Sonntag, 30. Juni 2013

Dr. Strebsinger trifft eine Entscheidung

Dr. Strebsinger, der Leiter unserer LASA-Außenstelle, hat mich in sein Büro beordert.

„Herr Paterfelis, wir haben ein Problem.“

(Nur eines? Mir fallen da spontan ein Dutzend ein, aber wenn er meint…)

„Wie Sie ja wissen, hat Frau Bernemann gekündigt.

(Oh ja, und das wird uns allen noch seeeehr Leid tun.)

„Frau Bernemann sollte ja einen der Auszubildenden betreuen, die wir bald bekommen.“

(Ähm, ich bin hier der Fachrechtstutor. Wenn das jemand wissen sollte, dann bin ich das.)

„Das klappt jetzt ja leider nicht mehr. Darum müssen Sie jetzt doch da ran.“

Ich hatte so etwas durchaus befürchtet. Mist! An sich kümmere ich mich immer sehr gerne um unseren Nachwuchs, mal abgesehen davon, daß das ohnehin Teil meines Aufgabenfeldes ist. Nur im Moment…

„Herr Dr. Strebsinger, das wird aber eine sehr enge Sache. Ich habe meine eigenen Vorgänge, zusätzlich die Dauervertretung für die unbesetzten Stellen, jetzt in der Ferienzeit die reguläre verstärkte Sachbearbeitervertretung. Dazu kommt die Vertretung für Frl. Hasenclever, die in den nächsten Monaten häufiger und längerfristig abwesend sein wird, und die hochexklusive Aufgabe, einen ganzen Berg spezieller Vorgänge für andere aufzuarbeiten. Und das alles noch neben der Einarbeitung von Frau Schröder, die nach sieben Jahren Abwesenheit wegen Kindererziehung wieder in den Beruf einsteigen will.“

„Ähm, ja. Der Auszubildende steht jetzt kurz vor dem dritten Lehrjahr. Er soll ganz gut sein und schon alles können, was er für ihren Bereich benötigt.“

(Och nö, glaubt der wirklich an so etwas? Bislang hat unser Nachwuchs immer noch drei Jahre NACH der Ausbildung gebraucht, bis man ihn in unserem Fachbereich halbwegs sicher arbeiten lassen konnte.)

„Dr. Strebsinger, ich habe in der Zeit außerdem selber drei Wochen Urlaub. Der erste übrigens seit November und so wie es aussieht der einzige für dieses Jahr. Dann habe ich – nur so am Rande bemerkt – immer noch Resturlaub aus dem letzten Jahr übrig. Der Auszubildende muß aber eine Beurteilung von mir bekommen.“

„Die Beurteilung stellen wir auf eine breitere Basis, da sind doch viele dran beteiligt.“

„Wer denn noch?“

„Sven.“

(Oh mein Gott, da hat sich die Basis ja glatt verdoppelt.)

„Und was soll der Auszubildende machen?“

„Bei den Assistenten gibt es doch eine Langzeiterkrankung. Ich habe beschlossen, daß Karla da aushelfen wird. Der Auszubildende könnte sie unterstützen.“

„Ja, das mit Karla habe ich schon gehört. Die Kollegen vom Leistungsbereich sind hellauf begeistert, daß ihnen dringend benötigtes Personal abgezogen wird. Und ich bekomme auch die ganzen Akten von dem Auszubildenden vorgelegt, mit denen ich unter normalen Umständen nichts zu tun hätte?!“

(War nur eine rhetorische Frage, es klappt nicht anders.)

„Ja, Sie müssen ihn ja beurteilen können.“

(Weiß ich auch, und es ist immer so. Ich wollte nur auf die massive Mehrarbeit hinweisen, die das immer mit sich bringt.)

„Bekomme ich dann eine Sondergenehmigung für Überstunden und eine Ausweitung meiner Arbeitszeitgrenzen?“

„Das geht auf keinen Fall. Die Grenzen müssen eingehalten werden.“

(Gut, dann werden wir die Kiste eben weiter vor die Wand fahren. Jetzt aber mit Schwung. Und wehe dem der mich Ende des Jahres fragen wird, warum ich rund um meinen Schreibtisch die Alpen aus Aktenstapeln nachgebildet habe.)



Samstag, 29. Juni 2013

Das Wort zum Lotto zocken

Das Ende einer Epoche nähert sich, und wir können es miterleben. Bald wird zum letzten Mal die Ziehung der Lottozahlen live im deutschen Farbfernsehen übertragen. Danach ist Schluss. Nicht mit Lotto, aber mit Lotto im Fernsehen. Das gibt es dann nur noch im Internet.

Schade eigentlich.

Die Ziehung der Lottozahlen in der ARD ist doch eine Institution wie die Tagesschau, das Wort zum Sonntag und einige andere regelmäßig wiederkehrende Fernsehklassiker. Gut, das Wort zum Sonntag interessiert mich nicht die Bohne. Das habe ich als Kind auch sinngemäß zu meiner Oma gesagt, als ich mal wieder bei meinen Großeltern übernachten durfte, was natürlich auch damit einherging, die üblichen Ab-ins-Bett-Zeiten gnadenlos zu überziehen. Das Wort zum Sonntag ist nun mal langweilig, schon vom Grundsatz her, für Kinder sowieso, und als zur Zielgruppe des dort sprechenden Geistlichen gehörend konnte und kann ich mich nun auch nicht zählen. Auch wenn ich damals noch nicht wusste, was eine Zielgruppe überhaupt ist.

Meine Oma fand meine Äußerung hinsichtlich des Unterhaltungswertes des Wortes zum Sonntag wenig angemessen und klärte mich dahingehend mit einem nicht zu überhörenden Vorwurf in der Stimme auf, daß der Herr aus dem Fernsehen beim Wort zum Sonntag über Jesus spricht. Ok, mit dem Namen konnte ich was anfangen, aber wirklich spannender wurde die Sache damit auch nicht. Doch zeigte ich mich ausreichend reumütig, bekannte meine diesbezügliche Unkenntnis (ich hatte ja noch nie wirklich hingehört) und gelobte Besserung und beließ es im Weiteren dabei. Auch in den Folgejahren meiner körperlichen und geistlichengeistigen Entwicklung würde das Wort zum Sonntag nicht interessanter für mich werden, soviel sei an dieser Stelle schon verraten.

Nun ist die Ziehung der Lottozahlen für mich auch nicht einer der spektakulären Höhepunkte im Fernsehen. Ich bin kein Lottospieler und setzte immer wieder auf die zu vermutenden Millionengewinne meiner Eltern oder Schwiegereltern. Insbesondere bei Letzteren warte ich auf den erlösenden Anruf. Da ich – so wird auch bei meinen Schwiegereltern vermutet - derjenige im Hause Paterfelis bin, der wohl den besseren Umgang mit Bar- und Buchgeld hat, erklärte meine Schwiegermutter einst, daß ich der erste sei, der von dem Millionengewinn und dem für uns anfallenden Anteil erfahren solle, danach erst meine Angetraute. Tja, jetzt wird es immer interessant, wenn insbesondere sonntags ein Anruf meiner Schwiegermutter unsere Ruhe stört und selbige mich statt der zweitbesten Ehefrau von allen zu sprechen wünscht. Die erlösenden Worte blieben bislang allerdings aus. So langsam vermute ich einen teuflischen Plan dahinter.

Wie gesagt, bin ich selbst kein Lottospieler. Ich habe mich noch nicht mal an den Verzweiflungs-Wahnsinns-Befreiungs-Lottospielrunden im Büro beteiligt, wenn nahezu die komplette Mannschaft, allen voran Herr Graumann als unser damaliger Fachbereichsleiter, einen gemeinsamen Schein mit allen erdenklichen Extras und Zubehörteilen ausgefüllt hat, um dann im Erfolgsfall ebenso gemeinschaftlich kündigen zu können. Es ist überflüssig zu erwähnen, daß seitdem niemand von uns gekündigt hat, weil er plötzlich über zu viel Geld auf dem eigenen Konto verfügen konnte.

Herr Graumann allerdings ist vorzeitig in den Ruhestand gegangen und erfreut sich dennoch des Besitzes eines Hauses, zweiter Autos und eines kleinen Privatzoos. Außerdem ist er verheiratet. Jetzt, zu dem Zeitpunkt, an dem ich diese Worte schreibe, fange ich an, über bestimmte Zusammenhänge nachzudenken…

Ein einziges Mal bin ich aber doch weich geworden. Im Rahmen einer Sonderverlosung konnte man einen VW Corrado gewinnen. Der Wagen war mir einst ans Herz gewachsen, und ich würde ihn auch heute noch gerne besitzen. Also füllte ich brav den Schein aus und was geschah? Nichts. Gar nichts. Niemand von der Lottozentrale meldete sich bei mir. Ich habe keinen Corrado gewonnen, habe von einem Modell im Maßstab 1/87 abgesehen keinen Corrado gekauft und bin im Zusammenhang mit einem Corrado auch nie über ein Probesitzen beim Autohändler hinausgekommen. Dabei hatte ich meinen Namen und die Anschrift doch ausgesprochen deutlich auf dem Schein notiert. Sehr ärgerlich, aber ich ließ mir zwischenzeitlich sagen, daß sich die Corrados heute zwar vergleichsweise günstig von Sammlern erwerben, doch nur noch zu exorbitanten Preisen versichern lassen. Ich bin immer noch sehr enttäuscht und betrübt.

Aber deswegen muß man doch nicht gleich die Übertragung der Ziehung der Lottozahlen einstellen.


Freitag, 28. Juni 2013

Pony oder Scheitel?

Ich habe es ja nicht so mit der ausgefeilten Erstellung einer Frisur. Außer als Kind, als ich meinem Onkel immer wieder mit Begeisterung einen fetten Knoten in seine spärlichen Haupthaare einarbeiten wollte und mir dies auch immer wieder mal gelang. Widerstand war zwecklos. Heute schlurfe ich morgens unter die Dusche, wasche mir unter anderem die Haare, rubble einmal mit dem Handtuch durch die wallende Pracht und kämme dann alles nach hinten. Wenn die Haare dann luftgetrocknet sind, haben die so zu liegen, daß es halbwegs manierlich aussieht und fertig. Meine Angetraute und mein persönliches Grauen Conny wünschen sich das wohl etwas anders, aber da bin ich resistent.

Den ersten Bezug zur Haarmode hatte ich meiner Erinnerung nach im Kindergarten. Einer der Jungs, er hieß Jörg, hatte etwas längere Haare, die sich knapp über Schulterhöhe nach außen drehten. Das fand ich damals toll und wollte es auch so haben. Meine Mutter hat mal versucht, mir die Haare so zu föhnen, daß das bei mir auch so hinkommt. Hat aber nicht funktioniert. Es könnte natürlich daran gelegen haben, daß Jörgs Haare von Natur aus etwas gewellt waren und den entsprechenden Schwung hatten. Meine hingegen waren glatt, hatten und haben aber Wirbel, die schon ganze Friseur-Generationen zur Verzweiflung brachten.

