Freitag, 31. Mai 2013

War ja nett gemeint

Zum besseren Verständnis der folgenden Geschichte muß ich ein paar erläuternde Worte vorausschicken. Wie wohl in den meisten öffentlich-rechtlichen Verwaltungen gibt es natürlich auch im LASA eine Hierarchie. Bei uns wären da zunächst die Kollegen des mittleren Dienstes,also die Assistenten, danach die Sachbearbeiter, gefolgt vom Fachbereichsleiter. Der Leiter der Außenstelle schwebt über allen. Als Seniorsachbearbeiter bin ich eher den Sachbearbeitern zugeordnet, muß aber auch als Vertreter des Fachbereichsleiters im Fall der Fälle die Akten meiner sachbearbeitenden Kollegen unterschreiben.

Niemand darf etwas alleine entscheiden. Wenn jemand einen Vorgang zu Ende bringen möchte, geschieht dies in Form einer Entscheidungsvorlage, welche im Regelfall dem nächst Höheren in der Hierarchie zur Unterschrift vorgelegt wird. Auf der Ebene der Sachbearbeiter wiederum gibt es die Besonderheit, daß bestimmte Sachverhalte zwar nur vom Fachbereichsleiter entschieden werden sollen, dies aber durchaus auch von anderen Sachbearbeitern erledigt werden darf. Das ist dann eher eine organisatorische Frage.

Wie bereits hinlänglich bekannt ist, haben wir aufgrund verschiedener unbesetzter Stellen seit Monaten eine Dauervertretungssituation auf der Ebene der Sachbearbeiter. Dies führt dazu, daß sich Rückstände bilden. Um uns zu unterstützen, hat Frl. Hasenclever angeboten, selbst Entscheidungsvorlagen vorzubereiten und diese – sofern geeignet – von den Sachbearbeitern unterschreiben zu lassen. Dies ist durchaus zulässig und macht in unserer Situation auch einen gewissen Sinn, denn das Erstellen der Entscheidungsvorlage dauert meistens sehr viel länger als deren Prüfung.

Eines mehr oder weniger schönen Vormittags gehe ich in das Büro von Frl. Hasenclever. Ich sehe förmlich die dunklen Wolken, die ihren Kopf umhüllen.

„Na, was sehen Sie denn so missmutig aus?“ frage ich sie.

„Ich habe Mandy gestern Akten zur Unterschrift vorgelegt, in denen ich die Entscheidungsvorlagen selbst gemacht habe.“

„Ja, und?“

„Die hat mir alle beanstandet.“

„Aha.“

„Und dann hat sie noch gesagt, daß es ja sehr nett von mir ist, die Entscheidungsvorlagen selbst zu machen.“

„Womit sie auch recht hat.“

„Und dann hat sie gesagt, daß es wohl sinnvoller wäre, ich würde es sein lassen und mich auf das Prüfen beschränken. Das könnte ich besser.“

„Auch da wage ich nicht zu widersprechen.“

„BOAAAHHH, RAUS!!!“

*grins*


Donnerstag, 30. Mai 2013

Der Tippelbruder

Es ist nicht ungewöhnlich, an einem größeren Bahnhof auch Tippelbrüdern (und –schwestern) zu begegnen. Sie sind nicht gerne gesehen, doch so lange sie keine Reisenden belästigen, werden sie von Polizei und Ordnungsamt in Neustadt toleriert.

Die meisten Gesichter dieser Menschen nehme ich im Vorbeigehen nicht bewusst war. Es sind Gesichter in der Masse, vielleicht etwas anders und auffallend, aber am Ende verschwinden sie dennoch in der Masse der Eindrücke. Einen von ihnen kenne ich seit Jahren. Aber was heißt kennen? Wir haben - ich bin fast versucht zu sagen natürlich - nie ein Wort miteinander gewechselt; auch an ihm gehe ich vorbei und denke wenige Meter später nicht mal mehr daran. Und trotzdem würde ich gerade diesen Herrn überall wiedererkennen. Ja, ich nenne ihn einen Herrn. Müsste ich einen von der Tippelbrüder und -schwestern ansprechen, egal welchen, würde ich unwillkürlich zum Sie und Herr bzw. Frau in der Anrede greifen. Das steckt so in mir drin, ich mag die plumpen Vertaulichkeiten nicht. Aber dieser Tippelbruder ist anders. Bei ihm hätte die Anrede einen anderen Hintergrund. Er strahlt etwas aus, vermittelt eine Form von Würde und Respekt, wie ich sie selten bei einem Menschen wahrnehme.

Der Tippelbruder, er wird inzwischen um die 60 Jahre alt sein, macht einen gepflegten Eindruck, soweit das für einen Obdachlosen möglich ist. Er hat mehr als schulterlange, schon durch und durch graue Haare. Im Winter trägt er einen langen, schwarzen Mantel. Seit einigen Jahren sieht man ihn nur noch mit kurzem Vollbart. Er hat einen klaren, hellen Blick und wirkt zufrieden mit sich und der Welt. Es würde mich sehr überraschen, ihn jemals mit einem alkoholischen Getränk oder Zigaretten zu sehen.

Seit einigen Tagen hat er im Durchgang unter den Gleisen des Hauptbahnhofes in einer Ecke wieder ein kleines Lager aufgeschlagen. Seine Ausrüstung ist nicht ungewöhnlich, eben typisch Tippelbruder. Eine Decke, eine Tasche, ein Rucksack. Dazu noch ein oder zwei gefüllte Plastiktüten. Meistens sitzt er auf seiner Decke, eine Schale für Spendenmünzen vor sich hingestellt. Seltener findet man ihn schlafend. Seine Geschichte würde mich wirklich interessieren, aber ich werde ihn natürlich nie danach fragen. Vielleicht ist es auch besser so, denn vermutlich würden mir meine Illusionen doch geraubt werden.

Gestern bin ich wieder an seinem Lager vorbeigekommen. Er war nicht zu sehen, aber an seiner dort noch liegenden Tasche, die ihm gleichzeitig schon mal als sein Kopfkissen dient, waren drei aufgeblasene bunte Luftballons befestigt. Keine mit Gas gefüllten, sondern ganz einfache, luftbefüllte runde Ballons in rot, blau und grün. Ich weiß nicht warum, aber diese Szene hat mich irgendwie angerührt. Möge es diesem Herrn gutgehen.



Dienstag, 28. Mai 2013

Tja, und nun?

Ist es ein Zeichen endlich und wahrhaftig beginnenden Wahnsinns, wenn man feststellt, daß der ganze Mist um einen herum wirklich noch steigerungsfähig ist und man darauf tatsächlich nur noch mit einer Mischung aus heiterer Gelassenheit (!) und dem Wunsch nach einem Amoklauf reagieren kann?

Ich werde mal in mich gehen und warten, in welche Richtung sich die Waage neigt.


Montag, 27. Mai 2013

45!

Nein, ich habe mich in der Überschrift nicht vertippt. Da sollte nicht die legendäre 42 stehen, sondern es geht heute um die 45. Genauer gesagt um 45 Sekunden. Qualvolle 45 Sekunden. 45 Sekunden Leid und Schmerz.

Im Sporttempel stähle ich Ausdauer und Kraft im Wesentlichen mit Radfahren und Zirkeltraining. Das Zirkeltraining darf sich der interessierte Laie und auch jeder sonstige unwissende Leser wie folgt vorstellen: In einem Kreis wurden acht aufeinander abgestimmte, mit einer persönlichen Chipkarte elektronisch einstellbare Geräte positioniert. Diese sind der Reihe nach abzuarbeiten. Jedes Gerät ist 45 Sekunden lang zu bedienen, danach hat der Sporttreibende 30 Sekunden Zeit, um zum nächsten Gerät zu wechseln. Der Kraftaufwand zur Bedienung eines jeden Gerätes soll so bemessen sein, daß man am Ende der 45 Sekunden nicht mehr in der Lage ist, die Übung auch nur einmal zu wiederholen. Zumindest so lange nicht, bis man den Zirkel einmal komplett durch hat, denn dann folgt eine weitere Runde.

An sich müsste ich mein Training mal wieder verändern. Damit weiterhin Erfolge im Sinne einer Weiterentwicklung erzielt werden, ist dies alle paar Monate erforderlich. Geringe Anpassungen können schon genügen. Im Sporttempel ist es kein Problem, zu diesem Zweck jederzeit eine Trainerstunde in Anspruch zu nehmen. Natürlich mache ich das nicht. Die Phobie verhindert auch dies höchst erfolgreich. Lieber bleibe ich in meinem Trott. Aber immerhin genügt dies, um die möglichen schmerzlichen Auswirkungen meiner Wirbelsäulenschädigung im Griff zu behalten. Doch zurück zum Thema.

In diesen 45 Sekunden des aktiven Trainings im Zirkel sind bei sachgerechter Ausführung der Übungen etwa acht bis zwölf Wiederholungen realistisch. Und da man regelmäßig bis an die körperlichen Grenzen gehen soll – es sei denn, man ist ein älteres Semester, so wie ich *grummel* - ist das schon eine ziemliche körperliche Belastung. Aber auch bei Nichtausreizen der maximal möglichen Kraftentwicklung genügt es schon um zu spüren, was man da getan hat.

Die 45 Sekunden werden durch eine in der Mitte des durch die Geräte gebildeten Kreises aufgestellten Säule angezeigt, die mit Wasser gefüllt ist. Solange in der Säule Blubberblasen sichtbar sind, laufen die 45 Sekunden. Anschließend wird die zur Blasenbildung benötigte Pumpe für 30 Sekunden deaktiviert, um dann wieder von vorne zu beginnen.

Als ich den Zirkel nach dem Aufwärmtraining ansteuerte sah ich, daß irgendetwas mit der Säule nicht stimmte. Zwei Mitarbeiter des Sporttempels hatten den unteren Bereich, in dem die Elektronik versteckt ist, geöffnet und waren bemüht, die Pumpe wieder in Gang zu setzen. Man befand, daß ein Wackelkontakt vorliegen würde, welcher jetzt nicht zu beheben sei.

Eine mir aus der wöchentlichen Routine bekannte Dame, die bereits im Zirkel aktiv war, meinte mit einem Grinsen:

„Dann zähle ich jetzt eben immer bis 45.“

Da ich guter Stimmung war, machte sich meine Angst kaum bemerkbar. Ich meinte nur:

„Na, da verlasse ich mich jetzt aber drauf.“

„Und wenn ich mich mal verzählt habe, fange ich einfach wieder von vorne an!“

„UAAAHHHH!“



Sonntag, 26. Mai 2013

Fußballabend

Die zweitbeste Ehefrau von allen kam von der Trainerschule nach Hause. Eine telefonische Vorwarnung hatte mich dahingehend alarmiert, daß ich beginnen solle, das Abendessen vorzubereiten. Gesagt getan, das erreichte Ziel meiner entsprechenden Arbeit zeigt der vorherige Eintrag. Sicherheitshalber aber auch hier nochmal zur Erinnerung: Currywurst macht man aus feiner Bratwurst. Unter gar keinen Umständen verwendet man eine Brühwurst. Macht man einfach nicht. Überhaupt nicht und niemals. Und eine ordentliche Currysauce besteht nicht aus aufgewärmten Ketchup!

