungsträger. Gegen eine nicht unerhebliche Zuzahlung natürlich.

So bekam auch ich irgendwann einen etwas geeigneteren Stuhl von meinem Brötchengeber, besorgt aus dem Fundus des Hauses. Die Rückenlehne war zwar immer noch zu niedrig, aber schon deutlich besser als alles, was ich vorher hatte. Alles andere passte.

So weit, so gut.


(wird fortgesetzt)






Montag, 15. Juli 2013

Lichtergrillen 2013

In der Zeit der modernen visuellen und zumeist einseitigen Telekommunikation, genannt Fernsehen, ist es möglich, zur Not auch mit Hilfe des Internets weltweit die ehemals heimischen Regionalsender zu empfangen.

Nachdem es mich von meiner niederrheinisch-ruhrgebietlichen Heimat in die große Weite irgendwo zwischen Nordsee und Alpen verschlagen hat, hielt ich über diese besagte technische Errungenschaft nachrichtendienstlichen mittels der vom WDR in Form regionaler Fernsehnachrichten erbrachten Dienstleistung Kontakt zu den Geschehnissen, die sich ohne mein Zutun in dem Mischgebiet zwischen flachmöglichsten Flachland und den Abraumhaldengebirgen ereigneten.

Vor vielen Jahren wurden die zweitbeste Ehefrau und ich eher zufällig auf eine Veranstaltung aufmerksam, welche der WDR regelmäßig abendfüllend von 20.15 bis 00.00 Uhr überträgt: die Kölner Lichter. Nun zählt Köln nicht unbedingt zu der Gegend, die ich mit Heimatgefühlen überflute, aber so aus der Ferne betrachtet relativiert sich alles. Wir hatten gerade unseren Tischgrill angeschmissen, als uns diese Sendung auffiel und ließen sie – zunächst als Geräuschkulisse in unserer Zweisamkeit einfach laufen. Doch die Veranstaltung ist einfach toll.

der festlich gedeckte Tisch

Bei den Kölner Lichtern handelt es sich um das größte musiksynchrone Höhenfeuerwerk Europas. Das Hauptfeuerwerk startet um 23.30 Uhr und dauert eine halbe Stunde.

Seit dem ist es bei uns zur Tradition geworden, an jeweiligen Lichterabend den Tischgrill auszupacken, Grillzeug vom Discounter auf den Tisch zu packen und so grillenderweise den Abend zu begehen. Ich räume ein, daß das schon etwas prollig wirkt, stört uns aber nicht. Wir haben unseren Spaß dabei.

Vorbeifahrt des Schiffskonvois

Der Lichterabend findet jeden zweiten Samstag im Juli statt; in diesem Jahr also am 13.07. Wie immer waren wir gut vorbereitet. Als Besonderheit dieses Jahres spielten auf dem Lichterabend erstmals die Bläck Föös. Genau wie bei den Höhnern habe ich mit deren Liedgut das kleine Problem, daß ich überwiegend die Texte in weiten Teilen rein phonetisch nicht verstehe. Der Dialekt der Jungs ist nicht meine Welt. Meine Angetraute ist da etwas vorbelasteter und übersetzt diese für mich, soweit erforderlich. Die Melodien sagen mir schon zu, aber die im Text enthaltene ewige Herausstellung der Liebe zur Stadt Köln finde ich nervig. Egal, bei englischen Texten achte ich auch nicht auf deren Aussage.

Dom und Funkenregen

Die Ansage des nächsten Liedes der Bläck Föös wies darauf hin, wie man zu Zeiten, als sie noch jung und schön waren, ins Kino gegangen ist. Das war bestimmt total spannend, so vor Einführung des Tonfilms…

Zwischendurch wurden – ebenfalls traditionell – immer wieder Freiluftexperimente von Chemikern oder Physikern vorgeführt. Wenn es knallt und stinkt ist es nicht immer Chemie, soviel sei gesagt. Während eines Experimentes, an dessen Ausführung auch Kinder beteiligt waren, zog es so ein widerliches Arschlochkind immer wieder zum Außenreporter, um während dessen Moderation im Bild faxen zu machen, ihm dumm ins Mikrofon zu sprechen oder ähnlichen vermeintlich witzigen, aber tatsächlich eher nervtötenden Unfug anzustellen. Nach einem Schwenk der Kamera in eine andere Richtung war das Kind plötzlich verschwunden. Nur im Hintergrund konnte man es zeitweise noch deutlich zu vernehmen. Gibt es da keine aufpassenden Erziehungsberechtigten? Oder hat dieser endlich sein Werk vollbracht? Vielleicht war es auch die Regieassistenz oder der Kumpel vom Kameramann, der sich dem Kind gewidmet hat. Man weiß es nicht. Fragen über Fragen…

Feuerwerk - vom Bildschirm abfotografieren ist doof

In Verlauf des Abends wurde der Rhein über mehrere Kilometer gesperrt. Zunächst fand hier – ebenfalls traditionell – eine Regatta mit Ruder-Achtern statt, welche mein Interesse weniger weckte. Später wurde abseits des Geschehens ein imposanter Konvoi aus etwa 50 Rheinschiffen zusammengestellt, welcher zu vorgerückter Stunde in Formation Fahrt aufnahm, bis er die Kölner Altstadt, das ist der Teil mit dieser etwas bekannteren dauerkaputten Kirche direkt neben dem Bahnhof, passiert hat. Die Rheinufer und die Schiffe waren wie immer eindrucksvoll beleuchtet, Musik wurde eingespielt und es fanden die ersten kleineren, so genannten Begrüßungsfeuerwerke statt. Der Zuschauer wurde so auf den Höhepunkt des Abends schon ziemlich nachhaltig eingestimmt.

Dundus auf einer Rheinbrücke

Nachdem die Schiffe ihre Zielposition erreicht hatten, näherte sich der Zeitpunkt X. Mitten auf dem Rhein war der Ponton-Verband verankert, von dem aus stets das Hauptfeuerwerk gezündet wird. Begleitet wurde das Feuerwerk teilweise von anderen Lichteffekten, vor allen Dingen aber von der Musik, die es beeindruckend untermalt hat. Die Übertragung fand von verschiedenen Bodenstandorten, aber auch von einem Hubschrauber aus statt. Und ganz ehrlich: Ein Besuch vor Ort, eingequetscht von über 500.000 Schaulustigen, kann die Bildgewalt aus der TV-Übertragung nicht ersetzen.

Wer die Möglichkeit hat, das WDR-Programm auch überregional zu empfangen, sollte sich für 2014 den zweiten Samstag im Juli vormerken. Die Kölner Lichter sind eine echte Empfehlung. Und schön dabei den Tischgrill nicht vergessen. So zur abendfüllenden Begleitung der Sache.




Sonntag, 14. Juli 2013

Die Sache mit der Schreibmaschine

Was ist der untrügliche Beweis dafür, daß man langsam aber sicher alt wird? Richtig, man fängt an, von der guten alten Zeit zu reden. Und das kann ich so langsam auch ganz ausgiebig.

Unlängst kamen wir im Büro etwas ins Plaudern. Trudi fragte, ob wir noch irgendwo im Hause eine Schreibmaschine herumstehen hätten. Ich überlegte kurz und meinte mich zu erinnern, mal so ein Gerät in unserem Gästezimmer gesehen zu haben. Das Gästezimmer ist der Raum in Indien, also der berühmt-berüchtigten anderen Seite des Ganges, in der unser zuständiges Personalratsmitglied aus der Hauptverwaltung früher residierte, wenn wir mal wieder an der Reihe waren, im Rahmen der monatlichen Rundreise von ihm begutachtetbesucht zu werden.

Im Rahmen einer Umräumaktion war die Maschine dann in Frl. Hasenclevers Büro gelandet und wurde dort im Laufe der Zeit von einer Flut losen Papiers überschüttet, ohne jemals noch benutzt worden zu sein. Allerdings weiß ich auch, daß Frl. Hasenclever diesen Papierberg in Vorbereitung der damals noch anstehenden Renovierung unserer Büroräume ausgemistet hat. Seit dem habe ich weder die Papierberge noch die Schreibmaschine wieder gesehen. So blieb mir nichts anderes übrig, als Trudi an Frl. Hasenclever zu verweisen und sich dort nach dem Verbleib der Maschine zu erkundigen. Damit ist das Thema für mich – und auch für dieses Blog – erledigt.

Doch hatte ich einen Aufhänger gefunden, mich an die wilden Jahre zu erinnern. Damals, als ich noch Auszubildender war und allen Ortes im LASA Schreibmaschinen herumstanden. EDV fand nur über Datensichtstationen statt, von denen jeweils eine auf etwa 12 bis 15 zugangsbedürftige Mitarbeiter kam. Zur Erklärung: Eine Datensichtstation bestand aus einem Monitor, einer Tastatur und einem Drucker. Es bestand mehr oder weniger eine Direktverbindung zum Hauptrechner im vierten Untergeschoss des Hauptgebäudes. Die Monitore hatten imposante 12 Zoll Bildschirmdiagonale, der Bildschirmhintergrund war schwarz, die Schrift leuchtete grün. Angezeigt wurden nur Großbuchstaben und keine Umlaute. Die zugehörigen Drucker hatten immerhin schon 12 Nadeln und verarbeiteten Endlospapier. Die Ausdrucke waren also nur für den internen Gebrauch verwendbar. Wollten wir uns Informationen aus der EDV holen, haben wir die Daten ausgeleuchtet. Ja, da wird es einem warm ums Herz.