Eines Tages wurden wir alle nacheinander von Tante Marianne, unserer Kindergärtnerin, gekämmt. Ich setzte ich mich brav auf den vor ihr stehenden Stuhl hin, als sie mich dann auch direkt fragte „Pony oder Scheitel?“ Freunde, da kam der kleine Paterfelis aber mächtig ins Grübeln. Einen Scheitel kannte ich nicht, aber ein Pony, das mochte ich. Vielleicht würden wir ja reiten dürfen? Musste man sich dafür hübsch machen? Keine Ahnung, aber ich wollte dann doch lieber das Pony als so einen unbekannten Scheitel. Der wäre bestimmt auch richtig groß gewesen, ein Pony aber war klein. Relativ jedenfalls. Also antwortete ich „Pony“. Tante Marianne kämmte mich kurz durch und ab ging es ins Nebenzimmer. Da war aber kein Pony, nur eine unbekannte Frau mit einem Fotoapparat. Ich setzte mich wiederum auf den angebotenen Stuhl, das Foto wurde gemacht, das war es. Wo blieb das Pony?

Meine Enttäuschung war wohl ziemlich groß, denn auf diesem DIN A5-großen schwarz-weiß-Bild, welches wir später als Ergebnis des ganzen Tuns erhielten, habe ich doch ein etwas unglückliches Gesicht.

So rein tiefenpsychologisch betrachtet muß das wohl der Auslöser meiner Abneigung gewesen sein, mich von anderen Leuten frisieren zu lassen. Man kann diesen Menschen einfach nicht trauen. Keinem!

Außer Conny, meinem Grauen…


Donnerstag, 27. Juni 2013

Dieses daß und jenes dass

Frl. Hasenclever verzweifelt an mir. Also nicht direkt an mir, sondern an meiner Rechtschreibung. Genauer gesagt daran, daß ich weiterhin das alte daß und nicht das neue dass verwende. Im Büro ist das aber keine böse Absicht von mir. Ich sehe ja ein, daß ich im externen Schriftwechsel gezwungen bin, mich der nun nicht mehr ganz so neuen Rechtschreibung anzunähern. Im privaten Bereich sehe ich das allerdings so gar nicht ein. Ich bemühe mich weiterhin so zu schreiben, wie ich es in der Schule gelernt habe und nun seit grob 40 Jahren praktiziere. In der Zeit habe ich mich  – meine Schulzeugnisse können es belegen – schriftlich immer weitgehend in der älteren Form dudennah artikuliert. Es ist schwierig, davon wieder runterzukommen. Die ganzen Beeinflussungen durch andere aktuelle Texte haben jedoch dafür gesorgt, daß meine Schreibweise so langsam zu einer Mischung aus alt und neu verkommen ist.
                                                    
Nicht ohne eine gewisse Häme kann ich allerdings feststellen, daß auch Frl. Hasenclever die neuen Schreibweisen nicht vollends verinnerlicht hat. Sie schreibt ebenfalls noch viele Wörter in den alten Varianten, wohl ohne sich darüber im Klaren zu sein. Es gibt ja auch genügend Stolpersteine für uns Altvordere. Ich verkneife es mir, sie darauf hinzuweisen. Aber auf mein daß hat sie es nunmal abgesehen. Das Dumme ist nur, daß ich diesen Fehler noch nicht mal wahrnehme. 40 Jahre sind eine lange Zeit. Natürlich könnte ich die Texte im Büro über WORD vorschreiben und dann die Rechtschreibprüfung darüber laufen lassen, bevor ich alles in die jeweilige Anwendung reinkopiere. Bloß kommt da meine natürliche Sturheit durch. Ich will das einfach nicht. Ja, ich weiß, ich bin dahingehend im Unrecht.

Die zwischenzeitlich reformierte Rechtschreibreform möchte ich nicht in Grund und Boden verdammen, es gab sicherlich auch gute Ansätze, aber so manches ist doch ziemlich blöd geraten. Über die Details lasse ich mich an dieser Stelle nicht aus, die Diskussionen sind alle schon vor Jahren geführt worden. Das muß man nicht wieder aufwärmen.

Aber die weiße Masse auf den Pommes bleibt Mayonnaise und wird bei mir nicht zur Majonäse. Und das daßbleibt daß und wird nicht zum dass. Zumindest außerhalb des Büros. Denn da kann Frl. Hasenclever nicht meckern. Und wenn ich mal ganz böse mit ihr bin, dann mache ich sie doch darauf aufmerksam, daß man muß heute muss schreiben müssen tut.



Dienstag, 25. Juni 2013

Mutter und Sohn

Es hatte geregnet. Ich wartete am Haltepunkt Neustädter Ländchen auf meinen Anschluss. Am Bussteig C hielt ein Bus. Eine Mutter, aufgrund der dunkleren Hautfarbe und des Kopftuches augenscheinlich nicht dem christlich-abendländischen Kulturkreis zugehörig, stieg mit ihrem vielleicht siebenjährigen Sohn aus. Der Junge zupfte ihr ständig an dem Kopftuch herum, welches deswegen zu verrutschen drohte. Die Mutter zeigte sich darüber wenig erfreut und wehrte den Jungen mit einer vorsichtigen Handbewegung ab. Dies veranlasste den Kleinen, seiner Mutter eine Ohrfeige zu verabreichen! Spätestens an dieser Stelle wüsste ich, was meine eigene Mutter da mit mir gemacht hätte, aber das ist heute ja als Kindesmisshandlung verboten.

Die Mutter reagierte nur mit ein paar in relativ ruhigem Tonfall ausgesprochenen Worten. Der Junge griff in die aufgeweichte Erde einer auf dem Bussteig befindlichen Bepflanzung und bewarf seine Mutter damit. Das Ergebnis machte sich auf ihrer cremefarbenen Strickjacke deutlich sichtbar bemerkbar. Wieder sagte die Mutter nur ein paar Worte. Der Junge nahm sich die nächste Ladung Dreck und bedrohte seine Mutter damit. Sie wurde etwas energischer, aber die Junge ließ nicht von seiner Drohgebärde ab. Die Mutter wich zurück, der Junge setzte nach. Sie wich noch mal zurück, der Junge setzte erneut nach. Wieder ein paar Worte. Schließlich gab der Junge auf. Er nahm die Ladung Dreck und verteilte diese der Länge nach auf einer freien Sitzbank. Mutter und Sohn lachten. Mir fiel – innerlich – die Kinnlade runter.

Also mal ehrlich. Ich will jetzt nicht behaupten, daß es hier darauf ankam, daß ein fremder kultureller Hintergrund vorlag. Dieses Verhalten ist sicherlich auch von Angehörigen des christlich-abendländischen oder anderer Kulturkreise denkbar, keine Frage. Aber da läuft doch wohl in der Erziehung ganz gewaltig was schief. Und später wundert man sich, wieso das Kind auch woanders im Leben aneckt.

Ich werde es nie verstehen.


Montag, 24. Juni 2013

Ich kann auch anders

Nachdem ich kürzlich einen Anrufer ganz gewaltig am Telefon angeranzt habe und damit durchaus dieses unsägliche Vorurteil über unfreundliche Menschen im öden öffentlichen Dienst wieder bestätigte – der Typ hatte es aber auch verdient, ich werde noch darüber berichten – habe ich heute alles wieder rausgerissen.

Eine Bürgerin rief an, sie war sehr freundlich, irgendwie sympathisch, aber auch hektisch überdreht. Sie habe einen Bescheid von uns bekommen den sie ja so gar nicht verstehe und wollte auch mal einen Termin haben damit man ihr den erklären könne und habe auch schon verschiedentlich bei uns und anderen Dienststellen angerufen aber wir hätten ja gerade so lange Wartezeiten und sie sei ja selber Beamtin aber der Bescheid spreche eine ganz andere Sprache als sie und sie habe ja nur die Vordrucke wahrheitsgemäß ausgefüllt die wir ihr zugeschickt hätten und wollte auch nichts falsch machen und ob sie denn von uns auch mal eine Leistung in Anspruch nehmen könne und ob es sinnvoll wäre sich dies schriftlich bestätigen zu lassen und daß sie hoffe ihren Mann noch ganz lange zu behalten und daß sie auch gedenke noch so lange Beamtin zu bleiben bis sie pensioniert wird und sie aber nicht immer Beamtin gewesen wäre und daß ich ja sehr freundlich wäre und der erste sei der ihr den Bescheid und was wir da gemacht hatten mit verständlichen Worten erklärt habe.

Mein Anteil an diesem Gespräch bestand aus ein paar in den Redefluss eingeworfenen Satzfragmenten, für mehr hatte es nicht gereicht. Diese Satzfragmente bestanden im Wesentlichen aus Aussagen, die in vergleichbarer Form auch in dem Bescheid standen.

Ich würde ja gerne sagen „Empfehlen Sie mich ruhig weiter.“, aber bei meiner tiefgründigen Abneigung gegen Telefonate möchte ich darauf dann doch ganz gerne verzichten.


Sonntag, 23. Juni 2013

Eigentlich

Wir haben im Moment eine Hospitantin in unserer LASA-Außenstelle. Mandy wurde damit beauftragt, ihr in elend knapper Zeit möglichst alles zu verschiedenen höchst komplexen Sachverhalten zu vermitteln. So weit, so gut.

Weniger gut ist, daß sie dieses Unterfangen in unserem Büro stattfinden lässt. Die beiden sind den ganzen Tag am Reden. Und am Reden. Und am Reden. Und wenn sie mal nicht schweigen, weil gerade Zigaretten- oder Pinkelpause angesetzt ist, dann reden sie einfach weiter. Insbesondere Mandy. Sie muß ihren Text ja auch an den Mann die Frau bringen, keine Frage. Ich finde ohnehin, daß sie in Anbetracht der Komplexität der Themen dazu viel zu wenig Zeit hat, aber wer fragt mich schon?

Natürlich reden die Damen nicht im Flüstermodus, was dazu führt, daß meine Konzentration schon am späten Vormittag im Keller war und sich bis Feierabend auch nicht wieder gewagt hat, bis in mein Obergeschoss zurückzukehren. Obwohl es in meinem Keller dunkel ist und da ganz üble Gestalten wohnen. Böse Sache. Gegen Feierabend habe ich Mandy darüber informiert, daß ich mein dienstliches Domizil für die nächsten Tage, in denen die Hospitantin noch unter uns weilt,  in das Zimmer vom Ökoklaus und Sven verlegen werde. Für Mandy war das schon ganz in Ordnung, denn sie selbst hatte keine Möglichkeit eines Wechsels. Karla war schon im Vorfeld ausquartiert worden, um Platz für die Hospitantin zu schaffen, und was Trudi in den nächsten Tagen macht, weiß ich nicht. Jeder ist sich selbst der Nächste; rette mich wer kann.

Wie viele von uns auch, hat Mandy ein Lieblingswort, welches sie immer und immer wieder in ihre Sätze einfließen lässt: eigentlich. Das war heute natürlich besonders massiv wahrzunehmen und hat zusätzlich genervt. Ich wies sie spaßeshalber darauf hin.

Mandy zeigte sich erstaunt. „Sage ich wirklich so oft eigentlich?

