Mittwoch, 8. Mai 2013

Morgens, vor sieben in Deutschland (1)

Es ist drei Uhr irgendwas, meine Nacht ist vorbei. Wie meistens. Ich erkläre dem Radiowecker, daß er jetzt so langsam sein Werk beginnen kann. Sally und Lilly liegen entlang meiner ausgestreckten Beine im Bett. Doch ich werde ihnen zu unruhig, sie verschwinden irgendwo hin, vermutlich in Richtung Wohnzimmer.

Um vier Uhr nochwas stehe ich schließlich auf. Mein erster Gang führt mich in Richtung Mädchenzimmer, um die Tür zu schließen, damit meine Angetraute von meinem morgendlichen Rumoren nicht gestört wird. Gelegentlich kommt es vor, daß Lilly noch in das Zimmer reinrennt, nur um von mir wieder rauskomplimentiert zu werden. Ein leises aber energisch gesprochenes „Lilly, raus!“ genügt im Regelfall vollkommen, um sie dazu zu bewegen, meckernd aber dennoch folgsam das Mädchenzimmer wieder zu verlassen. Das klappt übrigens auch mit allen anderen Räumen unserer Wohnung. Aber noch nicht mit allen Katzen. Wir arbeiten daran.

Heute hat es die Katzenbande aber auf mich abgesehen. Bevor ich auch nur in die Nähe der Tür komme, stürmen Lilly, Marty und sogar Smilla gemeinsam das Mädchenzimmer. Nachts sind zwar alle Katzen grau, und noch habe ich kein Licht angemacht, aber es ist hell genug um die Meute genau erkennen zu können. Gut, in dem Moment habe ich verloren. Die würde ich nicht aus dem Mädchenzimmer rausholen können, ohne die zweitbeste Ehefrau von allen zu wecken. Also ab zum Porzellanpalast. Auf dem Thron sitzend beobachte ich, wie eine Katze nach der anderen das Mädchenzimmer wieder verlässt. Ich behalte die Sache so gut es geht im Auge und schließe nach getaner Verrichtung die Tür.

Nun geht es eine Etage tiefer. Marty kommt mit, wartet vor der Tür des dortigen Badezimmers, denn hier befindet sich unsere Dusche. Ich bin fertig und öffne die Tür von innen. Sofort stürmt der Hauskater rein und erfreut sich der noch nassen Duschwanne. Ich schlurfe nach oben und gehe in die Küche. Mich erwartet das gestern hier hinterlassene Chaos. Ich suche mir zwei saubere Fressnäpfe und versorge die Katzen. Nassfutter gibt es nur morgens, Trockenfutter steht ganztägig zur Verfügung. Sally bekommt ihren „Spezialkakao“. Heute ist sie mäkelig und will noch nichts fressen. Ist in Ordnung.

Ich beseitige das Chaos in der Küche, habe danach aber keine Lust, mir meine Brote für den Tag fertig zu machen. Außerdem möchte ich keine Tasche mit mir herumschleppen. Dann muß es eben ohne Essen gehen, Frühstück nach Feierabend ist für mich auch nicht total ungewöhnlich. Ich ziehe mich an, während der Laptop hochfährt. Dann schaue ich in den Entwurfsordner der fertigen Blogeintragungen und überlege, welchen ich heute freischalte.  Oh, ein neuer Kommentar von Frau chat noir. Prima, ich schalte auch diesen frei. Es wird Zeit, zur Bushaltestelle zu marschieren.

Draußen ist es noch nicht warm genug, um ohne Jacke herumzulaufen. Die Vögel machen ordentlich Radau. Ich warte an der Haltestelle. Der Bus kommt pünktlich, ich steige ein, setzte mich auf den Platz hinter den Fahrer. Es ist warm im Bus, die Heizung ist hoch aufgedreht. Man kann ja alles übertreiben. Da bemerke ich, daß die beiden Klappfenster auf meiner Höhe geöffnet sind. Mist, jetzt hat der Herr Paterfelis wieder ein kleines, absolut überflüssiges Problem. Lasse ich das Fenster auf meiner Seite geöffnet oder nicht? Ich bin ja immer für offene Fenster zu haben, aber in einem fahrenden Bus kann das schon unangenehm ziehen. Schließe ich das Fenster, könnte der Eindruck entstehen, ich sei einer dieser Typen, die schon beim Anblick eines offenen Fensters frieren. Lasse ich es offen, könnte ein anderer Fahrgast kommen, und es selbst schließen, was ich wieder als – da mein Fenster - gegen mich gerichtete Aggression empfinde. Vollkommen irrational. Ich lasse es noch etwas offen, aber dann wird es mir selbst etwas zugig. Fenster zu, Fall erledigt.

An der nächsten Haltestelle steigt eine junge Frau ein, vielleicht Anfang Zwanzig. Für meinen Geschmack ist sie etwas zu stark geschminkt, aber generell geht es noch. Die habe ich hier noch nie gesehen. Ich beobachte wieder die Welt da draußen, als ich bemerke, daß die junge Frau sich meinem Platz nähert. Es ist heute ein Doppelsitz. Was, will die sich in dem noch nahezu leeren Bus neben mich setzen? Bitte nicht! Sie spricht mich an. Ach so, Fahrgastbefragung im Auftrag der NÖP. Sie sagt ihren Text mit lauter, fester Stimme auf. Ich beneide solche Leute, die keine Probleme damit haben, andere anzuquatschen. Willig gebe ich Auskunft. Danke, bitte, gern geschehen. Sie wendet sich an den nächsten Fahrgast, wiederholt ihren Text. Wir sind nur zu viert, die Sache ist schnell erledigt.

An der nächsten Haltestelle steigt ein Bekannter von ihr zu. Er ist Fahrgastzähler und muß keine Fragen stellen. Sie setzen sich nebeneinander hin und unterhalten sich. Ich höre die Stimme der jungen Frau; sie hat ein sehr lautes Organ. „Die hassen mich bestimmt alle, weil ich ihnen mitten in der Nacht schon Fragen stelle.“ Nein, wir hassen dich alle, weil du so laut sprichst. Am Haltepunkt Neustädter Ländchen steigt sie aus, fährt mit dem Gegenbus wieder zurück.


(wird fortgesetzt)



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen