Montag, 17. Juni 2013

Ich glaube es nicht

Der Tag war – sagen wir mal – durchwachsen. Dabei begann er an sich recht erfreulich. Smilla entwickelt ein Gespür dafür, wann ich keine Zeit für sie habe. Alle Katzen haben dieses Gespür. Das sind dann immer diese Momente, in denen sie erscheinen und betuttelt werden wollen, während ich dringlich woanders erwartet werde. Im Laufe der Jahre härtet man dagegen ab, streichelt mal kurz über Rückenfell oder Wange und lässt es dann gut sein. Es war aber das erste Mal seit wir sie haben, also seit 15 Monaten, daß Smilla tatsächlich zu mir gekommen ist und Streicheleinheiten erbettelte. In ihrem Topflässt sie sich das ja meistens ganz gerne gefallen, aber da komme ich auch auf sie zu und nicht umgekehrt. Also konnte ich das einfach nicht ignorieren, das war schon ein richtiger Entwicklungsschub für unsere scheue kleine Katzendame. Meinen Bus habe ich heute Morgen aber dennoch knapp erreicht.

Im Büro ging das Elend los. Natürlich würden unsere Fenster heute in der Frühe so lange geöffnet bleiben, wie es irgend ging, bevor die angekündigte Schwüle des Tages uns erreichen sollte. So war wenigstens der Plan. Hat aber nicht so funktioniert. Wir sind den Lärm der vorbeiführenden vierspurigen Hauptstraße ja ebenso gewohnt wie den Lärm der Züge in der Bahnhofseinfahrt.  Ist immer sehr lustig, wenn man gerade jemanden am Telefon hat und quasi vor der Haustür ein schwerer Güterzug bis zum Halten runterbremst. Aber ausgerechnet heute in dem schmalen Zeitrahmen, in dem die Sonne noch nicht unsere Gebäudeseite erreicht hat, ein Trupp Bauarbeiter ein Presslufthammerwetthämmern veranstalten musste, war das echt nicht nötig.

Die nächste frohe Botschaft erreichte uns auch zügig: Frau Bernemann, eine Kollegin, dazu noch eine der echten Leistungsträgerinnen, hat gekündigt. Eine Nachbesetzung der Stelle wird – wenn überhaupt - nach meiner Einschätzung mindestens innerhalb der nächsten 12 Monate nicht erfolgen, da der hauseigene Nachwuchs bereits seit Monaten vergeben ist. Und schon jetzt zahlenmäßig nicht ausgereicht hat, um alle aktuell freien Stellen im LASA zu besetzen, wie ich noch anmerken möchte. Hatte ich schon mal erwähnt, daß wir seit Dezember in einer Dauervertretung für 1 ½ unbesetzte Stellen stecken? Mir schwebt da so etwas vor… Hört sich nicht viel an, aber auf Planstellen gerechnet sind das 25 %.  Und man rechnet ja bei uns im Hause gerne prozentual. Zumindest, wenn es gegen uns geht.

Jedenfalls ist es aber sehr bezeichnend für die Stimmung, daß sich jeder der Kollegen für sie wirklich aufrichtig freute, daß sie es geschafft hat, unserer Tretmühle zu entkommen.

Trotzdem ist das gerade sehr unerfreulich, denn trotz der Dauervertretung auf Ebene der Sachbearbeiter schöpfen wir gerade noch Akten bei den Assistenten ab, die aufgrund verschiedener längerer Erkrankungen und sonstiger Abwesenheiten einiger Kollegen auch angeschlagen sind. Wir können froh sein, daß der Fahrdienst unserer Hauptverwaltung, welcher uns unter anderem die in der Hauptverwaltung in Bad Husten eingegangene Post und verschiedenes Material liefert, gerade mal wieder personell derart unterbesetzt ist, daß die regelmäßigen Fahrten ersatzlos ausfallen. Dafür kommt alles dann irgendwann mal gebündelt, entweder mit einem Paketdienst oder wenn wieder genügend Fahrer zur Verfügung stehen mit dem eigenen LKW. Zeit genug, alte Akten anzupacken, bevor eine riesige Postwelle über uns schwappt.