„Eigentlich schon.“

„Und warum hast du mir das noch nie gesagt?“

„Weil wir eigentlich an normalen Tagen nicht so viel sprechen, daß es so nerven könnte.“

„Ja, vor allen Dingen du redest viel zu wenig.“

„Der Kavalier genießt und schweigt. Hast du außerdem schon mal was vom Schweigen der Männer gehört? Das ist eigentlich vollkommen normal.“

„Boahh, jetzt sag nicht immer eigentlich.“

„Mache ich doch eigentlichnicht.“

„Wohl. Ärger mich nicht. So oft sage ich das gar nicht.“

„Eigentl… ähm, doch, machst du wohl. Ich habe hier einen königsblauen Zettel.“

„???“

„Ja, der war mal weiß, bis ich angefangen habe, für jedes eigentlich einen Strich zu machen. Wenn du pro zehn Striche einen Kuchen mitbringen müsstest, könntest du hier gleich eine Bäckerei aufmachen.“

„PATERFELIS!“


Samstag, 22. Juni 2013

Paterfelis spielt - mit und ohne

Meine Karriere als Spiele-Spieler entwickelte sich auch nach dem Auslaufen der Begeisterung meines Umfeldes für Monopoly weiter. Im Bereich der Brettspiele entdeckte ich die teilweise sündhaft teuren weil ausstattungsintensiven Strategiespiele für mich. Die Einstiegsdroge – auch für die Dinge, die hier später noch zu thematisieren sein werden – war natürlich der Klassiker Risiko

Als ich im Kreis meiner Schulfreunde erstmalig mit diesem Spiel konfrontiert wurde, hatten sowohl der Angreifer als auch der Verteidiger im Spiel noch jeweils drei Würfel zur Verfügung, mit denen das Ergebnis der Auseinandersetzung zwischen den Armeen bestimmt werden sollte. Diese Zahl wurde später beim Verteidiger durch den Hersteller auf zwei reduziert, was das Spiel doch veränderte. Außerdem war Risikonoch vollkommen politisch unkorrekt, denn man musste andere Länder doch tatsächlich erobern. In späteren Ausgaben änderte sich dies dahingehend, daß diese Länder von den anderen Armeen zu befreien waren. Das ist wohl besser für das Seelenheil. Ich bin mir nicht ganz schlüssig darüber, ob diese anfängliche Eroberungsmentalität, der ich so schutzlos und ohne psychologische Begleitung in meiner frühen Jugendzeit ausgesetzt war, sich nachhaltig auf mein späteres Seelenleben ausgewirkt hat.

Diese Welt dieser doch komplexeren Spiele faszinierte mich dermaßen, daß ich mir auch Spiele kaufte, bloß weil ich deren Regeln einfach kennen lernen wollte, wohl wissend, daß ich niemals jemanden finden würde, mit dem ich diese Spiele auch tatsächlich mal austesten würde. Nicht lachen, aber ich kannte einen echten Spielesammler, der sich jedes Spiel, für das er sich interessierte, von Anfang an doppelt kaufte. Eines blieb originalverpackt in Sicherheit irgendwo liegen, das andere Exemplar wurde geöffnet und seiner Bestimmung zugeführt. Wir Sammlertypen sind ja schon mal etwas schräg, aber so schräg war ich dann doch nicht.

Risiko ging jedenfalls den gleichen Weg, wie die meisten der Strategiespiele und Simulationen, die ihm noch folgen sollten: Ich spielte sie zumeist gegen mich selber, soweit dies möglich war. Nicht alle Regelwerke ließen dies zu. Sobald es irgendeinen zwingenden Geheimhaltungsfaktor im Spielablauf gab, war es damit vorbei.

Die komplexeren Strategiespiele und (Wirtschafts-)Simulationen haben unter anderem den Nachteil (?), daß das vollständige Durchspielen bei Beteiligung von ebenbürtigen Gegnern durchaus mehrere Stunden dauern kann. Und wer hätte in einem Spiel, bei dem er selbst alle Spielerpositionen besetzt, darunter nicht wenigstens einen wirklich ebenbürtigen Gegner? Also mussten die Voraussetzungen geschaffen werden, daß das Spielbrett und Zubehör für einige Tage aufgebaut bleiben konnten.

Dies war in der Zeit, als ich noch bei meinen Eltern wohnte, an sich kein Problem, und auch später, in meiner ersten eigenen Wohnung weitgehend unproblematisch. Bis dann, eines Tages, Sally und Lucy zu mir kamen. Es benötigt nicht viel Phantasie um sich vorzustellen, was noch junge Stubentiger mit unbeaufsichtigtem Spielmaterial anstellen. Damit war die Epoche, zu der ich gegen mich selbst spielen konnte, vorbei.

Allerdings hatte sich im Kollegenkreis eine Spielrunde gebildet. Mit einigen wenigen der daran Beteiligten konnte ich auch hin und wieder mal ein etwas komplexeres Spiel starten, doch wurden zumeist die eher handelsüblicheren, familienfreundlicheren Brett- und Kartenspiele bevorzugt. Dies funktionierte über einige Jahre, bis sich irgendwann ein böser Geist ausbreitete, dem ich später nochmal begegnen würde und dem ich immer noch nicht Einhalt gebieten konnte. War es zu Beginn in dieser Runde noch üblich, sich regelmäßig mit immer der gleichen Auswahl an Spielen zu beschäftigen, die Regeln folglich auch sicher zu beherrschen und das Spielsystem richtig zu verstehen, so begann später die Phase, in der alle Nase lang neue Spiele angeschleppt wurden.

Die Spiele selbst wurden simpler – was jetzt nicht zwingend gegen gute Unterhaltung spricht – und ärmer an taktischen Raffinessen. Und die Spiele, welche noch so etwas wie Tiefgang besaßen, spielten wir  nicht oft genug, als daß man in der Lage gewesen wäre, die Vielschichtigkeit der Möglichkeiten zu erkennen oder auszuprobieren. So hat meine Motivation, mich an dieser Runde zu beteiligen, deutlich nachgelassen. Irgendwann wurde dann auch mehr gequatscht als gespielt und die Abstände der Treffen immer größer, bis sich die Sache vollständig erledigt hatte.

So schloss ich mit dem Thema einer sich regelmäßig treffenden Brettspielrunde zunächst ab. Die Überbleibsel dieser Zeit, darunter Klassiker wie Shogun, Junta, Empire, Civilization und 1835 belegen heute einen guten Teil des Kellerregals

Aber ich hatte noch andere Eisen im Feuer. Doch darüber werde ich – nach einem kleinen Exkurs in eine so völlig andere Spielewelt - später berichten.



Freitag, 21. Juni 2013

Wenn das Grauen kommt

Die zweitbeste Ehefrau von allen hatte sich gegen Ende der letzten ausgehenden Kälteperiode, also quasi kurz vor dem in Deutschland üblichen Kompaktsommer, mit ihr selbst darauf geeinigt, daß meine wallende Prachtmähne wieder einer radikalen längentechnischen Reduzierungsmaßnahme zu unterwerfen sei. Ich stehe einem solchen Ansinnen als jemand, der seine Jugend in den 70er und 80er Jahren verbracht hat, schon traditionell stets ausgesprochen skeptisch und im Allgemeinen auch recht unkooperativ gegenüber, aber was macht man nicht alles?! Doch mal ehrlich: Was sind schon läppische drei bis vier Monate ohne Friseurbesuch? Nichts. Rein gar nichts! Meine Haare haben doch gerade erst gemerkt, daß sie wieder Platz zum Wachsen bekommen haben…

Conny, meine persönliche Hausfriseurin und damit mein ebenso persönliches Grauen in Person, drückte zu dieser Zeit wieder die Schulbank, um sich als Meisterin ihrer Kunst beweisen zu können. Dies führte natürlich zu einigen Stauungen im Terminkalender, doch nun hatten wir ein gemeinsames Loch im Zeitplan gefunden, welches zu stopfen war.

Es klingelte an der Tür, ich öffnete und Conny erschien. Zusammen mit der zweitbesten Ehefrau von allen stand es jetzt 2 : 1 gegen mich. Schon kam Conny wieder näher, warf einen skeptisch-lüsternen Blick auf meine Haare, und ehe ich mich versah saß ich schon auf einem Stuhl, gut festgezurrt von einem übergroßen Handtuch, welches mich beinahe zur Bewegungslosigkeit verdammte.

Conny fragte, ob ich besondere Wünsche hätte. Ich fragte daraufhin natürlich sofort die zweitbeste Ehefrau von allen, ob ich wohl solche besonderen Wünsche hätte. Sie entschied, daß ich mir nicht wünsche, wie MacGyver in den frühen Folgen dieser wunderbaren Serie um ein Schweizer Taschenmesser und seinen Besitzer herumzulaufen. Also schnitt Conny los, während meine sämtlichen Einwände gegen dieses Unterfangen gnadenlos ignoriert wurden. Sie murmelte etwas von einer gewissen Befriedigung, die sich ihrer bemächtigte, da es sich bei mir ja richtig lohnen würde, die Schere anzulegen. Schließlich kam der Moment, in dem Conny nach etwas Wasser verlangte, um meine Haare zu befeuchten. Meine Angetraute nahm die Gelegenheit war, schnappte sich unsere bereitstehende original Katzenabschreck-Star-Trek-Phaserwasserpistole in grün-orange und spritzte auf mich ein. (Anmerkung des Lektorates: Es wurden ihm nur gezielt und ausgesprochen professionell die Haare befeuchtet.)

Man unterhielt sich angeregt, wies darauf hin, daß meine grauen Haare bei der zuletzt erreichten Länge doch allzu deutlich sichtbar gewesen seien (was mich nicht stört, denn die grauen Haare verleihen mir doch stets eine gewisse Würde) und kam schließlich an den Punkt, an dem ich mich entscheiden durfte, ob das obere Deckhaar etwas länger oder eher etwas kürzer zu bleiben habe. Ich brabbelte etwas von machtdochwasihrwolltichhabehierdochsowiesonichtszusagen, und schon hatte Conny glückselig lächelnd (das habe ich gesehen ohne hinzugucken) ihr Messer geschnappt und es angesetzt, kaum daß ich ausgesprochen hatte. Sie liebt es, Haarschnitte mit dem Messer zu machen. Und wie sagt sie immer so schön? Hauptsache, der Friseur ist glücklich.

Während sie so mit dem Messer an mir herumschnippelte erwähnte sie, daß sie das Wort Grundpfandrechtaus dem Jura-Unterricht der Meisterschule nicht mehr hören könne, sie würde dann aggressiv. Und was macht diese verräterische Hexe, die sich als meine Ehefrau bezeichnet? Sie rief das Wort Grundpfandrechtaus. Dezent machte ich darauf aufmerksam, daß gerade jemand, der potentiell aggressiv auf dieses Wort reagiert, mit im wahrsten Wortsinn rasiermesserscharfer Klinge an mir herummachte. Man lachte mich aus und meinte, daß dieses Friseurmesser nicht dazu geeignet sei, mal eben so im Vorübergehen meine Kehle zu zerschneiden. Zum Beweis hielt man es mir dicht vor die Augen, was zum Sehen auch erforderlich war, denn Haare schneiden geschieht stets in der Form, daß der wehrlose Kunde da ohne seine Sehhilfe sitzt. Und die Ähnlichkeit meiner Sehschärfe mit der des berühmten Talpa europaea habe ich ja schon mal erwähnt.

