Dienstag, 16. April 2013

Seltsame Leute

Spätestens nach dem Lesen dieses Blogeintrages müsste jeder mitbekommen haben, daß der Frühling da ist. Die Sonne scheint und es ist warm. Erschreckend warm. Vor allen Dingen im Büro, denn auf der Fensterfront meines Zimmers steht ganztägig die Sonne. Begleitet von einer mehrspurigen Hauptstraße und der Zufahrt zum Hauptbahnhof ergibt das bei offenem Fenster eine wahrlich wunderbare Arbeitsatmosphäre, aber ein geschlossenes Fenster bringt auch nicht übertrieben viele Vorteile. Insbesondere, wenn gerade bei laufendem Betrieb das Bürogebäude innen gestrichen und ein neuer Teppich verlegt wird. Doch das soll jetzt nicht das Thema sein.

Vielmehr habe ich den Verdacht, daß zahlreiche Menschen, die ich in den letzten paar Tagen beobachtet habe, irgendwie nicht normal reagieren. Zumindest aber nicht in einer für mich nachvollziehbaren Weise. Liegt es an der Sonne? Und der damit verbundenen Vitamin D-Bildung? Irgendein unbekannter Nebeneffekt?

Begonnen hat alles am Sonntag, einem der ersten warmen Tage. Auf meinem Weg zum Sporttempel, den ich an geeigneter Stelle statt mit den erlaubten 70 km/h durchaus auch mal mit 85 km/h bestreite, wurde ich drei Mal von augenscheinlich nicht zusammengehörenden spätjugendlichen Testosteronbolzen überholt. Die jungen Herrschaften legten ein Tempo an den Tag, daß ich den Eindruck hatte, mitten auf der Straße zu parken. Die Fahrspuren wurden wie wild gewechselt. An einer Stelle, an der beide Spuren durch andere Fahrzeuge in – zulässiger – Parallelfahrt blockiert waren, vollzog man ein Überholmanöver über eine sehr kurz geratene Abbiegespur. Es ist müßig zu erwähnen, daß ich den einen oder anderen dieser Fahrer an der nächsten roten Ampel wieder gesehen habe.

Nachmittags begaben sich die zweitbeste Ehefrau von allen und ich in den Garten, um diesen frühjahrstauglich aufzuarbeiten. Das Unkraut machte sich bemerkbar, auch waren noch einige Rückschnitte zu erledigen. Wir waren den Temperaturen entsprechend mit Freizeithose und T-Shirt bekleidet. Eine Dame ging mit ihrem Hund vorbei – mit Winterjacke, Schal und Mütze. Und wir hatten mindestens 18 Grad, eher mehr, denn meine entsprechende letzte Messung war von vormittags, als die Sonne noch nicht durch die Wolkenschicht gebrochen war. Nun aber war es sonnig und leicht schwül. Unbegreiflich.

Am Montagmorgen ging der Irrsinn weiter. Und zwar bevor die Sonne sich zeigte. Der Bus muß auf dem Weg zum Hauptbahnhof durch eine enge Einbahnstraße fahren. Ich bin immer wieder sehr beeindruckt, wie diese Virtuosen am (Bus-)Steuer die großen Wagen durch die engen Kurven lenken, denn speziell diese Straße ist auch im Kurvenbereich beidseitig stets zugeparkt. Am Ende der Straße, kurz vor einer Kreuzung, befindet sich eine Bäckerei. Der kurz haltende Kunde hätte verschiedene Möglichkeiten, seinen Wagen zwar nicht gerade statthaft, aber dennoch nicht störend, in kurzer Entfernung unterzubringen. Aber was machte der Fraggle um den es jetzt geht? Er parkte seinen Wagen unmittelbar vor der Bäckerei mit einem guten Meter Abstand zum linken Fahrbahnrand. Da gab es kein Vorbeikommen mehr für unseren Bus. Also warten, bis der Herr sich bequemt hat, aus der Bäckerei zu kommen, seelenruhig zu seinem Wagen zu schlendern, die Brötchentüte auf der Rückbank zu deponieren, seine Jacke – immer noch ganz entspannt – in den Kofferraum zu legen, einzusteigen und den Weg endlich freizumachen.

Nach Feierabend war wieder klar erkennbar, wer alles früh raus musste und wer seine Heimstatt tendenziell erst zu späterer Uhrzeit als ich verlassen hat. Zumindest, wenn ich so seltsame Gestalten wie die eingangs bereits erwähnte Dame mit Hund mal außen vorlasse. Die Frühaufsteher hatten nämlich alle Jacken an, die sie jetzt nicht anders unterzubringen wussten, während die Spätaufsteher keine Jacken dabei hatten. Die weiblichen Teenager zeigten, was vermutlich in diesem Jahr Mode wird: ein doch sehr großes Dekolleté. Ich bin wahrlich nicht prüde, aber wenn meine Tochter in dem Alter… nun ja, lassen wir das, ich habe keine Tochter. Dennoch bin ich immer wieder über die Freizügigkeit entsetzt erstaunt, welche die jungen Damen in dem Alter bereits an den Tag legen. Früher hat es das nicht geben.  Ok, letzter Satz ist gestrichen, ich komme mir dabei so alt vor und will nicht mit den Sprüchen kommen, die mir in meiner Jugend  von den älteren Leuten ständig um die Ohren gehauen wurden.

Jedenfalls scheint es einigen der Teenis doch nicht so geheuer gewesen zu sein, derart offenherzig herumzulaufen. Einige hatten ständig zum Sichtschutz eine Hand vor ihre Blöße gehalten. Nicht nur für den Augenblick, sondern wirklich über längere Zeiträume. Das stelle ich mir so über den Tag gesehen ziemlich anstrengend vor, aber bitte.

Der Himmel hatte sich, so wie vom Wetteronkel angekündigt, wieder zugezogen. Das hinderte nicht wenige Leute kaum daran, ihre Sonnebrillen sowohl in der U-Bahn, deren örtlichen Haltepunkt ich auf meinem Weg zum Hauptbahnhof stets passiere, als auch später wieder an der Oberfläche lässig weiter aufgesetzt zu halten. Ist ja warm, und Wärme steht für Sonnebrillentragewetter. Licht hat damit wohl eher weniger zu tun.

Obwohl noch kein Regen fiel, hatte eine Passantin scheinbar bereits rein vorsorglich den Regenschirm in Arbeitsposition gebracht, bis sie in den Bus einstieg. Die Haltestelle ist übrigens großzügig überdacht und bietet darunter einigen Platz, denn hier ist es möglich, daß drei Busse hintereinander halten. Jedenfalls muß ich das jetzt auch nicht mehr verstehen.

Eine Mitfahrerin stand unmittelbar nach der Abfahrt auf, offensichtlich um an der nächsten Haltestelle auszusteigen. Sie vergaß, den Halteknopf zu drücken und konnte den Fahrer im letzten Moment überzeugen, noch kurz hinter der Haltestelle anzuhalten und sie rauszulassen. Gut, kann passieren, man ist ja mal in Gedanken. Doch unmittelbar nach der Vorbeifahrt an der nächsten Haltestelle gab es gleich zwei weitere Passagiere, die ebenfalls verkündeten, den Ausstieg verpeilt zu haben. Der Bus hielt schließlich an einer Einmündungen, während die Ampel für den Querverkehr noch rot zeigte, und ließ die beiden raus.

Liegt es an mir, daß mir das alles heute etwas seltsam vorkommt? Ich hoffe, daß dem nicht so ist.



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