Ich erzählte von der guten alten Zeit, als unsere Formulare je nach Fachbereich noch unterschiedliche Farben hatten, was die Bereinigung von Tippfehlern auf der Schreibmaschine dramatisch erschwerte. Denn tipp-ex-Korrekturstreifen, die alten Bürohengste unter der geneigten Leserschaft werden sich noch erinnern, gab es für uns nur in Weiß. Und es sieht schon ziemlich unglücklich aus, auf einem rosa, hellbraunen oder blauen Formular einen Tippfehler mit weißer Farbe abzudecken. Wir hatten auch tipp-ex-Korrekturflüssigkeit, welche es durchaus in brauchbaren Farbvariationen gab, aber die Korrektur mit diesem Zeug war so eine Sache. Auf jeden Fall aber war das unpraktisch und sah im Ergebnis ausgesprochen unhübsch aus.

Ganz besonders schrecklich wurde es für uns arme Schreibmaschinenbesatzung, wenn wir Formularbescheide in vierfacher Ausfertigung, also mit drei Durchschlägen anfertigen mussten. Wer jetzt einen Durchschlag nur mit physischer Gewaltanwendung in Verbindung bringt, ist entweder zu jung für meine Welt und / oder fanatischer Zuschauer der RTL-Senderfamilie. Im letzteren Fall möchte ich schon mal mein aufrichtiges Mitleid aussprechen. Jedenfalls war es bei Nutzung derartiger Vordrucke noch aufwendiger, Tippfehler zu korrigieren. Und sobald es darum ging, in den knapp bemessenen freien Platz medizinische Fachbegriffe einzutragen, war das schon fast unvermeidlich.

Die Hölle aber war das Ausfüllen der Urkunden für besondere Verdienste. Das LASA hat seinerzeit noch anlässlich besonderer Verdienste der Bürger und Kunden neben einer kleinen monetären Aufmerksamkeit sowie einem Blumenstrauß – im Sommer in Wert von 30,00 DM, im Winter durften es auch 40,00 DM sein – eine besonders gestaltete Urkunde erstellt. Diese war auf einer Art sehr festem, fast schon kartonartigem Papier gedruckt, welches farblich wie altes Pergament gestaltet war. Dementsprechend teuer war eine solche Urkunde auch. Die Blanko-Ausgaben fanden sich nicht für jedermann zugänglich im Formularschrank, sondern mussten von der Bereichssekretärin einzeln herausgegeben werden. Auf diesen Urkunden waren einige Eintragungen individuell per Schreibmaschine zu ergänzen. Ich fand ja nicht, daß das besonders toll aussah, denn die Standard-Schreibmaschinenlettern passten so gar nicht zu den großen, gotischen Schriftzeichen der Urkunde. Aber wer fragt schon mich? Jedenfalls war das ein Auftrag, um den sich nie jemand gerissen hatte, denn die Urkunden entsprachen keinem Standardmaß und waren mit der Schreibmaschine extrem schwierig zu handhaben, weil sie noch nicht mal fest auf der Walze lagen. Und selbstverständlich gab es hier kein Korrigieren. Alles musste sitzen. Und wehe, man hatte sich doch mal vertippt und musste eine neue Urkunde erbetteln. Das ging nie, ohne einen Anpfiff zu kassieren.

Während ich so erzählte, fing Karla an, leise aber für meine Ohren laut genug vor sich hinzulachen. Ich hörte außerdem ein kicherndes „Schreibmaschine“. Missratendes Kind! Ich könnte dein Vater… na, lassen wir das. Scheinbar sollte ich noch froh darum sein. Also wegen der theoretischen Möglichkeit der Vaterschaft. Wegen des Alters, nicht wegen der Mutter. Ihr wisst schon. Hoffe ich. Irgendwie. Denn wenn unser zukünftiger hoffnungsvoller Nachwuchs jedenfalls noch nicht mal mehr mit dem Begriff Schreibmaschine oder der Bezeichnung anderer früher alltäglicher Arbeitsmittel wie zum BeispielMatrize, Bleistift oder Radiergummi etwas anfangen kann, dann werde ich wohl auf „ich könnte dein Opasein“ umstellen müssen. Und bevor jemand was sagt: Aus der Rechenschieber-Generation bin ich raus. Wir hatten elektrisch betriebene Rechenmaschinen mit Bon-Ausdruck auf den Schreibtischen. Natürlich nicht in allen Fachbereichen, sondern nur in den rechenintensiven, in denen es um Auszahlungen ging. In allen anderen Bereichen wurde noch mit der Hand gerechnet. Trotz Großrechenanlage im Keller. Na, bildet sich da der Angstschweiß auf der Stirn der ab 1970 Geborenen? Recht so. Zu meiner Zeit konnte man sogar noch im Kopf rechnen, lasst euch das gesagt sein.