Was ich da nur wenige Zentimeter vor meinen Augen mit selbigen erkennen konnte, ließ mein Herz nicht vor Freude schneller schlagen. Der kalte Angstschweiß brach mir aus allen Poren, als ich die riesige, nahezu monströse, gezackte Klinge sah. Das Ding hätte einem Raubritter aus der Gutterdorfer Burg auf einem Eroberungsfeldzug zur Ehre gereicht. Alleine damit hätte er schon das halbe gegnerische Fußvolk niedermetzeln können, und nun war eine latent aggressive, zombieverehrende Schnitterin mit so einem Teil in meiner unmittelbaren Nähe und legte Hand an. Wääääh!!! Doch niemand hörte mein Klagen. (Anmerkung des Lektorates: Das, was er als gezackte Klinge interpretiert, war bloß die Schutzhülle der Klinge.)

Schließlich wies ich darauf hin, daß ich heute noch vor die Tür müsse, es ja noch tiefster Winter wäre, denn schließlich liege überall noch Schnee in der Gegend herum, und ich bestimmt vollkommen ungewohnt am Kopf frieren würde, wenn sie so weitermache. Auch diesen Einwand ließ man nicht gelten und faselte etwas Wirres von grauen Mützen und Kappen. Doch dann erstarb das sich anbahnende irre Lachen in Connys Gesicht. Sie hatte einen Fehler begangen. Conny räumte ein, daß es durchaus sinnvoller gewesen wäre, meine Haare länger zu lassen. Ach was. Sage ich doch die ganze Zeit, aber niemand wollte ja auf mich hören. Ihr war eingefallen, daß sie zu ihrer Meisterprüfung ein männliches Model brauche, dem sie die Haare mindestens drei Zentimeter kürzen könne. Wenn das dafür auserkorene Opfer ausfallen sollte, habe sie ein Problem und ich hätte als Ersatz herhalten können. Tja, PECH! Bei mir geht das ja nun nicht mehr, und in der einen verbleibenden Woche würde sich das auch nicht ändern können. Da hätten wir ihn also, den Fluch der bösen Tat. Und ich musste noch nicht mal was dazu beisteuern. Muahahahaaaa!

Als wir fertig waren und ich geprüft hatte, ob sich alle meine zugehörigen Anbauteile noch an ihrem Platz befanden, fragte Conny direkt nach dem nächsten Termin. Mit dem letzten Funken meines gerade noch vorhandenen Selbstbewusstseins schlug ich einen Tag irgendwann in drei bis noch mehr Monaten vor, was in Anbetracht dessen, daß meine Haare in den letzten drei Monaten ja auch nicht geschnitten worden seien und an sich immer noch perfekt ausgesehen hatten, durchaus angemessen wäre.

Conny verneinte meine Überlegungen und schickte mich erst mal zum Spiegel, damit ich ihr Werk bewundern könne. Allerdings sollte ich vor dem ersten Blick in den Spiegel doch besser mal mit den Händen fühlen um erahnen zu können, was mich erwartete. Ich hatte genug Phantasie, sah in den Spiegel und verlängerte meinen Terminvorschlag auf einen Zeitraum von vier bis noch mehr Monaten, was wiederum abgelehnt wurde. Meine Angetraute und Conny einigten sich auf vier Wochen.

Ach ja, ich vergaß zu erwähnen, daß Conny geradezu süchtig danach ist, meine Haare mit Gel zu bearbeiten. Als das entsprechende Stichwort fiel, brannte meine Angetraute gerade darauf, in ihrem Fundus nach entsprechenden Tuben zu suchen, doch Conny hatte selbst reichlich von dem Zeug dabei. Ich frage mich immer wieder, was der Blödsinn soll. Wenn ich morgens aufstehe, sehen meine Haare auch immer aus wie frisch gegelt, und was mache ich? Ich wasche sie mir, damit sich dieser Zustand ändert. Wenn da hinterher doch wieder Gel draufkommt, damit die Haare in der Gegend herumstehen, kann ich mir das Waschen doch auch gleich sparen.

Wieso hört hier eigentlich niemand auf mich?


Donnerstag, 20. Juni 2013

Das Beet

Hinter dem Haus befindet sich ein Teilstück unseres Gartens, den wir nicht als Steingarten gestalten lassen konnten. Das Gelände ist zu steil, die Steine würden niemals halten.  Im Rahmen unserer Gartengestaltung wurde dieses ursprünglich mit einer Rasenfläche versehene Teilstück zu einem Beet mit Kirschlorbeerpflanzen und einer Zierkirsche umgewandelt. Es sieht auch ganz hübsch aus.

Parallel dazu befindet sich der Zugang zum Nachbarhaus. Und das ist unser Problem. Frau Kleinhüppgenreuther ist eine fanatische Hausfrau. Alles muß sauber sein bis hin zur Sterilität. Ein mit uns bekannter Handwerker hatte in ihrer Wohnung mal etwas zu erledigen. Soweit ich mich erinnere, ging es um Holzarbeiten in der Küche. Er klagte uns hinterher sein Leid. Frau Kleinhüppgenreuther folgte ihm tatsächlich und durchaus im wahrsten Wortsinn während der ganzen Arbeiten auf Schritt und Tritt mit Besen und Kehrblech, nur um jeden Anschein von Dreck, Staub und Sägemehl sofort nach der Entstehung unverzüglich von ihrem heiligen Boden zu entfernen.

Und nun stellt euch vor, eine solche Superhausfrau wohnt in dem Haus nebenan, in dem ein nicht von Pflanzenwuchs betroffener Teil des Grundstücks an euren mit Erde und Rindenmulch verseuchten Acker anschließt. Wir wussten über Frau Knutsen bereits, daß sich Frau Kleinhüppgenreuther schon über den vielen Dreck beklagt hat, der von unserem Beet immer zu dem blankgefegten Vorplatz herüberwehen würde. Diesen Vorplatz, eigentlich nur eine übliche, wirklich nur wenige Quadratmeter große bepflasterte Fläche vor der Haustür und einer anschließenden Betontreppe, können wir durchaus beobachten. Da liegt gelegentlich mal ein Stück Rindenmulch, es sei denn, die in dem Haus wohnenden Kinder haben sich mal wieder verbotenerweise in unserem Beet betätigt.

Aber Frau Kleinhüppgenreuther ist da sehr sorgfältig und gnadenlos gegen jegliche Form von Schmutz und Natur. Wenn diese nicht mal zehn Quadratmeter von ihr gefegt werden, dann dauert es schon mal seine 15 Minuten, bis sie damit fertig ist. Nichts entgeht ihrem scharfen Blick, und sie ist durchaus in der Lage, mehrmals täglich am gleichen Ort Dreck zu finden, nur um dann die komplette Fläche erneut einer Tiefenreinigung zu unterziehen.

Wir haben uns erbarmt und schließlich eine einfache, billige Plastikumgrenzung für das Beet angeschafft. Man ist ja gutwillig und will vor allen Dingen seine Ruhe haben. Doch dieses kleine Zäunchen hat seinen Dienst nicht gut genug ausgeführt. Die Folgen eines winterlichen Eissturzes vom Hausdach und der Umstand, daß es wohl nicht hoch genug war, haben dafür Sorge getragen, daß immer noch Teile des Rindenmulches im gepflegten Eingangsbereich des nachbarlichen Hauses aufgefunden wurden.

Eines schönen Tages sprach uns Frau Kleinhüppgenreuther an und beklagte ihr hartes Schicksal. Wir versicherten ihr, uns um die Angelegenheit kümmern zu wollen und versprachen, eine größere Abgrenzung installieren zu lassen.

Da hierzu Betonarbeiten erforderlich waren, schied die von uns schon zur Gestaltung des Gartens beauftragte Werkstätte für behinderte Menschen als ausführende Kraft leider aus, denn wie man uns dort auf Anfrage bestätigte, sah man sich außerstande, solche Arbeiten auszuführen. Also mussten wir uns andere Handwerker suchen, was sich als nicht allzu leicht erwies. Jedenfalls verzögerte sich die Umsetzung deutlich. Dies führte dazu, daß ich mich nur noch wenig um den Unkrautbewuchs des Beetes kümmerte, denn ich hatte nicht die mindeste Lust, Frau Kleinhüppgenreuther bei einer solchen Gelegenheit in die Hände zu fallen. Natürlich wäre es möglich gewesen, sie auf den blöden Umstand hinzuweisen, aber als Soziophobiker macht man sich da im Vorfeld ganz andere Gedanken und bemüht sich, solchen Situationen konsequent aus dem Weg zu gehen.

Nun ja, es ließ sich nicht vermeiden, das Beet dennoch einer gelegentlichen Unkrautvernichtungsaktion zu unterziehen. Und wann ist die beste Zeit, unliebsamen Nachbarn aus dem Weg zu gehen? Entweder ganz früh morgens oder ziemlich spät abends. Morgens wollte ich da nicht ran, weil sich die Schlafzimmer unseres Hauses genau auf dieser Seite befinden. Es muß ja nicht sein, sonntagmorgens um sechs Uhr genau unter einigen offenen Schlafzimmerfenstern Unkraut zu jäten. Also wurde daraus eine Nachtaktion, denn ich wusste, daß die Mitbewohner unseres Hauses zu dieser Uhrzeit noch nicht im Bett waren.

Jetzt endlich war es soweit, daß die neue, höhere Umrandung des Beetes endlich eingesetzt wurde. Frau Kleinhüppgenreuther zeigte sich auch sofort sehr zufrieden, doch natürlich fand sie direkt das nächste Problem. Ihre Sorge galt den Kindern des Hauses und wie es ihr gelingen würde, diese davon abzuhalten, auf unserer kleinen Palisade herumzulaufen.

Ehrlich gesagt: Mir ist das egal. Hauptsache, die gute Frau ist beschäftigt und wir sind nicht weiter das Zielobjekt ihrer Betrachtung. Bis sie etwas Neues gefunden haben wird.



Dienstag, 18. Juni 2013

Gruß aus der Küche - Geflügelfrikadellen mit Basilikum

Hauskater Marty ist seit einigen Tagen verdächtig anhänglich, wenn es so scheint, als würde sich jemand von uns in Richtung Küche bewegen. Er bettelt und quengelt höchst aufdringlich. Wir haben den durchaus begründeten Verdacht, daß ihm die aktuelle Futterauswahl nicht so passt. Wir kaufen immer große Packungen qualitativ hochwertigen Trockenfutters. Ganztägig stehen unserer Katzenbande zwei voluminöse Näpfe mit unterschiedlichen Sorten zur Verfügung. Dazu gibt es morgens immer noch etwas Nassfutter. Nun scheint Marty aber lange genug von diesen Sorten gefressen zu haben, er verlangt nach Abwechslung. Soll er ja auch bekommen, aber einmal müssen die Näpfe noch mit der alten Auswahl gefüllt werden, bevor es soweit ist. Dann sind die beiden aktuellen Packungen leer.

In einem ruhigen Papa-Kater-Gespräch habe ich versucht Marty klarzumachen, daß er in freier Wildbahn auch nicht immer das bekommen kann, was er gerade haben möchte.

Wenn eben mal deutlich mehr Kanarienvögel draußen herumfliegen als Mäuse vor Ort sind, dann gibt es eben häufiger Kanarienvogel zu essen. Ist doch einleuchtend, oder? Außerdem soll Geflügel ja ohnehin gesünder sein. Wie meine Angetraute kürzlich anmerkte, wird Hühnersuppe wohl auch deswegen so gut gegen Erkältung wirken, weil da die ganzen Antibiotika schon enthalten sind.

