Donnerstag, 30. Mai 2013

Der Tippelbruder

Es ist nicht ungewöhnlich, an einem größeren Bahnhof auch Tippelbrüdern (und –schwestern) zu begegnen. Sie sind nicht gerne gesehen, doch so lange sie keine Reisenden belästigen, werden sie von Polizei und Ordnungsamt in Neustadt toleriert.

Die meisten Gesichter dieser Menschen nehme ich im Vorbeigehen nicht bewusst war. Es sind Gesichter in der Masse, vielleicht etwas anders und auffallend, aber am Ende verschwinden sie dennoch in der Masse der Eindrücke. Einen von ihnen kenne ich seit Jahren. Aber was heißt kennen? Wir haben - ich bin fast versucht zu sagen natürlich - nie ein Wort miteinander gewechselt; auch an ihm gehe ich vorbei und denke wenige Meter später nicht mal mehr daran. Und trotzdem würde ich gerade diesen Herrn überall wiedererkennen. Ja, ich nenne ihn einen Herrn. Müsste ich einen von der Tippelbrüder und -schwestern ansprechen, egal welchen, würde ich unwillkürlich zum Sie und Herr bzw. Frau in der Anrede greifen. Das steckt so in mir drin, ich mag die plumpen Vertaulichkeiten nicht. Aber dieser Tippelbruder ist anders. Bei ihm hätte die Anrede einen anderen Hintergrund. Er strahlt etwas aus, vermittelt eine Form von Würde und Respekt, wie ich sie selten bei einem Menschen wahrnehme.

Der Tippelbruder, er wird inzwischen um die 60 Jahre alt sein, macht einen gepflegten Eindruck, soweit das für einen Obdachlosen möglich ist. Er hat mehr als schulterlange, schon durch und durch graue Haare. Im Winter trägt er einen langen, schwarzen Mantel. Seit einigen Jahren sieht man ihn nur noch mit kurzem Vollbart. Er hat einen klaren, hellen Blick und wirkt zufrieden mit sich und der Welt. Es würde mich sehr überraschen, ihn jemals mit einem alkoholischen Getränk oder Zigaretten zu sehen.

Seit einigen Tagen hat er im Durchgang unter den Gleisen des Hauptbahnhofes in einer Ecke wieder ein kleines Lager aufgeschlagen. Seine Ausrüstung ist nicht ungewöhnlich, eben typisch Tippelbruder. Eine Decke, eine Tasche, ein Rucksack. Dazu noch ein oder zwei gefüllte Plastiktüten. Meistens sitzt er auf seiner Decke, eine Schale für Spendenmünzen vor sich hingestellt. Seltener findet man ihn schlafend. Seine Geschichte würde mich wirklich interessieren, aber ich werde ihn natürlich nie danach fragen. Vielleicht ist es auch besser so, denn vermutlich würden mir meine Illusionen doch geraubt werden.

Gestern bin ich wieder an seinem Lager vorbeigekommen. Er war nicht zu sehen, aber an seiner dort noch liegenden Tasche, die ihm gleichzeitig schon mal als sein Kopfkissen dient, waren drei aufgeblasene bunte Luftballons befestigt. Keine mit Gas gefüllten, sondern ganz einfache, luftbefüllte runde Ballons in rot, blau und grün. Ich weiß nicht warum, aber diese Szene hat mich irgendwie angerührt. Möge es diesem Herrn gutgehen.



1 Kommentar:

  1. Eine anrührende Geschichte. Ich glaub, ich hätte ihn mal angesprochen. Vielleicht hätte es ihn gefreut.
    Möge ihm nichts passiert sein.
    Einen schönen Abend wünscht
    Irmi

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