Samstag, 11. Mai 2013

Ganz harte Kerle

Es war eine harte Zeit, und sie erforderte harte Kerle. Eine Dampflokomotive auf den Gleisen der Deutschen Bundesbahn zeugte noch nicht vom Einsatz eines Museumszuges, die Borduhren auf dem Raumschiff Enterprise waren durch und durch mechanisch und im deutschen Fernsehen konnten im Regelfall drei Programme empfangen werden. Von montags bis freitags begann die Sendezeit erst um 17 Uhr, und die wirklich tollen Serien liefen zu Zeiten, in denen die Helden dieser kleinen Geschichte schon längst im Bett lagen. Also nach 20 Uhr.

Die Gruppe bestand aus etwa zwölf Personen, vielleicht etwas mehr oder weniger. Die Hälfte von ihnen, die harten Jungs im Alter von vier bis fünf Jahren, versammelten sich um einen Tisch. Die Mädchen spielten weiter in ihrer Ecke, in der die Puppenstube des Kindergartens sie auf ihre spätere Rolle in Haushalt und Familie vorbereitete. Mit anderen Worten: Die Welt war noch in Ordnung.

Unsere Protagonisten hatten zu dieser Zeit noch einen übersichtlichen Fernsehkonsum. Es gab ein regelmäßiges Kinderprogramm, aber dieses war zeitlich – sagen wir mal – sparsam gestaltet. Die ältesten unter den Jungs konnten sich noch an die Zeit erinnern, als die Sesamstraße ausschließlich im englischen Original, das heißt tatsächlich nicht synchronisiert im dritten Programm lief. Der kleine Paterfelis vermochte die Zahlen von 1 bis 10 vorwärts und wieder zurück zuerst auf Englisch runterzurasseln, bevor ihm das auf Deutsch in der gleichen Geschwindigkeit möglich war.

Fernsehen war zwar Alltag, aber doch was Besonderes. Und wie es so mit den besonderen Dingen ist, prahlen Jungs damit. So auch heute. Einer der Jungs eröffnete den Angeberkreis die wöchentliche Diskussionsrunde mit der Frage „Wer hat alles Sesamstraßegeguckt?“. Einige Arme ragten in die Höhe. „Wer hat alles Robinzak geguckt?“ Einige Arme sanken wieder runter, andere erhoben sich. So ging es weiter, alles was die Kinderstunde zu bieten hatte, wurde runtergebetet. Es gab Calimero, die Rappelkiste, Wicki und die starken Männer sowie für die ganz Glücklichen auch das Raumschiff Orion.

Der kleine Dirk hatte die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Er überlegte und stellte dann die entlarvende Frage, wer denn alles die Mainzelmännchen gesehen habe. Dirks Arm ragte steil in die Höhe, er strahlte wie ein Honigkuchenpferd und streckte sich auch noch, damit alle es sehen konnten.

„Mainzelmännchen? Hau ab, das ist doch was für Babys.“

Mit was für Kleinkindern man sich im Kindergarten doch immer wieder abgegeben muß.










1 Kommentar:

  1. Eine köstliche Reise in die Vergangenheit.
    Jetzt möchte man sagen: Ach, waren das noch Zeiten! In jener Zeit konntn die Helden auch noch spielen, lesen oder dergl. Dazu bleibt heute ja keine Zeit mehr.
    Ein schönes Wochenende wünscht dir
    Irmi

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