Ich habe hinsichtlich der möglichen Titulierung als Opa aber eine Hoffnung. Trudi hat deutlich später als ich angefangen, in einem großen Büro zu arbeiten. Im Rahmen einer Nostalgiestunde, als ich von früher erzählte, so aus der Zeit, bevor jeder Handgriff mit dem PC erledigt wurde, erwähnte ich die Begriffe Lochbelege und Ablocherinnen. Damit wusste sie nichts anzufangen. Also erklärte ich kurz, was ein Lochstreifen ist und wie man früher damit EDV-Anlagen programmierte und Daten eingab. Sie lachte mich aus an und war der festen Überzeugung, daß ich sie auf den Arm nehmen würde.

Aber mal so ganz ehrlich: Ihr Vater könnte ich echt nicht sein. Sie ist so alt wie ich.


Samstag, 13. Juli 2013

Ein hinterhältiges Katervieh

Marty ist als unser Hauskater ja eher ein friedlicher Geselle, der sich hin und wieder mal etwas rüpelhaft zeigt, aber doch insgesamt eher harmlos scheint. Das bedeutet nicht, daß er nicht auch zu einer gewissen Hinterhältigkeit neigt.

Wir haben direkt neben unserem Monster einen deckenhohen, ansonsten aber bewusst schlichten Kratzbaum aufgestellt. Dieser Kratzbaum besteht an sich nur aus den üblichen Rundhölzern, der obligatorischen Bodenplatte, dem Verbindungsstück zur Decke und einer einsamen Plattform. Unsere Haustiger sollen die Möglichkeit haben, wirklich mal ein längeres Stück zu klettern oder ausgiebig abzuhängen, ohne sich irgendwie dabei den Rücken verbiegen zu müssen. Sie machen davon auch gerne Gebrauch.

Die Plattform erfreut sich ebenfalls immer wieder größerer Beliebtheit. Befindet sich Lilly darauf, verteidigt sie ihren Platz durchaus hartnäckig. Marty hingegen kann es dennoch nicht lassen, gerade dann den Weg nach oben zu suchen, wenn Lilly den Kratzbaum bereits besetzt hat. Würde Marty jetzt versuchen, vom Monster aus mit einem großen Sprung die Plattform zu erreichen, würde ihm das schlecht bekommen. Lilly wüsste seine Ankunft geschickt zu verhindern. Bevor er seinen Platz auch nur halbwegs gesichert hätte, würde er die Plattform wieder von unten sehen können. Und zwar von ganz unten. Sozusagen von Bodenhöhe aus.

Marty ist sich darüber augenscheinlich im Klaren; er wird seine Erfahrungen gemacht haben. Also setzt er sich neben den Kratzbaum auf das Monster und fixiert von dort die Plattform. Lilly bemerkt dies natürlich und bereitet sich auf die Abwehr vor. Nach einiger Zeit entspannt sich Marty demonstrativ, legt sich an Ort und Stelle hin oder guckt eine Zeit lang durch die Gegend, bis Lilly wieder ruhiger geworden ist und nicht mehr erkennbar mit seinem Anflug rechnet.

Sobald Marty bemerkt, daß Lilly unaufmerksam geworden ist, springt er aus dem Stand mit einem gewaltigen Satz auf die Plattform. Lilly ist regelmäßig zu verdattert, um sofort zu reagieren, so daß er einen sicheren Platz findet. Das bedeutet jedoch keineswegs, daß Lilly ihn gewähren lässt.

Bei einer solchen Gelegenheit ist das nachfolgende Foto entstanden. Wir sind uns trotz allem ziemlich sicher, hier keinen Werwolfkeine dämonisierte Werkatze zu beherbergen, denn das Foto wurde vor Mitternacht aufgenommen.


Die will nur spielen. Ehrlich.



Donnerstag, 11. Juli 2013

Vorratshaltung

Die zweitbeste Ehefrau von allen und ich sitzen im Wohnzimmer; der Fernseher läuft nur halb beachtet vor sich hin. Auf dem regionalen Bildungskanal (das so genannte dritte Programm, die Altvorderen werden sich erinnern) wird eine Dokumentation über spätmittelalterliches Wohn- und Haushaltswesen der Oberschicht gezeigt. Plötzlich schallt die Stimme meiner Angetrauten durch den Raum.