Nach dem Essen hatte ich vor, meine Angetraute, die noch merklich angeschlagen war von ihren Aktivitäten der letzten Tage sowie Rajivs intensiven Bemühungen, ihr die latainischen Namen des menschlichen Muskelsystems nachhaltig näher zu bringen, zeitig ins Bett zu schicken. Ich selbst würde mich grölend, mit einer Vuvuzela, einem Dortmund-Fähnchen, einem dazu passenden Käppie sowie meinem treuen Handtuch ausgerüstet in den Fernsehsessel schmeißen, weil man das beim Fußball gucken eben so macht. Doch meine Angetraute blieb hart und hielt sich tapfer auf dem Sofa. Also war nix mit Vuvuzela, Dortmund-Fähnchen und Käppie. Grölen auch nicht, nur gelegentliches Maulen war gestattet. Nun gut, das sollte mich auch nicht weiter stören. Und mein Handtuch war auch in der Nähe. Meine Angetraute war während dessen damit beschäftigt, aus Wolle irgendwelche Bömmelchen für ein Tribal-Kostüm zu basteln.

Die Auftaktshow zum Spiel begann. Man sah als mittelalterliche Krieger verkleidete Menschen, die sehr symbolträchtig aufeinander einschlugen. Braveheart! Gleich zeigen sie... Ach, doch nicht. Ich fand die ganze Sache irgendwie unpassend. Versteht mich nicht falsch, ich bin ein leidenschaftlicher Wargamer und bin auch was Kriegs- und Metzelfilme betrifft kein Kostverächter, aber im Zusammenhang mit Fußball… nö, das fühlte sich einfach nicht stimmig an.

Das Spiel wurde angepfiffen. Ich bin immer wieder irritiert, wenn ich den Trainerstab am Rand einer solchen Veranstaltung in Schlips und Kragen sehe. Das ist genau so wie mit der heutigen Auftaktveranstaltung: unpassend. Und der Klopp ist kein Anzugmensch. Wozu benötigen Menschen heutzutage überhaupt noch Krawatten? Die ist doch auch nur so ein übriggebliebener Anachronismus aus der frühneuzeitlichen Landsknechtsära. Wenn nicht sogar aus noch früherer Zeit. Die Römer und Chinesen bieten sich ja immer für so etwas an.

Meine Angetraute legte mir nahe, ihr die frisch produzierten Woll-Bömmelchen zu halten, damit sie diese weiter bearbeiten könne. Da sie Rückenschmerzen hatte – die Schulbänkein der Trainerschule bestehen aus umfunktionierten Sportgeräten und sind damit nicht übertrieben rückenfreundlich – musste ich mich von ihr weit über den Tisch ziehen lassen, damit sie die Bömmelchen erreichen konnte. Also die aus Wolle jetzt. Ja, so macht der Fußballabend Spaß.

Unseren gemeinsamen geballten Sachverstand zum Thema des Abends – ähm, dem Fußball, nicht den Bömmelchen – tauschten wir selbstverständlich auch aus.

„Wer ist Lewandowski?“ - „Weiß ich doch nicht.“

 „Spielt Sepp Maier nicht?“ - „Nein, auf der Anzeige steht, daß im Bayern-Tor 1 Neuer steht, aber den Namen haben sie nicht genannt.“

„Warum pfeifen die jetzt alle?“ – „Keine Ahnung, hab nicht hingesehen, ich musste die Bömmelchen beobachten.“

„He, die sprechen immer von Dante. Kenne ich, das ist ein Restaurant unten in Hinterheidenheim.“ – „Nein, das ist ein Italiener, aber der hat Bücher geschrieben. Wieso spielt der denn jetzt Fußball?“

Dann habe ich mal das Fetzbuch angeschmissen. Katja teilt der Welt ihre Eindrücke von der ersten Halbzeit mit. Sie vermisst bei einigen Spielern eine modische Stilberatung. Blaue Unterhosen zu schwarz-gelben Oberteilen würden ja gar nicht gehen, ebenso wie die Farbauswahl bei Haarbändern abgestellt sein sollte auf die Farbe der Schuhe.

Die Bömmelchen waren fertig. Meine Angetraute holte einen Snack aus der Küche. Es war ja schließlich Fußball, da gehört so etwas dazu. Sonst gibt es bei uns üblicherweise nix zu Naschen beim Fernsehen. Was? Emsländer Apfelkuchen. Mit Mandeln, dafür aber mit ohne Sahne. Na gut, ich nahm den Teller an, da fällt das Tor. „Hast du das gesehen?“ – „Nein, ich habe auf den Teller geguckt, als ich ihn angenommen habe.“ Toll! Doch es folgten ja noch ein paar. Tore, nicht Teller. Also nicht so schlimm.

Der Schiedsrichter wurde bestimmt gekauft. Er hat zwei Entscheidungen, die zu Platzverweisen bei der Schlägertruppe den Bayern geführt hätten, nicht gegeben. Ach, der ist der Italiener? Mafia? Cosa Nostra? Camorra? Dantes Inferno oder was jetzt? Egal, vorbei. Die Bayern hatten gewonnen. Um die Sache mit Katjas Worten aus Dortmunder Sicht abzuschließen: Es lag an der falschen Kleidung. Wird wohl so gewesen sein.

Über Fratzbuch verabredete ich mich mit Conny zum spontanen Randalieren.

Liebe Kinder und unreife Jugendliche: Nicht nachmachen! Randalieren und sonstige Gewaltanwendungen sind total böse. Voll unkrass. Der Onkel macht nur Spaß.

Meine Angetaute hat es mir verboten. Außerdem habe ich den Baseballschläger nicht gefunden, und die benzinbetriebene Kettensäge auch nicht. Dafür werde ich demonstrativ heute keine Weißwurst, keine Bolognese und keinen Gouda essen. Den Gouda wegen der Robbe. Obwohl: Wir haben noch Reste von einem Auflauf im Kühlschrank, da ist Gouda drauf. Aber nicht so viel. Soll ja nicht schlecht werden.

He, man darf doch wohl auch mal inkonsequent sein.



Samstag, 25. Mai 2013

Gruß aus der Küche - Currywurst aus dem Ruhrgebiet

Der heutige Samstag ist so ähnlich wie das Ding mit den Überraschungseiern: Es finden drei Dinge auf einmal statt. Zunächst haben wir Wochenende. Das ist jetzt nicht so übertrieben bemerkenswert, denn nach kritischer Analyse des Kalenders und trotz des sich hartnäckig immer wieder einstellenden gegenteiligen Gefühls findet dies alle paar Tage aufs Neue statt. Aber man freut sich trotzdem. Meistens jedenfalls.

Dann haben wir den Handtuchtag. Ich hoffe doch sehr, daß ihr alle eure Handtücher dabei hattet. Meines jedenfalls war immer bei mir.


Mein Handtuchtaghandtuch

Der fröhliche Handtuchtag bescherte mir eine erneute Runde in meinem ewigen, verzweifelten Abwehrkampf gegen das häusliche Chaos. Ich konnte es nicht vollständig vertreiben, aber seine Ausbreitung zumindest temporär eindämmen. An sich hatte ich mir meinen ruhigen Samstag, an dem meine Angetraute wieder die Schulbank drücken musste, auch anders vorgestellt.

Das an diesem Tag von mir getragene Handtuch ist übrigens gelb und hat auch ein paar Spuren von schwarz. Das oben eingefügte Foto bringt diesbezüglich weitere Erleuchtung und führt uns eher unbeabsichtigt aber schlagartig zum dritten Punkt des Tages: Fußball.

Dortmund spielt gegen Bayern. Irgendwo im Ausland, ich kenne mich da ja nicht so aus. Aber in Anbetracht der Besonderheit dieser Begegnung, die auch mir bewusst gemacht wurde, kann selbst ich mich dem Drang nicht entziehen, die Sache im familieneigenen Farbfernseher zu verfolgen. Das wird dann wohl die letzte Episode dieser Art gewesen sein, bis uns mal wieder eine Meisterschaft heimsucht.

Dem Neuleser dieses Blogs sollte sich damit wohl der Verdacht aufdrängen, daß Fußball nicht so mein Ding sei, während die Stammleser und all jene, welche dem vorherigen, unaufdringlich im Text eingepflegten Link gefolgt sind, diesen Verdacht souverän bestätigen können. Doch meine Prioritäten sind gesetzt. Und diese demonstriere ich durch die Wahl des heutigen Abendessens.


Gedeck der Angetrauten: mit Chili-Rostbratwurst

Obwohl ich Weißwürste und süßen Senf an sich ganz gerne esse, und das zum allergrößten Unverständnis meiner Angetrauten mitunter auch hemmungslos unmittelbar nach dem Aufstehen, kommen mir diese Teile heute nicht auf den Tisch. Stattdessen gibt es Pommes, Currywurst, Mayo. Die Currysauce ist dem Anlass angemessen natürlich selbstgemacht.

Die der Currywurst zu Grunde liegende Wurst ist selbstverständlich eine feine Bratwurst. Da bin ich auch in der Fremde Patriot. Außerdem geht es heute um Dortmund. Dortmund = Ruhrgebiet = Zentrum der Currywurstkultur. Die Berliner mit ihrer ewigen unbewiesenen Mär, sie hätten die Currywurst erfunden, kommen da einfach nicht gegen an. Currywurst ist Ruhrgebiet, und Ruhrgebiet ist Heimat, auch wenn ich bekanntermaßen ursprünglich aus der Überlappungszone von Ruhrgebiet und Niederrhein stamme. Also wir fassen zusammen: Man nehme eine feine Bratwurst und keinesfalls, niemals und unter keinen Umständen eine Brühwurst, um eine Currywurst herzustellen.


Variante vom Ehemann der Angetrauten: mit normaler Rostbratuwrst

Die Pommes könnte man selbst machen, aber dazu habe ich gerade keine Lust. Also gibt es die aus dem Eisschrank. Aber natürlich wegen des besseren Geschmacks die guten, dick geschnitten und nicht die spindeldürren, wie man sie von den amerikanischen Frikadellenbratereien her kennt.

Aus folgenden erlesenen Zutaten stellt sich die Sauce zusammen:

2 – 4 Schalotten
100 ml warmes Wasser
200 g Tomatenmark (1 Tube)
500 g passierte Tomaten (1 Tetrapack)
4 EL Sojasauce
2 EL Currypulver
2 TL Cayennepfeffer
4 EL Öl
2 EL Senf
2 Prisen Salz
2 EL Paprikapulver
2 TL Zucker
evtl. Pfeffer
evtl. einen Schuss Apfel- oder Orangensaft

Um es vorweg zu nehmen – da meine Angetraute ebenfalls von der Currysauce essen wollte, habe ich auf den Fruchtsaft verzichtet.

