Freitag, 21. Juni 2013

Wenn das Grauen kommt

Die zweitbeste Ehefrau von allen hatte sich gegen Ende der letzten ausgehenden Kälteperiode, also quasi kurz vor dem in Deutschland üblichen Kompaktsommer, mit ihr selbst darauf geeinigt, daß meine wallende Prachtmähne wieder einer radikalen längentechnischen Reduzierungsmaßnahme zu unterwerfen sei. Ich stehe einem solchen Ansinnen als jemand, der seine Jugend in den 70er und 80er Jahren verbracht hat, schon traditionell stets ausgesprochen skeptisch und im Allgemeinen auch recht unkooperativ gegenüber, aber was macht man nicht alles?! Doch mal ehrlich: Was sind schon läppische drei bis vier Monate ohne Friseurbesuch? Nichts. Rein gar nichts! Meine Haare haben doch gerade erst gemerkt, daß sie wieder Platz zum Wachsen bekommen haben…

Conny, meine persönliche Hausfriseurin und damit mein ebenso persönliches Grauen in Person, drückte zu dieser Zeit wieder die Schulbank, um sich als Meisterin ihrer Kunst beweisen zu können. Dies führte natürlich zu einigen Stauungen im Terminkalender, doch nun hatten wir ein gemeinsames Loch im Zeitplan gefunden, welches zu stopfen war.

Es klingelte an der Tür, ich öffnete und Conny erschien. Zusammen mit der zweitbesten Ehefrau von allen stand es jetzt 2 : 1 gegen mich. Schon kam Conny wieder näher, warf einen skeptisch-lüsternen Blick auf meine Haare, und ehe ich mich versah saß ich schon auf einem Stuhl, gut festgezurrt von einem übergroßen Handtuch, welches mich beinahe zur Bewegungslosigkeit verdammte.

Conny fragte, ob ich besondere Wünsche hätte. Ich fragte daraufhin natürlich sofort die zweitbeste Ehefrau von allen, ob ich wohl solche besonderen Wünsche hätte. Sie entschied, daß ich mir nicht wünsche, wie MacGyver in den frühen Folgen dieser wunderbaren Serie um ein Schweizer Taschenmesser und seinen Besitzer herumzulaufen. Also schnitt Conny los, während meine sämtlichen Einwände gegen dieses Unterfangen gnadenlos ignoriert wurden. Sie murmelte etwas von einer gewissen Befriedigung, die sich ihrer bemächtigte, da es sich bei mir ja richtig lohnen würde, die Schere anzulegen. Schließlich kam der Moment, in dem Conny nach etwas Wasser verlangte, um meine Haare zu befeuchten. Meine Angetraute nahm die Gelegenheit war, schnappte sich unsere bereitstehende original Katzenabschreck-Star-Trek-Phaserwasserpistole in grün-orange und spritzte auf mich ein. (Anmerkung des Lektorates: Es wurden ihm nur gezielt und ausgesprochen professionell die Haare befeuchtet.)

Man unterhielt sich angeregt, wies darauf hin, daß meine grauen Haare bei der zuletzt erreichten Länge doch allzu deutlich sichtbar gewesen seien (was mich nicht stört, denn die grauen Haare verleihen mir doch stets eine gewisse Würde) und kam schließlich an den Punkt, an dem ich mich entscheiden durfte, ob das obere Deckhaar etwas länger oder eher etwas kürzer zu bleiben habe. Ich brabbelte etwas von machtdochwasihrwolltichhabehierdochsowiesonichtszusagen, und schon hatte Conny glückselig lächelnd (das habe ich gesehen ohne hinzugucken) ihr Messer geschnappt und es angesetzt, kaum daß ich ausgesprochen hatte. Sie liebt es, Haarschnitte mit dem Messer zu machen. Und wie sagt sie immer so schön? Hauptsache, der Friseur ist glücklich.

Während sie so mit dem Messer an mir herumschnippelte erwähnte sie, daß sie das Wort Grundpfandrechtaus dem Jura-Unterricht der Meisterschule nicht mehr hören könne, sie würde dann aggressiv. Und was macht diese verräterische Hexe, die sich als meine Ehefrau bezeichnet? Sie rief das Wort Grundpfandrechtaus. Dezent machte ich darauf aufmerksam, daß gerade jemand, der potentiell aggressiv auf dieses Wort reagiert, mit im wahrsten Wortsinn rasiermesserscharfer Klinge an mir herummachte. Man lachte mich aus und meinte, daß dieses Friseurmesser nicht dazu geeignet sei, mal eben so im Vorübergehen meine Kehle zu zerschneiden. Zum Beweis hielt man es mir dicht vor die Augen, was zum Sehen auch erforderlich war, denn Haare schneiden geschieht stets in der Form, daß der wehrlose Kunde da ohne seine Sehhilfe sitzt. Und die Ähnlichkeit meiner Sehschärfe mit der des berühmten Talpa europaea habe ich ja schon mal erwähnt.

