Dienstag, 14. Mai 2013

Von Bienchen und Blümchen

Es herrschte eine allgemeine, wohltuende Ruhe im Büro. Jeder werkelte mal wieder vor sich hin, kein Telefon störte durch aufdringliches Gehupe den Arbeitseifer, und auch die defekte Türsicherung zum Treppenhaus schlug ausnahmsweise mal keinen falschen oder berechtigten Alarm.

Doch plötzlich lag ein Geräusch in der Luft. Ein Zischen. Oder besser die Umkehrung eines Zischens. Jemand hatte Luft durch zusammengebissene Zähne eingesogen. Trudi! Und dann kam es. Das absolut Unaussprechliche.

„Scheiße!“

„Strich!“

Mandy hat gnadenlos ihre Buchführung vorangetrieben. In unserem Büro ist es nämlich so, daß jeder, der das böse Wort mit „Sch…“ ausspricht, einen Strafpunkt in Form eines Striches erhält. Bei zehn Strichen ist das Maß der Zettel voll und eine Strafe in Gestalt eines zu spendierenden Kuchens oder etwas ähnlichem in der Art fällig.

Ich bin übrigens die Schweiz. Unparteiisch, korrekt und gleich ungerecht zu allen. Da ich meinen Damen glaubwürdig versichern konnte, daß das böse Wort in meiner Heimat durchaus zum gepflegten Umgangston unter Amtspersonen gehört, bin ich aus der Wertung raus. 

Meine Neutralität wird noch dadurch unterstrichen, daß ich an sich kein dankbarer Nutznießer der Bestrafung bin. Wenn es auf dieser Welt irgendetwas an Genussmitteln gibt, auf das ich dankend verzichten kann, dann sind das Kuchen, Torten und sonstige Süßwaren. Gut, ich lasse so etwas auch keineswegs immer an mir vorbeiziehen, aber so ein Süßer bin ich an sich nicht. Außerdem liegen mir Kuchen- und Tortenstücke immer so im Magen. Ich wäre wahrscheinlich der erste Mensch, der mit einer Kuchendiät abnehmen würde. Man reiche mir ein Stück Kuchen, und ich bin für den Rest des Tages satt. Damit bin ich für die Position der Schweiz in unserem Büro natürlich geradezu prädestiniert.

Fleißig nehme ich die Funktion wahr und petze, wenn eine meiner Damen das böse Wort gesagt hat und dies der anderen eventuell durchgegangen sein sollte. Ich verpetze auch andere, die als nicht Insassen unserer Zelle unseres Büros das böse Wort sagen. Frl. Hasenclever ist sicherheitshalber schon dazu übergegangen, nur noch vom Flur aus mit uns zu sprechen, aber keinesfalls mehr unseren Raum zu betreten. Zu groß ist das Risiko, daß sie ansonsten in unserem Raum unaussprechliche Dinge sagen würde. Was sie auf dem Flur sagt, wäre egal. Das sei jenseits der Grenze und ginge uns nichts an. Genauso wie die radioaktive Wolke eines zufällig explodierten Kernkraftwerkes an einer Landesgrenze halt machen würde. Manchmal kann Politik so einfach sein. Aber nicht bei uns. Mir genügt es, wenn ich das Wort IN unserem Büro wahrnehme. Ob es sich außerhalb unseres Zimmers gebildet hat, ist mir dabei total egal.

Mit meiner Petzerei bewältige ich mal wieder ein sehr tiefgehendes Trauma. In der Schule gehörte ich nämlich nie, aber auch wirklich niemals nicht zu den Auserwählten, die die Namen von all denjenigen Mitschülern, welche in der Zeit laut waren, in der unsere Lehrerin mal den Raum verlassen musste, an die Tafel schreiben durften. Da hat jegliche Schleimerei nichts genützt.

Trudi ist mit dem Einlösen ihrer Strafpunkte im Rückstand. Sie hat schon 26 Striche, aber erst einmal Kuchen mitgebracht.

Doch wenden wir uns wieder dem Auslöser zu, welcher sie veranlasst hat, dieses unsagbar böse Wort von sich zu geben. Wie wir uns erinnern, wurde Trudi soeben von Mandy auf ihre Verfehlung aufmerksam gemacht. Trudi versuchte sich mit einem dünnen „Ich bin entschuldigt.“ zu rechtfertigen.

Mandy gab ihr eine Chance: „Warum das denn?“

„Ich habe mich am Papier geschnitten, das tut weh.“

„Das ist keine Entschuldigung!“

Trudi schmollte: „Doch. Und jetzt blutet es sogar.“

„Willst du ein Pflaster?“

„Nein, habe ich selber. Ein schönes Biene-Maja-Pflaster.“

Mandy hielt es nicht aus: „Ich brech‘ zusammen.“

„Wenn du ein schöneres Pflaster hast, würde ich das natürlich auch nehmen.“

„Nö, ich habe keine schöneren Pflaster.“

Völlig selbstlos warf ich mich zwischen die beiden Streithühner: „Boaah, Mandy, jetzt rück dein geliebtes Blümchenpflaster schon raus.“

„PATERFELIS!!!“



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