Die Schalotten sind möglichst fein zu schneiden, anzubraten und anschließend mit dem warmen Wasser abzulöschen. Tomatenmark unterrühren und die passierten Tomaten hinzufügen. Die Masse erhitzen und mit den restlichen Zutaten würzen. Vor dem Servieren nochmal abschmecken, warm über die diagonal in Scheiben geschnittenen und zu diesem Zeitpunkt hoffentlich schon gebratenen Würstchen geben. Alles stilecht in einer Pommesschale anrichten und mit ordentlich fritierten Kartoffelstäbchen und fettiger Majonäse Mayonnaise ergänzen. Jetzt können die Bayern kommen.







Nicht vergessen






Noch ohne viele Worte.







Freitag, 24. Mai 2013

Am Rande notiert

Brief der geschätzten Kundschaft, vollkommen ohne besondere Veranlassung unsererseits:

Wie Sie bereits in Ihrem EDV sehen können zahle ich richtig viel Geld im Monat seit dem 13.02.12. Also ist es ein Unding, das ich weiter zahlen muß. Hört das den nie auf?

Hmmm, werde ich beim Finanzamt auch mal so fragen. Allerdings ist der für mich maßgebende Zeitpunkt des Beginns der Zahlung schon grob 30 Jahre her. Mal sehen, was passiert.



Neben der Spur

Es war früher Morgen, die Sonne zeigte sich noch nicht. Der Winter befand sich endgültig*) auf dem Rückzug, allen Ortes hörte man die Zwitschern vögeln die Vöglein zwitschern. Die Stadt erwachte so langsam aus ihrer nächtlichen Ruhe. Der Bus, in dem ich saß um zur Arbeit zu fahren, zog ruhig seine Bahn. Ich saß wieder auf meinem Stammplatz hinter dem Fahrer und beobachtete durch die große Frontscheibe das Geschehen außerhalb des Gefährtes.

Wir waren im Zeitplan, also fuhren wir relativ langsam. Hinter uns befindliche Autofahrer würden bestimmt wieder in ihr Lenkrad beißen, denn nur Weniges ist im Stadtverkehr nervtötender als ein Bus, der bei freier Straße vor einem fährt und dessen Fahrer zuviel Zeit hat. Ich kenne das Gefühl. Immer denkt man sich, daß der Fahrer doch an der nächsten Haltestelle, welche über eine entsprechende Haltebucht verfügt, einfach mal etwas länger warten könnte als nötig, damit die Weiterfahrt dann mit einer verkehrsüblichen Geschwindigkeit erfolgen könne. So aber fungiert der Bus als rollendes Verkehrshindernis.

Aber das sollte nicht mein Problem sein. Wenigstens einmal etwas, was mich nicht betraf und ich auch nicht zu meiner Sache machen würde.

Wir näherten uns einer Ampel, die Tachonadel zeigte etwa 30 km/h an. 50 km/h waren erlaubt. Die Ampel leuchtete grün, der Bus fuhr weiter. Plötzlich betrat eine Frau, vielleicht Mitte Dreißig, gepflegte Kleidung, Handtasche, die Fahrbahn von rechts. Die Fußgängerampel zeigte rot, schon die ganze Zeit. Der Bus wurde langsamer, der Fahrer streifte kurz die Hupe. Die Frau blieb stehen, wandte sich dem sich ihr nähernden Bus zu und fing an, wild zu gestikulieren.

Das schwere Fahrzeug hielt an, es war schon zu dicht an die Frau herangekommen, um noch mit einem lockeren Schlenker an ihr vorbeizufahren. Es wäre wohl auch zu gefährlich gewesen. Die Frau bewegte sich nicht weiter, fing an, irgendetwas herumzubrüllen, was man im Inneren des Busses nicht verstehen konnte. Der Fahrer bedeutete ihr, sie möge weitergehen. Nein, so etwas lag ihr nicht im Sinn. Sie keifte und gestikulierte, regte sich furchtbar auf.

Zwei Autos fuhren an uns vorbei, aber für den Bus war der Weg blockiert. Dachte die Frau, sie hätte grün gehabt und der Bus wollte ihr die Vorfahrt nehmen? Wahrscheinlich, doch ihre Wahrnehmung trügte. Und selbst wenn sie im Recht gewesen wäre – musste sie einen solchen Aufstand machen? Und dann auch noch die Straße blockieren?

Schließlich drehte sie sich abrupt um und ging ihres Weges. Noch ein paar Drohgebärden, dann war es das.

Wie sehr neben der Spur können Menschen eigentlich sein?


*) Habe ich damals wenigstens gedacht.



Mittwoch, 22. Mai 2013

Karla zieht aus

Karla ist in letzter Zeit ganz aufgeregt.  Sie hatte vor geraumer Zeit beschlossen, aus der elterlichen Wohnung auszuziehen und sich was Eigenes zu suchen. Und nun hatte sie eine entsprechende Bleibe gefunden.

Vollkommen aufgeregt erzählt sie Mandy, Trudi und mir ständig von ihrem Unterfangen, von all den Plänen und Anschaffungen. Sie hatte auch genauestens ihren späteren regelmäßigen Finanzbedarf errechnet, was aber zu gewissen Einschränkungen führen würde. In dann doch leicht gedrückter Stimmung meinte sie, daß sie dann nur noch 300 Euro monatlich für ihre Freizeitaktivitäten zur Verfügung habe.

Mandy, Trudi und ich sahen uns an. Schließlich fragte Trudi, wie sie es denn in Zukunft anstellen würde, noch so viel Geld im Monat übrig zu haben. Schließlich sei sie ja nicht diejenige von uns, die das höchste Einkommen habe.

Karla zeigte sich überrascht. „Wie, sind 300 Euro denn viel?“

Wir Älteren waren uns darin einig, daß keiner von uns monatlich 300 Euro habe, die er oder sie noch ausschließlich für Hobby und Freizeit ausgeben könne. Ich erklärte Karla, daß ich mir zur Zeit im Monat für so etwas keine 20 Euro gönnen kann, eher deutlich weniger. Ihr Blick sprach Bände.

Und wir sind alle sehr gespannt, wie es aussieht, wenn Karla in der Realität des eigenständigen Lebens angekommen ist. Ich halte euch auf dem Laufenden.


Dienstag, 21. Mai 2013

Der Frühling, der ein Winter war

Letztens hatte ich nachmittags ein beiderseits ungeplantes längeres dienstliches Gespräch mit Frl. Hasenclever, was dazu führte, daß mein Überstundenkonto wieder am härtest möglichen Anschlag steht. Ihr wisst ja, das ist die Noch-eine-Minute-mehr-und-du-kriegst-Ärger-Grenze. Ich musste ohnehin schon das Ausstempeln vergessen und am nächsten Tag eine kürzere Arbeitszeit eintragen lassen – der tatsächlich absolvierte 12-Stunden-Arbeitstag hätte unsere Verwaltungsleiterin in Bad Husten zum Ausflippen gebracht.

Dies führte jedenfalls dazu, daß ich am folgenden Tag in Anbetracht dessen, was mich in der folgenden Woche an Arbeitspensum erwarten würde, so früh wie möglich verschwinden müsste. Dabei würde ich normalerweise mitten in den Schülerverkehr reingeraten, weswegen ich von der Option nur ganz selten mal Gebrauch mache. Ich habe einfach keine Lust, in einem Bus zu fahren, der bis zur Oberkante voll gestapelt ist mit Kindern und ihren Schultaschen.

Praktischerweise hatte meine Angetraute in der Gegend zu tun. Zwei Stationen mit der U-Bahn, dann eine Minute Fußweg und ich würde vor Ort sein. Dann könnten wir gemeinsam mit unserem Balduin nach Hause fahren und unterwegs noch die Einkäufe erledigen. Ich machte also zeitig Feierabend und traf auch planmäßig viel zu früh vor Ort ein. Da sich in der Gegend verschiedene Schulen befanden spekulierte ich darauf, daß sich auch eine Pommesbude oder ein Dönerladen finden würde, in dem ich die Wartezeit überbrücken könnte.

Ein typischer Fall von Schade aber auch. Schnell wurde mir bewusst, daß ich mich nicht in meiner niederrheinischen Heimat befinde, die sich an dieser Stelle großzügig mit dem Ruhrgebiet überschnitten hat. Dort findet man in derartigen Schülerballungszonen immer mindestens eine Pommesbude. Aber nicht in dieser besseren Gegend. Noch nicht mal eine amerikanische Bulettenbraterei. Rein gar nichts. Unglaublich. Nach längerem Suchen entdeckte ich ein Bistro, aber auf so was hatte ich keine Lust. Das ist nicht meine Welt, da fühle ich mich unwohl, was durchaus wieder zu einem Angstausbruch führen kann. Muß nicht sein.

Also wartete ich fast eine Stunde in der diesjährigen Frühlingskälte auf meine Angetraute. Wie gut, daß unser Balduin über eine ordentliche Heizung verfügt. Meine ebenfalls verfrorene Angetraute dankte es ihm auch.


Nachtrag: Ich glaube, es hat mich doch erwischt. Erste Erkältungssymptome machen sich bemerkbar. Mist!



Montag, 20. Mai 2013

Wenn der Tag schon so beginnt

Freitag habe ich Rajiv getroffen und ihm ein Angebot gemacht, das er nicht ablehnen konnte. Aus beruflicher Erfahrung heraus weiß ich ja, daß Selbständige durchaus für ihre Tätigkeit leben können, doch mit den damit verbundenen Verwaltungsarbeiten auf Kriegsfuß stehen. Kann ich verstehen, denn im Hause Paterfelis steht auch die Steuererklärung an, was wieder eine ausgesprochen nervenaufreibende Angelegenheit wird.

Im LASA haben wir ebenfalls damit zu kämpfen, daß die Selbständigen, mit denen wir von Amts wegen zu tun haben, selbst auf einfachste Anfragen nicht reagieren. Insbesondere wenn sie mit ihren Abgaben im Rückstand sind, könnte vieles für beide Seiten erfolgreicher laufen. Voraussetzung ist, daß man mit im Kontakt bleibt. Viele wissen gar nicht, daß sie uns gegenüber abgabenpflichtig sind und werden dann böse überrascht, wenn wir uns bei ihnen melden, was die Sache auch nicht leichter macht.

So habe ich Rajiv angeboten, im Rahmen der von ihm durchgeführten Trainerausbildung mal als sachkundiger Bürger (ich darf das nicht als offizieller Vertreter des LASA machen) aus persönlicher Verbundenheit und ohne Honorierung einen Vortrag zu der Thematik Selbständigkeit und Abgabenpflicht zum LASA zu halten. Er willigte ein, und so bin ich jetzt dabei, diesen Vortrag vorzubereiten.

Samstags stand ich entsprechend früh auf und begann mit der Arbeit. Da ich in der vorherigen Woche aber mehrfach erst spät ins Bett gekommen war und sich die Ereignisse im LASA so langsam auf eine neue Eskalationsstufe zubewegen, was mich gerade zusätzlich belastet, denn ich sitze dort gerade zwischen zwei Stühlen, fühlte ich mich noch nicht richtig fit und legte mich erneut hin.