Gut, dann tun wir jetzt also was für unsere Gesundheit. Und Marty freut sich schon auf zwei neue Sorten Katzenfutter. Für uns gibt es Geflügelfrikadellen mit Basilikum. Aber ohne Kanarienvögel, da ist zu wenig dran.



 Zutaten:

500 g Hühner- oder Putenhackfleisch
1 Zwiebel
1 Ei
1 hartes Brötchen
1 Bund Basilikum
Salz
Pfeffer

Das Brötchen einweichen, die Zwiebel würfeln und in der Pfanne andünsten. Das Basilikum grob hacken. Alle Zutaten miteinander gut vermengen, zu Frikadellen formen und in der Pfanne kräftig anbraten.


Als Beilage eignet sich Kartoffelpüree.



Montag, 17. Juni 2013

Ich glaube es nicht

Der Tag war – sagen wir mal – durchwachsen. Dabei begann er an sich recht erfreulich. Smilla entwickelt ein Gespür dafür, wann ich keine Zeit für sie habe. Alle Katzen haben dieses Gespür. Das sind dann immer diese Momente, in denen sie erscheinen und betuttelt werden wollen, während ich dringlich woanders erwartet werde. Im Laufe der Jahre härtet man dagegen ab, streichelt mal kurz über Rückenfell oder Wange und lässt es dann gut sein. Es war aber das erste Mal seit wir sie haben, also seit 15 Monaten, daß Smilla tatsächlich zu mir gekommen ist und Streicheleinheiten erbettelte. In ihrem Topflässt sie sich das ja meistens ganz gerne gefallen, aber da komme ich auch auf sie zu und nicht umgekehrt. Also konnte ich das einfach nicht ignorieren, das war schon ein richtiger Entwicklungsschub für unsere scheue kleine Katzendame. Meinen Bus habe ich heute Morgen aber dennoch knapp erreicht.

Im Büro ging das Elend los. Natürlich würden unsere Fenster heute in der Frühe so lange geöffnet bleiben, wie es irgend ging, bevor die angekündigte Schwüle des Tages uns erreichen sollte. So war wenigstens der Plan. Hat aber nicht so funktioniert. Wir sind den Lärm der vorbeiführenden vierspurigen Hauptstraße ja ebenso gewohnt wie den Lärm der Züge in der Bahnhofseinfahrt.  Ist immer sehr lustig, wenn man gerade jemanden am Telefon hat und quasi vor der Haustür ein schwerer Güterzug bis zum Halten runterbremst. Aber ausgerechnet heute in dem schmalen Zeitrahmen, in dem die Sonne noch nicht unsere Gebäudeseite erreicht hat, ein Trupp Bauarbeiter ein Presslufthammerwetthämmern veranstalten musste, war das echt nicht nötig.

Die nächste frohe Botschaft erreichte uns auch zügig: Frau Bernemann, eine Kollegin, dazu noch eine der echten Leistungsträgerinnen, hat gekündigt. Eine Nachbesetzung der Stelle wird – wenn überhaupt - nach meiner Einschätzung mindestens innerhalb der nächsten 12 Monate nicht erfolgen, da der hauseigene Nachwuchs bereits seit Monaten vergeben ist. Und schon jetzt zahlenmäßig nicht ausgereicht hat, um alle aktuell freien Stellen im LASA zu besetzen, wie ich noch anmerken möchte. Hatte ich schon mal erwähnt, daß wir seit Dezember in einer Dauervertretung für 1 ½ unbesetzte Stellen stecken? Mir schwebt da so etwas vor… Hört sich nicht viel an, aber auf Planstellen gerechnet sind das 25 %.  Und man rechnet ja bei uns im Hause gerne prozentual. Zumindest, wenn es gegen uns geht.

Jedenfalls ist es aber sehr bezeichnend für die Stimmung, daß sich jeder der Kollegen für sie wirklich aufrichtig freute, daß sie es geschafft hat, unserer Tretmühle zu entkommen.

Trotzdem ist das gerade sehr unerfreulich, denn trotz der Dauervertretung auf Ebene der Sachbearbeiter schöpfen wir gerade noch Akten bei den Assistenten ab, die aufgrund verschiedener längerer Erkrankungen und sonstiger Abwesenheiten einiger Kollegen auch angeschlagen sind. Wir können froh sein, daß der Fahrdienst unserer Hauptverwaltung, welcher uns unter anderem die in der Hauptverwaltung in Bad Husten eingegangene Post und verschiedenes Material liefert, gerade mal wieder personell derart unterbesetzt ist, daß die regelmäßigen Fahrten ersatzlos ausfallen. Dafür kommt alles dann irgendwann mal gebündelt, entweder mit einem Paketdienst oder wenn wieder genügend Fahrer zur Verfügung stehen mit dem eigenen LKW. Zeit genug, alte Akten anzupacken, bevor eine riesige Postwelle über uns schwappt.

Nachmittags kam der Höhepunkt des Tages. Ich erledigte gerade die Vertretung für Frl. Hasenclever und habe mich in diesem Zusammenhang nur noch über die Akten aufgeregt, die man mir so vorgelegt hat. Die Schwüle im Büro tat das Ihrige. Und dann passierte es. Endlich hatte ich eine Akte gefunden, in der ich eine eilige Entscheidungsvorlage auch mal – beide Augen zudrückend, weil mir nur formelle Sachen aufgestoßen sind und nichts, was sich pekuniär bemerkbar machen würde -  unterschreiben konnte. Ich habe die Eingabemaske des immer noch sehr hakelig arbeitenden neuen MIST schon aufgerufen, um die Verarbeitung auszulösen, da wurde ich durch das Telefon abgelenkt. Blöderweise ging ich dieses Mal auch ran. Nach dem Telefonat, für das ich nicht an die EDV musste, klickte ich nur noch auf den Freigabeknopf. BÄNG! Die weitere Verarbeitung wurde maschinell gesperrt, unsere Innenrevision wünscht den Fall zur Stichprobenprüfung vorgelegt zu bekommen.

Ich stutzte. Die Art des zu verarbeitenden Falls wurde doch sonst nie von derartigen Prüfungen erfasst. Ich warf nochmal einen Blick auf die Anzeige des MIST. Verdammte Hacke, da stand noch das Aktenzeichen der vorherigen Akte drin. Und der dort enthaltene Entscheidungsvorschlag war schlichtweg unterirdisch. Klare Sache, das wird eine Beanstandung. Endlich mal wieder eine nette Diskussionsrunde mit Dr. Strebsinger rund um die Frage, wie so etwas denn passieren könne, das könne doch wohl nicht sein und überhaupt und sowieso.

Ein letztes Kopfschütteln lockte mir zwischenzeitlich nur eine kleine Begebenheit mit Mandy und Karla hervor. Ich schwelgte in Erinnerungen und erklärte, daß heute vor 23 Jahren noch ein Feiertag gewesen sei und daß es doch viel schöner wäre, diesen weiterhin im Sommer, insbesondere aber bei so einem Wetter wie heute zu haben und nicht im Herbst. Mandy und Karla sahen mich etwas irritiert an; Mandy fragte nach, um was für einen Feiertag es sich denn gehandelt hat.

Da ich gerade in etwas bösartiger Stimmung war, erklärte ich den beiden, daß es doch mal eine Grenze mitten in Berlin gegeben habe und auf der anderen Seite dieser Grenze die ostdeutschen Bauarbeiter von sowjetischen Soldaten verhauen worden sind. Dies habe man eben im Westen gefeiert. Ja, ich weiß, das war jetzt nicht ganz so korrekt von mir. Ich schäme mich auch später dafür.

Karla meinte darauf hin durchaus ernsthaft, daß es nicht schön sei, so etwas zu feiern.

Meine Stirn wünschte sich eine Granitplatte auf dem Tisch, damit dieser eine Chance habe, den drohenden Aufschlag meines Schädels zu überstehen.

Daß das Geschichtsbewusstsein meiner Kolleginnen nicht übertrieben ausgeprägt ist, wusste ich schon länger. Immerhin hatten sie auch keinen Schimmer davon, daß die Ukraine mal zum Ostblock, ja sogar zur UdSSR gehörte. Dabei stammt Mandy aus dem Osten.

Aber das jetzt? Man sollte vielleicht auch mal hinhören, wenn auf dem Volldampf-Privatradiosender Nachrichten laufen. Denn sogar dort erwähnte man ständig den 60. Jahrestag des Volksaufstandes in der DDR.



Sonntag, 16. Juni 2013

Die Feier (4)

Als sich die Schlacht am Buffet den Desserts zuwandte, zogen sich die Mädels zurück, um die Kostüme anzulegen. Ich half meiner Angetrauten auf ihre Bitte hin noch in Teile ihres Kostüms, fühlte mich aber etwas unwohl in der Garderobe. Katja ist unkompliziert, wenn es um männliche Anwesenheiten geht, während sie sich umzieht. Außerdem hatten wir schon einige gemeinsame Saunabesuche hinter uns, so daß da kaum noch ein Überraschender Anblick zu erwarten sein dürfte. Mit Alexandra war das aber anders, so daß ich schon darauf achtete mich so zu stellen, daß ich offenkundig nicht in ihre Richtung sah. Meine Angetraute hatte zwar verkündet, daß ich noch auf ihren Wunsch hin vor Ort sei und gleich verschwinden würde, aber dennoch war ich froh, endlich rauszukommen.

Natürlich sah man mich seitens des Publikums vor und nach dem Auftritt auch als Ansprechpartner für verschiedene Fragen des Auftritts und der Organisation an. Dummerweise war ich nicht über alles informiert, was mich wieder in leichte Bedrängnis brachte und ein unangenehmes Gefühl in mir hinterließ. Egal, auch den Teil habe ich überstanden.

Nach dem erfolgreichen Auftritt machte sich Alexandra zeitnah aus dem Staub. Katja blieb ein paar Minuten länger, verschwand dann aber auch. Meine Angetraute und ich fanden einen Platz abseits des zentralen Geschehens und machten uns über das Buffet her. Die jetzt noch vorhandenen Reste hätten durchaus gereicht, eine spontan einfallende Fußballmannschaft zu verköstigen. Soviel zur Frage, ob es denn auch reichen würde…

Da wir soweit mit dem Rest der Gäste nicht mehr viel zu tun hatten, ging es mir wieder besser. Nur begann jetzt eben der langweilige Teil des Abends. Das ist die Zeit, die man noch aus Gründen der Höflichkeit absitzen muß. Gut, auch das ging vorbei, irgendwann begann die Abschiedsrunde. Mein Adrenalinspiegel ging nochmals in die Höhe; ich wollte mich nur kurz von den Personen persönlichen verabschieden, bei denen das unvermeidlich war und dann mit einem allgemeinen Gruß in die Runde absetzen. Das hat jetzt nicht ganz so geklappt, da man plötzlich meinte, noch im Rahmen der Verabschiedung längere Unterhaltungen mit meiner Angetrauten beginnen zu müssen.