Was ich da nur wenige Zentimeter vor meinen Augen mit selbigen erkennen konnte, ließ mein Herz nicht vor Freude schneller schlagen. Der kalte Angstschweiß brach mir aus allen Poren, als ich die riesige, nahezu monströse, gezackte Klinge sah. Das Ding hätte einem Raubritter aus der Gutterdorfer Burg auf einem Eroberungsfeldzug zur Ehre gereicht. Alleine damit hätte er schon das halbe gegnerische Fußvolk niedermetzeln können, und nun war eine latent aggressive, zombieverehrende Schnitterin mit so einem Teil in meiner unmittelbaren Nähe und legte Hand an. Wääääh!!! Doch niemand hörte mein Klagen. (Anmerkung des Lektorates: Das, was er als gezackte Klinge interpretiert, war bloß die Schutzhülle der Klinge.)

Schließlich wies ich darauf hin, daß ich heute noch vor die Tür müsse, es ja noch tiefster Winter wäre, denn schließlich liege überall noch Schnee in der Gegend herum, und ich bestimmt vollkommen ungewohnt am Kopf frieren würde, wenn sie so weitermache. Auch diesen Einwand ließ man nicht gelten und faselte etwas Wirres von grauen Mützen und Kappen. Doch dann erstarb das sich anbahnende irre Lachen in Connys Gesicht. Sie hatte einen Fehler begangen. Conny räumte ein, daß es durchaus sinnvoller gewesen wäre, meine Haare länger zu lassen. Ach was. Sage ich doch die ganze Zeit, aber niemand wollte ja auf mich hören. Ihr war eingefallen, daß sie zu ihrer Meisterprüfung ein männliches Model brauche, dem sie die Haare mindestens drei Zentimeter kürzen könne. Wenn das dafür auserkorene Opfer ausfallen sollte, habe sie ein Problem und ich hätte als Ersatz herhalten können. Tja, PECH! Bei mir geht das ja nun nicht mehr, und in der einen verbleibenden Woche würde sich das auch nicht ändern können. Da hätten wir ihn also, den Fluch der bösen Tat. Und ich musste noch nicht mal was dazu beisteuern. Muahahahaaaa!

Als wir fertig waren und ich geprüft hatte, ob sich alle meine zugehörigen Anbauteile noch an ihrem Platz befanden, fragte Conny direkt nach dem nächsten Termin. Mit dem letzten Funken meines gerade noch vorhandenen Selbstbewusstseins schlug ich einen Tag irgendwann in drei bis noch mehr Monaten vor, was in Anbetracht dessen, daß meine Haare in den letzten drei Monaten ja auch nicht geschnitten worden seien und an sich immer noch perfekt ausgesehen hatten, durchaus angemessen wäre.

Conny verneinte meine Überlegungen und schickte mich erst mal zum Spiegel, damit ich ihr Werk bewundern könne. Allerdings sollte ich vor dem ersten Blick in den Spiegel doch besser mal mit den Händen fühlen um erahnen zu können, was mich erwartete. Ich hatte genug Phantasie, sah in den Spiegel und verlängerte meinen Terminvorschlag auf einen Zeitraum von vier bis noch mehr Monaten, was wiederum abgelehnt wurde. Meine Angetraute und Conny einigten sich auf vier Wochen.

Ach ja, ich vergaß zu erwähnen, daß Conny geradezu süchtig danach ist, meine Haare mit Gel zu bearbeiten. Als das entsprechende Stichwort fiel, brannte meine Angetraute gerade darauf, in ihrem Fundus nach entsprechenden Tuben zu suchen, doch Conny hatte selbst reichlich von dem Zeug dabei. Ich frage mich immer wieder, was der Blödsinn soll. Wenn ich morgens aufstehe, sehen meine Haare auch immer aus wie frisch gegelt, und was mache ich? Ich wasche sie mir, damit sich dieser Zustand ändert. Wenn da hinterher doch wieder Gel draufkommt, damit die Haare in der Gegend herumstehen, kann ich mir das Waschen doch auch gleich sparen.

Wieso hört hier eigentlich niemand auf mich?


Kommentare:

  1. Weil du keine Ahnung von einem GUTEN Haarschnitt hast? 3:-)

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    1. Überhaupt keine Ahnung! ;-) Grüsse von der lüsternden Scherentante;)

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  2. Konnte einen Schmunzler leider nicht unterdrücken.
    So intensiv habe ich an einem Haarschnitt auch noch
    nicht teilgenommen.
    Einen guten Start ins Wochenende wünscht Dir
    Irmi

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