Kurz nach meinem zweiten Aufstehversuch ließ sich auch die zweitbeste Ehefrau von allen blicken. Sie verschwand in der Küche, warf ein paar Früchte und sonstiges Zubehör in unseren neuen Mixer und bereitete für uns Smoothies zu. Meiner war etwas fest geraten, aber dennoch verzehrbar. Nach kurzer Zeit fühlte ich ein eher unangenehmes Gefühl in der Magengegend. Da ich immer noch schläfrig war beschloss ich, mich nochmals hinzulegen und auch dieses Magengrimmen auszusitzenliegen. Ich vermutete, daß es einfach zuviel an Masse sei, was der Körper da jetzt zu verarbeiten habe.

Es wurde nicht besser, und irgendwann kam, was zu befürchten war. Ich stand wieder auf und ließ mir in unserem Porzellanpalast den Smoothie nochmals durch den Kopf gehen. Schlagartig ging es mir etwas besser, und auch geschmacklich betrachtet habe ich schon schlimmer Bröckchen gelächelt. Im Rahmen der späteren Nachbetrachtung entschieden die zweitbeste Ehefrau von allen und ich uns nach vorgenommener Analyse dazu, daß die verarbeiteten Heidelbeeren Schuld an der Sache gewesen wären. Schnell noch die Position gewechselt und auf angemessene Art und Weise eine Stange Wasser in die Ecke gestellt entschied ich mich dazu, nun duschen zu gehen.

Kaum stand ich unter dem wohlig warmen Schauer, das Duschgel schon in der Hand haltend, bemerkte ich, daß weitere Biomasse dringend einen Weg suchte, das Licht der Welt zu erblicken. Kann doch nicht wahr sein, ich komme doch gerade von der Schüssel! Und nein, der untere vordere Ausgang sollte es nicht sein. Das hätte ich ja zur Not auch unter der Dusche regeln können. Macht Madonna ja auch. Nein, es drängte sich massivst der hintere Ausgang auf, seiner Bestimmung nachgehen zu wollen. Also blieb mir nichts anderes über, als im Eiltempo eine grobe Trockenlegung meinerseits vorzunehmen und danach an dem dafür vorgesehenen Ort der Natur freien Lauf zu lassen.

Ich denke mit Schrecken daran was los wäre, wenn mir das mal in der Dusche nach dem Sport oder Sauna im Sporttempel passieren würde. Nö, muß echt nicht sein.








Sonntag, 19. Mai 2013

Geschäftliches in Neustadt

Unlängst hatten wir ja Vatertag. Das war mal der Tag, an dem Väter den Umstand feiern, daß sie sich als solche bezeichnen dürfen. Mittlerweile ist es ja so, daß heute alle feiern, die von ihrem Vater gezeugt worden sind, egal ob sie selbst schon Haare am Sack haben*)gevatert haben oder nicht.

Praktischerweise jedenfalls folgt dem Vatertag ein Brückentag. Ich hatte da jetzt eher weniger von, weil ich es mir nicht nehmen ließ, die himmlische Ruhe zu genießen, welche an so einem Tag im Büro vorherrschen sollte. Doch weit gefehlt; die Teppich- und Farbe-Handwerker waren vor Ort und konnten nicht davon abgebracht werden, das frisch verlegte Bodentextil an einigen nicht unerheblichen Stellen wieder zu entfernen, während andere der Herrschaften es nicht lassen konnten, unter Zuhilfenahme von schwerem und damit lautem elektrischem Gerät permanent verschiedenste Flüssigkeiten anzurühren und sich geräuschvoll über den vergangenen Vatertag auszutauschen. Kann mir ja dem Grunde nach egal sein, so lange mein Zimmer nicht davon betroffen ist. Und das ist es nicht. Bis auf die Sache mit dem Lautstärkepegel. Aber ob von rechts der Lärm der Bahnhofseinfahrt und der mehrspurigen Ringstraße, von vorne das nervtötende Geräusch diverser  Telefone und der neuen Drucker oder aber von links der Radau der Handwerker zu mir reinschallt, tut dann auch nichts mehr zur Sache. Hauptsache, man hat sein ruhigen, entspannten Bürojob, nicht wahr?!

Nach der Mittagspause kam Sven mit einem Grinsen bis hinter beide Ohren in unser Zimmer gestürmt. Er hatte draußen einen noch nachvatertäglich schwer angeschlagenen Typen gesehen, der stehenderweise an einen Laternenpfahl gepinkelt hat. Und zwar entgegen der Fahrtrichtung der nebenan befindlichen zweispurigen Hauptausfallstraße. Nachdem er fertig war und bevor er seine 100 + X Gramm noch im Außeneinsatz befindlichen Körperbestandteile wieder in die Hose stecken konnte, torkelte er auf eine Passantin zu, aber es geschah nichts weiter. Sie machte einfach einen großen Bogen. Irgendwann hatte er alle verpackt und schlingerte ging seines Weges.

Als ich später mit dem Zug aus dem Bahnhof fuhr, sah ich unmittelbar neben dem benachbarten Gleispaar einen Typen mit heruntergelassenen Hosen, welcher ebenfalls Geschäftliches verrichtete. Mal abgesehen davon, daß sich neben diesen Gleisen als Abtrennung zur eingangs erwähnten Straße ein breiter, von Buschwerk überzogener Grünstreifen befand, welcher ihm durchaus als Sichtschutz nach beiden Seiten dienen könnte, war sein Tun wegen der Nähe zu den Gleisen auch saugefährlich. Denn bei diesen Gleisen handelt es sich um die Strecke in Richtung der nächstgelegenen Großstadt, welche regelmäßig von ICs und ICEs in hier schon wieder bzw. noch beachtlicher Geschwindigkeit befahren wird. Und dieser schräge Vogel kam mir nicht gerade so besoffen vor wie der Laternenpfahlpinkler von zuvor.

Manche haben echt den Knall nicht gehört.



*) Einlassung gestrichen. Heutzutage sind Haare am Sack ja kein Maßstab mehr für das Erreichen einer gewissen Altersstufe, weil die bei beiden Geschlechtern immer weiter verbreitete Ganzkörperrasur ab Nasenspitze abwärts auch bei Angehörigen des männlichen Geschlechts keine optischen Rückschlüsse auf derartige Entwicklungen mehr zulässt.



Samstag, 18. Mai 2013

Paterfelis spielt - Monopoly

Mädchen sind doff doof, mit denen spiele ich nicht.

Gut, ich räume ein, aus dem Alter, in dem man diese Meinung konsequent vertreten hat, bin ich zwischenzeitlich raus. Das war aber in früheren Jahren anders, ich war ja schließlich auch mal jung. Die zweitbeste Ehefrau von allen bezweifelt dies zwar weiterhin nachhaltig, aber es existieren Fotos, welche meine diesbezügliche Ansicht beweisen. Wie? Photoshop? Nix da, die sind echt.

Da war ein Mädchen namens Sabine, die mit ihren Eltern in der Wohnung unter unserer wohnte und sich im gleichen Alter befand wie ich. Es gab Phasen, da spielten wir zusammen und dann mal wieder nicht. Überwiegend nicht. Wie Jungs und Mädchen eben so sind. Sabine wollte mich später unbedingt heiraten und machte mir zu diesem Zweck eindeutige Angebote. Ja, werte Leser, schon im zarten Grundschulalter ging das damals los. Wir lebten in den wilden Siebzigern. Da ging die Post ab, die Revolution der 68er war noch präsent. Ich weiß, heiraten war bei den 68ern dann doch nicht so sehr gefragt, und auch ich konnte Sabines eindeutigem Angebot klar formulierten Bestechungsversuch  in Aussicht gestellter Zukunftsvision, mir als ihrem Ehemann künftig jeden Tag Spaghetti zu kochen, durchaus widerstehen.

Doch wie das weibliche Geschlecht so ist, hatte auch Sabine noch etwas in der Hinterhand, was mein Interesse an ihr – unter Auslassung des Umstandes einer späteren Verehelichung – dann doch wieder dramatisch steigen ließ. Sie wollte es mir unbedingt mal zeigen, und wir könnten das auch ganz gut zusammen machen, wenn ihre oder meine Eltern aushäusig waren. Im Kinderzimmer oder auch auf dem Teppich im Wohnzimmer vor dem großen Schrank. Ich gab ihrem Drängen nach, und so führte sie mich ein in die wirklich wichtigen Dinge dieser Welt – Monopoly.

Sabine erklärte mir dieses wunderbare Spiel, welches von nun an immer wieder unser regelmäßiger Zeitvertreib werden würde. In Ihrer Familie besaß man noch eine wunderbare alte Ausgabe mit Holzhäusern und einem quadratisch zusammenfaltbaren Spielplan, während ich später die zeitgemäße Version mit Plastikhäuschen und einer größeren Verpackung erwarb. Ich liebte dieses Spiel. Unvergesslich waren die Abende, als ich mit meinen Eltern und Holger zusammen im Sauerland in einem dieser Nurdach-Ferienhäuser im Sauerland Urlaub machte. Jeden Abend haben wir gemeinsam Monopoly gespielt, und zwar die gleiche Party über mehrere Tage. Damit niemand aufgrund einer Pleite aussteigen musste, wurden auch großzügige Kredite untereinander vergeben.

Nicht immer fand sich jemand, der mit mir spielen wollte. Mich störte das nicht so sehr, denn dann habe ich gegen mich selber gespielt. Ich besetzte alle in Frage kommenden Spielerplätze gleichzeitig, und da ich immer schon dazu neigte, meine Geschichten – und nichts anderes war auch die Beschäftigung mit einem Brettspiel – gedanklich auszuschmücken, versah ich jeden Spielerplatz mit einem kleinen Firmenschild. Seinerzeit hatte ich nur farbige Pöppel, und irgendwie musste ich ja die Geldbündel und Besitzrechtskarten den Spielpositionen zuordnen. So gab es durch ein selbst angefertiges Schild, also einem beschrifteten einfachen Zettel, die GELBlich AG, die R.O.T. GmbH, die LILAG und so weiter. Sobald eine Spielposition pleite war und ich alle Besitztümer an eine andere Position übertragen musste, fusionierten diese beiden Firmen. Es entstand in Folge zum Beispiel die GRÜN & Co KG. Am Ende einer solchen Spielrunde notierte ich gerne im Deckel des Spielekartons, wie hoch der Gewinn des jeweiligen Siegers war. Schon früh liebte ich den Umgang mit Zahlen und etwas, was mir später als Statistik bekannt werden würde. Manche Dinge ändern sich nie…

Nach einigen Jahren des Spielens, immer vertrauend auf Sabines ursprüngliche Regelerklärung, die ich auch stets so an meine späteren Mitspieler weitergegeben hatte, machte ich mich daran, die Regeln auch wirklich mal selbst zu lesen. Der eingefleischte Monopoly-Spieler wird ahnen, was nun kommt. Genau, Monopoly spielt sich in einigen Elementen ganz anders als es mir vermittelt wurde. Straßen, die nicht direkt verkauft werden konnten, mussten unter Einbeziehung aller Spieler versteigert werden. Man konnte Häuser selbst dann bauen, wenn man sich nicht auf dem Straßenfeld befand, auf dem man dieses gerne machen würde. Und im Gefängnis konnte man Miete kassieren. Und nein, wenn man auf dem Frei-Parken-Feld stand, gab es kein Geld einzukassieren, weil in der Spielfeldmitte kein Haufen Geld aus zuvor eingenommenen Strafen und Steuern zu liegen hatte. Selbst bei akutem Häusermangel durfte kein Ersatz in Form von Streichhölzern oder irgendwelchen Klötzen gestellt werden.

