Donnerstag, 9. Mai 2013

Morgens, vor sieben in Deutschland (2)

Die Fahrt geht weiter, wir erreichen den am Hauptbahnhof befindlichen Busbahnhof. Draußen sehe ich die Leute von der Stadtreinigung. Sie sind jeden Morgen pünktlich zur gleichen Uhrzeit am Ort. Einige Gesichter kenne ich. Besonders auffällig in dieser ansonsten männerdominierten Truppe ist eine Frau, etwa Mitte zwanzig, Emo. Sie hat eine extravagante Frisur, trägt an warmen Sommermorgen nur ihre apfelsinenfarbene, warnstreifenbesetzte Arbeitshose und ein schwarzes, ärmelloses Top. Aktuell war es noch etwas kühl, sie hatte zusätzlich eine Arbeitsweste angezogen. Die bis vor kurzem noch schwarz gefärbten Haare zeigten sich letzte Woche knallrot, der lange Seitenscheitel hingegen war strahlend weiß. Aktuell ist die bevorzugte Haarfarbe violett oder lila, ich kann das nicht so gut auseinanderhalten, da ich eine Farbsehschwäche habe.

Weiter geht es, der Bus verlässt den Busbahnhof. Wir müssen eine unfreiwillige Pause einlegen. Ein Schubgelenkbus will ebenfalls raus, muß in Gegenrichtung weiter. Der zu dieser Uhrzeit ungewöhnlich starke Verkehr erschwert ihm das Einfädeln, er blockiert unsere Spur. Schließlich geht es weiter; an meiner Zielhaltestelle steige ich aus und gehe den Rest des Weges zu Fuß. Die Eingangshalle des LASA ist schon beleuchtet. Die Maus, ein Kollege, der mich durch sein Äußeres immer wieder an dieses Nagetier erinnert, bemerkt mich und drückt von innen den automatischen Türöffner. Mist, dann muß ich wieder Konversation im Aufzug halten. Wir tauschen die üblichen Belanglosigkeiten aus, bis sich unsere Wege trennen.

In unserem Zimmer reiße ich erst mal alle Fenster auf. Die frisch gestrichenen Wände und der neue Teppich haben ihre Ausdünstungen hinterlassen. Jacke weghängen, PC anwerfen. Der braucht seine zehn Minuten, bis man mit ihm was anfangen kann. Also erst mal für Betriebsmittel und Schmierstoffe sorgen. Aus der Teeküche hole ich Wasser und vergesse auch nicht die angefangene Milch im Kühlschrank. Dann mache ich meine Teemaschine startklar. Nein, mit Kaffee muß man mir nicht kommen, zumindest nicht in flüssiger Form. Ich bevorzuge Tee. Und ich verfüge über eine Teemaschine. So etwas sieht man nicht oft, und ich bin ganz zufrieden damit, eine solche zu besitzen.

Dann schnappe ich mir meinen Postausgang vom Vortag und bringe ihn zum Postbüro ins Erdgeschoss. Hier werden die Akten verteilt, welche das Haus verlassen. Ich sehe den Ökoklaus von draußen kommen. Nur weg, bevor er anfängt mich zuzutexten. Ich bin zwar ein Frühaufsteher, aber auf seine Jammerei habe ich an sich generell und ganz speziell zu dieser  Uhrzeit echt keine Lust. Ich verschwinde im Postbüro und warte, bis ich den Aufzug höre. Der Ökoklaus ist weg, also kann ich mich wieder vorwagen. Wir haben zwei Aufzüge in unserem Haus, und es ist immer wieder erstaunlich, wie lange es dauern kann, bis einer davon erscheint, obwohl noch nirgendwo etwas los ist. Eine freie Kabine erscheint. Ich betrete sie und stelle fest, daß Trudi in der Zwischenzeit angekommen sein muß. Ihr übliches Parfum liegt in dem kleinen Raum noch schwer in der Luft.

Schließlich erreiche ich wieder mein Büro. Der PC ist betriebsbereit, aber ich habe noch kein Programm aktiviert. Das morgendliche Ritual geht weiter. Es gibt Akten, die ich gestern erledigt habe und die heute an andere Empfänger auf unserer Etage zu verteilen sind. Also begebe ich mich in das auf unserer Etage befindliche Postzimmer. Hier werde ich die Akten los, welche das Haus noch nicht verlassen. Wieder zurück im Büro nehme ich mir den nächsten Aktenstapel. Diese Akten sind in meinen Schrank zu hängen. Es ist noch längst nicht sieben Uhr, das Telefon klingelt. Ungewöhnlich, unsere von der Geschäftsführung erbetenen Telefonzeiten beginnen um halb acht, die offiziellen erst um neun Uhr. Es könnte sein, daß sich ein Kollege krank melden will. Da Fräulein Hasenclever zur Zeit abwesend ist, bin ich ihr Vertreter. Ich gehe mit gebremster Begeisterung ans Telefon – Dreck, Kundschaft. Um diese Uhrzeit. Unverschämtheit, der Typ kommt auf die Schwarze Liste, soviel ist ja mal klar. Da das MIST noch nicht läuft, wird die Sache etwas komplizierter. Ist ja prima, wenn man bei einer Behörde zu einer aktuellen Sache anruft und noch nicht mal sein Aktenzeichen parat hat geschweige denn das Schreiben, wegen dem man anruft. Das Gespräch wird irgendwann mit viel Nachfragerei zur allgemeinen Zufriedenheit beendet. Ich kann meinen ersten Kübel meine erste Tasse Tee einschütten.

Hallo Tag, ich bin angekommen.


(Ende)



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