Freitag, 24. Mai 2013

Neben der Spur

Es war früher Morgen, die Sonne zeigte sich noch nicht. Der Winter befand sich endgültig*) auf dem Rückzug, allen Ortes hörte man die Zwitschern vögeln die Vöglein zwitschern. Die Stadt erwachte so langsam aus ihrer nächtlichen Ruhe. Der Bus, in dem ich saß um zur Arbeit zu fahren, zog ruhig seine Bahn. Ich saß wieder auf meinem Stammplatz hinter dem Fahrer und beobachtete durch die große Frontscheibe das Geschehen außerhalb des Gefährtes.

Wir waren im Zeitplan, also fuhren wir relativ langsam. Hinter uns befindliche Autofahrer würden bestimmt wieder in ihr Lenkrad beißen, denn nur Weniges ist im Stadtverkehr nervtötender als ein Bus, der bei freier Straße vor einem fährt und dessen Fahrer zuviel Zeit hat. Ich kenne das Gefühl. Immer denkt man sich, daß der Fahrer doch an der nächsten Haltestelle, welche über eine entsprechende Haltebucht verfügt, einfach mal etwas länger warten könnte als nötig, damit die Weiterfahrt dann mit einer verkehrsüblichen Geschwindigkeit erfolgen könne. So aber fungiert der Bus als rollendes Verkehrshindernis.

Aber das sollte nicht mein Problem sein. Wenigstens einmal etwas, was mich nicht betraf und ich auch nicht zu meiner Sache machen würde.

Wir näherten uns einer Ampel, die Tachonadel zeigte etwa 30 km/h an. 50 km/h waren erlaubt. Die Ampel leuchtete grün, der Bus fuhr weiter. Plötzlich betrat eine Frau, vielleicht Mitte Dreißig, gepflegte Kleidung, Handtasche, die Fahrbahn von rechts. Die Fußgängerampel zeigte rot, schon die ganze Zeit. Der Bus wurde langsamer, der Fahrer streifte kurz die Hupe. Die Frau blieb stehen, wandte sich dem sich ihr nähernden Bus zu und fing an, wild zu gestikulieren.

Das schwere Fahrzeug hielt an, es war schon zu dicht an die Frau herangekommen, um noch mit einem lockeren Schlenker an ihr vorbeizufahren. Es wäre wohl auch zu gefährlich gewesen. Die Frau bewegte sich nicht weiter, fing an, irgendetwas herumzubrüllen, was man im Inneren des Busses nicht verstehen konnte. Der Fahrer bedeutete ihr, sie möge weitergehen. Nein, so etwas lag ihr nicht im Sinn. Sie keifte und gestikulierte, regte sich furchtbar auf.

Zwei Autos fuhren an uns vorbei, aber für den Bus war der Weg blockiert. Dachte die Frau, sie hätte grün gehabt und der Bus wollte ihr die Vorfahrt nehmen? Wahrscheinlich, doch ihre Wahrnehmung trügte. Und selbst wenn sie im Recht gewesen wäre – musste sie einen solchen Aufstand machen? Und dann auch noch die Straße blockieren?

Schließlich drehte sie sich abrupt um und ging ihres Weges. Noch ein paar Drohgebärden, dann war es das.

Wie sehr neben der Spur können Menschen eigentlich sein?


*) Habe ich damals wenigstens gedacht.



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