Wie ich heute weiß, haben sich viele Spielvariationen als Überlieferungen von Spieler zu Spieler weiterverbreitet. Von nun an begann mein heldenhafter Kampf gegen das Unwissen. Ich wollte Monopoly nur noch nach den Originalregeln spielen. Wie alle anderen Spiele übrigens auch, die ich später noch in die Finger bekommen sollte. Allerdings habe ich den nachhaltigen Eindruck gewonnen, daß der bekannte Kampf dieses bekannten Spaniers von Anfang an für ihn aussichtsreicher gewesen sein musste als mein Bekehrungsfeldzug für mich. Doch in meinem gesteckten Ziel bin ich bis heute unerschütterlich geblieben, auch wenn hier zwischenzeitlich die Super-Luxus-Edition mit Metallfiguren in der heimischen Spielesammlung unbenutzt einstaubt.

Regelkonformes Monopoly für alle!



Donnerstag, 16. Mai 2013

Vom Mitdenken und vergleichbar abwegigen Dingen

Es gibt da ja ein paar Dinge, die mich so richtig nerven. Zu diesen Dingen gehört es, bei der Arbeit nicht mitzudenken. Natürlich kann jeder mal einen schlechten Tag haben, da schließe ich mich nicht aus. Und es mag auch Dinge geben, bei denen es einfach nicht Klick macht. Auch da habe ich meine Spezialgebiete. Aber es gibt doch gewisse Grundlagen, die man jedem Depp von der Straße zutrauen kann.

Im LASA ist es natürlich so, daß bei Eingang eines neuen Antrages erst mal die persönlichen Daten des Kunden mit jenen abzugleichen sind, die wir bei uns erfasst haben. Dies wären neben Name, Anschrift, Geburtsdatum und Schuhgröße auch frühere Namen, Geburtsort, Staatsangehörigkeit und Hutgröße. Eventuelle Fehler sind zu berichtigen, anschließend ist mit einer besonderen Verschlüsselung zu bestätigen, daß die erfassten Daten alle geprüft wurden und zutreffend sind.

Nicht selten geschieht es, daß mir ein Vorgang zur Unterschrift vorgelegt wird, in dem dann auch schön brav die Bestätigungsvermerke enthalten sind – und auf den ersten Blick erkennbar ist, daß seit Eingang des Antrages keine Sau wirklich die Angaben geprüft hat. So etwas geht gar nicht! Mal abgesehen davon, daß das ein eindeutiger Hinweis auf Schlamperei ist, kann es auch dazu führen, daß sämtliche angestellten Ermittlungen, die natürlich auch unter den fehlerhaften Daten geführt worden sind, wiederholt werden müssen. Das ist jetzt eher ein Extremfall, aber durchaus im Bereich des Möglichen. Da platzt mir echt die Hutschnur. Aber letztendlich sind das Fehler, die nicht zu einem dauerhaften Schaden führen und die man berichtigen kann.

In unserer LASA-Außenstelle wird immer noch renoviert. Im Rahmen der Arbeiten werden Büros ausgeräumt. Das Inventar muß so lange irgendwo zwischengeparkt werden. Aus Platzgründen geschieht dies auf dem Flur in unserer Etage, direkt gegenüber den Aufzügen. Die Fläche ist an sich ausreichend groß, um den Inhalt mehrerer Büros aufnehmen zu können. Grundsätzlich sollte unser Hausmeister diese Arbeiten überwachen. Es gibt da so ein paar Kleinigkeiten… Man könnte zum Beispiel einen Blick darauf haben, daß die Aktenschränke derart aufgestellt werden, daß sie zugänglich sind. Weniger vorteilhaft hingegen ist es, die Schränke so hinzustellen, daß die offenen Seiten einander zugewandt stehen und die Akten nicht mehr erreicht werden können. Doch irgendwie scheint er damit überfordert zu sein. Während die etwas unglücklich zusammengestellten Aktenschränke nur ein einfaches Ärgernis sind, ist ein weiterer Punkt auf der Schlamperei-Liste schon haarsträubender.

Als ich mit dem Ökoklaus letztens vor dem Möbelparkplatz darüber philosophierte, was man im Gefahrenfall machen würde, hatte man doch eine Reihe von Schränken und Tischen vor den Öffner der ansonsten zugangsgesicherten Fluchttür zum Treppenhaus gestellt und somit ein Öffnen eben dieser Tür von innen, also von unserer Seite aus, höchst erfolgreich ausgeschlossen, kam Trudi aus dem gegenüberliegenden Aufzug und quetschte sich an einem der davor abgestellten Schreibtische vorbei. Nicht nur ich, sondern auch sie hatte das Gefühl, daß man das Inventar jedes Mal geräumiger parkt und Rettungswege zustellt. Kein Wunder, wenn die Schreibtische irgendwo platziert werden und die zugehören Rollschränke davor statt darunter auf ihre Reaktivierung warten.

Trudi meinte „Mensch, hier wird es auch jede Woche enger. Ich komme immer schlechter hier durch.“

So eine Steilvorlage lasse ich mir ja trotz aller Verärgerung nicht entgehen. „Sag mal, hast du schon mal darüber nachgedacht, was du seit letzter Woche so alles gegessen hast? Könnte ja auch daran liegen.“

Wenn Blicke töten könnten…



Dienstag, 14. Mai 2013

Von Bienchen und Blümchen

Es herrschte eine allgemeine, wohltuende Ruhe im Büro. Jeder werkelte mal wieder vor sich hin, kein Telefon störte durch aufdringliches Gehupe den Arbeitseifer, und auch die defekte Türsicherung zum Treppenhaus schlug ausnahmsweise mal keinen falschen oder berechtigten Alarm.

Doch plötzlich lag ein Geräusch in der Luft. Ein Zischen. Oder besser die Umkehrung eines Zischens. Jemand hatte Luft durch zusammengebissene Zähne eingesogen. Trudi! Und dann kam es. Das absolut Unaussprechliche.

„Scheiße!“

„Strich!“

Mandy hat gnadenlos ihre Buchführung vorangetrieben. In unserem Büro ist es nämlich so, daß jeder, der das böse Wort mit „Sch…“ ausspricht, einen Strafpunkt in Form eines Striches erhält. Bei zehn Strichen ist das Maß der Zettel voll und eine Strafe in Gestalt eines zu spendierenden Kuchens oder etwas ähnlichem in der Art fällig.

Ich bin übrigens die Schweiz. Unparteiisch, korrekt und gleich ungerecht zu allen. Da ich meinen Damen glaubwürdig versichern konnte, daß das böse Wort in meiner Heimat durchaus zum gepflegten Umgangston unter Amtspersonen gehört, bin ich aus der Wertung raus. 

Meine Neutralität wird noch dadurch unterstrichen, daß ich an sich kein dankbarer Nutznießer der Bestrafung bin. Wenn es auf dieser Welt irgendetwas an Genussmitteln gibt, auf das ich dankend verzichten kann, dann sind das Kuchen, Torten und sonstige Süßwaren. Gut, ich lasse so etwas auch keineswegs immer an mir vorbeiziehen, aber so ein Süßer bin ich an sich nicht. Außerdem liegen mir Kuchen- und Tortenstücke immer so im Magen. Ich wäre wahrscheinlich der erste Mensch, der mit einer Kuchendiät abnehmen würde. Man reiche mir ein Stück Kuchen, und ich bin für den Rest des Tages satt. Damit bin ich für die Position der Schweiz in unserem Büro natürlich geradezu prädestiniert.

Fleißig nehme ich die Funktion wahr und petze, wenn eine meiner Damen das böse Wort gesagt hat und dies der anderen eventuell durchgegangen sein sollte. Ich verpetze auch andere, die als nicht Insassen unserer Zelle unseres Büros das böse Wort sagen. Frl. Hasenclever ist sicherheitshalber schon dazu übergegangen, nur noch vom Flur aus mit uns zu sprechen, aber keinesfalls mehr unseren Raum zu betreten. Zu groß ist das Risiko, daß sie ansonsten in unserem Raum unaussprechliche Dinge sagen würde. Was sie auf dem Flur sagt, wäre egal. Das sei jenseits der Grenze und ginge uns nichts an. Genauso wie die radioaktive Wolke eines zufällig explodierten Kernkraftwerkes an einer Landesgrenze halt machen würde. Manchmal kann Politik so einfach sein. Aber nicht bei uns. Mir genügt es, wenn ich das Wort IN unserem Büro wahrnehme. Ob es sich außerhalb unseres Zimmers gebildet hat, ist mir dabei total egal.

Mit meiner Petzerei bewältige ich mal wieder ein sehr tiefgehendes Trauma. In der Schule gehörte ich nämlich nie, aber auch wirklich niemals nicht zu den Auserwählten, die die Namen von all denjenigen Mitschülern, welche in der Zeit laut waren, in der unsere Lehrerin mal den Raum verlassen musste, an die Tafel schreiben durften. Da hat jegliche Schleimerei nichts genützt.

Trudi ist mit dem Einlösen ihrer Strafpunkte im Rückstand. Sie hat schon 26 Striche, aber erst einmal Kuchen mitgebracht.

Doch wenden wir uns wieder dem Auslöser zu, welcher sie veranlasst hat, dieses unsagbar böse Wort von sich zu geben. Wie wir uns erinnern, wurde Trudi soeben von Mandy auf ihre Verfehlung aufmerksam gemacht. Trudi versuchte sich mit einem dünnen „Ich bin entschuldigt.“ zu rechtfertigen.

Mandy gab ihr eine Chance: „Warum das denn?“

„Ich habe mich am Papier geschnitten, das tut weh.“

„Das ist keine Entschuldigung!“

Trudi schmollte: „Doch. Und jetzt blutet es sogar.“

„Willst du ein Pflaster?“

„Nein, habe ich selber. Ein schönes Biene-Maja-Pflaster.“

Mandy hielt es nicht aus: „Ich brech‘ zusammen.“

„Wenn du ein schöneres Pflaster hast, würde ich das natürlich auch nehmen.“

„Nö, ich habe keine schöneren Pflaster.“

Völlig selbstlos warf ich mich zwischen die beiden Streithühner: „Boaah, Mandy, jetzt rück dein geliebtes Blümchenpflaster schon raus.“

„PATERFELIS!!!“



Montag, 13. Mai 2013

Die Katzenbande - Lilly (2)

...schließlich nach einiger Zeit Geräusche im Treppenhaus die Ankunft von Lilly signalisierten.

