Montag, 13. Mai 2013

Die Katzenbande - Lilly (2)

...schließlich nach einiger Zeit Geräusche im Treppenhaus die Ankunft von Lilly signalisierten.

Nach ihrem Eintreffen stellte meine Angetraute die Transportbox auf den Boden unseres Wohnzimmers. Kurze Zeit später öffneten wir die kleine Gittertür. Lilly kam wie selbstverständlich raus, ohne eine Spur von Scheu zu zeigen. Ihre Begrüßung hatte sie sich aber wohl anders vorgestellt. Von unseren beiden Großen wurde sie direkt angefaucht und auf ihren Platz in der Hackordnung verwiesen. Schnell ergriff sie die Flucht in unser Gartenzimmer und war erst mal verschwunden.

Wir ließen Lilly etwas zur Ruhe kommen, bis wir ihr schließlich folgten. Ich setzte mich in den im Gartenzimmer befindlichen großen Wildledersessel und begann, mit freundlicher Stimme auf Lilly einzureden. Sie war vorsichtig, ließ es sich aber durchaus gefallen. Dann begann die Kleine, das Gartenzimmer zu untersuchen, welches von nun an ihre Kinderstube wurde. Hier war sie vor Sally und Daisy sicher, denn die beiden folgten ihr nicht, sondern bevorzugten es, im Wohnzimmer zu bleiben und das neue Problem auszusitzen. Irgendwann kam Lilly näher zu mir, ließ sich auch kurz streicheln. Dann wagte sie es und sprang zu mir auf den Sessel. Wieder erhielt sie ein paar Streicheleinheiten. Schließlich geschah das nahezu Unfassbare. Lilly rollte sich ein meiner Armbeuge zusammen und schlief erst mal eine Runde.
 
Das war ursprünglich mal anders gedacht.

Die nächsten Tage und Wochen wurden zu einer nervlichen Belastungsprobe. Lilly begann, ihr neues Heim zu erkunden. Daisy hatte den Neuankömmling schnell im Griff. Sie hetzte Lilly durch die Wohnung und gab ihr auch eine angemessene Portion Prügel, wenn sie sich zu frech zeigte, ansonsten aber wurde Lilly von unserer Chefkatze eiskalt ignoriert. Lilly ging sogar so weit, immer wieder mal einen Hechtsprung der Länge nach über die vor sich hin trottende Daisy zu veranstalten oder hinter einem Vorsprung auf sie zu lauern, um sie dann von der Seite anzuspringen. Daisy zeigte meist keinerlei Reaktion. Zumindest so lange nicht, bis Lilly es übertrieb oder es Daisy zu bunt wurde. Und dann – siehe oben. Wurde Lilly von Daisy bedroht, versuchte sie sich katzentypisch aufzuplustern und den Schwanz zu einer Klobürste zu formen. Bei dem dünnen Fell, welches sie seinerzeit hatte, wirkte dies aber schon eher herzzerreißend als auch nur im Ansatz eindrucksvoll.

Sally hingegen bekam mit Lilly Schwierigkeiten. Sie mochte den kleinen Wirbelwind überhaupt nicht. Rückte Lilly ihr zu dicht auf den Pelz, wurde sie anhaltend angefaucht. Dabei suchte Lilly doch nur Sallys Nähe, aber es nützte nichts. Sally gab sich mit ihr nicht ab. Ihr Kehlkopf war zu dieser Zeit schon etwas angegriffen, was durch die ganze Überbeanspruchung schließlich zu einer dauernden Schädigung führte. Nie wieder würde Sally ein angenehmes Brummen von sich geben. Seit dieser Zeit ist das Alternativ-Geräusch ein markerschütterndes Krächzen. Auch hatte Sally für lange Zeit nicht mehr die Ruhe, sich von uns Streicheleinheiten geben zu lassen. Wir wussten nicht, wie wir das in den Griff bekommen sollten, denn Lilly ließ keine Ruhe. Es gab durchaus erste Überlegungen meinerseits, Lilly wieder abzugeben. Doch schließlich beruhigte sich die Lage wieder. Lilly und Sally wurden niemals Freunde, aber sie arrangierten sich miteinander.

Die kleine Grazie
 
Auffällig war Lillys Gier nach Nassfutter. Es ist unglaublich, welche Mengen davon sie zu Beginn ihrer Zeit bei uns in sich reinstopfen konnte. Und diese Gier drückte sich nicht nur in dem Volumen des von ihr vertilgten Futters aus, sondern in ihrem ganzen Verhalten. Sie wirkte stets, als hätte sie seit Wochen nichts gefressen. Es gab keine Spur von Zurückhaltung, sie musste einfach an den Napf. Es ist unbeschreiblich. Auch heute noch zeigt sie den starken Drang zum Nassfutter, nur ist die Gier nicht mehr ganz so ausgeprägt.

Lilly entwickelte sich zu einer richtigen Schmusekatze. Wie alle unsere Katzen hat sie ein unverwechselbares Fell, an dem man sie auch in stockfinsterer Nacht erkennen kann. Ich finde das immer wieder sehr interessant, denn außer Daisy waren bislang alle Mitglieder der Katzenbande Europäisch Kurzhaar-Katzen, gemeinhin als gewöhnliche Hauskatze bekannt. Aber jede fühlt sich anders an. Lillys Fell war und ist, auch nachdem es dichter geworden war, besonders weich und erweckt den Eindruck, etwas kühl zu sein. Lilly lässt sich gerne mal streicheln, doch lieber ist es ihr, wenn sie sich mit ihrem ganzen Körper an meine Angetraute oder mich presst, während wir eine Hand auf sie legen und diese dann einfach auf ihr lassen. Es ist bei Lilly auch gerne gesehen, wenn sie eine oder beide Hinterpfoten m Liegen in eine bereitgehaltene Hand drücken kann. Das hält sie tatsächlich stundenlang aus, wenn sich jemand von uns mal erbarmt und das Spiel so lange mitmacht.

Das ist zwar nicht Papas Bett, stört aber auch nicht weiter.
 
Bevor Marty und Smilla zu uns kamen und das abendliche Leckerchen-Ritual begann, hatte sich Lilly angewöhnt, immer wenn ich ins Bett ging darunter zu verschwinden und dort die ganzen dort bestimmt hausenden Nachtmonster zu verjagen, damit ich in Ruhe schlafen konnte. Das fand ich schon sehr aufmerksam von ihr. Anschließend kam sie ins Bett, holte sich nochmal eine Streicheleinheit ab und verschwand dann zu meiner Angetrauten oder in den Topf, sofern dieser gerade nicht von Daisy in Anspruch genommen wurde.

Bis heute hat Lilly das Kindheitstrauma, nämlich den mit Sicherheit nicht so angenehmen Transport mit ihren Geschwistern in einer Plastiktüte, nicht überwunden. Sobald wir mit einer Plastiktüte zugange sind oder ein ähnlich klingendes Geräusch erzeugen, verschwindet sie voller Angst. Immerhin beruhigt sie sich danach schnell wieder, aber es ist schon erschütternd, so etwas zu beobachten.

Mit Daisys Tod verschwand Lillys Hauptbezugskatze aus ihrem Leben. Es gab zwar kein derart offenkundiges Trauerverhalten, wie es seinerzeit Sally nach Lucys Tod gezeigt hatte, aber man spürte deutlich, daß auch sie einen Verlust erlitten hatte. Wir machten uns Gedanken, wie es weitergehen sollte.


(Ende dieses Kapitels)


Kommentare:

  1. Boah, eine ganz wunderschöne Geschichte.
    Es sit schon verwunderlich, wie jede Katze
    ihren eigenen Charakter hat.
    Einen schönen Abend wünscht dir
    Irmi

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  2. Ja, man kann es sich nicht so leicht machen und Tiere einfach nur als instinktgesteuert einstufen. Dazu sind sie ab einer gewissen Intelligenzstufe einfach zu komplex.

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