„Uäääh!“

„Was ist?“

„Die haben gerade gesagt, daß in der Aussteuer früher so viel Leibwäsche enthalten sein sollte, daß man ein Jahr lang nicht waschen musste. Und alles passte in einen einzelnen Schrank.“

„Ich habe immer schon gesagt, daß es übertrieben ist, seine Unterhose jede Woche zu wechseln.“

„PATERFELIS!“


Mittwoch, 10. Juli 2013

Vortragstag

Zwischenzeitlich war der Tag, an dem ich meinen Vortrag gehalten habe. Zur Erinnerung: Meine Angetraute befindet sich bei Rajiv in der Ausbildung zur Fitnesstrainerin. Ich hatte Rajiv angeboten, seinen Schützlingen durch einen Vortrag etwas Licht in das Dunkel des Behördendschungels zu bringen. Es würde noch so manches auf die Nachwuchstrainer zukommen, von dem sie nicht mal ansatzweise eine Ahnung haben, daß es so etwas überhaupt geben könne.

Da Rajiv nicht über eigene Räumlichkeiten verfügt, nutzt er für seine Seminartage freie Raumkapazitäten in den verschiedenen Fitnessstudios der Umgebung. Dieses Mal sollte es in das „gesund und entspannt“ gehen. Die zweitbeste Ehefrau von allen und ich fuhren frühzeitig los, da wir unterwegs noch jemanden mitnehmen würden und anschließend noch genügend Zeit haben wollten, um den Raum für meine geplante Präsentation vorzubereiten.

Unterwegs klingelte das Handy das Smartphoneder drahtlose bewegungsvariable Fernsprechapparat mit Sonderfunktionen meiner Angetrauten. Rajiv meldete sich und verkündete, daß in seiner Planung wohl etwas schief gelaufen sei, der Raum stünde morgens nicht zur Verfügung. Er habe aber einen Ausweichraum im Sporttempel organisiert. Jetzt wollte Rajiv eine Telefonkette starten und bat uns, vor dem „gesund und entspannt“ zu warten und alle abzufangen, die nicht mehr rechtzeitig erreicht werden konnten. Nun ja, tschüß Vorbereitungszeit.

Immerhin konnten wir bei angenehmen Temperaturen in der Sonne auf die armen Fehlgeleiteten warten. Ein grobes Überschlagen ergab, daß die Telefonkette – nun sagen wir mal – tendentiell eher weniger perfekt bis gar nicht funktioniert hat. Egal, alle waren nun auf dem richtigen Weg. Auch wir würden jetzt, immerhin eine Viertelstunde nach dem eigentlich angedachten Seminarbeginn, in Richtung Sporttempel aufbrechen.

Vor Ort angekommen stellten wir fest, daß alles wenigstens schon so weit vorbereitet war. Jetzt nur noch den Laptop mit dem Beamer verbinden, leicht genervt feststellen, daß die Bildwiedergabe an der Wand sich eher suboptimal darstellte, ein paar einleitende Worte, dann ging es in die Vollen. Entgegen der düsteren Vorhersage meiner Angetrauten benötige ich keine „mindestens drei Stunden“ für meinen Vortrag, sondern war inklusive der Klärung von Nachfragen der Seminarteilnehmer in weniger als 90 Minuten fertig. Angesetzt hatte ich zwei Stunden, so daß ein Teil der durch den Umzug verlorenen Zeit wieder reingeholt werden konnte. Der Vortrag selber war für mich unspektakulär. Ich bin da ja meistens sehr entspannt und habe auch keine Probleme damit, vor Menschengruppen zu reden, wenn ich denn auch weiß, über was ich reden soll und vorbereitet bin. Meine Angetraute sagte später, daß sie meint anhand meiner Körpersprache etwas anderes erkannt zu haben, aber dem vermochte ich mich wirklich nicht anzuschließen.

Ich blieb noch bei der Gruppe, bis Rajiv mit seinem Vortrag, in dem es unter anderem um solche Dinge wie GEMA-Gebühren, das Erstellen einer Rechnung etc. ging, fertig war. So was höre ich mir auch immer wieder mal gerne an. Mittags wurde die Gruppe dann getrennt. Der Teil, zu dem meine Angetraute gehörte, musste sich wieder zurück auf den Weg ins „gesund und entspannt“ machen. Ich schloss mich an, zumal ich keine Gelegenheit hatte, mit öffentlichen Verkehrsmitteln vom Sporttempel aus mit vertretbarem Aufwand zu verschwinden. Geplant war, daß ich mit meiner Angetrauten zusammen bis zum Ende der Veranstaltung bleiben würde, aber der Gedanke, daß ich mich als eigentlich Unbeteiligter nun in einer neuen, mir unbekannten Gruppe ohne eine ablenkende Aufgabe verweilen müsste, bereitete mir dann doch ein immer stärkeres Unbehagen. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt nicht, daß sich die nun zu bildende Gruppe mit Ausnahme der Referentin ausschließlich aus Teilnehmern zusammensetzen würde, die bereits bei meinem Vortrag anwesend waren. Das hätte es mir durchaus erleichtert, vor Ort zu bleiben. Aber selbst dann stand wieder die Herausforderung im Raum, der Referentin zu erklären, warum ich denn nun anwesend sei.