Nachmittags kam der Höhepunkt des Tages. Ich erledigte gerade die Vertretung für Frl. Hasenclever und habe mich in diesem Zusammenhang nur noch über die Akten aufgeregt, die man mir so vorgelegt hat. Die Schwüle im Büro tat das Ihrige. Und dann passierte es. Endlich hatte ich eine Akte gefunden, in der ich eine eilige Entscheidungsvorlage auch mal – beide Augen zudrückend, weil mir nur formelle Sachen aufgestoßen sind und nichts, was sich pekuniär bemerkbar machen würde -  unterschreiben konnte. Ich habe die Eingabemaske des immer noch sehr hakelig arbeitenden neuen MIST schon aufgerufen, um die Verarbeitung auszulösen, da wurde ich durch das Telefon abgelenkt. Blöderweise ging ich dieses Mal auch ran. Nach dem Telefonat, für das ich nicht an die EDV musste, klickte ich nur noch auf den Freigabeknopf. BÄNG! Die weitere Verarbeitung wurde maschinell gesperrt, unsere Innenrevision wünscht den Fall zur Stichprobenprüfung vorgelegt zu bekommen.

Ich stutzte. Die Art des zu verarbeitenden Falls wurde doch sonst nie von derartigen Prüfungen erfasst. Ich warf nochmal einen Blick auf die Anzeige des MIST. Verdammte Hacke, da stand noch das Aktenzeichen der vorherigen Akte drin. Und der dort enthaltene Entscheidungsvorschlag war schlichtweg unterirdisch. Klare Sache, das wird eine Beanstandung. Endlich mal wieder eine nette Diskussionsrunde mit Dr. Strebsinger rund um die Frage, wie so etwas denn passieren könne, das könne doch wohl nicht sein und überhaupt und sowieso.

Ein letztes Kopfschütteln lockte mir zwischenzeitlich nur eine kleine Begebenheit mit Mandy und Karla hervor. Ich schwelgte in Erinnerungen und erklärte, daß heute vor 23 Jahren noch ein Feiertag gewesen sei und daß es doch viel schöner wäre, diesen weiterhin im Sommer, insbesondere aber bei so einem Wetter wie heute zu haben und nicht im Herbst. Mandy und Karla sahen mich etwas irritiert an; Mandy fragte nach, um was für einen Feiertag es sich denn gehandelt hat.

Da ich gerade in etwas bösartiger Stimmung war, erklärte ich den beiden, daß es doch mal eine Grenze mitten in Berlin gegeben habe und auf der anderen Seite dieser Grenze die ostdeutschen Bauarbeiter von sowjetischen Soldaten verhauen worden sind. Dies habe man eben im Westen gefeiert. Ja, ich weiß, das war jetzt nicht ganz so korrekt von mir. Ich schäme mich auch später dafür.

Karla meinte darauf hin durchaus ernsthaft, daß es nicht schön sei, so etwas zu feiern.

Meine Stirn wünschte sich eine Granitplatte auf dem Tisch, damit dieser eine Chance habe, den drohenden Aufschlag meines Schädels zu überstehen.

Daß das Geschichtsbewusstsein meiner Kolleginnen nicht übertrieben ausgeprägt ist, wusste ich schon länger. Immerhin hatten sie auch keinen Schimmer davon, daß die Ukraine mal zum Ostblock, ja sogar zur UdSSR gehörte. Dabei stammt Mandy aus dem Osten.

Aber das jetzt? Man sollte vielleicht auch mal hinhören, wenn auf dem Volldampf-Privatradiosender Nachrichten laufen. Denn sogar dort erwähnte man ständig den 60. Jahrestag des Volksaufstandes in der DDR.



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