Nach ihrem Eintreffen stellte meine Angetraute die Transportbox auf den Boden unseres Wohnzimmers. Kurze Zeit später öffneten wir die kleine Gittertür. Lilly kam wie selbstverständlich raus, ohne eine Spur von Scheu zu zeigen. Ihre Begrüßung hatte sie sich aber wohl anders vorgestellt. Von unseren beiden Großen wurde sie direkt angefaucht und auf ihren Platz in der Hackordnung verwiesen. Schnell ergriff sie die Flucht in unser Gartenzimmer und war erst mal verschwunden.

Wir ließen Lilly etwas zur Ruhe kommen, bis wir ihr schließlich folgten. Ich setzte mich in den im Gartenzimmer befindlichen großen Wildledersessel und begann, mit freundlicher Stimme auf Lilly einzureden. Sie war vorsichtig, ließ es sich aber durchaus gefallen. Dann begann die Kleine, das Gartenzimmer zu untersuchen, welches von nun an ihre Kinderstube wurde. Hier war sie vor Sally und Daisy sicher, denn die beiden folgten ihr nicht, sondern bevorzugten es, im Wohnzimmer zu bleiben und das neue Problem auszusitzen. Irgendwann kam Lilly näher zu mir, ließ sich auch kurz streicheln. Dann wagte sie es und sprang zu mir auf den Sessel. Wieder erhielt sie ein paar Streicheleinheiten. Schließlich geschah das nahezu Unfassbare. Lilly rollte sich ein meiner Armbeuge zusammen und schlief erst mal eine Runde.
 
Das war ursprünglich mal anders gedacht.

Die nächsten Tage und Wochen wurden zu einer nervlichen Belastungsprobe. Lilly begann, ihr neues Heim zu erkunden. Daisy hatte den Neuankömmling schnell im Griff. Sie hetzte Lilly durch die Wohnung und gab ihr auch eine angemessene Portion Prügel, wenn sie sich zu frech zeigte, ansonsten aber wurde Lilly von unserer Chefkatze eiskalt ignoriert. Lilly ging sogar so weit, immer wieder mal einen Hechtsprung der Länge nach über die vor sich hin trottende Daisy zu veranstalten oder hinter einem Vorsprung auf sie zu lauern, um sie dann von der Seite anzuspringen. Daisy zeigte meist keinerlei Reaktion. Zumindest so lange nicht, bis Lilly es übertrieb oder es Daisy zu bunt wurde. Und dann – siehe oben. Wurde Lilly von Daisy bedroht, versuchte sie sich katzentypisch aufzuplustern und den Schwanz zu einer Klobürste zu formen. Bei dem dünnen Fell, welches sie seinerzeit hatte, wirkte dies aber schon eher herzzerreißend als auch nur im Ansatz eindrucksvoll.

Sally hingegen bekam mit Lilly Schwierigkeiten. Sie mochte den kleinen Wirbelwind überhaupt nicht. Rückte Lilly ihr zu dicht auf den Pelz, wurde sie anhaltend angefaucht. Dabei suchte Lilly doch nur Sallys Nähe, aber es nützte nichts. Sally gab sich mit ihr nicht ab. Ihr Kehlkopf war zu dieser Zeit schon etwas angegriffen, was durch die ganze Überbeanspruchung schließlich zu einer dauernden Schädigung führte. Nie wieder würde Sally ein angenehmes Brummen von sich geben. Seit dieser Zeit ist das Alternativ-Geräusch ein markerschütterndes Krächzen. Auch hatte Sally für lange Zeit nicht mehr die Ruhe, sich von uns Streicheleinheiten geben zu lassen. Wir wussten nicht, wie wir das in den Griff bekommen sollten, denn Lilly ließ keine Ruhe. Es gab durchaus erste Überlegungen meinerseits, Lilly wieder abzugeben. Doch schließlich beruhigte sich die Lage wieder. Lilly und Sally wurden niemals Freunde, aber sie arrangierten sich miteinander.

Die kleine Grazie
 
Auffällig war Lillys Gier nach Nassfutter. Es ist unglaublich, welche Mengen davon sie zu Beginn ihrer Zeit bei uns in sich reinstopfen konnte. Und diese Gier drückte sich nicht nur in dem Volumen des von ihr vertilgten Futters aus, sondern in ihrem ganzen Verhalten. Sie wirkte stets, als hätte sie seit Wochen nichts gefressen. Es gab keine Spur von Zurückhaltung, sie musste einfach an den Napf. Es ist unbeschreiblich. Auch heute noch zeigt sie den starken Drang zum Nassfutter, nur ist die Gier nicht mehr ganz so ausgeprägt.

Lilly entwickelte sich zu einer richtigen Schmusekatze. Wie alle unsere Katzen hat sie ein unverwechselbares Fell, an dem man sie auch in stockfinsterer Nacht erkennen kann. Ich finde das immer wieder sehr interessant, denn außer Daisy waren bislang alle Mitglieder der Katzenbande Europäisch Kurzhaar-Katzen, gemeinhin als gewöhnliche Hauskatze bekannt. Aber jede fühlt sich anders an. Lillys Fell war und ist, auch nachdem es dichter geworden war, besonders weich und erweckt den Eindruck, etwas kühl zu sein. Lilly lässt sich gerne mal streicheln, doch lieber ist es ihr, wenn sie sich mit ihrem ganzen Körper an meine Angetraute oder mich presst, während wir eine Hand auf sie legen und diese dann einfach auf ihr lassen. Es ist bei Lilly auch gerne gesehen, wenn sie eine oder beide Hinterpfoten m Liegen in eine bereitgehaltene Hand drücken kann. Das hält sie tatsächlich stundenlang aus, wenn sich jemand von uns mal erbarmt und das Spiel so lange mitmacht.

Das ist zwar nicht Papas Bett, stört aber auch nicht weiter.
 
Bevor Marty und Smilla zu uns kamen und das abendliche Leckerchen-Ritual begann, hatte sich Lilly angewöhnt, immer wenn ich ins Bett ging darunter zu verschwinden und dort die ganzen dort bestimmt hausenden Nachtmonster zu verjagen, damit ich in Ruhe schlafen konnte. Das fand ich schon sehr aufmerksam von ihr. Anschließend kam sie ins Bett, holte sich nochmal eine Streicheleinheit ab und verschwand dann zu meiner Angetrauten oder in den Topf, sofern dieser gerade nicht von Daisy in Anspruch genommen wurde.

Bis heute hat Lilly das Kindheitstrauma, nämlich den mit Sicherheit nicht so angenehmen Transport mit ihren Geschwistern in einer Plastiktüte, nicht überwunden. Sobald wir mit einer Plastiktüte zugange sind oder ein ähnlich klingendes Geräusch erzeugen, verschwindet sie voller Angst. Immerhin beruhigt sie sich danach schnell wieder, aber es ist schon erschütternd, so etwas zu beobachten.

Mit Daisys Tod verschwand Lillys Hauptbezugskatze aus ihrem Leben. Es gab zwar kein derart offenkundiges Trauerverhalten, wie es seinerzeit Sally nach Lucys Tod gezeigt hatte, aber man spürte deutlich, daß auch sie einen Verlust erlitten hatte. Wir machten uns Gedanken, wie es weitergehen sollte.


(Ende dieses Kapitels)


Sonntag, 12. Mai 2013

Die Katzenbande - Lilly (1)

Es war ein lauer Spätfrühlingstag, als im Büro das Telefon klingelte. Wie immer verspürte ich kein besonderes Bedürfnis dazu, den Hörer abzunehmen und eine verbalkommunikative Tätigkeit zu beginnen. Doch dann erkannte ich in der angezeigten Nummer des ominösen, meine feierliche Ruhe störenden Anrufers die Regierung. Meine Angetraute wünschte mit mir zu kommunizieren. Dem konnte ich mich dann doch nicht verschließen, denn ein solcher Anruf erreicht mich nicht so oft während der Dienstzeit.
                                                      
„Hallo Schatz, wir haben hier einen Notfall. Ich müsste bitte sofort wissen, ob wir noch eine weitere Katze aufnehmen können.“ tönte es mir entgegen, kaum daß ich mich gemeldet hatte.

Nicht schon wieder so ein kleines Etwas...
 
An sich hielt sich meine Begeisterung über einen weiteren Ausbau unserer zu dieser Zeit nur aus Sally und Miss Daisy bestehenden Katzenbande doch in alllerengsten Grenzen. Platz würden wir genügend haben, aber es ist ja auch eine Kostenfrage. Immer noch ausreichend verwirrt versprach ich, darüber nachdenken zu wollen, doch das genügte der zweitbestehen Ehefrau von allen nicht. Sie musste unbedingt, auf jeden Fall und zwar sofort eine positive Antwort haben, es ginge um Leben und Tod. Oder noch Schlimmeres.

Gut, dermaßen beeindruckt signalisierte ich vorsichtig ein mögliches in Erwägung zu ziehendes Einverständnis und rechnete wenig erfreut damit, unmittelbar nach meiner Heimkehr mit einer neuen Katze konfrontiert zu werden. Dem war dann doch nicht so, und bis heute habe ich nicht erfasst, was an der ganzen Angelegenheit denn nun so überaus dringlich war, daß man nicht nach Feierabend darüber in Ruhe hätte reden können.

Unser Leoparden-Tigerchen: gestreift und getupft

Angehörigen der Katzenhilfe war es gelungen, auf einem Bauernhof in der Gegend zu verhindern, daß der Bauer einen Wurf Katzenwelpen ertränkt. Die Kleinen waren bereits in einer Tüte verstaut auf dem Weg zum nächsten Bach, als man eingriff. Auf geheimnisvollen Wegen und unter maßgeblicher Beteiligung einer Frau, die wir an dieser Stelle einfach mal Heidemarie bzw. in Kurzform Heidi nennen wollen, erfuhr meine Angetraute schließlich von den Welpen, die nun ein neues Zuhause suchten. Diese waren jedoch viel zu jung für einen Umzug, so daß noch etwas Zeit verstreichen musste, bis der große Tag endlich kam.

Spielkind

Als es soweit war, holte die zweitbeste Ehefrau von allen unser neues Familienmitglied ab, während ich Sally und Daisy in einem ruhigen Papa-Katze-Gespräch darüber aufklärte, daß wir bald ein Maul mehr zu stopfen haben würden, sie hier einen neuen Spielkameraden bekämen, das alles ganz toll wäre und überhaupt. Die beiden Seniorinnen zeigten sich allerdings ausnehmend unbeeindruckt von meinem ganzen Gerede, bis…


(wird fortgesetzt)



Samstag, 11. Mai 2013

Ganz harte Kerle

Es war eine harte Zeit, und sie erforderte harte Kerle. Eine Dampflokomotive auf den Gleisen der Deutschen Bundesbahn zeugte noch nicht vom Einsatz eines Museumszuges, die Borduhren auf dem Raumschiff Enterprise waren durch und durch mechanisch und im deutschen Fernsehen konnten im Regelfall drei Programme empfangen werden. Von montags bis freitags begann die Sendezeit erst um 17 Uhr, und die wirklich tollen Serien liefen zu Zeiten, in denen die Helden dieser kleinen Geschichte schon längst im Bett lagen. Also nach 20 Uhr.