Was mich betrifft zeigte meine Schwiegermutter nochmals ihre Freude darüber, daß ich doch gekommen sei. Gut, das ist schön. Nun hoffte ich, daß sie nicht die Frage stellen würde, auf die ich jetzt noch wartete. Oder zumindest, daß sie nicht der Hoffnung Ausdruck verlieh, daß es für mich nicht so schlimm gewesen sei. So manche Frage sollte einfach nicht gestellt werden. Denn dann hätte ich sagen müssen, daß es wieder einmal die Hölle für mich war. Ich weigere mich einfach, hier aus Höflichkeit noch zu lügen.

Schließlich verschwand ich vorzeitig mit Yvonne nach draußen, die aufgrund vorhandener Ortsunkenntnis bis zur nahen Autobahn hinter uns herfahren wollte. Manchmal kann es praktisch sein, einen Raucher zur Hand zu haben, der draußen noch eben die Luft aromatisieren möchte. Nach sage und schreibe einer halben Stunde war dann auch meine Angetraute mit ihrer Abschiedsrunde fertig. Es ging nach Hause.

Hier angekommen beabsichtigte ich, nach nunmehr fast 22 Stunden andauernder Aktivitätsphase nur noch ins Bett zu fallen, aber die zweitbeste Ehefrau von allen machte mir hier noch einen Strich durch die Rechnung. Sie hatte sich für den Tag eine gesteckte Frisur machen lassen. Ganz klasse, jetzt konnte ich noch ein gefühltes halbes Kilo Metall in Form von Klämmerchen und so einem Zeug aus ihren Haaren rausarbeiten. Aber auch das war irgendwann erledigt.

Jetzt habe ich es mir hoffentlich verdient, für die nächsten fünf Jahre nicht mehr mit so einer Veranstaltung und für weitere zehn Jahre nicht mehr mit Gustav konfrontiert zu werden.


(Ende)



Samstag, 15. Juni 2013

Die Feier (3)

Das gerade aufgebaute Buffet wurde von meiner Schwiegermutter eingehend inspiziert. Sie war ohnehin schon aufgekratzt, denn sie suchte ihre Freundin Yvonne, eine jener bei unserem Eintreffen bereits anwesenden Personen. Yvonne befand sich nicht im Saal des Vereinshauses und auch nicht auf dem kleinen Vorplatz. Aber das Auto war in Sichtweite, also müsse sie ja schließlich noch irgendwo vor Ort sein. Nur eben nicht in Sichtweite. Auch auf den sanitären Anlagen war sie nicht zu finden. Nein, wir starten jetzt keine großangelegte Suchaktion, sie wird schon wieder auftauchen.

Wenden wir uns also wieder der Sichtung des Buffets zu. Auch hier kam wieder das Unvermeidliche: Würde es für 27 Personen reichen? Schwiegermutter wurde - nicht unerwartet - unsicher und nahm die allgemein beruhigenden Worte, daß an ausreichender Menge wohl nicht die geringsten Zweifel bestehen würden, wohl zur Kenntnis. Doch über die bloße Kenntnisnahme hinaus ergab sich nichts. Sie wollte es von Yvonne bestätigt haben, denn diese hat einst in der Gastronomie gearbeitet. Der Koch, der das Buffet zusammengestellt hat, übrigens auch... Da Yvonne aber gerade nun mal nicht greifbar war, kamen wir an diesem Punkt nicht weiter.

Die ersten mir unbekannten Gäste trudelten ein. Wir waren noch zu wenige, als daß ich mich einer persönlichen Begrüßung hätte entziehen können. Ich hasse das, mein Adrenalinpegel steigerte sich, die Gedanken fokussieren sich immer mehr auf das Kommende. Und das nicht gerade in einer angenehmen Weise. Notlösung: Fluchtreaktion. Ab nach draußen, etwas dumm und abseits des Geschehens in der warmen Sonne stehen und wieder etwas runterkommen. Hier fand ich schließlich auch Schwiegermutters vermisste Freundin. Sie hatte es sich hinter dem Gebäude auf einem dort herumstehenden Terrassenstuhl bequem gemacht und die Sonne genossen. Wir plauderten etwas, dann ging es wieder in den Saal. Er hatte sich weiter gefüllt, also schön weiter Pfötchen geben. Für ein paar der üblichen hirnlosen Worte reicht es nicht.

Ein älterer Herr kam zur Begrüßung auf mich zu. Ich streckte die Hand aus, doch er grummelte etwas von wegen „Erst die Dame.“ Ups, ach so, leicht hinter mir befand sich außerhalb meines Blickfeldes Gustavs Frau. Ich hatte ihre Anwesenheit nicht bemerkt. Natürlich ist auch mir klar, wer hier zuerst wen zu begrüßen hat. Ein erklärbares Versehen meinerseits, an dem sich mit Sicherheit niemand mehr hochzieht. Außer ich. Solche Situationen tragen nicht zu meiner Beruhigung bei, im Gegenteil. Contenance bewahren, dann wieder Flucht nach draußen. Für den Rest des Abends würde ich immer wieder an diese Begebenheit denken müssen und mich richtig darin festbeißen. Es besteht durchaus eine gewisse Chance, gerade diesen Herrn in den nächsten Monaten und Jahren nochmals bei meinen Schwiegereltern anzutreffen, und ich weiß bereits jetzt, daß dieses kleine, an sich vollkommen unbedeutende Ereignis von jetzt an zwischen uns stehen wird. Zumindest aus meiner Sicht.

Ich wartete draußen noch eine ganze Weile, bis so viele Gäste eingetroffen waren, daß eine persönliche Begrüßung nur noch in den Fällen erforderlich wurde, in denen ich die Gäste schon von früher näher kannte. Es waren nicht viele.

Schließlich traf auch Alexandra ein. Endlich. Wir warteten die kurze Eröffnungsrede meiner Schwiegermutter ab, dann verschwanden meine Angetraute, Alexandra und ich, um Alexandras Sachen aus dem Wagen zu holen, während die restliche Meute sich über das Buffet hermachte. Wir würden erst nach dem Auftritt etwas essen. Meine Anwesenheit beim Abholen von Alexandras Gepäck war nun wirklich nicht erforderlich, aber es war eben ein willkommener Grund, aus dem Saal zu verschwinden. So überbrückten wir einige Zeit, aber irgendwann mussten wir wieder zurück in den Saal. Schließlich erschien auch Katja mit ihrer schon nahezu uralten, vierrädrigen Raubkatze. Die Haare waren wieder bunt und mit einer Feder-Dekoration versehen. Fragt mich nicht, wie man das nun wieder nennt. Ich wurde ruhiger.

(wird fortgesetzt)



Freitag, 14. Juni 2013

Die Feier (2)

In den Wochen bis zum großen Tag wurde ich verschiedentlich gefragt, ob ich denn nun auch anwesend sein würde. Um mich nicht zu früh festzulegen konnte ich nur – durchaus der Wahrheit entsprechend – erklären, daß sich das tatsächlich erst an dem entsprechenden Tag entscheiden würde. Wenn ich an diesem Tag schon im Vorfeld wieder eine Angst- oder gar eine Panikattacke hätte, wäre der Keks gegessen und das Thema durch.

Unerbittlich kam der Termin näher. Schon bei dem Gedanken daran wuchs in mir die Unruhe. Als ich an dem fraglichen Samstag pünktlich um 3.40 Uhr aufwachte und noch sinnlos im Bett herumlag, bekam ich nicht zum ersten Mal in diesem Zusammenhang schon leicht feuchte Augen. Meine Überlegungen kreisten nur noch um diese Feier. Was mich ein wenig aufrecht hielt war die Tatsache, daß Alexandra und Katja vor Ort sein würden. Dummweise jedoch nicht von Anfang an und schon gar nicht bis zum bitteren Ende, aber ich könnte einen Teil der Zeit wenigstens mit ihnen – nun, nennen wir es mal so – überbrücken.

Der Samstagmorgen schließlich stand unter einem schlechten Stern. Hierzu verweise ich auf diesen Blogeintrag. Es gab zusätzlich zu dem dort Geschilderten noch ein paar Kleinigkeiten, die nicht dazu dienten, meine Stimmungslage zu stabilisieren. Insgesamt stand die Sache schon auf der Kippe, aber es hat noch gereicht um entscheiden zu können, daß ich dabei sein werde. Ich lud den Akku der Kamera, suchte das Stativ raus und packte meine Sachen, denn der Auftritt wollte natürlich auch gefilmt werden.

Die zweitbeste Ehefrau von allen und ich waren frühzeitig vor Ort, um noch einige Dinge vorzubereiten. Meine Schwiegereltern und drei ihrer Freunde waren erwartungsgemäß bereits anwesend, darunter Gustav. Ich weiß nicht, was meine Schwiegereltern an Gustav mögen. Er ist ein fürchterlicher Mensch. Seine Devise lautet „Du sollst keine andere Meinung neben der Meinung von Gustav haben.“ Eventuell vermutete Anlehnungen an einen anderen prominenten Text sind hier durchaus nicht zufällig und entsprechen dem Bild, welches Gustav von sich vermittelt. Unbestätigten Gerüchten zufolge soll er es schon geschafft haben, ein paar Zeugen Jehovas auf ihrer Missionierungstour in Grund und Boden zu reden. Es ist nicht bekannt, ob diese anschließend konvertiert sind…

Gustav stürzte sich auf mich, noch bevor ich alle Anwesenden begrüßen konnte, stellte eine wohl mehr rhetorisch gemeinte Eröffnungsfrage, um direkt klarzumachen, mit welchem Thema er mich zuzutexten gedachte. Man kann machen was man will, ihm beipflichten oder versuchen, dagegen zu halten, er hört einfach nicht auf, seine Meinung und sein Weltbild als einzige Wahrheit zu verkünden. Einwendungen nimmt er kaum zur Kenntnis. Selbst, wenn man sich auf die Ebene begibt, die seine Frau eingenommen hat, lässt er nicht ab. Ihre einzigen Worte bei seinen Redeflüssen lauten „Ja, Gustav.“

Meine Angetraute hat wiederholt versucht, mich aus seiner Umklammerung zu befreien. Schließlich ist es ihr gelungen, indem sie verkündete, ich müsse ihr bei der Bühnenvorbereitung behilflich sein. Gustav hat schnell ein anderes Opfer gefunden. Doch ich würde ihm im Laufe des Abends noch zwei Mal in die Hände fallen. Manche Dinge sind halt unvermeidlich.

Nun aber begann der Teil der Veranstaltung, der mir stets so richtig zusetzt.


(wird fortgesetzt)


Donnerstag, 13. Juni 2013

Die Feier (1)

Seit einigen Wochen stand wieder ein Termin ins Haus, den ich am Liebsten aus der Nachschau betrachten würde. Was hiermit auch geschieht, denn er ist jetzt überstanden.

Meine Schwiegermutter beabsichtigte, in diesem Jahr ihren Geburtstag nicht nur im kleinsten, familiären Kreis zu feiern, sondern schon mit etwas mehr Tamtam. Keine große, wilde Feier, sondern schon noch übersichtlich. Nur mit etwa 27 bis 30 Gästen. Ganz bescheiden also. Meine Güte, ich kenne noch nicht mal so viele Leute, von denen ich sagen würde, daß ich ihnen so nahe stehe um behaupten zu können, daß es überhaupt angemessen wäre, mit ihnen irgendetwas persönliches zu feiern. Aber wer ein richtiger Vereinsmeier ist, der kennt eben viel mehr Menschen, die er dann als Freunde bezeichnet. Ein Begriff, der heute sowieso inflationär gebraucht wird. Aber das nur am Rande.