Praktisch wäre das überhaupt kein Problem geworden, denn den Part hätte wohl meine Angetraute als Ansprechpartnerin übernommen. Außerdem war mir die anwesende Referentin persönlich durchaus bekannt, auch wenn ich für sie wahrscheinlich bislang nur jemand aus der Masse Mensch war und sie mein Bild wohl nicht hätte zuordnen können. Was für mich die Lage wieder erschwerte, obwohl mir klar war, daß sie über meinen Vortrag informiert gewesen ist. Ja, es kreisen die Gedanken, da hilft auch das Abwägen von rationalen und irrationalen Erkenntnissen nichts. Gar nichts. So nutzte ich dann die erste Gelegenheit und ließ mich von meiner Angetrauten an einer Straßenbahnhaltestelle absetzen.

Ich hatte Glück, die Bahn kam zeitig und brachte mich zu einem größeren Knotenpunkt im Neustädter Personennahverkehr, an dem ich meinen Anschlussbus erreichen konnte. Er war voll genug, aber immerhin nicht so voll, wie unter der Woche zur Feierabendzeit. Als erfahrener Busnutzer weiß ich, wo ich mich wie hinstellen muß, um baldmöglichst eine Chance auf einen freien Sitzplatz zu erhalten. Und zwar einen Sitzplatz, der auch noch in mein Beuteschema passt. Ich bin da ja phobiebedingt durchaus auch noch wählerisch. Mein Plan jedenfalls ging auf, nach wenigen Stationen hatte ich den Platz hinter dem Fahrer erobert. Allerdings setzte sich noch jemand neben mich. Ich warf einen kurzen Blick zur Seite, die mir entgegenwabernde Alkoholfahne hatte ich schon vorher bemerkt, und sah eine Flasche Bier in der Hand des jungen Mannes. Mit durchaus noch klarem Tonfall versuchte er mich – völlig unnötigerweise – zu beruhigen, wies darauf hin, daß die Flasche noch verschlossen sei und er ja sonst nie Alkohol trinke. Außer eben seinem Feierabend-Bier. Und da die Flasche in seiner Hand tatsächlich noch verschlossen war, musste er vorher auch schon was getrunken haben. Ich sagte ihm, daß es ihm gegönnt sei, aber ganz ehrlich: Muß das sein? Kann man nicht so lange mit dem Feierabend-Bier warten, bis man zu Hause ist? Ich bin da durchaus etwas empfindlich und uncool in meinen Ansichten.

Zu Hause erreichte mich der fernmündliche Hilferuf meiner Angetrauten. Durch den erforderlichen Wechsel des Studios zur Mittagszeit hatte sie keine Gelegenheit gehabt, noch etwas zu essen. Ich sollte also möglichst zeitnah was vorbereiten. Nein, es wird dafür keine besondere Eintragung in der Rubrik Gruß aus der Küche geben, Stabfische und Kartoffeln geben da nicht so viel her. Obwohl... ich habe da doch mal einen Stabfischauflauf gemacht. Hmmmm. Egal, weiter im Text. Während ich so hin- und herwerkelte gelang es mir tatsächlich noch, einen Anruf von Herrn Graumann entgegenzunehmen, den ich allerdings nach Eintreffen meiner Angetrauten wieder abwürgen musste. Hunger und das unerwartete Ansteigen der Temperaturen hatten ihr sichtbar zugesetzt.

Abends empfingen wir noch eine E-Mail von Rajiv:

„…riesen lieben dank auch nochmal an Paterfelis! das war auch für mich schön, ihn mal in aktion zu erleben. super referent, sehr einfühlsam, klar, strukturiert und auf den punkt. das können nur wenige!“

Schön, das zu lesen. Aber ich wäre ja nicht ich, wenn ich nicht so reagieren würde wie ich. Leider bin ich so gestrickt, an dem Wahrheitsgehalt derartiger Aussagen zu zweifeln. Rajiv ist ein sehr positiv eingestellter Mensch, von dem ich – ob es tatsächlich so ist, weiß ich nicht – immer annehme, daß er schon das Bemühen eines Menschen um eine Sache entsprechend würdigen würde. Sozusagen zur Motivation. Im Büro ist es an sich genauso. Die Kunst der Motivation durch Lob ist mir durchaus nicht unbekannt. So etwas wird in jedem Führungskräfte-Seminar hinlänglich erläutert. Und von denen habe ich schon einige genießen können. Von daher traue ich entsprechenden Aussagen von Führungskräften einfach nicht mehr, es sei denn, daß ich selber und aus eigener Erkenntnis von der Qualität meiner getanen Arbeit überzeugt bin. Ansonsten vermute ich immer Berechnung hinter solchen Aussagen. Führungspersonen müssen es schließlich tun.

Vielleicht stehe ich meinen Mitmenschen und ihren Absichten einfach zu misstrauisch gegenüber.


Dienstag, 9. Juli 2013

Gruß aus der Küche - Champignonpastete in Blätterteig

Nachdem die zweitbeste Ehefrau von allen und ich an diesem Tag wieder den Weg nach Hause gefunden hatten war es eigentlich schon an der Zeit, sich so langsam um die Vorbereitung des Abendessens zu kümmern. Nun bin ich aber bekanntermaßen einer jener Menschen, denen Kuchen und ähnliche Süßwaren schwer im Magen liegen. Ich hatte zum Abschluss unseres Besuches im Familienzentrum verwegener Weise auch zwei nur wirklich kleine Stücke Kuchen probiert und war dementsprechend trotzdem satt. Andererseits ließ ich mir morgens nicht die Gelegenheit entgehen, eine gefühlte halbe Tonne Champignons käuflich zu erwerben, welche dringlich noch am gleichen Tag verarbeitet zu werden wünschten.

Also würde es für mich ein längerer Abend als üblich werden, denn ohne von der noch zwingend anzufertigenden Pastete auch gegessen zu haben wollte ich – sehr zum Leidwesen der Katzenbande, insbesondere aber von Sally - noch nicht in die Koje. Der Tag hatte sowohl meiner Angetrauten als auch mir körperlich zugesetzt. Füße, Rücken und andere Körperteile meldeten sich vehement. So begannen  irgendwann zu vorgerückter Stunde in unserer Küche zwei Teilinvaliden zu werkeln.




Man nehme:

1 kg frische Champignons
2 größere Zwiebeln
450 g Blätterteig
Petersilie nach Geschmack, mindestens 2 Esslöffel
100 g Semmelbrösel
Salz und Pfeffer

Zunächst warten 1 kg frische Champignons, aufgrund des intensiveren Geschmacks bevorzugt die braunen, darauf, geputzt und zerkleinert zu werden. Ein großzügiges vierteln reicht dabei aus. Die Champignons zusammen mit den ebenfalls zerkleinerten Zwiebeln anbraten, danach weiter vor sich hinköcheln lassen, bis das von den Champignons gezogene Wasser sich weitgehend verflüchtigt hat. Auf keinen Fall die Flüssigkeit abgießen, sie ist ein wichtiger Geschmacksträger. Beim Abgießen würden die Geschmacksstoffe verloren gehen.

Danach die Semmelbrösel und die Petersilie untermischen, mit Salz und Pfeffer nachwürzen.
Nicht zum Rezept gehörend, aber von uns improvisiert, gab es noch folgendes kleines Extra: In unserem Kühlschrank fanden sich Reste von Hähnchengeschnetzeltem, welches ebenfalls verarbeitet werden musste. Nach einer kräftigen Würzung mit Ingwer und Kreuzkümmel wurde das Geschnetzelte mit angebraten und unter die Champignonmasse gehoben. Der Geschmack hat sich gut ergänzt.

Nun auf einem Backblech etwa die Hälfte des Blätterteiges auslegen, die Pilzmasse auf dem Blätterteig verteilen und mit dem restlichen Teig abdecken. Teigdeckel und –boden gut miteinander verbinden, ein paar Luftlöcher hineinstechen und für 30 Minuten bei 180 bis 200 Grad (Umluft) im Ofen verschwinden lassen. Der Blätterteig kann zuvor noch mit Eigelb eingepinselt werden, erforderlich ist das aber nicht.

Zur Pastete schmecken je nach Gusto etwas Schmand, aufgerührter und mit Kräutern gewürzter Sauerrahm oder Creme fraiche.



Montag, 8. Juli 2013

Nur kein Neid

Darf ich vorstellen: unser derzeit bester Hausfreund:




Er dreht sich und dreht sich und dreht sich und... Glaubt mir, so ein Deckenventilator hat einen um Längen besseren Effekt als die herkömmlichen Tower- oder Korbventilatoren. Und ist dabei viel angenehmer. Und leiser. Und nimmt weniger Platz weg. Auch die Katzenbande hat sich an das seltsame Ding unter der Decke gewöhnt.

Hach...

Und wisst Ihr was? Ihr dürft doch neidisch sein.