Die Gruppe bestand aus etwa zwölf Personen, vielleicht etwas mehr oder weniger. Die Hälfte von ihnen, die harten Jungs im Alter von vier bis fünf Jahren, versammelten sich um einen Tisch. Die Mädchen spielten weiter in ihrer Ecke, in der die Puppenstube des Kindergartens sie auf ihre spätere Rolle in Haushalt und Familie vorbereitete. Mit anderen Worten: Die Welt war noch in Ordnung.

Unsere Protagonisten hatten zu dieser Zeit noch einen übersichtlichen Fernsehkonsum. Es gab ein regelmäßiges Kinderprogramm, aber dieses war zeitlich – sagen wir mal – sparsam gestaltet. Die ältesten unter den Jungs konnten sich noch an die Zeit erinnern, als die Sesamstraße ausschließlich im englischen Original, das heißt tatsächlich nicht synchronisiert im dritten Programm lief. Der kleine Paterfelis vermochte die Zahlen von 1 bis 10 vorwärts und wieder zurück zuerst auf Englisch runterzurasseln, bevor ihm das auf Deutsch in der gleichen Geschwindigkeit möglich war.

Fernsehen war zwar Alltag, aber doch was Besonderes. Und wie es so mit den besonderen Dingen ist, prahlen Jungs damit. So auch heute. Einer der Jungs eröffnete den Angeberkreis die wöchentliche Diskussionsrunde mit der Frage „Wer hat alles Sesamstraßegeguckt?“. Einige Arme ragten in die Höhe. „Wer hat alles Robinzak geguckt?“ Einige Arme sanken wieder runter, andere erhoben sich. So ging es weiter, alles was die Kinderstunde zu bieten hatte, wurde runtergebetet. Es gab Calimero, die Rappelkiste, Wicki und die starken Männer sowie für die ganz Glücklichen auch das Raumschiff Orion.

Der kleine Dirk hatte die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Er überlegte und stellte dann die entlarvende Frage, wer denn alles die Mainzelmännchen gesehen habe. Dirks Arm ragte steil in die Höhe, er strahlte wie ein Honigkuchenpferd und streckte sich auch noch, damit alle es sehen konnten.

„Mainzelmännchen? Hau ab, das ist doch was für Babys.“

Mit was für Kleinkindern man sich im Kindergarten doch immer wieder abgegeben muß.










Freitag, 10. Mai 2013

Nächtliche Störung

Du weißt, daß sich die Nachtruhe für dich erledigt hat, wenn du von einem markanten Geräusch geweckt wirst und es dir nicht gelingt, die auf dir liegende Katze rechtzeitig aus dem Bett zu werfen.

Wie gut, daß die zweitbeste Ehefrau von allen und ich getrennte Schlafzimmer haben und ich das Bett somit ungestört und bei voller Beleuchtung neu beziehen konnte.



Donnerstag, 9. Mai 2013

Morgens, vor sieben in Deutschland (2)

Die Fahrt geht weiter, wir erreichen den am Hauptbahnhof befindlichen Busbahnhof. Draußen sehe ich die Leute von der Stadtreinigung. Sie sind jeden Morgen pünktlich zur gleichen Uhrzeit am Ort. Einige Gesichter kenne ich. Besonders auffällig in dieser ansonsten männerdominierten Truppe ist eine Frau, etwa Mitte zwanzig, Emo. Sie hat eine extravagante Frisur, trägt an warmen Sommermorgen nur ihre apfelsinenfarbene, warnstreifenbesetzte Arbeitshose und ein schwarzes, ärmelloses Top. Aktuell war es noch etwas kühl, sie hatte zusätzlich eine Arbeitsweste angezogen. Die bis vor kurzem noch schwarz gefärbten Haare zeigten sich letzte Woche knallrot, der lange Seitenscheitel hingegen war strahlend weiß. Aktuell ist die bevorzugte Haarfarbe violett oder lila, ich kann das nicht so gut auseinanderhalten, da ich eine Farbsehschwäche habe.

Weiter geht es, der Bus verlässt den Busbahnhof. Wir müssen eine unfreiwillige Pause einlegen. Ein Schubgelenkbus will ebenfalls raus, muß in Gegenrichtung weiter. Der zu dieser Uhrzeit ungewöhnlich starke Verkehr erschwert ihm das Einfädeln, er blockiert unsere Spur. Schließlich geht es weiter; an meiner Zielhaltestelle steige ich aus und gehe den Rest des Weges zu Fuß. Die Eingangshalle des LASA ist schon beleuchtet. Die Maus, ein Kollege, der mich durch sein Äußeres immer wieder an dieses Nagetier erinnert, bemerkt mich und drückt von innen den automatischen Türöffner. Mist, dann muß ich wieder Konversation im Aufzug halten. Wir tauschen die üblichen Belanglosigkeiten aus, bis sich unsere Wege trennen.

In unserem Zimmer reiße ich erst mal alle Fenster auf. Die frisch gestrichenen Wände und der neue Teppich haben ihre Ausdünstungen hinterlassen. Jacke weghängen, PC anwerfen. Der braucht seine zehn Minuten, bis man mit ihm was anfangen kann. Also erst mal für Betriebsmittel und Schmierstoffe sorgen. Aus der Teeküche hole ich Wasser und vergesse auch nicht die angefangene Milch im Kühlschrank. Dann mache ich meine Teemaschine startklar. Nein, mit Kaffee muß man mir nicht kommen, zumindest nicht in flüssiger Form. Ich bevorzuge Tee. Und ich verfüge über eine Teemaschine. So etwas sieht man nicht oft, und ich bin ganz zufrieden damit, eine solche zu besitzen.

Dann schnappe ich mir meinen Postausgang vom Vortag und bringe ihn zum Postbüro ins Erdgeschoss. Hier werden die Akten verteilt, welche das Haus verlassen. Ich sehe den Ökoklaus von draußen kommen. Nur weg, bevor er anfängt mich zuzutexten. Ich bin zwar ein Frühaufsteher, aber auf seine Jammerei habe ich an sich generell und ganz speziell zu dieser  Uhrzeit echt keine Lust. Ich verschwinde im Postbüro und warte, bis ich den Aufzug höre. Der Ökoklaus ist weg, also kann ich mich wieder vorwagen. Wir haben zwei Aufzüge in unserem Haus, und es ist immer wieder erstaunlich, wie lange es dauern kann, bis einer davon erscheint, obwohl noch nirgendwo etwas los ist. Eine freie Kabine erscheint. Ich betrete sie und stelle fest, daß Trudi in der Zwischenzeit angekommen sein muß. Ihr übliches Parfum liegt in dem kleinen Raum noch schwer in der Luft.

Schließlich erreiche ich wieder mein Büro. Der PC ist betriebsbereit, aber ich habe noch kein Programm aktiviert. Das morgendliche Ritual geht weiter. Es gibt Akten, die ich gestern erledigt habe und die heute an andere Empfänger auf unserer Etage zu verteilen sind. Also begebe ich mich in das auf unserer Etage befindliche Postzimmer. Hier werde ich die Akten los, welche das Haus noch nicht verlassen. Wieder zurück im Büro nehme ich mir den nächsten Aktenstapel. Diese Akten sind in meinen Schrank zu hängen. Es ist noch längst nicht sieben Uhr, das Telefon klingelt. Ungewöhnlich, unsere von der Geschäftsführung erbetenen Telefonzeiten beginnen um halb acht, die offiziellen erst um neun Uhr. Es könnte sein, daß sich ein Kollege krank melden will. Da Fräulein Hasenclever zur Zeit abwesend ist, bin ich ihr Vertreter. Ich gehe mit gebremster Begeisterung ans Telefon – Dreck, Kundschaft. Um diese Uhrzeit. Unverschämtheit, der Typ kommt auf die Schwarze Liste, soviel ist ja mal klar. Da das MIST noch nicht läuft, wird die Sache etwas komplizierter. Ist ja prima, wenn man bei einer Behörde zu einer aktuellen Sache anruft und noch nicht mal sein Aktenzeichen parat hat geschweige denn das Schreiben, wegen dem man anruft. Das Gespräch wird irgendwann mit viel Nachfragerei zur allgemeinen Zufriedenheit beendet. Ich kann meinen ersten Kübel meine erste Tasse Tee einschütten.

Hallo Tag, ich bin angekommen.


(Ende)



Mittwoch, 8. Mai 2013

Morgens, vor sieben in Deutschland (1)

Es ist drei Uhr irgendwas, meine Nacht ist vorbei. Wie meistens. Ich erkläre dem Radiowecker, daß er jetzt so langsam sein Werk beginnen kann. Sally und Lilly liegen entlang meiner ausgestreckten Beine im Bett. Doch ich werde ihnen zu unruhig, sie verschwinden irgendwo hin, vermutlich in Richtung Wohnzimmer.

Um vier Uhr nochwas stehe ich schließlich auf. Mein erster Gang führt mich in Richtung Mädchenzimmer, um die Tür zu schließen, damit meine Angetraute von meinem morgendlichen Rumoren nicht gestört wird. Gelegentlich kommt es vor, daß Lilly noch in das Zimmer reinrennt, nur um von mir wieder rauskomplimentiert zu werden. Ein leises aber energisch gesprochenes „Lilly, raus!“ genügt im Regelfall vollkommen, um sie dazu zu bewegen, meckernd aber dennoch folgsam das Mädchenzimmer wieder zu verlassen. Das klappt übrigens auch mit allen anderen Räumen unserer Wohnung. Aber noch nicht mit allen Katzen. Wir arbeiten daran.

Heute hat es die Katzenbande aber auf mich abgesehen. Bevor ich auch nur in die Nähe der Tür komme, stürmen Lilly, Marty und sogar Smilla gemeinsam das Mädchenzimmer. Nachts sind zwar alle Katzen grau, und noch habe ich kein Licht angemacht, aber es ist hell genug um die Meute genau erkennen zu können. Gut, in dem Moment habe ich verloren. Die würde ich nicht aus dem Mädchenzimmer rausholen können, ohne die zweitbeste Ehefrau von allen zu wecken. Also ab zum Porzellanpalast. Auf dem Thron sitzend beobachte ich, wie eine Katze nach der anderen das Mädchenzimmer wieder verlässt. Ich behalte die Sache so gut es geht im Auge und schließe nach getaner Verrichtung die Tür.

Nun geht es eine Etage tiefer. Marty kommt mit, wartet vor der Tür des dortigen Badezimmers, denn hier befindet sich unsere Dusche. Ich bin fertig und öffne die Tür von innen. Sofort stürmt der Hauskater rein und erfreut sich der noch nassen Duschwanne. Ich schlurfe nach oben und gehe in die Küche. Mich erwartet das gestern hier hinterlassene Chaos. Ich suche mir zwei saubere Fressnäpfe und versorge die Katzen. Nassfutter gibt es nur morgens, Trockenfutter steht ganztägig zur Verfügung. Sally bekommt ihren „Spezialkakao“. Heute ist sie mäkelig und will noch nichts fressen. Ist in Ordnung.