Natürlich bekam ich direkt den irren Blick, als uns schon vor geraumer Zeit verkündet wurde, daß die Anwesenheit meiner Angetrauten und mir ebenfalls erwünscht sei. So eine Veranstaltung ist für mich wie ein Kurztrip durch die Hölle. Da zieht die Phobie wieder eine ganze Reihe der stärkeren Register.

Nun ergab es sich anlässlich eines anderen schwiegerelterlichen Termins, daß wir zufällig auf die Phobie zu sprechen kamen. Man zeigte sich überrascht, daß die überhaupt noch bei mir vorhanden wäre, man hätte doch so lange nichts mehr davon gehört. Nun, warum sollte man auch? Sie ist regelmäßiger Bestandteil meines Lebens, darüber muß ich mich nicht bei jeder Begegnung mit Menschen, die dem Grunde nach darüber informiert sind, erneut austauschen. Ich vergleiche das immer ganz gerne mit meinem Cousin. Er ist eines der Contergan-Opfer. Im familiären Kreis hat man sich an diese Tatsache natürlich gewöhnt; der Umgang damit ist bei uns einfach Normalität. Von daher ist seine Behinderung auch kein Thema, es sei denn, daß sich gerade aus dieser Tatsache aktuell was Erwähnenswertes ergeben hat.

Meine Schwiegermutter zeigte Verständnis für meine Lage und stellte es mir frei, bei der Feier anwesend zu sein. Ich wollte es einfach von meiner Tagesform abhängig machen, wohl wissend, daß ich von dieser Veranstaltung keineswegs was haben würde, was sich auch nur annähernd in die Rubrik angenehme Unterhaltungeinsortieren ließe. Es wird stressig und unangenehm, nur die Ausprägung ist variabel.

Somit wäre ich eigentlich sauber aus der Nummer raus, wenn nicht… ja, wenn nicht meine Angetraute und ihre Mädels, namentlich Alexandra und Katja, geplant hätten, diesen Anlass mit einer tänzerischen Showeinlage zu bereichern. Eine Moderation durch mich war nicht vorgesehen, also bestand auch weiterhin keine Verpflichtung für mich, anwesend zu sein. Eigentlich. Jetzt kommt natürlich noch der moralische Aspekt hinzu. Meine Angetraute ist jetzt nicht der Mensch, der unendliches Lampenfieber vor einem Auftritt zeigt. Es sei denn, dieser Auftritt findet vor Verwandten und Bekannten statt. Bei so etwas tut es ihr immer ganz gut, wenn auch ich vor Ort bin. Also war meine Marschrichtung klar: Sofern es irgend geht, würde ich ebenfalls anwesend sein.


(wird fortgesetzt)


Dienstag, 11. Juni 2013

Bettgeschichten

Im LASA haben wir gleitende Arbeitszeit. Das bedeutet, es gibt einen Zeitrahmen, in welchem wir erscheinen müssen, gefolgt von einem Zeitrahmen, in dem wir unbedingt anwesend zu sein haben, welcher wiederum abgelöst wird von einem Zeitrahmen, in dem wir uns dann wieder vom Acker machen dürfen. Mandy gehört eher zu der Fraktion, die regelmäßig um fünfzehn Minuten vor Jetzt-bist-du-zu-spät-Uhr ins Büro kommen, während ich ja bekannt eher derjenige bin, welchem der Beginn des Jetzt-dürft-ihr-kommen-Zeitrahmens noch zu spät ist.

Hin und wieder taucht Mandy jedoch auch mal deutlich früher auf. Ich weiß ja nicht, wer sie da aus dem Bett geschubst hat, denn nach den mir vorliegenden Informationen gewöhnlich gut unterrichteter Kreise ist sie haustierloser Single. Jedenfalls war es mal wieder einer dieser Tage, an dem sie kurz nach mir die heiligen Hallen unserer Außenstelle erreichte. Meinen neugierigen Blick erwiderte sie lediglich mit einem noch leicht verknurrten „Du musst mich ja nicht unbedingt mit deiner Schlaflosigkeit anstecken.“

Ruhe trat ein, nur die Teemaschine röchelte vor sich hin, begleitet von einem gelegentlichen Rascheln eines Blatt Papiers. Noch nicht mal ein Drucker störte mit seinem Gejaule und verschonte uns damit gleichzeitig vor einer olfaktorischen Herausforderung. Plötzlich hörte man ein leichtes Knacken aus dem Flur. Mandy hatte sich erschreckt und fragte, was das denn jetzt wieder für ein Geräusch gewesen sei, das habe sie ja noch nie gehört.

„Da hat jemand im Flur eine Tür arretiert. Du solltest häufiger mal so früh kommen, dann würdest du das Geräusch auch kennen.“ klärte ich sie auf.

„Neee, da bleibe ich lieber in meinem Bett. Das ist gemütlicher.“

Ruhe.

„Du, Mandy, wusstest du eigentlich, daß es jetzt Krieg-der-Sterne-Bettwäsche mit in der Nacht leuchtendem Lichtschwert gibt?“

„Ehrlich?“

„Ja, die wollte ich unbedingt haben, aber meine Angetraute hat mich ausgelacht.“ maulte ich rum.

„Das war nicht nett.“

„Sehe ich auch so. Und was ist mit dir? Hast du wenigstens Prinzessin-Lillifee-Bettwäsche? Dir redet da ja keiner rein.“

„Nein, habe ich nicht. Außerdem wusste ich ja gar nicht, daß du so verbohrt bist.“

Häh? „Wieso bin ich verbohrt?“ Das muß ich mir nicht nachsagen lassen.

„Na wegen der Bettwäsche. So getrennt nach Jungs und Mädchen.“

„Och, das sehe ich nicht so eng. Nur mit meiner Barbie würde ich dich nicht spielen lassen.“

„…“

„Und du willst also mit Darth Vader ins Bett gehen?“ nahm ich den unterbrochenen Gesprächsfaden wieder auf.

„Nein, aber ich will sein Lichtschwert haben!

Das nennt man wohl den Blick für das Wesentliche besitzen.




Montag, 10. Juni 2013

Bääääh

Ich lümmelte auf dem Sofa herum, den Rechner bequem auf meine Beine gelegt, und führte mir Frl. Krises und Frau Freitags neueste Abenteuer zu Gemüte. Sally lag in Kopfhöhe neben mir auf dem eigentlich als Rückenlehne gedachten Kissen. Plötzlich fing sie an, mir ins Ohr zu brüllen. Aha, Madame plagt ein Hüngerchen. Also ist wieder Zeit, ihr den Napf mit ihrem persönlichen Aufbau-Cocktail unter die Nase zu halten. Das Gefäß stand griffbereit auf dem Tisch, abgedeckt von einem kleinen Teller, damit unsere und Sallys Mitbewohner nicht in die Versuchung kommen, sich auch noch darüber herzumachen. Das Zeug ist teuer genug und damit exklusiv für unsere Seniorin.

Sally stürzte sich erwartungsgemäß auf ihren Spezial-Kakao, verfehlte jedoch ein wenig die Oberfläche des köstlichen Nasses. Ihre Augen sind ja auch nicht mehr die Besten. Jedenfalls tauchte ihre Nase für sie vollkommen überraschend unter. Sofort fing unser dienstältestes Katzgetier an zu husten und zu niesen. Und wie gesagt – sie befand sich auf meiner Kopfhöhe. Das Ergebnis lässt sich mit einem bekannten Zitat aus Ghostbusters beschreiben: Ich wurde vollgeschleimt.


Als Tierhalter ist man ja doch etwas unempfindlicher gegen alles, was die lieben Kleinen so von sich geben. Aber trotzdem: Bäääääh!


Samstag, 8. Juni 2013

Es ging zu lange gut

Es ist lange her, daß ich Abenteuer aus der Wunderwelt meiner wöchentlichen Einkaufstouren erzählt habe. Sehr lange. Mein letzter Blogeintrag, der auch nur ansatzweise mit diesem Thema zu tun hatte, stammt aus der kalten Zeit des Jahres. Gut, ich räume ein, daß das auch letzte Woche gewesen sein könnte.

In Anbetracht meiner Einkaufsliste, welche durchaus einen gewissen, kaum wahrnehmbaren aber dennoch nicht zu unterschätzenden und höchst wichtigen Schwerpunkt auf GRILLFLEISCH hatte, überlegte ich mir, daß es auch und nicht zuletzt unter Berücksichtigung des Gezeitenstandes, des Unkrauts im Garten, meiner Aktenberge, des warmen Wetters sowie der Türkei-Krise nicht verkehrt sein könnte, unter Umständen eine Kühlbox zum Transport meiner kühlpflichtigen Einkäufe einzupacken. Schnell noch die Katzen versorgen, die Katzenklos sauber machen, Spülmaschine und Waschmaschine anwerfen, dann ging es los.

Vollbepackt mit dieser Box, einer Tüte Leergut, einer Tüte grün bepunkteten Mülls und einer kleinen Tüte verschimmelter Aprikosen und verschimmelten Brotes begab ich mich unter Einlegen eines Umweges an unserem unmittelbar vor dem Haus gelegenen Entsorgungszentrum in Form vierer Mülltonnen – Papiermüll steht hinter dem Haus, vorne ist kein Platz mehr – zu unserem Balduin. Ich öffnete den Kofferraum, warf einen Blick hinein und schloss ihn sofort wieder, ohne mein noch verbliebenes Gepäck losgeworden zu sein. Meine Angetraute hat heute noch einen Auftritt und bereits einige technische Zubehörteile in Balduins Heckstück verstaut. Sehr ärgerlich. Also alles auf die Rückbank.

Der erste Weg führte zum Schwarz-Markt. Hier war es voller als sonst, die Schatten suchenden Autofahrer parkten noch dämlicher und raumgreifender als üblich, nur um auch des letzte äußere Ende eines Stücks vom Kotflügels nicht der Sonne aussetzen zu müssen. Ich hoffe, die Vögel, welche das schattenspendende Grün besetzt hatten, kacken ihnen die Windschutzscheiben voll. Bitte auf die Fahrerseite in Augenhöhe, damit es richtig nervt.

Im Laden selbst geschah nichts weiter Erzählenswertes. Auch hier parkten die Kunden ihre Wagen kreuz und quer, vor allen Dingen aber an Stellen, an die ich ran musste. Normalität. Nur nicht zu dieser Uhrzeit. Hallo, Leute, das ist meine Uhrzeit. Da habt ihr nichts in diesem Laden zu suchen. Wenn es draußen kühler ist, kommt ihr auch nicht so früh. Haut ab, los jetzt, verschwindet. Mein inneres Rufen verhallte ungehört und ohne Konsequenzen.

Ich fuhr über die Landstraße zurück. Die Zufahrt regelt hier ein großer Kreisverkehr. Vor mir drängelte sich eine Fahrschule rein, dahinter ein Ford. Damit war die Grenze zwischen „Ging-noch-so“ und „Etwas-knapp-mein-Lieber“ erreicht. Beide Fahrzeuge nahmen die Ausfahrt, die auch ich in Anspruch zu nehmen gedachte. Noch aus der Kurve raus gab der Ford Gas wie ein Irrer und überholte die Fahrschule über der hier noch durchgezogenen Linie.

Für so etwas habe ich wenig Verständnis. Natürlich kann eine Fahrschule schon mal ein wenig nerven, insbesondere dann, wenn sie vor einem her fährt. Aber man muß es doch nicht übertreiben. Wir haben doch alle mal angefangen. Seid nett zueinander. Entspannt euch. So wie ich auch. Die Fahrschule beschleunigte langsam bis auf 60 km/h. Hier sind 100 km/h erlaubt. Na ja, gleich kommt das 70-Schild, vielleicht tut sich ja was. Na also, geht doch. Oder auch nicht. Am 70-Schild verzögerte man auf 48 km/h. Die Schlange hinter uns wurde länger und länger. Der Gegenverkehr machte einen Überholvorgang unmöglich.

Wir erreichten das 50-Schild. Die Fahrschule behielt die Geschwindigkeit bei. Der nächste Kreisverkehr kam in Sichtweite. Etwa 100 Meter vor dem Kreisverkehr – keine Übertreibung – verzögerte die Fahrschule wieder. Wir überwandten die Distanz bis zum Einfädelpunkt mit satten 29 km/h. Brutto. Tachos zeigen ja meistens mehr an.

Natürlich behielt die Fahrschule auch weiterhin meine Wunschrichtung bei. Die Schlange hinter mir wurde unübersichtlich, aber niemand hupte. Die Fahrschule beschleunigte überraschend zügig – auf 48 km/h. Hier waren 70 km/h erlaubt. Ich biss in das Lenkrad. Wir haben ein Lenkradfell, die Zahnabdrücke werden nicht so dramatisch sein. Die nunmehr in meinem Mund befindlichen Fellhaare spuckte ich einfach wieder aus. Die Scheibe kann man später wieder säubern.

Vor der Fahrschule fuhren zwei Radfahrer. Nicht so gewöhnliche Radfahrer, sondern welche in einem vollverkleideten Liegefahrrad. Sehr interessant, sehr schlecht zu sehen, sehr langsam. Die Fahrschule verzögerte auf 19 km/h. Die Landstraße war leicht kurvig, was das Überholen aber nicht gänzlich unmöglich machte. Man muß die passenden Stellen eben kennen und so lange abwarten. Ich wartete. Die Schlange hinter mir wartete. Da kam so eine Stelle und – vorbei. Nein, nicht die Fahrschule. Die Gelegenheit. Es ging durch eine Baustelle, danach kam die nächste Überholgelegenheit. Oh, die Radfahrer fuhren von der Straße ab. Sehr gut. Die Fahrschule beschleunigte. Wir fuhren wieder 48 km/h. Ich hatte den Papp endgültig auf und gab Gas, bis der Drehzahlmesser knapp unter dem roten Bereich und ich endlich vorbei war. In mir wuchs ein tiefes Verständnis für den eingangs erwähnten Ford-Fahrer. Wozu überhaupt noch Fahrschulen. Es gibt schon genug Autofahrer in Deutschland. Jawohl.

Ich fuhr kurz zum Tanken. Benzin gab es heute zum Wochenendpreis. 160,9 Cent auf einen Liter.  Geile Sache, da muß man doch einfach zuschlagen. Insbesondere, wenn die Benzinstandsanzeige sich hartnäckig nach vorne drängt und nach mehr verlangt. Gestern wäre es billiger gewesen.

Weiter ging es, Feinkost Albrecht ruft. Meine Angetraute wünschte Ginger Ale zu trinken, und der von Albrecht ist ihr lieber als der vom Schwarz. Zu meiner Überraschung war das Zeug dieses Mal vorrätig, wenn auch in übersichtlichen Mengen. Aber immerhin. Gut, meine diesbezüglichen Geschäfte konnte ich schnell erledigen. Aber auch hier war die Hütte voll.

Schnell noch zum Onkel Tom rein. Ich wollte unter anderem Mohnbrötchen erstehen. Meine Angetraute liebt Mohnbrötchen, und der Onkel Tom hatte welche im Angebot. Sagte zumindest der Angebotszettel. Und das Schild in der Backwarenabteilung auch. Das waren aber auch die einzigen Hinweise auf ein eventuell angedachtes Vorhandensein der Mohnbrötchen. Dann eben nicht. Ich erledigte meine restlichen Besorgungen und steuerte Balduin wieder nach Hause.

Suuuuper Serie, vor dem Haus standen Fahrräder, die den Weg zum Hauseingang deutlich verengten und es mir darüber hinaus auch noch unmöglich machten, Balduin vor dem Haus zum Ausräumen abzustellen. Also ab in den Carport, meine Einkaufstasche auf die Kühlbox stellen und beides per Pedes in einem Zug in die Wohnung schleppen. Die Getränke blieben jetzt erst mal auf der Rückbank. Sollen sie vor sich hinkochen. Unser Kühlschrank bekommt das schon wieder in den Griff.

Nun noch Einkäufe verstauen, Waschmaschine leeren, Waschmaschine füllen, Spülmaschine leeren, warten, bis meine Angetraute in Richtung Friseur verschwindet, saugen und dann gaaaanz langsam wieder runterkommen.

Es ist Samstag. Und es ging zu lange gut.


Die Katzenbande - Marty und Smilla (4)

Um Marty und Smilla an uns zu gewöhnen beschloss die zweitbeste Ehefrau von allen, in der nächsten Zeit im Gartenzimmer zu nächtigen. Ich baute also mit einigen Klapp-Matratzen ein Behelfsbett auf, von dem aus wir tagsüber abwechselnd mit den Katzen redeten, während meine Angetraute dort auch mehrmals übernachtete. Wie gut, daß niemand zuhören konnte, was man so einen Mist zusammenreden kann, aber es kam ja nicht auf die Inhalte an, sondern auf den Klang der Stimme. Außerdem lockten wir mit Spielzeug.


Smilla zeigt Bein

Irgendwann war es soweit, daß sich Marty und Smilla vorsichtig und immer noch scheu blicken ließen. Ausgerechnet die schüchterne Smilla war es, welche die ersten Erkundungstouren wagte und unsere Treppe – ein für sie vollkommen neues Objekt – vorsichtig bezwang. Nachdem Marty erkannt hatte, daß Smilla nichts geschehen war, wagte er sich auch vor.


He, Neuer, bis hierhin und nicht weiter.

Da die beiden erst in einem höheren Alter zu uns kamen als alle ihre Vorgänger, dauerte es wohl auch länger, bis sie sich an die neue Situation gewöhnten. Wir warteten viele Wochen, die sich schließlich zu Monaten hinzogen, bis usnere Neuankömmlinge soweit waren, daß sie ein gewisses Vertrauen zu uns aufgebaut hatten. Insbesondere Smilla zeigt sich weiterhin schreckhaft. Aber wir können mit Fug und Recht sagen, daß Marty und Smilla inzwischen bei uns angekommen sind. Marty hat in Sally eine ältliche Freundin gefunden, mit der er gegenseitige Fellpflege betreiben kann. Lilly und Marty tolerieren sich weitgehend. Hin und wieder geraten beide aneinander, was aber zumeist an Martys ungestümem Verhalten liegt. Wirklich ernsthafte Prügeleien haben wir bislang nicht beobachtet, nach ein paar Hieben und viel Theater war alles zwischen den beiden geregelt. Smilla geht weiterhin jeder Konfrontation mit den anderen aus dem Weg, fühlt sich hier aber auch spürbar wohl.

Wir werden sehen, was die Zukunft für unsere Katzenbande noch bereithält.


(Ende)



Freitag, 7. Juni 2013

Die Katzenbande - Marty und Smilla (3)

Im tiefsten Winter legten wir die weite Strecke zum Waldgut ein viertes Mal zurück. Es ging über enge Straßen entlang an tiefen Abhängen, und selbst anhaltender Schneefall konnte uns und unseren Balduin nicht aufhalten. Vor Ort erledigten wir die Formalitäten. Dann übergab man uns Marty und Smilla, die zum ersten Mal in ihrem Leben das Waldgut verlassen würden.

Die Fahrt war begleitet von herzzerreißendem Katzenjammer. Marty hatte sich in seiner Box unter der Einlage versteckt. Zu Hause angekommen schleppten wir die beiden Transportboxen in das Gartenzimmer und waren sehr gespannt auf Sallys und Lillys Reaktionen. Wir öffneten die Türen der Boxen. Smilla kam vorsichtig heraus und sah sich um, während Marty sich erst mal aus seinem Versteck unterhalb der in seiner Box befindlichen Liegematte ausgraben musste.


Marty und Smilla

Unsere Seniorkatze zeigte sich von den beiden Neuankömmlingen unbeeindruckt. Bevor sie die beiden auch nur eines Blickes würdigte, untersuchte sie die nun leeren Boxen nach Leckerchen. Die Boxen finden bei uns an sich nur bei Tierarztbesuchen Verwendung. Als Trösterchen gibt unsere Tierärztin für den Rückweg immer Leckerchen mit in die Box. Daisy hat diese Leckerchen immer ignoriert, aber Sally und Lilly haben die Sache nie so eng gesehen und sich – zumindest nach unserer Rückkehr in die heimischen vier Wände – sowohl über die eigenen als auch die für Daisy bestimmten Naschereien her gemacht.

Wer bist du? Was willst du?

Nun musste Sally feststellen, daß es kein Futter zu holen gab und hatte somit Zeit, einen Blick in die Umgebung zu werfen. Die in ihrer unmittelbaren Nähe wartende Smilla war ihr erstes Opfer. Sie kassierte einen kräftigen Faucher und wusste somit, wer hier das Sagen haben wollte. Im Vorübergehen gab es auch noch einen Faucher für Marty, dann war das Thema für Sally erledigt.


Was ist da unten los?

Das Gleiche galt für Marty und Smilla, die sich bis auf weiteres in hastig gesuchte Verstecke zurückzogen. Lilly ließ sich dann auch noch blicken, war zu unserer Überraschung aber absolut verunsichert. Sie schlich die Treppe förmlich in Bodenlage hinunter, schaute sich von den unteren Stufen aus um und verzog sich wieder. Gelegentlich sah sie verängstigt-neugierig die Treppe hinunter, aber zu mehr fehlte ihr offenbar der Mut. Ein peinlicher Auftritt für eine Katze, die Ansprüche auf die Rolle der künftigen Chefkatze des Hauses erheben will.


Was sind das da unten für welche?

Marty und Smilla blieben in Deckung. Insbesondere Marty heulte zeitweise steinerweichend, was noch einige Tage und Nächte so bleiben sollte. Wir ließen beide erst mal in Ruhe und sahen nur hin und wieder mal nach, was sie dort unten machten. Meistens blieben sie in ihren Verstecken. Einmal habe ich beide eng aneinander gekuschelt hinter einem Vorhang gefunden, was uns in der Ansicht bestärkte, daß es eine gute Entscheidung war, die Geschwister nicht getrennt zu haben. Doch auch nach einigen Tagen ließen sich Smilla und Marty nicht bei uns blicken.


(wird fortgesetzt)