Sonntag, 7. Juli 2013

Ein schön anstrengender Tag (2)

Es ging direkt zurück ins Neustädter Ländchen. Über Rajivs Mutter hatte Alexandra schon vor einiger Zeit Kontakt zu einem kirchlichen Familienzentrum gewonnen. Seitdem treten Alexandra und das Ensemble regelmäßig vor den zumeist alten und behinderten Leuten auf. Es ist immer eine sehr herzliche Angelegenheit. Die Leiterin der Veranstaltung begrüßte die Mädels mit einer Umarmung, hat aber bemerkenswerter Weise vorher jeweils gefragt, ob dies gestattet sei. Ich persönlich bin ja nicht so sehr der Freund von Umarmungen oder sonstigem Körperkontakt mit mir nicht so nahestehenden Menschen. Obwohl: Auch bei mir nahe stehenden Menschen sehe ich das nur mit Einschränkungen positiv. Heute wenigstens bin ich davon gekommen. Auch ohne daß ich gefragt wurde. Man hatte mir durchaus charmant gesagt, daß man in meinem Fall auf eine Umarmung verzichten würde. Gut, wer weiß denn auch, ob meine Frau nicht rasend eifersüchtig geworden wäre, wenn man sich mir als vollkommen fremde Frau an den Hals wirft…

Die Mädels zogen sich um, während ich meinen Teil an dem Auftritt vorbereitete. Ich war hier ab jetzt der Musikbeauftragte und mußte Alexandras überschweren Ghettoblaster bedienen. Der Auftritt fand auf dem Vorplatz der Kirche statt, welche dem Begegnungszentrum angeschlossen ist. Das war mir nicht so ganz geheuer und ließ wieder Angstgefühle in mir hochkommen. Denn der Platz lag in einer Wohngegend, die ich jetzt mit beschallen würde. Gut, ich war jetzt nur das ausführende Organ, nicht der Verantwortliche. Dennoch war mir dabei mehr als unwohl, denn es drohte, daß ich plötzlich im Mittelpunkt eines mir nicht genehmen Interesses stehen könnte. Die wiederum vollkommen überflüssigen was-wäre-wenn-Gedanken begannen zu kreisen, ließen sich aber von mir noch ganz gut im Griff halten.

Der Auftritt selbst wurde nicht nur von den Besuchern der Begegnungsstätte, sondern auch von nicht wenigen Passanten sehr gut aufgenommen. Ich hatte aufgrund der Musikauswahl im Vorfeld schon so meine Bedenken. Es war aber eine wirklich schöne Stimmung, und alleine dies und die Freude in den Gesichtern insbesondere der Besucher zu sehen sorgen dafür, daß wir hier immer wieder gerne vorbeikommen werden.

Nach dem Auftritt sprach mich ein Herr etwa in meinem Alter an. Ist ja nicht so mein Ding, aber ich war gut genug drauf, um mich im Zaum zu behalten. Wir plauderten über das Ensemble, den Verein, Orientalischen Tanz für Männer und darüber, daß er früher selbst in der Stadthalle Gesellschaftstanz mitgemacht habe. Seine damals schon erkrankte Mutter habe er immer mitgenommen. Es genügte ihr, wenn sie einfach nur in der Menge tanzenden Menge stand und ihr Sohn sich ein wenig zur Musik bewegt habe. Mittlerweile ist sie weit dementer als früher und sitzt im Rollstuhl. Ich konnte sie schon während des Auftritts beobachten und sah, wie sie sich an der Darbietung erfreute. Doch immer wieder suchte sie auch den Blickkontakt zu ihrem Sohn, welcher ihre Aufmerksamkeit stets auf das Geschehen zurücklenken musste.

Dann erzählte er mir, daß die Veranstaltungen in der Stadthalle immer von einem Herrn Öztürk geleitet wurden. Tja, die Welt ist klein. So konnte ich ihm sagen, daß ich diesen Herrn Öztürk durchaus kenne und er schon seit Jahren die entsprechenden Tanzkurse in der Sportvereinigung leiten würde. Man freute sich und ich solle Herrn Öztürk einen schönen Gruß von seinem wilden Pfadfinder ausrichten, er würde dann schon wissen, wer gemeint sei. Gut, mache ich gerne – ähm, ich werde den Auftgrag dann wohl doch an meine Angetraute oder Alexandra weitergeben, die sehen Herrn Öztürk eher - aber vorsorglich sollte wohl die Geschichte mit der dementen Mutter bei ihm nicht unerwähnt bleiben.

Nach dem Auftritt wurden wir noch zu Kaffee, Kuchen und wirklich hervorragenden selbstgemachten Waffeln eingeladen. Wie bereits erwähnt, ging es hier insgesamt sehr herzlich zu. Es war laut meiner Angetrauten schön anstrengend. Aber schön. Und anstrengend. Und richtig schön. Nicht nur die sommerliche, sondern auch die menschliche Wärme war allseits spürbar. 

Und das ist gut so.


(Ende)