Ich beseitige das Chaos in der Küche, habe danach aber keine Lust, mir meine Brote für den Tag fertig zu machen. Außerdem möchte ich keine Tasche mit mir herumschleppen. Dann muß es eben ohne Essen gehen, Frühstück nach Feierabend ist für mich auch nicht total ungewöhnlich. Ich ziehe mich an, während der Laptop hochfährt. Dann schaue ich in den Entwurfsordner der fertigen Blogeintragungen und überlege, welchen ich heute freischalte.  Oh, ein neuer Kommentar von Frau chat noir. Prima, ich schalte auch diesen frei. Es wird Zeit, zur Bushaltestelle zu marschieren.

Draußen ist es noch nicht warm genug, um ohne Jacke herumzulaufen. Die Vögel machen ordentlich Radau. Ich warte an der Haltestelle. Der Bus kommt pünktlich, ich steige ein, setzte mich auf den Platz hinter den Fahrer. Es ist warm im Bus, die Heizung ist hoch aufgedreht. Man kann ja alles übertreiben. Da bemerke ich, daß die beiden Klappfenster auf meiner Höhe geöffnet sind. Mist, jetzt hat der Herr Paterfelis wieder ein kleines, absolut überflüssiges Problem. Lasse ich das Fenster auf meiner Seite geöffnet oder nicht? Ich bin ja immer für offene Fenster zu haben, aber in einem fahrenden Bus kann das schon unangenehm ziehen. Schließe ich das Fenster, könnte der Eindruck entstehen, ich sei einer dieser Typen, die schon beim Anblick eines offenen Fensters frieren. Lasse ich es offen, könnte ein anderer Fahrgast kommen, und es selbst schließen, was ich wieder als – da mein Fenster - gegen mich gerichtete Aggression empfinde. Vollkommen irrational. Ich lasse es noch etwas offen, aber dann wird es mir selbst etwas zugig. Fenster zu, Fall erledigt.

An der nächsten Haltestelle steigt eine junge Frau ein, vielleicht Anfang Zwanzig. Für meinen Geschmack ist sie etwas zu stark geschminkt, aber generell geht es noch. Die habe ich hier noch nie gesehen. Ich beobachte wieder die Welt da draußen, als ich bemerke, daß die junge Frau sich meinem Platz nähert. Es ist heute ein Doppelsitz. Was, will die sich in dem noch nahezu leeren Bus neben mich setzen? Bitte nicht! Sie spricht mich an. Ach so, Fahrgastbefragung im Auftrag der NÖP. Sie sagt ihren Text mit lauter, fester Stimme auf. Ich beneide solche Leute, die keine Probleme damit haben, andere anzuquatschen. Willig gebe ich Auskunft. Danke, bitte, gern geschehen. Sie wendet sich an den nächsten Fahrgast, wiederholt ihren Text. Wir sind nur zu viert, die Sache ist schnell erledigt.

An der nächsten Haltestelle steigt ein Bekannter von ihr zu. Er ist Fahrgastzähler und muß keine Fragen stellen. Sie setzen sich nebeneinander hin und unterhalten sich. Ich höre die Stimme der jungen Frau; sie hat ein sehr lautes Organ. „Die hassen mich bestimmt alle, weil ich ihnen mitten in der Nacht schon Fragen stelle.“ Nein, wir hassen dich alle, weil du so laut sprichst. Am Haltepunkt Neustädter Ländchen steigt sie aus, fährt mit dem Gegenbus wieder zurück.


(wird fortgesetzt)



Montag, 6. Mai 2013

Atomgetriebene Killer-Roboter-Mutanten

Dem mit einem etwas besseren Gedächtnis ausgestatteten Leser dieses Blogs wird vielleicht noch  erinnerlich sein, daß ich vor einigen Monaten ein Päckchen erhalten hatte, welches zu öffnen ich etwas zwiespältig entgegensah. Dieses Päckchen wurde mir von Herrn Graumann zugeschickt. Herr Graumann ist eine frühere Inkarnation des heutigen Frl. Hasenclever und zwischenzeitlich pensioniert. Wir haben uns früher – natürlich außerdienstlich – erbitterte Gefechte in den Ruinen einer alten Stadt geliefert. Sein willigster Kumpel, ein schwulbunter Vampir, hatte es immer und immer wieder auf meine armen kleinen possierlichen Nager abgesehen. Später meinte er dann, wiederum meine harmlosen kleinen Nager im Blutkessel aufmischen zu wollen. Selbstverständlich blieben seine diesbezüglichen Bemühungen genauso wie die von ihm eingeleiteten Versuche einer anständigen Bemalung seiner Modelle erfolglos. Doch diese Geschichte wartet darauf, ein anderes Mal erzählt zu werden.

Herr Graumann und ich stehen noch in losem Kontakt, der allerdings von gewissen Einschränkungen begleitet ist. Aufgrund meines Umzuges ist die Entfernung für einen Besuch zwischenzeitlich doch etwas groß geworden, es bleiben also nur Telefon und E-Mail. Während ich bekanntlich durchaus größere Probleme mit dem Telefonieren habe – selbst in diesem Fall, in dem mir der Anrufer aufgrund des obligatorisch vorgeschalteten Anrufbeantworters bekannt ist, bleibt es für mich eine große Herausforderung, die Angst zu überwinden und das Gespräch anzunehmen – ist Herr Graumann kein übertriebener Freund des elektronischen Schriftverkehrs.

Ich habe schon berichtet, daß Frl. Hasenclever in der Vergangenheit bereits – durch mich begleitet – das eine oder andere Spiel gegen Mandy oder Sven im Blutkessel bestritten hat. Da alle Beteiligten noch Anfänger waren, genügte es, sie mit einer einfach zusammengestellten Mannschaft aus der Grundbox des Spieles antreten zu lassen. Hiermit haben Neueinsteiger in diesem Spiel eine sehr schöne Möglichkeit, sich mit allen üblichen Spielmechanismen vertraut zu machen.

Nun wäre ich nicht ich, wenn sich da bei mir nicht der Wunsch entwickeln würde, diese Grundboxmannschaften etwas variantenreicher auszubauen. Ich selber spiele recht selten damit, da ich mir ein anderes Volk, nämlich meine Nagetiere, als Hauptmannschaft auserkoren habe. Und außerdem bestehen diese noch aus Metall und wurden von mir ordentlich bemalt, während die Modelle aus der Grundbox weiterhin ihr tristes Dasein in plastik-grau fristen. Wie dem auch sei war mein Ansinnen, noch ein paar Ork-Miniaturen günstig zu erstehen, was ich Herrn Graumann auch anlässlich eines Telefonates erzählte. Er erwiderte, daß man diesem Problem aus seiner Sicht durchaus Herr werden könne, da er über einen gewissen Modellüberschuss verfüge.

Die Sache hatte zwei Haken. Zunächst seien die Modelle bereits bemalt. Das wäre aber eine lösbare Herausforderung, denn die Farbe sei nicht so dick aufgetragen und man könne da durchaus noch was übermalen und zur Not entfärben. Der zweite Haken war, daß er kein Geld für die Modelle wolle, sondern ein willfähriges Opfer suchte, welches ihm mangels eigener Begeisterung, Fähigkeiten und farblicher Auswahl einige Püppies bemalen würde. Verdammte Hacke. Ich sehe mich zwar durchaus in der Lage, halbwegs anständig Farbe auf die Modelle zu bringen, bin aber kein Meister in dieser Disziplin und darüber hinaus auch nicht begeistert von der Tätigkeit. Dennoch willigte ich ein.

Das Paket des Grauens: Orks und Necrons

Ein paar Tage später lag dann das bereits erwähnte Päckchen auf dem Tisch. Mir graute etwas davor, den Inhalt in Augenschein zu nehmen. Die Vorbemalung der Ork-Modelle lag mir ziemlich im Magen, und auch nach deren Inaugenscheinnahme wurde es nicht besser. Aber die Sache würde tatsächlich lösbar sein. Die für ihn zu bemalenden Modelle waren uralte Necron-Figuren, atomgetriebene Killer-Roboter-Mutanten aus dem Warhammer 40.000-Universum. Die sind heute nur sehr selten zu finden. Ich habe eine ausgesprochene Leidenschaft für die älteren Modelle aus diesem und ähnlichen Spiele-Universen und hätte gerne eine spielbare Armee nur aus solch alten Figuren, so daß mir fast warm ums kalte Herz wurde.

Wir hatten Anfang Oktober, also war es entsprechend kalt vor der Tür. Die Püppies mussten mit Sprühfarbe grundiert werden, was sich bei den herbstlichen Außentemperaturen nicht empfiehlt. Und in der Wohnung bzw. im Keller bestand keine Möglichkeit, die Modelle entsprechend vorzubereiten. Also hatte ich noch Gnadenfrist bis zum Beginn der Warmwettersaison, die sich ja in diesem Frühling erst mit deutlicher Verspätung einstellte. 

Die Necrons nach dem Zusammenbau und fertiggestellter Basierung

Ende April aber konnte ich mich nicht mehr drücken. Außerdem wollte ich ja auch endlich meine Zusage erfüllen. So ging es ans Werk. Ich bin relativ zügig fertig geworden, nachdem ich den Pinsel jetzt bestimmt ein Jahr lang nicht mehr geschwungen habe. Mit dem Ergebnis bin ich – bis auf ein Detail, aber dieses war mir so vorgegeben – ganz zufrieden. Die Basegestaltung war nicht Bestandteil meines Auftrages. Das Ergebnis könnt ihr in der folgenden Bildergalerie bewundern und mir danach gefällige Anteilnahme zukommen lassen.

Ich glaube, ich behalte die Figuren. Nun kann sich der Trupp wieder auf die Heimreise begeben, wobei ich hoffe, von Herrn Graumann testamentarisch so bedacht zu werden, daß ich nach dessen Ableben wieder in ihren Besitz gerate, bevor ich im Rahmen eines Hausbesuches den Versuch der Leichenfledderei begehen muß… (kleiner Insidergag)

Meine Farben lasse ich auf alle Fälle in Reichweite. Vielleicht begebe ich mich doch noch an meine anderen Modelle. Es sind noch ein paar hundert in den verschiedensten Größen, die auf einen Anstrich warten. Außerdem wollte mein Grauen auch noch, daß ich ihr ein Modell als Prinzessin in einem rosa Kleidchen bemale.

Ob ich das mache, weiß ich noch nicht. Mit rosa Kleidchen kenne ich mich nämlich nicht aus.

Nach vorheriger Schwarzgrundierung erstrahlen
die Jungs wieder in silberner Farbe.


Die Grundfarben sind aufgetragen.



Nach etwas Detailarbeit:
der fertige Lord (rechts) und sein Vize (links).



Der Lord und seine Leibwache


Der Vize und seine Leibwache



Man bereitet sich auf die Reise vor.


Das Stasisfeld ist aktiviert.


Die Schutzschirme sind hochgefahren,
die Reise kann beginnen.
Tschüß, Jungs, ich werde euch vermissen.






PS: Dieser Eintrag ist ungeplant sehr graulastig geworden. Aber so ist das Leben manchmal: nicht schwarz, nicht weiß, aber irgendwo dazwischen.Grau eben.